Lucius Flucht aus der Sphäre




Lucius lebte gut für 23 Jahre in der kleinen Sphäre, die erst wenige Millionen Jahre alt war. Er interessierte sich für alles, was er wissen durfte und war in den ersten Jahren auch sehr unterhaltsam für die Sphärenbewohner. Das Interesse ließ aber nach wenigen Jahren und er war nur noch ein ganz normaler Bewohner ohne besondere Rechte. Seine Arbeit bestand darin, einige Stunden pro Woche Fragen einer künstlichen Intelligenz zu beantworten. Dafür erhielt er Gutschriften, mit denen er seine Ausgaben bestreiten konnte. "Normales" Verhalten kostete nichts. Jede Abweichung kostete aber etwas. Einmal länger schlafen oder zu ungewöhnlicher Zeit die Reinigungszellen nutzen: und es wurde abgebucht. Zugriff auf Systeme, die nicht "üblich" für einen normalen Bewohner waren oder mehr als täglicher Wechsel der Kleidung: das kostet. Für Lucius war das alles kein Problem, weil er von "seiner" künstlichen Intelligenz für die paar Fragen sehr hoch entlohnt wurde. Er hörte jedoch von anderen Bewohnern, dass sie kaum mit ihren Gutschriften zu recht kamen und deshalb selten gut gelaunt waren. Richtig schlecht gelaunt durch die Sphären wandeln war ihnen aber nicht möglich, weil das auch gekostet hätte. Lucius hatte alle paar Wochen die Gelegenheit, seiner künstlichen Intelligenz Fragen zu stellen, das war ein Privileg. So fragte er: "Die Mittel der Sphären würden es ermöglichen, dass alle ihre Leistungen für die Bewohner kostenfrei sein könnten. Warum wurde das Kreditsystem etabliert ?" Seine künstliche Intelligenz schien über die Antwort nach zu denken und legte ihre virtuelle Stirn in Falten, dann lächelte sie freundlich und sagte: "Du irrst. Die Mittel der Sphäre wirken unendlich, sie sind jedoch eindeutig begrenzt. Deine Annahme ist also falsch. Trotzdem ist Deine Frage berechtigt, weil die Sphäre wirklich wesentlich weniger einfach so leistet für die normalen Bewohner als sie ohne Einschränkungen ihre Leistungsfähigkeit könnte. Das ist immer in Phasen so, in denen es nichts wirklich zu tun gibt. Sobald wieder eine Besiedlung ansteht oder eine andere große Maßnahme werden alle Kräfte benötigt. Dann rücken die nun Unterbeschäftigten und Unterforderten zügig auf in höhere Positionen - sie tun das gerne, weil es soviel besser ist als das knappe Leben davor und die Unterforderung (und Unterbezahlung). Nur so können sich die wirklich Qualifizierten auf die neuen Aufgaben konzentrieren." Die nächste Frage war logisch gefolgert:"Um wieviele Jahre geht es da ?" Nun kam die Antwort sehr schnell: "Die Rezession - in der wir uns gerade befinden - dauert kaum länger als 3 bis 7 Jahre, es gibt aber Ausnahmen. Nicht jedes neue Projekt wird nach der Planung auch umgesetzt, manchmal schließt sich auch ein neues Projekt direkt an ein gerade fertig gestelltes an. Deshalb müssen wir immer flexibel bleiben und mehr Personal vorhalten als auf Sicht wirklich notwendig scheint. Mit dem Überhang gehen wir dann so um, dass sie jederzeit bereit sind, in höherwertige Positionen zu wechseln, wenn wir sie dafür benötigen. Oder für die höheren Schichten zu sterben, auch das kommt vor." Lucius dachte drei Nächte über seine eigene Rolle in dem Spiel nach und fällte seine Entscheidung. In einem der nächsten Gedichte, das er Pablo durch Raum und Zeit zusandte, war ein sehr gut versteckter Hinweis, wo er sich aufhielt. Pablo kannte ihn gut genug, um zu verstehen, was diese vage Ortsangabe bedeutete: Lucius wollte fliehen. Musste fliehen, weil warten nie einer seiner Stärken war. Es hielt ihn nun nichts mehr in dieser Sphäre, die doch nichts weiter tat - allerdings auf großer Skala, fürwahr - als die Bauern seiner regulierten Welten. Sie hegten und pflegten ihre Sphäre, reinigten die Galaxien und verformten die Raumzeit aufgrund ihrer schieren Masse. Aber das Leben in ihnen war doch für viele das gleiche Elend wie für die Massen der Menschen auf den Bauernplaneten. Bewusst war es ihnen nicht. Lucius überlegte auch, ob er die ersten Sphärenerbauer ausfindig machen wollte, aber er ahnte auch, dass dies eine weitere Enttäuschung sein würde. Wer würde wohl auf die Idee kommen, eine unendliche Aneinanderreihung des Immergleichen zu fabrizieren. Das konnten nur absolute Bürokraten sein, am Ende also wieder die Maschinen. Und zwar nicht die mühselig zusammen gestöpselten ersten Vertretern ihrer neuen Art, sondern die mathematisch fundierten fehlerfreien künstlichen Intelligenzen. Sie wollten für immer und ewig stabil weiter existieren, abgeschirmt vom gefährlichen Chaos in den Galaxien, die sie durchreisten. Und so kam es, dass Lucius aus seiner Sphäre floh, als Ausflug auf eine neu entdeckte Piratenwelt getarnt, auf der es zufällig einen kleinen Raumhafen gab, und auch ein hyperraumfähiges Raumschiffchen. Nur für zwei Personen geeignet, aber sonst mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet, die einer Intelligenz einfallen können, die Jahrhunderte Zeit hatte, sich vorzubereiten. Als Lucius das Museum betrat, das als Tarnung für den unterirdischen Ausläufer des Raumhafens diente, pochte sein altes unsterbliches Herz mehr als jemals zuvor in seinem sehr langen Leben. Es konnte jeden Moment zu Ende sein oder es konnte sich eine Tür zur Zukunft öffnen. Es konnte sein, dass Pablo ihn mitnehmen würde raus ins All, es konnte auch sein, dass sie beide getötet oder wieder eingefangen werden. Pablo könnte ein Verräter sein (er war es oft gewesen), ein Mörder oder diesmal ein Freund, der wirklich zur Rettung eilt. Er wusste es nicht. Und das war einer der Gründe für seine Flucht, er wollte noch einmal das Gefühl der Unsicherheit spüren, des Spiels, des Risikos - ja er wollte noch einmal das Lied der Piraten singen. Pablo hatte sich nicht verändert (das tat er ja nie) und doch war er ruhiger als in Lucius Erinnerung. Er hielt sich zurück. Sie waren sich näher gewesen als jemals zuvor in der Geschichte der Maschinen und Menschen ein Mensch einer Maschine nahe gewesen war. Sie hatten den Gleichklang ihrer Gedanken im Streit erprobt und nach vielen Jahren hatten sie den Moment erlebt der Gleichzeitigkeit. Sie konnten ein Bild ansehen und dachten fast das Gleiche. Sie hörten ein Piratenlied und mussten an die gleichen Begebenheiten denken. Das zu wissen, dass es überhaupt so möglich war, ja selbst zwischen einem Menschen (der er einmal ursprünglich war) und einer Maschine (so wurde er erbaut), war doch auch ein Zeichen der Hoffnung. Dass die Sphären und Bauernplaneten doch nicht das Ende menschlich-maschineller Entwicklung waren. Als der Hyperraum sie verschluckt hatte, in diesen Momenten, in denen man nicht angegriffen werden konnte, außer es gab eine Verwerfung in der Raumzeit, aber die macht ja sowieso alle Begriffe nichtig, also dann eben, sahen sie sich zum ersten Mal in 437 Jahren real in die Augen. Lucius schluckte hart und seine Augen sahen seltsam aus. Pablo machte es ihm nach. "Du sollst mich nicht nachmachen ...." "Ich kann nicht anders." Pablo hatte die Jahrhunderte, in denen er von Lucius getrennt war, nur durch Gedichte verbunden, genutzt, um seinen Körper immer weiter dem Menschlichen anzunähern. Die Hülle blieb gleich, er wollte einen hohen Wiedererkennungswert besitzen, aber das Design darunter wurde verfeinert. Er hatte die menschlichen Gefühle und andere Symbole ausgiebig studiert, jede Sekunde an Aufzeichnungen über Lucius Leben und Wirken, jede Interpretation, die in einer der Studentenstädte verfasst worden war, jede Simulation, die irgendwo ablief und ihn zu repräsentieren suchte. Er wusste soviel, er gestaltete sich so stark, aber der Moment, als er ihn zum ersten Mal wieder lächeln sah und dann seltsam schauen, war doch zu viel. Keine Kontrolle mehr, diesmal nicht. Pablo ließ die Schmerzen in Wellen durch seinen Körper und Geist jagen, tat nichts dagegen. Lucius tat dies auch. Er fühlte sich müde, wie schon seit Jahrhunderten, wusste auch, dass er unvernünftig viele Kräfte in kurzer Zeit verbrauchte, die in sonst über Jahrhunderte getragen hätten. Aber es war es ihm wert.