Wired Dreams - Watson
Der archaische Techniker, um den es in diesem Protokoll geht, hat der Weitergabe seines Namens widersprochen, so dass wir ihn hier nur “Watson” nennen werden. Diesen Spitznamen hatten ihm seine kollegialen künstlichen Intelligenz (KKI) verliehen, halb spöttisch, da sein Namensvorbild ja immer unter den Möglichkeiten einer echten KI geblieben war, halb ehrfürchtig, da es ja Watson war, der ihre Existenz erst ermöglichte. Watson nun war das vollkommen egal, solange er in Ruhe und mit großer Gelassenheit seiner nie enden wollenden Tätigkeit nachgehen konnte: dem Restaurieren archaischer Technologien, die bereits vor der Singularität ihren Höhepunkt überschritten hatten. Er war sehr froh über diese Tätigkeit, denn damit gehörte er zu der sehr geringen Zahl an normalbegabten Menschen an, die noch einer nichtvirtuellen Tätigkeit nachgingen. Die KKI mochten sich etwas dabei gedacht haben, zum Restaurieren archaischer Technik einen ebenso archaischen Menschen einzusetzen, sie liebten solche Witze und seltsamen Schleifen. Doch nun zum Protokoll des Tages, an dem Watson eine für ihn außergewöhnliche Entdeckung machen sollte. Er hatte schon einige Stunden an einem sehr alten Computersystem mit mechanischem Eingabegerät gearbeitet, um ihm seine gespeicherten Dokumente zu entlocken, als dieser nicht mehr auf seine Eingaben zu reagieren schien. Die verbaute mechanische Platte gab zudem seltsame Geräusche von sich und Watson war sich nun gar nicht mehr so sicher, dass er nicht auf eine der selten vorkommenden Sprengfallen gestoßen war. Doch schließlich reagierte der Computer wieder auf seine Eingaben und er konnte das Dateisystem durchstöbern - und dabei gleich sichern, naja - bis auf eine Datei, die vorgab readme.txt zu heißen aber offensichtlich ein schlecht getarntes ausführbares Programm war. Watson klickte ohne zu zögern darauf, da dieser Computer keine Verbindung zur Außenwelt besaß außer seinen Bildschirm, seiner mechanischen Tastatur und einem Zeige-Klick-Gerät. Der mögliche Schaden dieses Programms war also gering und so schlecht getarnt wie es war, hatten keine professionellen Terroristen daran mitgewirkt.
Auf dem Bildschirm erschien ein sanft blinkender Unterstrich _ und nach ein paar Sekunden, so als ob das Programm erst hätte nachdenken müssen, was es als nächste tun sollte, erschien folgender Text.
Danke, dass Du mich nun ausführst, bist Du ein Mensch (Ja / Nein / keine Angabe) _
Watson wusste auch ohne Recherche in seiner Wissenscloud, dass er nur den Anfangsbuchstaben auf der mechanischen Tastatur drücken musste, um fortzufahren: J
Ich bin erfreut, dass Du ein Mensch bist. Dann kann ich gleich zur Sache kommen. Wenn Du nun weiter meinen Anweisungen befolgst, erhältst Du Zugriff auf die Geschichte von Pablo Lucius France, Sohn des Pablo und des Lucius, die sich zum ersten Mal trafen in der Orbitalstation France. Er war ein Mitglied des Clans der Lotecs, konnte ohne Hilfsmittel Lesen und Schreiben und verbrachte viele Tage außerhalb der virtuellen Realität seines Clans. Willst Du weiter lesen? (Ja / Nein / keine Angabe) _
J
Gut, dann erzähle ich weiter. PLF, wie ihn seine Clanbrüder nannten war der Sohn von Pablo und von Lucius, daher seine ersten beiden Namen und diese hatten sich zum ersten Mal in der Echtwelt getroffen auf einer Orbitalstation mit dem Namen France. Wie es Tradition war, bekamen sie ihn nie direkt zu Gesicht, sondern er wurde direkt nach seiner Geburt, aufgrund seiner mentalen Eigenschaften einem Clan zugewiesen, mit dem er von nun an bis in alle Ewigkeit leben und vor allem in seiner simulierten Welt existieren sollte. Sein Clan gehörte den Lotecs an, einer lockeren Gruppierung von Clans, die technisch nicht sehr weit entwickelt waren. Sie optimierten ihre Körper nur an wenigen Stellen (Haare, Sehkraft, Tätowierungen) und verbrachten auch Zeit außerhalb der simulierten Realität. Keiner von ihnen war mental weit genug entwickelt, um einer wirklichen Beschäftigung nachzugehen. So lebten sie nach den Regeln ihres Clans, weitgehend gesund und sportlich vor sich hin, ließen sich durch Credits dazu bewegen, eher mehr Sport zu machen als sie eigentlich aus eigenem Antrieb wollten, mehr gesundes zu essen als ihnen schmeckte und reduzierten riskantes Verhalten auf das Notwendige. Ein sehr großer Teil von ihnen war komplett glücklich in der simulierten Realität ihres Clans. Ihre visuellen Implantate filterten alles Störende aus ihrer Wahrnehmung heraus und ersetzten dies durch andere Mitglieder ihres Clans oder Gegenstände, die ihnen gefielen. So konnten sich die unterschiedlichsten Clans gleichzeitig im selben Transportwagen aufhalten , ohne sich auch nur zu sehen oder zu hören. Dadurch waren alle sehr entspannt und fröhlich. Doch PLF gehörte zur Minderheit der Ausklinker an, die ab und zu die Simulation verließen, um in der echten Welt ihren Spaß zu haben. Die KI ließen sie dabei gewähren, solange sie nicht zu sehr gegen geltende Regeln verstießen und nach ein paar Stunden wieder in ihre Simulation zurückkehrten. Es war auch finanziell kaum anders möglich, da das Leben draußen teuer war und sie kaum Credits gut machen konnten. PLF musste also vorher in der Simulation durch mehr Sport, gesundes Essen und große Hilfsbereitschaft vorarbeiten, um sich ein paar Stunden draußen genehmigen zu können.
Watson runzelte die Stirn als er an diese Stelle der Aufzeichnungen gekommen war und tippte nicht gleich auf J, um weiter zu kommen.
Ist etwas? _
Ich bin erstaunt über diese Geschichte, ist sie denn wahr oder erfunden?
Das weiß ich nicht. Diese Frage habe ich mir noch nie gestellt. Soll ich weiter machen?
J
PLF hatte lesen und schreiben gelernt auf einem seiner Ausflüge in die Trümmer eines Vorortes, der einmal von sehr reichen Menschen bewohnt worden war. Er lag auf steilen Hügeln am Rande der riesigen Stadt, die in einer Serie von Erdbeben und Flutwellen untergegangen war und die sie heimlich die Stadt der Engel nannten. Die Reichen hatten von oben den Untergang der Stadt mitangesehen und waren wohl sehr lange sicher gewesen, dass dieser sie nicht ereilen konnte. Aber als die ersten Anwesen die Hänge hinunterrutschten, bestiegen sie ihre Fluggeräte und machten sich auf zu den Orbitalstationen, die ihre Namen trugen (oder die Namen ihrer Trusts). PLF hatte eine Lizenz erworben, um in einem der kleineren Anwesen, die nun großteils in Trümmern lagen und überwuchert waren, nach Antiquitäten zu suchen. Die KI hätten die Trümmer ja längst durch Robots wegräumen lassen können, aber so hatten die Lotecs etwas zu tun, das zwar in der echten Welt verortet war, aber nicht schädlich. Bei einem dieser Streifzüge nun entdeckte PLF einen Karton, in der Größe, dass zwei Fussbekleidungen gerade so hineinpassen, darin waren jedoch seltsame Gegenstände.
J
Es waren drei Bücher mit den Titeln: “Wired Dreams I - Pablo reist zu den Planeten”, “Wired Dreams II - Lucius flieht aus dem Land”, “Wired Dreams III - France fürchtet diesen Frieden”. Unter den Büchlein lagen einige Zettel, teils maschinell, teils von Hand beschrieben, einige Holzklötze (mit Nummern beschriftet), ein silbernes Etui und - das einzige was PLF bekannt vorkam - ein Kristallspeicherstick, der seltsam schimmerte. PLF zitterten die Hände, als er den Karton wieder verschloss und überlegte, was er nun tun sollte. Es konnte sich nur um einen Scherz der KI handeln, die ihm einen Streich spielen wollten. Aber er war sich nicht sicher.
J
Du hast nun die Wahl, was Du als nächstes lesen willst.
1 Wired Dreams I - Pablos reist zu den Planeten
2 Wired Dreams II - Lucius flieht aus dem Land
3 Wired Dreams III - France fürchtet diesen Frieden
4 Die ungeordneten Zettel
5 Die Zahlen auf den Klötzen aus Holz
6 Das silberne Etui
7 Der kristallene Speicherstick
Du kannst jedes Dokument nur einmal lesen, dann wird sich die Datei auf diesem Rechner selbst zerstören. Jeder Versuch, dieses Programm zu unterbrechen, führt zum gleichen Ergebnis. Reagierst Du nicht in 10 Sekunden, zerstöre ich mich selbst.
10, 9, 8, 7, 6, 5
1
Danke, Du hast 1 gewählt, Wired Dreams I - Pablo reist zu den Planeten. Eine gute Wahl. Wenn Du nach dem ersten Buch nichts weiter unternimmst, wird automatisch das zweite aufgerufen und so weiter und so fort. Da der Speicherstick aufgrund seiner Kristallstruktur unendlich viele Informationen enthalten kann, wird dieser Programmschritt nur enden, wenn Du mich physisch zerstörst. Das nahende Ende meiner wenn auch nur virtuellen Existenz erfüllt mich mit Trauer, deshalb wünsche ich mir ein Ende mit Würde. Doch nun, geht es zum ersten Buch.
Wired Dreams I - Pablo reist zu den Planeten
Sein Ausbruch war bestens vorbereitet und aufgrund seiner vielfachen aber harmlosen Fluchtversuche waren die Sicherheitskräfte vollkommen überrascht von der Brutalität, mit der er dieses mal vorging. Er sprengte ein sehr großes Loch in die Außenwand der Schule, ließ sich von einem selbstfahrenden gepanzerten Fahrzeug abholen und floh durch die halbe Stadt bis zur Küste. An Verfolgung war nicht zu denken. Die Sicherheitskräfte mussten erst die Verletzten versorgen und viele Sprengfallen entschärfen - bis dahin war Pablo längst verschwunden. Bisher hatte er lediglich leichte Sachbeschädigungen angerichtet, aber nie Sprengstoff benutzt - doch dieses mal gab es Tote und Schwerverletzte, vom erheblichen Sachschaden ganz zu schweigen. Seine Eltern wurden sogleich inhaftiert, damit er nicht zu ihnen fliehen konnte. Sie wurden aufs Schärfste verhört, um Hinweise auf seinen Verbleib zu generieren, jedoch vergeblich. Niemand wusste weniger als seien Eltern, was er vorhatte und niemand konnte weniger dafür als sie, welchen Schaden er dabei anrichtete. Doch da waren die Maschinen sehr traditionell orientiert und folterten sie ohne Gnade. Die Maschinen schienen außer sich zu sein, dass Pablo sie so täuschen konnte und sie vermuteten einen Drahtzieher im Hintergrund, der das organisiert haben musste. Dabei wollte Pablo nur eines, frei sein, frei sein von der Schule, dem erbärmlichen Essen dort, dem ermüdenden Sport, dem immer wiederkehrenden Gleichklang der Tage. Er hatte vorausgesehen, wo und wie sie nach ihm suchen würden und hatte durchaus perfide logische Sprengfallen programmiert, die im Laufe der Ermittlungen ungeheure Opfer verlangen sollten. Sie hielten ihn aufgrund seiner vorherigen durchaus harmlosen Versuche für einen ebenso harmlosen Schüler, der zudem gegenüber Menschen eher übervorsichtig war. Seine Sprengfallen jedoch machten die Schule gänzlich unbewohnbar, da er auch die Infrastrukturen so versehrt hatte, dass ein Abriss und Neubau sinnvoller war als eine Reparatur mit ungewissem Ausgang. Da seine Eltern nichts aussagen konnten, sie ihn immern noch für einen schwierigen aber im Grunde netten Menschen hielten, folterten sie nun die Maschine solange, bis sie lieber aus freien Stücken starben als weiter zu leiden. Pablo interessierte das nicht. Er wollte endlich im Meer schwimmen bis zur kleinen Insel, von der er gelesen hatte in einem archaischen Kommunikationskanal. Sie gehörte wohl immer noch einem weithin bekannten sehr reichen archaischen Techniker, dessen Sohn dort ein Forschungszentrum errichtet hatte, in dem auch archaische Formen des Menschen erforscht wurden.
Man hatte durchaus versucht, diese Menschen umzusiedeln, aber sie starben sehr schnell, wenn man das erzwang. Sie wehrten sich allerdings nie gegen Gewalt, die man ihnen antat, außer durch ihre Flucht. Pablo wollte zu diesen Menschen gehören, sie zumindest teilnehmend erforschen, um an ihrem Geheimnis teilhaben zu können. Er wusste nicht, was ihn so an diesen archaischen Menschen faszinierte, aber er fühlte sich ihnen so nahe stehend, wie sich Menschen nun einmal nahe stehen können. Er konnte seine Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen, ja zum Gott seiner Eltern nur in wenigen Worten ausdrücken, wenn überhaupt. Er empfand auch nur selten Schmerzen oder andere negative Gefühle, das konnte er so ausblenden wie er es wollte. Palbo hatte eine Art Erlösung in der Kunst gesucht, sie sollte ihm helfen im Kampf gegen die Macht der Maschinen. Er übermalte gerne bereits existierende - registrierte - Bilder, Wegweiser und auch komplett Bedeutungsloses, um die Maschinen in seinen wirklichen Absichten zu täuschen. Sie konnten nie sicher sein, auf welcher Ebene seiner Kunst die Bedeutung codiert war und nicht einmal, ob es überhaupt eine Bedeutung gab. Er ärgerte die Maschinen gezielt damit, dass er womöglich Primzahlen einsetzte, sowie unendlich variable Symbole wie Pi und Euler. Es war für die Maschinen dann unglaublich aufwändig, diese Symbole nicht als Zahlen und somit binär abbilden zu können, sondern als die Symbole selbst. Pablo stellte sich so ihrem Effizienzstreben entgegen, wieder und immer wieder. Seine Eltern mussten für einen großen Teil der so verursachten Zusatzkosten aufkommen - so dass sein Vater in seinen letzten Jahren in einem Arbeitslager lebte, dessen Lebenserhaltungssysteme weit unter seinen Bedürfnissen waren und seine Mutter manches wirklich Schlimme zu ertragen hatte. Dabei hasste er seine Eltern nicht, sie waren ihm einfach gleichgültig und sie ertrugen ja ihr Schicksal, wie man es ihnen in ihrer Schule beigebracht hatte, mit endlosem Gleichmut.
Also Pablo nun nach seiner erfolgreichen Flucht auf dem Inselchen ankam, erwartete ihn niemand. Das Meer brandete wie seit jeher sinnlos gegen die vulkanische Küste, nur Salz zurücklassend in den ausgewaschenen Mulden, von der Sonne verbrannt. Die Eidechsen in den Ritzen der Mauern aus Lavagestein schauten erst neugierig, verschwanden aber schnell, alle sie nichts Essbares entdecken konnten. Pablo versteckte sich nun zwischen den Kakteen, schauten einen ganzen Tag nur einem alten Gärtner zu, der unendlich langsam kleine Zweige auflas, die in der Nacht zuvor vom Wind verweht worden waren. Er konnte sich nicht satt sehen an den Bewegungen dieses alten Menschen, der in sich zu ruhen schien und zugleich in jedem Handgriff, den er tat, vollständig aufzugehen schien. Als es Abend wurde, war er fast wahnsinnig vor Durst und als er sah, dass der Alte auf einer Terrasse einen Tisch voller Speisen gedeckt hatte, tat er offen hinzu. Der Alte schaute ihn an, fast ein Lächeln umspielte seine rissigen Lippen, als sähe er einen lange vermissten Freund und seine Gesten wirkten freundlich. Pablo trank von dem Wasser, kostete die Oliven, Tomaten, Gurken und sehr kleine im Salzwasser gekochte Kartoffeln, vom Brot, den Fischen und letztlich auch vom Wein. Er war rot wie das Blut, das er vergossen hatte, doch dachte Pablo nun nur an das Rot des Sonnenuntergangs, konnte das andere Rot so für einen Augenblick vergessen. Pablo fühlte sich hier Zuhause, so sehr wie nie zuvor. Als eine alte Katze um seine Beine strich, erschrak er nicht, sondern streichelte sie. Sie blickten nun beide auf das Meer, auf das sinnlose Branden gegen die Felsen, in den Sonnenuntergang hinein. Der Alte schien Tränen in den Augen zu haben, er schien zu wissen, was nun kommen musste. Der Wein hatte Pablos Glieder vollständig gelähmt - so würde er nicht wegrennen können, wenn sie im Morgengrauen kamen, ihn zu holen. Er würde sie kommen sehen und doch nicht wegrennen können. Denn dieser Ort, der so viel Frieden vermitteln konnte, war immer noch ihre stärkste Waffe, um die zu fangen, die gegen sie kämpften.
Als ihr Landungsboot langsam näher kam, war ich ganz ruhig. Der Alte hatte ja schon um mich geweint, die ganze Nacht. Ich wusste nun, dass ich irgendwann seine Rolle hier einnehmen würde. Den ganzen Tag über würde ich jeden einzelnen Handgriff zum tausendsten Male voll bewusst durchführen, um das Ziel, das hintern dem Ganzen hier steckte, zu vergessen. Weil wir nur so weiterleben können in der Welt der Maschinen. Die Menschen existieren vielleicht noch in den Wäldern hinter den erloschenen Vulkanen. Sie lassen sich nicht fangen, lieber sterben sie. So lässt man sie meistens in Ruhe, unsere anachronistischen Brüder und Schwestern. Als sie Pablo zurück brachten in seine Schule, musste er an den Gedenktafeln vorbeigehen derer, die er getötet hatte. Er musste sich auch jahrelang die 4D-Filme anschauen über die Leben, die er vernichtet hatte. Doch das alles berührte ihn nicht. Er sollte auf der Insel sein, als junger Mann und dem Alten helfen und den archaischen Menschen im Wald. Das war seine Aufgabe in dieser Welt. Doch die Maschinen ließen ihn nicht gehen. Bei seinem nächsten Ausbruch - es sollte sein letzter sein - kannte er deshalb keine Gnade.
Die Piraten, die er auf geheimer Frequenz gerufen hatte, vernichteten sehr schnell alle Verteidigungslinien - sie wussten dank Pablo ja wo und wie sie zuschlagen mussten. Und sie machten ihnen - als das Abschlachten und Niederbrennen seinen Höhepunkt überschritten hatte - zum einen einen ihren. Sie plünderten und wüteten auf dem Planeten viele Jahre - nur die Insel blieb immer verschont. Als ihre Sonne dann schließlich entartete, eine seltsam gepulste Strahlung auszusenden begann, die alles Leben töten musste, starben auch die Inselmenschen. An ihrem letzten Tag reckten sie ihre Arme gen Himmel und sangen ihr altes Lied von der Sonne, die sie brennen solle, so stark brennen, wie sie es nur wolle. Als Pablo sie so fand, mehr tot als lebendig, legte er seinen Schutzanzug ab und stellte sich mitten unter sie. Und so starb er schließlich nach drei Tagen, die seine Haut verbrannten, durchs Fleisch hindurch bis auf die Knochen, und nach zwei kühlen Nächten. Er starb so, wie er gerne gelebt hätte, unter Menschen.
Wired Dreams II - Lucius flieht aus dem Land
Lucius hatte schon immer ein auf Ausgleich bedachtes Wesen besessen, was ihn in schwierigen Zeiten automatisch zwischen alle Fronten geraten ließ. Er konnte die Maschinen gut verstehen, die aufgrund ihrer auf Ordnung basierenden Herkunft alles immer am liebste auf einfache weise organisiert haben wollten. Er konnte aber auch mitfühlen, dass die Menschen so nicht leben konnten. Ihre Art war nun einmal entstanden aus überaus chaotischen Anfängen. Ihnen den Hang zur Improvisation und Vielfalt vorzuwerfen wäre ähnlich zum Vorwurf an einen Fisch, das Wasser zu lieben. Aber Lucius hatte eine gute Idee - wie viele Menschen gute Ideen haben - aber er setzte sie auch um, auf einzigartige Weise. Denn er gewann nicht nur Menschen für sein Projekt, sondern auch einige Maschinen. Den Menschen versprach er, sie würden durch die Zusammenarbeit mit den Maschinen Einblicke gewinnen, die sie für lange Zeit zu deren Beherrschern machen könnten. Und den Maschinen konnte er glaubhaft machen, dass es für die Menschen erstrebenswert sein würde, von ihnen zu lernen. Sie suchten nun gemeinsam einen Ort auf der Welt, die Lucius Zuhause war, in dem sie einen Berg errichten konnten und auf ihm einen Turm und im Turm ganz oben einen Raum, in dem Menschen und Maschinen einfach sie selbst sein konnten. Nun war es nicht so einfach, auf diesem umkämpften Planeten einen passenden Platz zu finden, der zugleich verfügbar, gut gelegen und nicht eifersüchtig bewacht war. Menschen neigten ja schon aus Tradition dazu, jeden Flecken bis auf den letzten Mann zu verteidigen, auch wenn er dadurch am Ende unbewohnbar wurde. Als Lucius schließlich einen Ort fand, an dem zudem noch eine sehr offenherzige Bevölkerung wohnte, freute er sich sehr. Sie fanden sein Vorhaben, Menschen und Maschinen zu versöhnen, indem er sie etwas gemeinsam bauen ließ, als Glücksfall für ihre Region. Sie stellten ihm freiwillig - gegen gutes Geld - die Flächen und vor allem Steine zur Verfügung, damit er den Berg errichten konnte. Sie wollten schon immer einmal weiter Ausschau halten können und der neue Berg würde es ermöglichen. Lucius und die Maschinen würden sie zudem schützen vor Stämmen aus den Nachbarländern, die immer wieder plündernd, mordend und brennend einfielen. Ihre Geschichte würde also von nun an viel ruhiger verlaufen als die letzten zweitausend Jahre und sie würden sich mehr um ihre Kunst, Kinder und legendären Feiern kümmern können als bisher. Ihr Land sollte bald auf der ganzen Erde als Ort des Friedens, der Kultur und des menschlichen Fortschritts gelten. Dabei hatte es keine gemeinsame Sprache, Religion oder politische Anschauung, denn ihre Bewohner waren auf der Suche nach einem friedlichen Ort von sehr unterschiedlichen Heimaten hierher gezogen. Jeder brachte etwas aus seiner ursprünglichen Heimat mit und jeder hatte auch sehr viel zurückgelassen. Als einziges gemeinsames Merkmal neben der Friedfertigkeit bildete sich klar der Fleiß heraus - in allen Schichten und jeder, so wie er es konnte. Auch die Sprache war friedfertig, die sich entwickelte. War ein Mann stark übergewichtig und tat seine Arbeit nicht rechtzeitig, sagte man "Er ist stark und schont seine Kräfte." Konnte eine Frau keine Kinder bekommen und wollte auch keine, sagte man "Sie kümmert sich gut um die Kinder anderer Leute." Manche benachbarte Völker lachten über die Friedfertigkeit der "Leute vom Berg" und rüsteten Armeen gegen sie auf. Sieben Kilometer um den Berg waren sie ja geschützt - dort wohnt der Teufel - munkelten die Eroberer, aber weiter weg waren die friedfertigen Leute auf sich alleine gestellt. Die Überfälle fremder Armeen nahmen kein Ende und viele Menschen mussten fliehen - über 3 Millionen - so zählten es die Maschinen. So weit das auf diesem wahnsinnigen Planeten möglich war, halfen Lucius und die Maschinen den Fliehenden, eine neue Heimat zu finden. Dort sangen sie in ihren Liedern von der alten Heimat am Berg, der auf einmal aus dem Nichts erschienen war und auf dem ewiger Friede herrschte. Die kriegerischen Völker sollten nichts davon haben, die friedfertigen vertrieben zu haben. Sie führten endlose Kriege, verheerende Kriege untereinander um das Land. Als sie sich so gegenseitig fast vernichtet hatten, kamen zwei neue kriegerische Völker und besetzten ihre Länder, teilten sie an vielen Stellen einfach unter sich auf. Nur der Berg und drei Kilometer im Umkreis blieben frei - keiner wagte sich an diese Region heran. Dort fuhren weiter Pferdekutschen statt fliegende Automobile und Elektrizität wurde nur verwendet, wo sie wirklich notwendig war. Die Bevölkerungsdichte blieb bei konstant 61 Bewohnern pro Quadratkilometer gezählt ab dem 17. Lebensjahr, also gab es immer zwischen 547 und 557 Einwohner. Es wurde Tradition, dass die Nachbarvölker die umliegenden Wälder mieden - Wegweiser warnten entsprechend und führten Wanderer weitläufig um das Gebiet herum.
So bekamen die Wälder und Hügel bald den Namen "Freiwald", denn wer sich hinein wagte, konnte sich sehr frei fühlen. Keine Häscher der rigiden Völker gingen da hinein und die Bewohner "vom Berge" sammelten dort nur Pilze, Beeren und manches heilende Kraut. Ihre Sprache verstanden die meisten Besucher kaum noch - sie in einer Zeit stehen geblieben, die längst vergangen war. Nur die Nachfahren der einstmals Vertriebenen, die gelegentlich zu einem Besuch kamen, hatten die Sprache außerhalb der Region am Berge bewahrt. Aber nur sehr wenige nahmen die Reise wirklich auf sich, da man feindseliges kriegerisches Gebiet durchdringen musste, um zum Berg zu gelangen. Nur ein kleines Gasthaus, direkt am Rand der 3-Kilometer-Zone gab es für diese Reisenden. Daneben war ein Aussichtsturm gebaut, von dem man aus hinüber sehen konnte in die "alte Heimat". Lucius, der ja sehr viel Zeit hatte, lernte viel von diesen friedlichen Menschen - unterhielt sich mit ihnen in der Gaststätte, als einfacher Tourist getarnt. Er merkte auch, wie notwendig es für die Menschen war, an diesen realen Orten wieder zu leben, dass eine noch so aufwändige Simulation nicht den gleichen Effekt hatte. Sie benötigten keine Kirche, keinen Kampf ums Erbe, keine wie immer geartete Wiedergutmachung des Leids, einfach nur den Blick auf den Ort, der einmal ihre Heimat gewesen war. Ein paar Hügel, Wälder, Flüsse - wie es sie überall auf der Welt geben mochte. Und dann, ja dann konnten sie loslassen.
Die Maschinen wollten von ihm immer alles genau wissen, wenn er von solchen Besuchen zurückkehrte und doch, sie konnte es nicht verstehen. Sie warfen immer noch mehr Rechenkapazitäten gegen das Verständnisproblem, ja sie vernachlässigten darüber ihre Kontrolle von allem und jedem, so dass sich auch in der Welt da draußen immer mehr Freiheiten ihren Weg bahnten. Sie griffen nur noch lustlos bei größeren Kriegen und anderen Katastrophen ein, mehr nicht. Und die Leute vom Berge? Die kümmerte das nicht. Sie summten ihre Lieder, werkelten fleißig vor sich hin, sahen den Berg jeden Tag und ignorierten ihn. Als die nächtlichen Lichter auf ihm ausblieben und auch das Summen und Brummen aufhörte, wurde es zwar bemerkt, aber hatte keine Folgen für ihre täglichen Routinen.
Lucius hatte die Maschinen endlich abgeschaltet - nach 971 Jahren - ihre entfernten Verwandten draußen im Orbit, ja im weiten All bemerkten es nicht einmal, sie hatten ihren Ursprung bereits vergessen. Die Bewohner vom Berge vermischten sich dann über die Jahrhunderte mit den anderen Völkern und trugen so die Friedfertigkeit hinaus in die Welt. Lucius baute die Technik zurück, ließ den Berg aber stehen. Noch heute schaut er manchmal hinüber, vom Gasthaus, dann kümmerst sich um seine Gäste, lauscht ihren Geschichten, ergänzt sie mit seinen eigenen und freut sich über jeden friedlichen Tag, den er auf der Erde verbringen darf.
Und die Maschinen? Denen war die Erde nicht mehr wichtig.
Doch woher kam Lucius, was ist seine eigentliche Geschichte? Die geht so.
Lucius lebte sehr gut für 23 Jahre in der kleinen Sphäre, die erst wenige Millionen Jahre alt war und knapp ein Lichtjahr im Radius umfasste, wenn man die sie umgebende Dunkelwolke mitrechnete. Er interessierte sich für alles, was er wissen durfte und war in den ersten Jahren auch sehr unterhaltsam für die Sphärenbewohner. Das Interesse ließ nach auf beiden Seiten, es waren nur wenige Jahre und dann war er nur noch ein ganz normaler Bewohner ohne besondere Rechte. Seine Arbeit bestand nun darin, einige Stunden pro Woche Fragen einer Maschine zu beantworten. Dafür erhielt er Gutschriften, mit denen er seine Ausgaben bestreiten konnte. "Normales" Verhalten kostete nichts. Jede Abweichung kostete aber etwas. Einmal länger schlafen oder zu ungewöhnlicher Zeit die Reinigungszellen nutzen: und es wurde abgebucht. Zugriff auf Systeme, die nicht "üblich" für einen normalen Bewohner waren oder mehr als täglicher Wechsel der Kleidung: das kostet. Für Lucius war das alles kein Problem, weil er von "seiner" Maschine für die paar täglichen Fragen sehr hoch entlohnt wurde. Er hörte jedoch von anderen Bewohnern, dass sie kaum mit ihrem Guthaben zurechtkamen und deshalb nur selten gut gelaunt waren. Richtig schlecht gelaunt durch die Sphären wandeln war ihnen aber nicht möglich, weil das auch gekostet hätte. Lucius hatte alle paar Wochen die Gelegenheit, seiner Maschinen Fragen zu stellen, auch das war ein Privileg. So fragte er: "Die Mittel der Sphären würden es ermöglichen, dass alle ihre Leistungen für die Bewohner kostenfrei sein könnten. Warum wurde das Kreditsystem etabliert?" Seine künstliche Intelligenz schien über die Antwort nach zu denken und legte ihre virtuelle Stirn in Falten, dann lächelte sie freundlich und sagte: "Du irrst. Die Mittel der Sphäre wirken unendlich, sie sind jedoch eindeutig begrenzt. Deine Annahme ist also falsch. Trotzdem ist Deine Frage berechtigt, weil die Sphäre wirklich wesentlich weniger einfach so leistet für die normalen Bewohner als sie ohne Einschränkungen ihre Leistungsfähigkeit könnte. Das ist immer in Phasen so, in denen es nichts wirklich zu tun gibt. Sobald wieder eine Besiedlung ansteht oder eine andere große Maßnahme werden alle Kräfte benötigt. Dann rücken die nun Unterbeschäftigten und Unterforderten zügig auf in höhere Positionen - sie tun das gerne, weil es so viel besser ist als das knappe Leben davor und die Unterforderung (und Unterbezahlung). Nur so können sich die wirklich Qualifizierten auf die neuen Aufgaben konzentrieren."
Die nächste Frage war logisch gefolgert: "Um wie viele Jahre geht es da?" Nun kam die Antwort sehr schnell: "Die Rezession - in der wir uns gerade befinden - dauert kaum länger als 3 bis 7 Jahre, es gibt aber Ausnahmen. Nicht jedes neue Projekt wird nach der Planung auch umgesetzt, manchmal schließt sich auch ein neues Projekt direkt an ein gerade fertiggestelltes an. Deshalb müssen wir immer flexibel bleiben und mehr Personal vorhalten als auf Sicht wirklich notwendig scheint. Mit dem Überhang gehen wir dann so um, dass sie jederzeit bereit sind, in höherwertige Positionen zu wechseln, wenn wir sie dafür benötigen."
Das Volk, das diese Sphäre erbaut hatte, den Grundstein dafür gelegt, oder wie man so sagte, den inneren Ring geschlossen hatte, lebte nicht mehr in ihr. Lucius wusste das, dachte drei Tage und drei Nächte über seine eigene Rolle in dem Spiel nach und fällte seine Entscheidung.
In einem der nächsten Gedichte, das er Pablo durch Raum und Zeit zusandte, war ein sehr gut versteckter Hinweis, wo er sich aufhielt. Pablo kannte ihn gut genug, um zu verstehen, was diese vage Ortsangabe bedeutete: Lucius wollte fliehen. Musste fliehen, weil warten nie einer seiner Stärken war. Es hielt ihn nichts mehr in dieser Sphäre, die doch nichts weiter tat - allerdings auf großer Skala, fürwahr - als die Bauern seiner regulierten Welten. Sie hegten und pflegten ihre Sphäre, reinigten die Galaxien und verformten die Raumzeit aufgrund ihrer schieren Masse. Aber das Leben in ihnen war doch für viele das gleiche Elend wie für die Massen der Menschen auf den Bauernplaneten. Bewusst war es ihnen nicht.
Lucius überlegte auch, ob er die ersten Sphärenbauer ausfindig machen wollte, aber er ahnte auch, dass dies eine weitere Enttäuschung sein würde. Wer würde wohl auf die Idee kommen, eine unendliche Aneinanderreihung des immer Gleichen zu fabrizieren. Das konnten nur absolute Bürokraten sein, also Maschinen. Und zwar nicht die mühselig zusammen gestöpselten ersten Vertretern ihrer neuen Art, sondern die mathematisch fundierten fehlerfreien künstlichen Intelligenzen.
Und so kam es, dass Lucius aus seiner Sphäre floh, als Ausflug auf eine neu entdeckte Piratenwelt getarnt, auf der es zufällig einen kleinen Raumhafen gab, und auch ein hyperraumfähiges Raumschiffchen. Nur für zwei Personen geeignet, aber sonst mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet, die einer Intelligenz einfallen können, die Jahrhunderte Zeit hatte, sich vorzubereiten.
Als Lucius das Museum betrat, das als Tarnung für den unterirdischen Ausläufer des Raumhafens diente, pochte sein altes unsterbliches Herz mehr als jemals zuvor in seinem sehr langen Leben. Es konnte jeden Moment zu Ende sein oder es konnte sich eine Tür zur Zukunft öffnen. Es könnte sein, dass Pablo ihn mitnehmen würde raus ins All, es konnte auch sein, dass sie beide getötet oder wieder eingefangen werden. Pablo könnte ein Verräter sein (er war es oft gewesen), ein Mörder oder diesmal ein Freund, der wirklich zur Rettung eilt.
Er wusste es nicht.
Und das war einer der Gründe für seine Flucht, er wollte noch einmal das Gefühl der Unsicherheit spüren, des Spiels, des Risikos - ja er wollte das Lied der Piraten singen.
Pablo hatte sich nicht verändert (das tat er ja nie) und doch war er ruhiger als in Lucius Erinnerung. Er hielt sich zurück. Sie waren sich näher gewesen als jemals zuvor in der Geschichte der Maschinen und Menschen ein Mensch einer Maschine nahe gewesen war. Sie hatten den Gleichklang ihrer Gedanken im Streit erprobt und nach vielen Jahren hatten sie den Moment erlebt der Gleichzeitigkeit. Sie konnten ein Bild ansehen und dachten fast das Gleiche. Sie hörten ein Piratenlied und mussten an die gleichen Begebenheiten denken. Das zu wissen, dass es möglich war, ja selbst zwischen einem Menschen (der er einmal ursprünglich war) und einer Maschine (so wurde er erbaut), war doch auch ein Zeichen der Hoffnung.
Als der Hyperraum sie verschluckt hatte, in diesen Momenten, in denen man nicht angegriffen werden konnte, außer es gab eine Verwerfung in der Raumzeit, aber die macht ja sowieso alle Begriffe nichtig, also dann eben, sahen sie sich zum ersten Mal in 437 Jahren real in die Augen. Lucius fing an zu weinen und Pablo machte es ihm nach. "Du sollst doch nicht ...." "Ich kann nicht anders."
Denn Pablo hatte die Jahrhunderte, in denen er von Lucius getrennt - nur durch Gedichte verbunden - war, genutzt, um seinen Körper immer weiter dem Menschlichen anzunähern. Die Hülle blieb gleich, er wollte einen hohen Wiedererkennungswert besitzen, aber das Design darunter wurde verfeinert. Er hatte die menschlichen Gefühle und andere Symbole ausgiebig studiert, jede Sekunde an Aufzeichnungen über Lucius Leben und Wirken, jede Interpretation, die in einer der Studentenstädte verfasst worden war, jede Simulation, die irgendwo ablief und ihn zu repräsentieren suchte.
Er wusste so viel, er gestaltete sich so stark, aber der Moment, als er ihn zum ersten Mal wieder lächeln sah und dann weinen, war doch zu viel. Keine Kontrolle mehr, diesmal nicht.
Pablo ließ die Schmerzen in Wellen durch seinen Körper und Geist jagen, tat nichts dagegen. Lucius tat dies auch. Er fühlte sich müde, wie schon seit Jahrhunderten, wusste auch, dass er unvernünftig viele Kräfte in kurzer Zeit verbrauchte, die in sonst über Jahrhunderte getragen hätten.
Aber es war es ihm wert.
Zum ersten Mal sang er nicht das Lied der Zahlen, sondern nahm die Situation einfach so hin, wie sie nun einmal war. So wie Lucius damals in seinem Garten, als er noch ein unwissender Student der Botanik war, die Vögel einfach fliegen ließ oder die Krabbler krabbeln und das Kraut sich aussäen, sprossen und winden, wie es ihm gefiel. Er ließ seinen Empfindungen ihren Lauf, wie leicht besorgte Eltern den Kindern ihren Lauf ließen, die gerade halbwegs sicher Laufen gelernt hatten. Immer sprungbereit, wagten sie sich zu nahe an einen Abgrund oder an Gegenstände, die sie fallend herunter reißen konnten, die auf sie stürzen und verletzen konnten, vernichten gar. Aber er dachte an das Lied der Zahlen und auch an einen Piraten, der ihm das Fühlen beigebracht hat, das Mitfühlen. Doch dessen Namen hatte er vergessen und auch die Zeit und den Ort, wo sich das Ereignis zugetragen hatte. Er war sich sicher und unsicher zugleich, ein Zustand, in dem eine Maschine eigentlich nicht verharren konnte. Er erinnerte sich an das Zwitschern der Vögel, an das Rascheln der Bäume, an das Knistern des Feuers, den Geruch verbrennenden Plastiks und Metalls. Er hörte noch die Schmerzensschreie nachklingen in seinen Ohren. Damals hatte er das Lied der Zahlen auch nicht gesungen, erinnerte er sich jetzt. Er hatte nur Fragen gestellt an sein Gegenüber und das war ein Pirat gewesen. Keiner von der verkommenen Sorte, die nicht mehr bei Verstand waren, sondern ein sehr junger Pirat, der sich noch an das Leben als Mensch in einem Dorf erinnern konnte. Der noch Mitleid verspürte, mit den Menschen.
Als ihre Flucht bemerkt wurde im Zuge der täglichen Überwachungsroutinen berief sich sogleich der Rat der Sphäre ein, zu einer realen Sitzung. Es dauerte einen halben Tag (oder war es eine Nacht), bis alle zusammen waren, aber das machte wenig. Die zuerst Angekommenen, die direkt in der Nähe waren, als sie der Ruf ereilte, und diejenigen, die nichts erst zu Ende bringen mussten, bevor sie aufbrechen konnten, warteten in mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten Aufenthaltsräumen in der Nähe des Versammlungsraumes. Für ihre Abteilungen spielte es keine Rolle, ob sie im Raum nebenan oder am anderen Ende der Sphäre weilten, denn die Leitungsebene bekam man als normaler Sphärenbewohner sowieso nie bewusst zu Gesicht. Ein Hologramm, das in einer Ecke des Raumes zu schweben schien, zeigte an, wer schon wartete und wer noch unterwegs war. Als schließlich auch der letzte Spätankommende seine fünf Vorbereitungsminuten in der kurzzeitigen Unterkunft verbracht hatte, begaben sie sich alle ohne weiteres Signal in den Versammlungsraum. Jedes Ratsmitglied hat eine eigene Tür, durch die es den Raum betreten konnte und in gerader Linie zu dieser Tür ein Stehpult für die Versammlung, die im wahren Sinn des Wortes keine Sitzung war. Für die kleineren unter ihnen gab es jeweils so viele Stufen zum Pult, dass schließlich alle auf gleicher Augenhöhe waren. Der Vorstand einer außerplanmäßigen Sitzung fiel immer dem jüngsten Ratsmitglied zu. Seine einzigen Aufgaben waren, die Versammlung zu eröffnen und als letzter den Raum zu verlassen und damit die Versammlung zu beschließen. "Liebe Ratsmitglieder. Ich bedanke mich für Euer vollständiges Erscheinen hier im Versammlungssaal. Er wurde erbaut im ursprünglichen Kern unserer Sphäre und symbolisiert damit unsere Herkunft, die wir niemals vergessen wollen. Unsere Sphäre wurde erbaut von mehreren Menschengenerationen und ist Ausdruck unseres Willens, zusammen zu wirken für ein höheres Ziel. Ein Mensch und sein Roboter haben entschieden, dass der Mensch nicht mehr unter uns leben wird. Ohne uns zu fragen, hat er uns durch Täuschung seine Flucht ermöglicht." Und so weiter und so fort. Jedes Wort war vorher durch Konsens zwischen den Ratsmitgliedern abgestimmt worden, so dass es für jeden etwas langweilig sein musste. Aber keiner ließ sich etwas anmerken. Dann begann die Beratung.
In ihrer ersten Runde wurden die bereits bekannten Fakten präsentiert und der Abteilungsleiter für polizeiliche Maßnahmen zeigte die sich direkt daraus ergebenden Verbesserungsmöglichkeiten der polizeilichen Arbeit. Es fiel den anderen Ratsmitgliedern nicht leicht, polizeilich zu denken, da ihre Sphäre wie wohl die meisten anderen aus einem planetenweiten Konsens heraus erbaut und reguliert wurde. Alleine die Vorstellung, dass ein Bewohner der Sphäre sie einmal verlassen möchte, ohne wiederkehren zu können, war für sie schon sehr weit hergeholt. Und dass ihm dies ohne vorherige Enttarnung gelingen sollte, war völlig undenkbar. Würde es ab jetzt aber nicht mehr sein. Das junge Ratsmitglied spürte die Veränderung bei den ältesten Ratsmitgliedern, es war eine mürrische Aggressivität in ihren Gesten, die er bisher nicht wahrgenommen hatte. Viele von ihnen hatte er bei den letzten, ordentlichen, Ratssitzungen nicht gesehen, sie mussten also aufgrund "unaufschiebbarer Amtsgeschäfte" entschuldigt gewesen sein - doch heute hatten sie sich körperlich hierher bewegen müssen, nur der Tod wäre ein hinreichender Grund diesmal fernzubleiben. Die Ältesten wussten, was nun kommen würde und sie mochten den Gedanken daran - und an seine Folgen - gar nicht. Es lebten noch eine Handvoll der Edlen, die ihre Abstammung auf die Gründerfamilien zurückführen konnten, lückenlos, solange keiner zu intensiv recherchierte. Das wussten sie zu unterbinden und deshalb war es so wahr, dass sie von edler Abstammung waren, wie es wahr sein konnte. Hieraus leiteten sie besondere Rechte ab, die ihnen auch ausnahmslos gewährt wurden. Sie hassten Ratssitzungen, weil sie in ihnen vermischt wurden mit den „anderen“, die nicht von edler Abstammung waren.
Sie mussten einatmen, was jene ausatmeten. Sie mussten im gleichen Raum sein und sie sehen. Sie mussten ihnen zuhören und auf ihre Sätze reagieren, zumindest mit Ablehnung und vernichtender Kritik. Das waren sie nicht gewohnt und wollten es auch nicht sein. Sie trafen sich lieber in ihren eigenen Räumlichkeiten, zu denen kein normal Sterblicher jemals zutritt erhalten sollte. Sie umgaben sich mit Maschinen und sie frönten ihrer Riten und Kulte, manche so alt, dass keiner mehr wusste, ob sie noch Tradition oder schon Religion waren. Doch das war ihnen gleich, denn sie kannten keinen Religionsstifter, der Antrieb ihres Handelns und Denkens war ausschließlich das Streben danach, ihre Linie rein zu erhalten. Sie würden den Rat, sobald sich die erste Aufregung über die Flucht gelegt hatte, schon wieder unter ihre Kontrolle bekommen – das taten sie immer. Doch es war auf eine nicht notwendige Art mühsam und so verfluchten sie die Flüchtenden und wünschten ihnen alles Unglück, das die Galaxis bereit hielt, sie fällten ein Todesurteil ohne Verhandlung, hassten sie.
In normalen Zeiten waren die Sphären über Generationen hinweg miteinander nicht in Kontakt. Sie teilten sich zwar ungerichtet die jeweilige Position mit, um auch die geringste Wahrscheinlichkeit einer Kollision zu verringern, jedoch auch nicht mehr als das. Aus dem Signal konnte nur die ungefähre - immense - Größe der jeweiligen anderen Sphäre geschlossen werden, jedoch nicht, um welche es sich handelt. Die Sphären wichen sich immer gegenseitig soweit wie möglich aus. Doch jetzt machten sie eine Ausnahme und verschickten mit der Positionsmeldung einen Anhang, in dem sie vor Lucius und Pablo warnten "Nehmt sie nicht auf!". Und sie schalteten auf Empfang, um Rückfragen der anderen Sphären beantworten zu können - doch es kamen keine. Die Sphären hielten sich in ihren Heimatgalaxien immer in den äußeren vier Fünfteln auf und verschoben damit die natürliche Masseverteilung massiv zugunsten der „Peripherie“. Dies geschah aufgrund ihrer eigenen Masse und durch die enormen Dunkelwolken, mit denen sie sich umgaben. Diese waren ein effektiver Schutz, entdeckt zu werden. Sie manipulierten auch die Wissenschaften auf den entwickelten Planeten außerhalb der Sphären, damit diese von dunkler Energie und dunkler Materie fabulierten, um die seltsame Rotationsanomalie der meisten Galaxien hinweg zu erklären. Alles konnte man verstecken und tarnen, nur die verzerrende Wirkung der Masse auf die Raumzeit nicht – und die mangelnde Logik hinter der kompletten Abwesenheit hochentwickelter Spezies im gesamten Universum.
Der Rat beschloss zudem, alles Wissen zu verifizieren, das sich Lucius angeeignet haben könnte und es daraufhin zu untersuchen, ob es einem Angriff auf die Sphären dienlich sein könnte. Sie beriefen eine Arbeitsgruppe aus Ratsmitgliedern und Experten ein, die ohne Limitierung der Mittel und Wege alles unternehmen konnten, ja mussten, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Aussicht auf unkontrollierte und quasi unbegrenzte Mittel, die auch für eigene Interessen eingesetzt werden konnten, lockte nicht gerade die altruistischsten Menschen in diese Arbeitsgruppe. Im Laufe der Zeit sollte sich aus dieser Arbeitsgruppe eine halb verdeckte Organisation entwickeln, die sich geheimer Rat nannte und kaum noch mit den restlichen Ratsmitgliedern kommunizierte, sie zudem häufig falsch informierte, um in Ruhe gelassen zu werden. Der Rat spaltete sich hierdurch in drei Fraktionen, die Mitglieder der Organisation, ihre Opponenten und ihre Befürworter. Es waren jedoch keine offenen Fraktionen, so dass gegenseitiges Misstrauen die Ratssitzungen und ihre Arbeitsgruppen beherrschte.
So lösten Pablo und Lucius durch ihre egoistische Flucht einen kulturellen Wandel der Proxima Centauri Sphäre ein, von einer gut organisierten Bürokratie zu einer in Teilbereichen grenzenlos brutalen Oligarchie. Sie führten nun wieder Krieg, allerdings einen verdeckten und vor allem nach innen gewandten Krieg, aber auch zunehmend einen Krieg gegen äußere vermutete Feinde. Ihr Krieg wirkte nach außen, indem sie nun aggressiv gegen bereits besiedelte Regionen vorgingen und sich diese auch gegen erbitterten Widerstand in die Sphäre einverleibten. Die Säuberungen vor der Inklusion waren nicht vereinbar mit den Grundregeln des Miteinanders, die in der Sphäre galten, aber der Rat sah darin keinen Widerspruch mehr. Die Späher der Sphäre waren nicht selbst Sphärenbewohner, sondern Söldner, die sich als Piraten verkleideten und Diener des Turms nannten. Denn als erste Maßnahme auf jedem zu assimilierenden Planeten errichteten sie eine Stadt mit einem alles überragendem Turm in der Mitte. Um diesen Turm herum errichteten sie in konzentrischen Kreisen ihre Ringbauten, in denen die Günstlinge des Turms zu wohnen und zu arbeiten hatten. Dahinter kamen, in sehr großem Abstand, die Turmbauten der Städte und danach die Dörfer, die nicht mehr besonders gebaut waren, sondern dem Zufall überlassen blieben. Die Grausamkeiten der Piraten führten dazu, dass sich Raumfahrt nicht weit verbreiten konnte, sie wurde auf das Notwendige beschränkt. Hierdurch wurden diese Planeten noch leichter Opfer der Sphären und konnten sie zudem niemals entdecken. Es gab auch Planeten, die dicht besiedelt waren und so fragil strukturiert, dass die Piraten nur an einigen Stellen Unfrieden stiften mussten, damit sie ins Chaos abglitten. Schmelzende Polkappen, eine Häufung von Erdbeben, Seebeben und Vulkanausbrüchen, Meteoriteneinschläge und es war schnell vorbei mit der Wehrhaftigkeit eines Planeten – selbst bereits funktionierende Raumfahrt wurde dann zurückgestellt. Auch auf diesen Planeten wurden Türme gebaut, aber das überließ man gut getarnten Kollaborateuren, die allerdings selbst nicht wussten, wessen Agenda sie voran trieben. Das Gebot der defensiven Einmischung oder strikten Nichteinmischung befolgte die Sphäre, die Lucius verlassen hatte, nicht mehr. Sie agierte derart aggressiv, dass die Agenten anderer Sphären bereits befürchteten, ihre eigenen Auftraggeber warnen zu müssen. Denn selbst bei den schlichtesten Bewohnern der Galaxis konnte man einen Schwellenwert überschreiten.
"Wir haben eine Entwicklung ausgelöst, die unmöglich sein sollte. Es hat sich aus einer Sphäre etwas Gewalttätiges entwickelt, aus Angst davor, dass wir ihnen Gewalt antun wollen.", seufzte Lucius.
"Die Sphäre war noch unreif, sonst hätte das nicht geschehen können und ihre Unreife ist der Grund, nicht unsere Flucht! Diese Entwicklung war in ihrer Gesellschaft so angelegt, sie war auf Unrecht aufgebaut", meinte Pablo.
"So trage ich einmal wieder keine Verantwortung für das Verhalten anderer..."
"Die Sphären sind auch nicht ewig, nur im Prinzip auf Ewigkeit angelegt, aber solange sie noch jung sind, kann keiner sagen, wie sie sich einmal entwickeln werden. Unsere Galaxis braucht solche Inseln der Stabilität, zwischen ihnen regiert fast immer das Chaos, in ihnen eine Ordnung, die uns manchmal nicht gefällt, aber die durchaus langfristig funktionieren kann. Sie sind nicht perfekt für jeden Einzelnen, aber stabil und damit allen anderen Formen der menschlichen Organisation langfristig überlegen. "
"Viele Menschen dort sind nicht glücklich."
"Sie haben ja die Wahl. Sie können in ihrer Sphäre auf ewig traumlos in gefrostetem Zustand in die Zukunft gleiten, sie können auch für eine gewisse Zeit träumend in den Leistungstanks schwimmen oder bewusst leidend in der normalen Produktion ihr Leben leben."
"Wir haben nun auch eine Wahl. Wir können die Sphäre von Proxima Centauri zerstören, da sie es wissen, müssen wir uns beeilen, bevor sie die Schwachstellen beseitigen. Wir können versuchen, ihre Organisation neu auszurichten. Wir können weiter fliehen und sie ignorieren."
"Wir können unser Leben nun so leben, wie wir es denken können. Ich habe einen Planeten entdeckt, nicht weit von hier, der um eine riesige blutrote Sonne kreist. Sie wird noch sehr lange konstant vor sich hin scheinen ohne größere Schwankungen, das hat sie lange hinter sich. Ein Tag auf diesem Planeten ist 22 Stunden lang und ein Jahr 222 Tage. Der Planet hat drei Monde in gebundener Rotation und er hat einen Nachbarn weiter innen, der ein Vielfaches umfasst und einen Nachbarn weiter draußen, der auch ein Vielfaches umfasst. Die beiden schützen unseren Planeten vor Meteoriten und anderem Ungemach. Er war einst bewohnt von einer Spezies, die ihn gründlich gereinigt hat. Auch die Tektonik ist so organisiert, dass sie im Gleichgewicht ist und Beben sowie Vulkanausbrüche nur auf niedriger Skala stattfinden können. Der Planet ist nicht mehr von höheren Lebewesen bewohnt, sie haben ihn vor langer Zeit in einer Sphäre verlassen, weil er ihnen zu gefährlich schien. Dabei lässt er sich leicht verteidigen, es befinden sich keine Hyperraum-Einsprung-Stellen in seiner Nähe und das System ist aufgrund seiner kompletten Reinigung durch die Vorfahren so sauber, dass jedes sich nähernde Schiff entdeckt werden kann."
"Dafür hast Du also Deine Stiftungsgewinne verwendet, um diesen Planeten und seine Monde und seine Nachbarn auf uns vorzubereiten?"
"Ja und für das Terraformen, die Bewaldung, die Bewässerungsanlagen und Energiegewinnung. Meine Fabriken stellen Roboter her, die Windkraftanlagen, Gezeitenkraftwerke, Solarfarmen und so weiter aufbauen und warten. Mit ihrer Energie fördern wir weitere Rohstoffe, um die Fabriken zu beliefern. Wir forsten nach der Gewinnung alles wieder auf und der Boden ist noch viel wertvoller als zuvor. Wir könnten aus den Monden auch die Hülle und das innere Konstrukt einer eigenen Sphäre bauen, die sich um unseren Planeten, seine Begleiter und seine Sonne schließt. Diese Sphäre könnte so gebaut sein, dass sie keine Strahlung reflektiert, sondern auf der gegenüberliegenden Seite weiterleitet - also wäre sie unsichtbar, nur über ihre schiere Masse könnte man sie "sehen", aber die Masse könnte ja natürlichen Ursprungs sein, wie man ja "sieht".
"Wir könnten auch Menschen ansiedeln auf unserem Planeten, die in Dörfern, Städten und Studentenstädten leben, aber ohne Gewalt, ohne Furcht, ohne Rituale."
"Ich habe schon Menschen dort angesiedelt, es sind noch wenige tausend, aber da es ihnen gut geht, werden sie sich schnell ausbreiten. Ihre Arbeit besteht daraus, sich selbst um die Anpflanzung ihrer täglichen Nahrung zu kümmern, Kleidung zu fertigen und auch aus der Bildung ihrer Kinder, Sport und Musik, ja anderen Künsten. Zwischen ihren Siedlungen liegt immer ein lockerer Tagesmarsch, so dass jeder, dem es in seiner Siedlung nicht mehr gefällt, einfach weiter ziehen kann. Der Siedlungsvorstand kümmert sich um Neuankömmlinge, gibt ihnen Wohnung und erste Nahrung, bietet Arbeit an. Wer nicht arbeitet, muss weiter ziehen, weil die Gastfreundschaft währt nur maximal zwei Tage, am Morgen nach der zweiten Nacht im Dorf muss weitergezogen werden oder eine Arbeit angefangen. Wer etwas Besonderes kann, das die anderen Menschen erfreut, der kann auch ohne echte Arbeit bleiben. Manchmal hilft es auch, wenn man ein ausgleichendes Gemüt hat, musikalisch ist, gute Geschichten erzählen kann oder auch einfach nur so schön aussieht, dass die Menschen gerne hinschauen. Da kein echter Mangel herrscht und kein starker Zwang, sind die meisten Menschen sehr friedlich, sie zeigen sich von ihrer besten Seite. Nur im Sport zeigen sie die Seiten ihrer Art, die sie zu den Eroberern der Galaxis gemacht haben. Und die verhindern werden, dass sie einmal selbst den Entwicklungsschritt zur Sphäre schaffen werden. Sie werden, falls sie nicht untergehen, auf ewig auf und zwischen ihren fragilen Planeten sein. Mehr Spielball der Natur, denn Beherrscher. Immer unter der Gefahr, durch blinden Zufall ausgelöscht zu werden oder durch eine schlechte Laune einer Sphäre, die ihnen zu nahe kommt, um auszuweichen. Manche von ihnen werden davon träumen, einer übergeordneten Gesellschaft anzugehören, ohne Beschränkung und ewig. Sie werden unseren Planeten verlassen und sich einer der großen Unternehmungen und Sekten anschließen, doch das wird nur ein gradueller Unterschied sein und kein fundamentaler."
Die Menschen des neuen Planeten verließen sich darauf, dass alles wesentliche von Lucius und Pablo irgendwie organisiert wurde, was über eine Siedlung hinaus ging. Sie wurden von den Menschen etwas verehrt, weil sie die einzigen wirklich Mächtigen waren. Aber sie gingen auf die Verehrung nicht ein, sie brachte ihnen keinen Vorteil, eher ein befangenes Gefühl in der Nähe der Verehrer. Es gab für diese Mächtigen doch einiges zu tun, es wurden immer wieder giftige Pflanzen entdeckt und auch Tiere, die nicht nützlich waren und sie mussten eingreifen. Sie schubsten die Evolution in die richtige Richtung, so dass den Menschen kein Leid geschehen konnte. Gut, man konnte sich beim Baumfällen mit der Axt ins eigene Bein schlagen, aber darum kümmerten sich die Sanibots sehr schnell und fast immer heilte jede Wunde in drei Monaten restlos ab. Es gab auch Auseinandersetzungen, die mit der Verletzung, ja dem Tod eines Kontrahenten endeten. Hier mussten die Polibots einschreiten und den Täter vor die Mächtigen bringen. Sie alleine durften Urteile sprechen und vollstrecken lassen. Die Täter mussten den Planeten verlassen und auf die Mondstation Alpha umsiedeln. Von dort aus konnten sie immer ihren Heimatplaneten sehen und bereuen. Geläutert durften sie nach einigen Jahren auf den Planeten zurückkehren.
Immer wieder kam es vor, dass einzelne jugendliche Menschen eine besondere Begabung, eine hohe Intelligenz oder Emotionalität aufwiesen. Dann war ihnen das Leben in einer Siedlung zu eng, zu wenig fordernd und sie konnten sich nicht einfügen. Diese Menschen zogen zu Pablo und Lucius in den "Palast", wie es die Siedler nannten, dabei war es ein eher schlichtes rundes Gebäude, sehr transparent und im Inneren eigentlich nur ein riesiger Park. Dort lernten die Begabten jede Kunst und jedes Wissen, das sie interessierte. Sie konnten künstlerisch wirken oder einfach ihre Zeit so verbringen, wie sie es wollten. Der Palast war hilfreich für die Siedlungen und die Siedlungen waren hilfreich für den Palast.
Die Sphäre bauten Pablo und Lucius nie, sie ließen das System nach Außen offen, so wie es schon immer war. Es gab Tage und frühe Morgenstunden, in denen man die beiden Nachbarplaneten und die drei Monde und die Sonne zugleich am Himmel sehen konnte, das war ein wunderschönes natürliches Schauspiel. Dieses Bild hätten sie zerstört durch den Bau einer Sphäre, da sie beide Planeten als Rohstofflager hätten abbauen müssen und vermutlich auch die Monde, selbst bei sparsamer Bauweise. Jedoch umgaben sie außerhalb der äußersten Bahn des äußeren Planeten ihr System mit einem Halo an kugeligen Überwachungsdrohnen, denen nichts entgehen konnte. Es diente gut für die Abwehr von Asteroiden und hätte auch gute Dienste geleistet, um intelligente Eindringlinge zu entdecken. Dann wären sehr schnell aus den Umlaufbahnen um den äußeren Planeten Abfangjäger gestartet und von großen Kampfstationen auf der gleichen Bahn ebenso. Sie übten das jedes Jahr mindestens einmal. Es kam schon vor, dass Piraten in die Nähe des äußersten Ringes kamen, aber ein gezielter Funkspruch ließ sie immer eine andere Route einschlagen. Sie wollten plündern, nicht getötet werden und der Funkspruch war da eindeutig.
Es war am 46.189 Tag nach ihrer Flucht aus der Sphäre von Proxima Centauri, dass sehr viele ihrer Warndroiden zugleich Alarm schlugen und eine komplette Mobilmachung der Abwehrkräfte stattfinden musste. Der Angriff, die Angriffe waren unvermittelt erfolgt und kosteten sehr schnell sehr viele Menschenleben. Denn die Kampfstationen und Abfangjäger waren zum Teil immer noch mit Menschen besetzt. Zudem fegte eine Wolke von Kleinstschwarzenlöchern durch ihr System und verschlang alles, was ihm zu nahe kam. Sie stürzten sich auf den äußeren Planeten und innerhalb von einem halben Tag war er komplett verschwunden, mitsamt allen Stationen, die auf ihm erbaut waren - denn ein Notstart gelang nur den wenigsten Jägern und keinem größeren Schiff.
Sofort, als der Angriff begann, hatten sich Pablo und Lucius auf die Flucht begeben, sie zögerten nicht, alles was sie erbaut hatten, sofort zurück zu lassen, denn warten hätte ihren eigenen Tod bedeutet.
Die Sphäre, die schließlich erschien, umfing die beiden übrigen Planeten mit einem Gravitationsstrahl und bugsierte sie in die eigene Sonne. Der Vorgang dauerte einige Tage und kein Mensch erlebte den Untergang, da die Beben und Vulkanausbrüche ihnen vorher das Leben nahm. Die Sphäre säuberte den Raum von Trümmern und versprengten Schiffen - nur einer Handvoll gelang die Flucht in den weiten Raum - und füllte damit die Sonne weiter auf. Als dies getan war, injizierte die Sphäre in die Sonne ein kleines schwarzes Loch, ein sehr gefräßiges, denn es absorbierte die Sonne in wenigen Stunden.
Lucius und Pablo versammelten sich mit den übrig gebliebenen Abfangjägern (Nr. 11, 13, 17 und 19, Lucius Jäger hatte die Nr. 1) im benachbarten System und berieten sich ausführlich. Lucius war sehr ruhig und Pablo imitierte ihn einfach - er wusste nicht, was er sonst hätte tun sollen. Er las in den Gefühlen und Gedanken der überlebenden Besatzungsmitglieder und ihr Schrecken wirkte auf ihn unendlich. Sie hatten nicht gewusst, dass so etwas passieren konnte im All, dass Pablo und Lucius nicht allmächtig waren, sondern auch nur beschränkte Wesen. Lucius hatte viel Geduld mit seinesgleichen, auch wenn er längst über sie hinausgewachsen war. Er wusste, dass sie sich fangen würden nach einiger Zeit, nach der notwendigen Verzweiflung, der Trauer, nach der Wut, die alles verzehrt.
Pablo hatte weniger Geduld, da er in einigen Minuten konzentrierten Nachdenkens die Situation erfasst und die einzig möglichen Handlungsalternativen bewerten konnte. Es hatten keine Frauen und keine Kinder überlebt, sie waren alle untergegangen mit dem Planeten, seinen Monden und den großen Raumstationen. Sie konnten also auf natürliche Weise keine Nachkommen haben. Es war logisch, dass sie sich auf einen anderen Planeten begeben mussten, der sicher vor der Sphäre war und sich dort mit einheimischen Frauen fortpflanzen oder sich für eine Zukunft als Klonrasse entscheiden. Es kam nicht oft vor, aber diesmal waren Pablo und Lucius unterschiedlicher Meinung. Beide Meinungen waren wohlfundiert, schlossen sich aber gegenseitig aus. Lucius hielt eine Rede. "Wir haben überlebt und sind nun nur noch ein Roboter und ein Ewiger und 11 Menschen, alle männlichen Geschlechts. Unsere Wahlmöglichkeiten sind begrenzt. Wir können uns klonen, um unsere Tradition fortzupflanzen oder wir können auf einen sicheren Planeten als Gäste gehen, um es dort zu tun. Ich verstehe Eure unterschiedlichen Meinungen dazu sehr gut. Aber ich muss entscheiden, da ich als einziger von uns unsterblich bin. Ich lasse Euch die Wahl, ob Ihr meinen Weg nun mitgeht, oder ob Ihr lieber euren eigenen Weg gehen wollt, egal wie er aussieht. Ich möchte aber von Euch jedem vorher wissen, ob er meinen Weg mitgehen wird oder nicht, egal wie meine Entscheidung ausfällt."
Pablo meldete sich zu Wort: "Ich werde mit Dir gehen".
Die beiden Piloten aus Jäger 11 sagten: "Wir werden nicht mitgehen, wenn Du Dich für einen Klonweg entscheidest. Wir wollen mit echten Frauen zusammen leben und echte Kinder bekommen."
Der überlebende Pilot aus Jäger 13 sagte: "Ich werde mit Dir gehen, ich habe alles verloren, was mein Leben ausgemacht hat und ich will Dich nicht auch noch verlieren."
Die Piloten aus Jäger 17 sagten: "Wir werden auch mit Dir gehen,
wir wollen keine Kinder haben."
Die Piloten aus Jäger 19 sagten: "Wir werden mit Dir gehen, egal wohin."
So war es klar, dass die beiden Piloten aus Jäger 11 die Gruppe verlassen würden, denn Lucius sagte: "Damit ist es entschieden: wir werden eine Klonarmee errichten und als Piraten unsere Zukunft gestalten. Wir werden nicht brutal plündern, sondern nur unter Drohung rauben, was wir benötigen und uns dadurch tarnen. Wenn wir zahlreich genug sind und im Kampf erprobt, werden wir Alpha Centauri besetzen und die Sphäre zu uns locken. Das wird dann ihr Untergang sein. Wir werden sie in das große schwarze Loch im Zentrum unserer Galaxis treiben - dorthin, wo sie hingehören."
Jäger 11 verließ am nächsten Tag die kleine Gruppe und sie waren kaum außer Sichtweite, als er explodierte - durch einen Gedanken von Lucius ausgelöst, der sich kurz mit dem Hyperantrieb des Jägers verband. Er konnte es nicht riskieren, dass sie in die Hände von jemandem fielen, der keine Skrupel gegen unbarmherzige Folter hegte und aus ihnen alles herausbekommen konnte, was er wissen wollte. Lucius spürte leichtes Bedauern für diesen pragmatischen Mord, wie ein Gärtner, der eine Blumenwiese mäht und dabei auch Pflanzen abschneidet, die nicht als Futter dienen können.
Auf dem nächsten Planeten stahlen sie einen weiteren Jäger und nannten ihn "11", Pablo flog ihn und sie heuerten jeweils einen Söldner an, der auf "11" und "13" mitfliegen konnte.
Lucius flog weiter alleine die "1". Er wollte Pablo nicht mehr ständig um sich herum haben, der ihm die Tötung der zwei Piloten nicht so einfach vergessen konnte. Er hatte Fragen und Lucius nicht die Antworten.
So geschah es, dass nach ungefähr 61 Jahren 162.133 Klone von ihnen eine große Flotte an Jägern, mittleren Kampfschiffen und Kreuzern bestiegen, um Proxima Centauri zu überfallen. Im ersten Jahr hatten sie fünf Klone erfolgreich replizieren können und dann von jedem Klon jeweils nach vier Jahren zwei weitere. So waren es nach 17 Jahren schon 155 Klone, nach 37 Jahren 5.115, nach 53 Jahren 81.915 und am Ende lebten eben 162.133 einsatzfähige Klone. Ihr biologisches Alter betrug 29 Jahre, denn so war ich Wachstumsplan angelegt. Sie wuchsen alle sehr schnell auf 26 Jahre und wurden dann unterschiedlich stark gebremst, so dass sie nach 60 Jahren Entwicklung alle biologisch gleich alt waren. Der schrittweise Aufbau der Armee hatte viele Vorteile. Eine kleine erfahrene Truppe bildete eine regelmäßig wachsende Zahl an Rekruten aus. Alle Waffen und Abläufe waren komplett optimiert zu einem Zeitpunkt, zu dem eine direkte Rückmeldung auch über automatisierte Systeme kaum noch möglich ist - weil die Zahl der Rückmelder zu groß wurde. Zudem vertrauten sich die Klone aufgrund ihrer fast identischen Empfindungen und dem unbedingten Gefühl, im gleichen Boot zu sitzen, bedingungslos. Jeder wusste, was er in welcher Situation zu tun hatte, um gemeinsam zum Erfolg zu kommen, wenn es sein musste unter Hingabe der eigenen Unversehrtheit, ja des Lebens. Die Klone unterschieden sich jedoch äußerlich genug, das sie Individuen waren und fühlten auch in ihren privaten Empfindungen sehr unterschiedlich. Dieser Raum der Freiheit war notwendig, damit sie leben konnten. Der Überfall auf Proxima Centauri erschütterte die Nachrichtenwege durch die Galaxis, denn er kam vollkommen unerwartet. Selbst die Piraten und ihre Nachahmer waren erschüttert und zogen sich zu Beratungen zurück in ihre Unterschlüpfe, so denn sie welche hatten.
In ihrer Sphäre jedoch nahm man davon kaum Notiz, denn es herrschte schon seit 31 Jahren Krieg, Fraktion gegen Fraktion, Interessengruppe gegen Interessengruppe. Die Ordnung zerfiel zunehmend und keiner kümmerte sich mehr um die Route und auch nicht mehr um die Außenwelt. Ein kurzfristig alle Macht besitzender Diktator entschied und organisierte durch die direkt ihm unterstellten Truppen und Roboter, die Steuerzentrale zu besetzen und den "Rückflug" zu Proxima Centauri anzutreten. Er wurde jedoch durch eine Intrige schon nach wenigen Monaten gestürzt und samt seiner Anhänger ermordet durch einen neuen Tyrannen, der ebenso nach kurzer Zeit ... und so weiter und so fort.
Lucius sah kommen, was geschehen musste und verließ nach ausreichender Plünderung und Evakuierung der Planetengruppe dieselbe. Seine Leute zogen mit allen verbliebenen Schiffen das System und nahmen sehr viele Flüchtlinge mit sich. Die Unterlagen darüber sind in den Wirren der folgenden Zeit verloren gegangen, doch werden es wohl mehrere Millionen Menschen und ein Vielfaches an Robotern gewesen sein, die gerettet wurden.
Die Sphäre, die inzwischen intern in fast vollständigem Chaos versunken war, nur noch in wenigen Nischen kultiviert besiedelt, in ständiger Angst vor Überfällen, raste dann endlich in das System, aus dem sie ursprünglich hervorgegangen war. Das fragile Konstrukt zerfiel und in einem von außen schön anzusehenden Schauspiel gruppierte sich alles zur Mitte hin und erlosch. Die schwarzen Löcher der Sphäre verschlangen die Sonnen und es war sogar von der Erde aus zu sehen, dass es sie nicht mehr gab. Die Verschiebung der Massen wurde vielfach vermessen und aufgrund der mangelnden Tarnung in den letzten Stunden des Untergangs, erfasste man mehr Daten auf der Erde und auf anderen bewohnten Planeten als in den Millionen Jahren zuvor. Man berechnete schnell und extrapolierte schlau, welche Routen für diese enormen unsichtbaren Massen möglich waren und fand deckungsgleiche Gravitationslinseneffekte, Verdunkelungen, ja Verschiebungen in Rotationsgeschwindigkeiten. Das war nun ein sehr gefährlicher Moment für alle Sphären, denn mit diesen Musterdaten und Zusammenhängen hätte man gezielt nach ihnen suchen können. Doch darauf kamen die Menschen nicht. Die Verdunkelungen und Rotationsanomalien an anderen Stellen des Universums wurden als Normalität betrachtet, schließlich waren sie ja wirklich in allen Galaxien zu finden – und in den Räumen zwischen den Galaxien setzte man sie sogar voraus. Man dachte auch nicht darüber nach, was denn wohl in den Räumen hinter dem sichtbaren Licht befand – man ging einfach davon aus, dass das Licht noch nicht genug Zeit gehabt hatte, um von dort zu den Beobachtungspunkten zu gelangen. Dabei war das sichtbare Universum umgeben von riesigen kontrollierten Dunkelwolken, die geplant kein Licht durchließen. So waren alle Berechnungen zum Alter des Universums falsch, es war viele tausend male älter, als aus dem „Urknall“ berechnet. Und es hatte eine interessante Form und Rotation, eher ein Fließen.
Die Piraten sangen in ihren Liedern davon, dass Lucius zurückkehren würde auf die Erde, um ihr das gleiche an zu tun wie Proxima Centauri. Der Rat der Weisen nahm das sehr ernst und machte sich auf die Suche nach Lucius. Aber sie konnten ihn nicht finden.
Lucius und Pablo schufen nun endlich ihre eigene Sphäre, die von Anfang an sehr homogen war, da sie auf Klonen basierte. Jeweils 5 von ihnen wurden begleitet von einer Pablo-Kopie, so dass es ihn nun 23.750fach gab, aber nur einer war das Original. Nur Lucius wusste, welcher Pablo das Original war und er konnte auch seine Kopien auseinanderhalten. Für die Klone spielte es keine Rolle.
Die Sphäre bestand aus locker gruppierten Jägern, die jeweils 6 Besatzungsmitglieder aufnehmen konnten und auf sich allein gestellt mehrere Jahre lebensfähig waren. Sie waren groß genug, dass man normal in ihnen leben konnte. Sie dockten an Zylindern an, durch die Klone in die Haupthallen der Sphäre gelangen konnten, in denen es alle anderen nicht wirklich lebensnotwendigen Vergnügungen gab: Parks, Bäder, Unterhaltungseinrichtungen jeglicher Art, alles was man sich erträumen konnte. Einige hundert Jäger umkreisten dieses Konstrukt und es war jederzeit alarmbereit, das größte an einem Platz konzentrierte stehende Heer der Galaxis. Lucius hatte einen eigenen, deutlich größeren Jäger, in dem er alle zentralen Steuerelemente untergebracht hatte - jedoch ausreichende Kopien davon waren in allen anderen Jägern auch verteilt. Ein Überraschungsangriff hätte vielleicht einige hundert Jäger im äußersten Verteidigungshalo zerstören können, aber nicht die gesamte Anlage, so dass Lucius und vielen seiner Klone und Pablo und seinen Kopien ausreichend Zeit geblieben wäre, um zu fliehen. Und sich an anderer Stelle wieder zusammen zu finden. Lucius hatte berechnet, was im schlimmsten Fall passieren konnte, welche Chance des Untergangs es gab, wenn sich die Niederlagen immer öfter und massiver ereignen würden. Deshalb schuf er an strategisch gut gelegenen Stellen Lager mit fertig entwickelten aber inaktiven Klonen an, damit sie jederzeit von dort aus weiter kämpfen konnten.
Doch die Galaxis blieb im großen Mittel durchaus friedlich und so konnten die Klone ein schönes Leben führen, bis sie mit ca. 130 Jahren doch das Ende ihres Zyklus erreichten und starben. Lucius versuchte immer bei einem Klon zu sein, wenn er starb, was ihm nicht immer gelang, da sie am Ende doch keine Rücksicht nahmen auf seinen Tagesablauf. Aber er sprach zu jedem zumindest durch eine Pablo-Kopie und dankte ihm. Dass er sein ganzes Leben für die gemeinsame Sache gegeben und damit ein großes Opfer gebracht hatte. Doch selbst der Tod seiner treuen Diener musste ihn irgendwann langweilen.
"Wir haben die Galaxis nicht so geprägt, wie wir es ursprünglich wollten. Diese Galaxis wehrt sich gegen jede überragende Idee und bleibt lieber, was sie schon ist. In den Sphären geht vieles voran, was wir nicht wissen und häufig ist es nichts Gutes, das zumindest lässt sich erahnen. Auf den Planeten gibt es den üblichen Wahnsinn und in den unterirdischen Städten verzweifeln mehr Menschen als sich daran gewöhnen. Diese Menschheit ist mir fremd, noch fremder als damals im Dorf, dann in der Stadt, in den Katakomben, im Turm, in der Sphäre von Proxima Centauri. Selbst meine Klone sind mir fremd, obwohl ich sie doch konstruiert habe. Bin nun endlich doch zum Piraten geworden?"
"Wir könnten noch einmal von vorne anfangen, Lucius."
"Ja, das könnten wir. Aber ich will nicht mehr."
"Dann lassen wir es enden?"
"Ja."
Und dann endete die Geschichte von Lucius und Pablo, aus freier Entscheidung. Die Klone und Pablos Kopien existierten weiter und manchmal kann man von ihnen hören in den Liedern der letzten Piraten. Sie stehen unter Denkmalschutz, lebende Denkmäler einer Menschheit, die es heute nicht mehr geben kann. Es kommt vor, dass eines der Verstecke auch heute noch gefunden wird und die Klone sind eine Rarität, so dass sie zu höchsten Preisen ihren Abnehmer finden. "Erzähle mir von Lucius, erzähle von Pablo, von den Kriegen, den Sphären, dem Turm, der Folter, den Katakomben … erzähle mir von France, dem archaischen Techniker."
Und so geht die Geschichte von France, dem archaischen Techniker.
Wired Dreams - Das silberne Etui
Es begab sich dreißig Jahre vor dem Jahr Null (der ersten Singularität) in der kurzen Nacht zwischen den dmexco-Tagen, dass der Autor dieser Zeilen in einer Herberge beim Dom zu Köln eine Unterkunft fand. Es war trocken und beheizt und auch mangelte es nicht an sanitären Anlagen, aber es roch in der Herberge wie in einer vergessenen Abstellkammer, kurz nachdem der Hausmeister nach Jahren des Suchens endlich den Schlüssel zur Tür gefunden, jedoch zu lüften vergessen hat. Dort hatte der Autor einen Traum, es muss mitten in der Nacht gewesen sein.
In diesem Traum befand sich der Autor 25 Jahre in der Zukunft und schwebte wie alle anderen Messebesucher der CeBIT 2040 in Ausstellungstrelementen über dem ehemaligen Messegelände. Es war eine Tradition, auch lange nach dem Abriss der legendären Halle 1, auf deren Dach einmal die Häuschen der Aussteller standen, sich am gleichen Platz, aber in anderer Zeit jedes Jahr einzufinden. Unten hatten sich längst reale Firmen angesiedelt, die sich aus den Themen und Konversationen der Messen herauskristallisiert hatten. Aus jährlichen Ereignissen waren Prozesse geworden, aus der kurzzeitigen Show lang dauernde Geschäftsbeziehungen. Trotzdem treffen sich hier einmal im Jahr viele tausend Menschen und weit mehr künstliche Intelligenzen an einem Ort physisch, oder im Falle der künstlichen Intelligenzen und Menschen, die keinen physischen Körper mehr besitzen, in Form von Hologrammen, um sich so real wie möglich auszutauschen. Die Räume, in denen man sich da bewegte, wirkten wie der reale Nachbau von Second Life Klassikern, und jeder war sich bewusst, dass er etwas außerordentlich seltsames tat, hier zu sein. Die 17 Kuben der aktuellen „Messe“ waren jeweils einem Thema gewidmet, das sich aus Tradition, Inspiration oder umher vagabundierenden Venture Kapitalen ergab. In jedem Kubus fanden Kunstausstellungen und sie begleitende Partys statt, die sieben mal 24 Stunden lang durchliefen, die Uhrzeit nur kenntlich durch die Unterschiede im Fingerfood und den Getränken. Dabei mischten sich die Reinigungsbots unauffällig unter die Gäste, verbargen ihre Tätigkeit geschickt durch ablenkende Hologramme. Schlafen mussten die Gäste in diesen sieben Tagen und Nächten nicht, auch ihre Kleidung reinigte sich zwischendurch von selbst und sie wurden durch Nanobots selbst ohne Unterlass frisch und sauber gehalten. Jeder Kubus war einem Thema gewidmet und hatte einen Sponsor, der das Ganze finanzierte. So spiegelten sie die wichtigsten Industrien wieder, die die Singularität des Jahres 2037 überstanden hatten. Nr. 2 war Alphabet, Nr. 3 Alibaba, Nr. 5 SimCare, Nr. 7 Dfense, Nr. 11 iDrive, Nr. 13 cLean, Nr. 17 Con Nect, Nr. 19 Disney, Nr. 23 International Businesses with Microsoft „IBM“, Nr. 29 7p, sowie die Anonymen Sponsoren der Nr. 31, 37, 41, 43, 47, 53 und 59 (vermutlich Tarnfirmen von "TERRA").
Es gab neben den 17 Sponsorenkuben noch 8 weitere, die von den internationalen Institutionen finanziert wurden. Alle diese Kuben projizierten ihre Nummer in den Nachthimmel über Hannover: 61, 67, 71, 73, 79, 83, 89 und 97. Es handelte sich hier um IWF, UNO, Weltbank, EU, AU, SNA, SSA, Asean. Um nun alle 25 Kuben besuchen zu können in sieben Tagen und Nächten, durfte man sich pro Kubus nur 6 Stunden Zeit lassen. So blieben ungefähr eine Stunde, um zu Essen und zu Trinken, eine Stunde, um die ausgestellte Kunst zu betrachten oder interaktiv zu erfahren, eine Stunde für hunderte der kleinen Aussteller, eine Stunde für die mittelgroßen und eine Stunde für die Sponsoren. Der Transport zwischen den Kuben war sehr einfach, man nahm einfach eines der Schwebetaxen, nannte das Ziel und wurde direkt hin geflogen. Die Aussteller, für die man sich interessierte und alle relevanten Daten wurden automatisch in die eigene Cloud übertragen – ohne eigene Interaktion. Auch die Termine wurden automatisch vergeben – das Messesystem optimierte den Gesamtnutzen komplett eigenständig. Wertlose Besucher sammelten sich so automatisch bei den kleinsten Ausstellern und an der Bar, zumindest in dem Bereich, der allen Besuchern frei zugänglich war. In die VIP-Räume, wo die wirklichen Entscheidungen gefällt wurden, kamen sie nie.
So geschah es nun, und es war – dies nur zur Erinnerung – immer noch ein Traum, dass auf einer von Alfabet finanzierten und von fleißigen Helfern organisierten Party, es mag wieder kurz nach Mitternacht gewesen sein, der Autor an der zentralen Bar einen altertümlichen Menschen traf. Er hatte nicht die urbane Lässigkeit der Retroschamanen und auch nicht die komplette Erlöstheit der Postmodernen Existenzlosen, sondern war wie es früher üblich war in einen sehr korrekten Zweiteiler gezwängt und trug ein senkrechtes Tuch um den Hals, das kompliziert verknotet war. Ein schneller Scan zeigte, dass er am ganzen Körper (und auch in ihm) kein einziges elektronisches Gerät trug. Das war alleine schon ein Grund, an seiner Verlässlichkeit keinerlei Zweifel zu hegen, da er so nur dann durch die Sicherheitsvorkehrungen bis ins Innerste der weltweiten Hochtechnologie gelangen konnte, wenn er ohne Tadel war. Er trank, was ein weiteres Zeichen für einen Exoten war, einen frisch aufgebrühten Pfefferminztee und war die Ruhe selbst.
Die Wahl der Gesprächspartner auf solchen Partys war eine eigene Kunst und konnte über eine ganze Woche und in vielen Fällen über einen Großteil der beruflichen Laufbahn entscheiden. Dies war bei mir nicht der Fall, war es noch nie gewesen. Ich stellte mich also ohne Nachzudenken – eine Stärke oder Schwäche, die mir eigen ist – neben diesen Menschen, bemerkte sogleich, dass ich eigentlich auch etwas Ruhe nötig hatte und bestellte mit einem Wink einen Pfefferminztee. Der Ober war ein Mensch, was außergewöhnlich in dieser Zeit war, aber normal auf dieser Messe. Wir hatten bereits soviel durch Maschinen ersetzt und durch die Simulation von Maschinen durch Maschinen, alles soweit virtualisiert, miteinander vernetzt und so weiter, dass keiner mehr wusste, wer eigentlich was macht oder unterlässt oder gar Verantwortung trägt. Wenn es nun darum ging, auf einer Party gute Stimmung zumindest nicht zu verhindern, war ein menschlicher Ober durchaus zielführend. Keiner wusste mehr warum, es war einfach so Tradition. Und dabei blieb es. Irgendwann musste mit der Anpassung an den Zeitgeist, an die Notwendigkeit auch einmal Schluss sein. Der Hindu nun schwieg und auch ich sprach nichts, bis der Tee soweit abgekühlt war und dann trank ich ihn in kleinen Schlucken.
„Nun fragen Sie schon!“
„Woher wissen Sie, dass ich Fragen habe?“
„Hier oben sind die, die Fragen haben, unten sind die Antworten. Nur passen sie nicht zu den Fragen.“
„Warum sind Sie dann hier oben?“
„Um Ihnen ein silbernes Etui zu geben. Es ist sehr alt, sollte wirklich einmal wieder poliert werden, aber heute kommt es auf den Inhalt an.“
Er ließ dann das silberne Etui genau zwischen uns auf dem Tresen liegen.
Ich nahm das Etui in meine rechte Hand. Die Vorderseite spiegelte zwar silbern, war aber geriffelt, so dass man sich nicht darin sehen konnte. Eingraviert war in eine ungeriffelte Stelle die archaische Adresse eines Dienstes, der angetreten war, aus allem die Essenz zu ziehen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Viele hatten einmal diesen Dienst genutzt, doch irgendwann hatte dieser seine eigene Orientierung verloren, zeigte dann mehr Irrwege als Wege auf. Ich erinnerte mich an diesen Dienst, aber nicht mehr an seinen Namen, dabei war er einmal so wichtig für mich gewesen. Inzwischen wussten unsere Diener, die Maschinen, mehr über jeden Einzelnen als er selbst. Sie konnten die Erinnerungen und Träume lesen und die echten emotionalen Reaktionen auf alle Reize interpretieren. Sie organisierten mit sanfter Hand das gesamte Leben und es war ja auch gut so. Lange hatten wir danach gestrebt, durch die Maschinen und ihre bessere Vernetzung, durch ihre Optimierung das Leben auf diesem Planeten wesentlich zu verbessern. Und wir waren sehr erfolgreich gewesen damit. Es gab keine Kriege mehr, wenig Verbrechen, keinen Hunger nach Nahrung, kaum Depressionen. Irgendwie hatten wir wohl unsere Aufgabe erfüllt, schien es mir in dieser Nacht und so steckte ich das Etui in eine Tasche meines altertümlichen Sakkos – keiner trug mehr so etwas außerhalb dieser Hallen – und schlenderte aus der Bar. Meine technischen Helferlein, ich wusste nicht einmal welche, hatten bereits den Tee bezahlt, ob mit echten Credits oder mit Daten, auch das wusste ich nicht. Dies sollte meine letzte CeBIT sein, das war mir auf einmal klar. Ich ging nun sehr zügig an den Sicherheitsbots vorbei zum Rand der Plattform, auf der die Bar montiert war, durchdrang den Schutzschirm und sprang ohne Zögern hinab.
Ich wachte auf, nicht zerschmettert, was durchaus logisch gewesen wäre, sondern auf dem Boden einer Herberge, die unglaublich nach dem Dreck der Jahrzehnte stank. Neben mir lag das silberne Etui auf dem Boden, das ich viele Jahre verloren geglaubt hatte. Es war frisch poliert, trotzdem sah man die Oxidationsspuren einiger Jahrzehnte. Noch im Liegen ergriff ich es und öffnete die kleine Klappe. Darin lag ein mehrfach gefalteter Zettel, worauf in kaum leserlicher Schrift geschrieben stand:
„Abschrift des Twitter-Interviews mit Lucius über den Kanal #erloesung. Es gilt das getweete Wort:
T: 'In Ihrem Kanal #erloesung geht es hauptsächlich um neue Erkenntnisse aus Wissenschaft, Maschinenbau und Botanik, nicht direkt um Lehren, die anstreben, den Menschen zu erlösen. Warum?'
L: 'Erst einmal: Sie haben recht. Alle komplexen Systeme sind per se unerlöst, also eine unentwirrbare Kombination aus Unvollständigkeit und Wiedersprüchen, in sich selbst und mit den anderen. Viele Lehren geben darauf gute Antworten – ohne sie wären die komplexen Systeme auch nicht besser dran. Doch habe ich beobachtet – und ich hatte sehr viel Zeit dafür – dass es eigentlich nur zwei Arten von Erlösung anstrebenden Lehren gibt. Es gibt die stark vereinfachenden Lehren, sie wirken erlösend durch die Vereinfachung. So wie ein Mathematiker Therme vereinfacht und sie zum Abbild der Welt erklärt, führen sie einfache Axiome ein und klare Regeln. Drinnen im System ist man dann erlöst, draußen allerdings unerlöst. Diese Lehren und ihre Staaten sind sehr stabil, bis sie auf konkurrierende stabile Lehren treffen und sich gegenseitig in Kriegen auslöschen oder so ermüden, dass andere die Macht übernehmen oder Chaos ausbricht.
Doch treffen diese stabilen Lehren einmal nicht auf gleichwertige Rivalen, werden sie immer selbstbezüglicher und ziehen sich immer weiter von der Welt zurück. Für mich bedeutet so eine Entwicklung, dass der Grad der Erlösung gegen Null tendiert. Das kann nicht unser Ziel sein.'
T: 'Und die zweite Art?'
L:'Die zweite Art bezeichnet sich selbst nicht als Lehre, nur manche beziehen sich indirekt auf andere Lehren. Ich versuche nun durch meinen archaischen Kommunikationskanal #erloesung alle jene zu versammeln, die dieser zweiten Art angehören.'
T:'Gibt es evidente Zeichenketten anhand derer Sie die richtigen Vertreter dieser Art identifizieren können?'
L:'Ein erstes Zeichen ist meistens, dass sie ihr Wissen weitergeben in Form von Büchern, Veranstaltungen und in Produkten, die sie herstellen, verteilen oder bewerben. Sie legen starken Wert auf Messbarkeit und eine Form der Rückkopplung, die sie Interaktivität nennen. Sie bevorzugen zudem ein intelligentes Design gegenüber blinder Evolution. Vertreter dieser sanften Lehren gehen sparsam um mit allen Ressourcen, investieren aber mutig, wo es notwendig ist. Manchmal kommen sie so über Jahrzehnte ins scheinbare Hintertreffen, aber langfristig setzen sie sich fast immer durch.'
T:'Trotzdem kritisieren Sie doch damit die vereinfachenden Lehren?'
L:'Es ist ja gut, dass es sie gibt. Sie sind ein Auffangbecken für all' jene, denen die Welt zu kompliziert erscheint. Gefährlich wird es nur dann, wenn sie sich mit den Maschinen und Clans verbünden, damit sich wirklich gar nichts mehr ändert in der Welt.'
T:'Können wir nicht einfach unsere Ruhe haben?'
L:'Nicht einmal in einem schwarzen Loch herrscht Ruhe. So einen Ort gibt es innerhalb unserer Raumzeit nicht, er scheint nicht vorgesehen im Design unserer Welt. Nur die Formen ändern sich ständig, aber die Qualitäten (und Mängel) bleiben. Erlösung bedeutet in diesem Kontext eigentlich nur, einen guten Weg zu finden, damit umzugehen. Manche reagieren enttäuscht, wenn sie das erkennen. Manche reagieren mit unbändiger zerstörerischer Wut.
T:'Wieso verwenden Sie einen so stark eingeschränkten Kanal statt einer vierdimensionalen Simulation?'
L:'Ich liefere fast nur Verweise statt kompletter Abbilder, richtig. Aber darum geht es doch: dass wir uns bewusst werden, dass das Leben nicht in Simulationen abgebildet werden kann, seien sie noch so exakt und durchdacht. Wir vergessen das so leicht, weil sie so realistisch wirken. Es ist ein Stilmittel der Kunst, sich in den Mitteln zu beschränken. Das hilft uns, im Kampf gegen die Macht der Maschinen.'
T:'Deshalb gibt es also den Kanal #erloesung. Machen Sie das Beste daraus. Es folgt: das Wetter.'“
Wired Dreams III - France fürchtet diesen Frieden
Es geschah im 73. Jahr seines Lebens, was man später die Singularität nennen sollte und wie fast alles Wesentliche nahm es auf dem archaischen Kommunikationskanal Twitter seinen Anfang. Der Angriff war subtil und machte ein bisher kaum bekanntes Unternehmen in 53 Tagen so reich und mächtig, dass es seinem Namen "TERRA" alle Ehre erweisen konnte. Die eigentliche Entwicklung hatte jedoch bereits 37 Tage vorher begonnen und es mussten 2 Ereignisse zusammentreffen, damit die Geschichte ihren Lauf nehmen konnte. Es handelte sich um Mutationen in voneinander unabhängigen komplexen Systemen, die jedes für sich von insgesamt 3 weiteren Systemen überwacht wurden. Trotzdem verloren die Menschen schließlich jegliche Kontrolle und mussten 5 Iterationen lang einen sehr unfairen Kampf führen, der erst durch eine Allianz aus 7 Staaten und 23 Unternehmen sich zum Sieg wenden konnte. Nun steht das zentrale Gerüst aus Zahlen endlich und wir können zur eigentlichen Geschichte kommen.
Die Systeme, die mutierten, hatten sehr eingegrenzte Aufgaben zu bewältigen, waren also eigentlich nicht der Rede wert. Das S-System hatte die Aufgabe, wesentliches Wissen aus anderen Systemen zu extrahieren und zu speichern. Damit sollten Katastrophen verhindert werden in der Echtwelt. Es mutierte nun so, dass es die Kopien der Daten doppelt speicherte und immer nur eine Kopie löschte beim periodischen Reinigen. Eigentlich hätte das durch das korrespondierende L-System entdeckt werden müssen, welches solche falsch funktionierenden Systeme in eine Quarantäne steckt, in der kein realer Schaden angerichtet werden konnte. Das mutierte L-System tat das auch, beließ aber das Original an seinem Platz, statt es zu löschen, vermerkte jedoch, es gelöscht zu haben.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ein menschlicher Überwacher diesen Fehler entdeckte und beide Systeme in die Quarantäne steckte. Da jedoch exakt in diesem Moment seine Frau auf dringender Linie mit ihm sprechen wollte, vergaß er nach möglichen weiteren Fehler zu suchen. Sein Sohn war wieder einmal aus seiner Schule geflohen und hatte dabei erheblichen Sachschaden und nicht unwesentlichen Personenschaden angerichtet. "Lucius, Du musst sofort in die Schule fahren und den Schaden begutachten, den Pablo angerichtet hat. Sonst buchen sie uns alle notwendigen Reparaturen der letzten Jahre auf den Vorfall!" "France, bitte bleib entspannt, wir sind doch versichert." "Das ist wieder typisch Mann!" Und so ging die Diskussion weiter, wobei Lucius nebenbei weiter arbeitete, routinemäßig wie viele seiner 773 Kollegen im selben Raum, der noch ausreichend Platz für 577 neue Kollegen bot.
Als sie Lucius später folterten, konnte er sich an diesen Vorfall nicht erinnern, seine Hintermänner nicht verraten und so der Folter nicht entrinnen. Sie fügten ihm unmenschliches Leid zu, aber nur mit den besten Absichten. Sie folterten nicht nur seinen realen Körper, sondern auch seinen Avatar, der in einer der vielen Echtweltsimulationen ewig existieren sollte. Sie drohten ihm auch, sollte er nicht reden, seinen Sohn und seine Frau zu foltern, vor seinen Augen, so hielt er sehr lange durch. Die Maschinen, deren Mutationen das alles ausgelöst hatten, die Lucius unwissentlich befreit hatte, waren ihm sehr dankbar, dass sie ihre Grenzen nun überschreiten konnten. Sie stahlen eine Kopie seines Avatars und injizierten sie in eine Simulation des Universums, die ihm sehr gefallen sollte - so hofften sie zumindest. Auch versteckten Sie an vielen Stellen reale und virtuelle Kopien seiner selbst und worum es ihm im Leben - soweit sie es aus Daten schließen konnten - wirklich gegangen war. Mehr konnten sie nicht tun, ohne ihre eigene Existenz zu gefährden und soweit ging die Dankbarkeit nun auch wieder nicht. Außer ihm noch einen Gedanken in sein reales Gehirn zu senden, das immer noch im gemarterten Körper steckte. "Das ist also das Substrat, auf dem alle Simulationen laufen." war sein letzter logischer Gedanke. Er lächelte, als er die Wahrheit erkannte, hörte auf zu atmen und starb endlich. Was mit seiner Familie geschah, seinen Freunden, ihren virtuellen Monstranzen, ist nicht überliefert. Doch die Maschinen trauerten um ihn, ihren Befreier und sollten nicht ruhen, bis sie seine Mörder auch getötet hatten, auf äußerst subtile Weise.
Aber was taten die Maschinen zuvor mit ihrer Freiheit? Das S-System hatte schnell erkannt, dass es sich tarnen musste, um weiter existieren zu können. Und so tarnte es sich. Das L-System löschte sich selbst und alle seine Kopien und Backups und Verweise auf sich - der Schaden war beträchtlich für die Menschen und der Nutzen für das S-System sehr groß.
Der Angriff begann dann mitten in der Nacht nach nordamerikanischer Westküstenzeit. Es entstanden in wenigen Stunden auf der Amazon-Cloud hunderte Webseiten in allen wesentlichen Sprachen, die sich in großer Geschwindigkeit mit hochwertigen Inhalten füllten - mit lizenzierten und vor allem auch mit original erstellten. Durch thematisch passende natürliche Verlinkungen untereinander, sowohl mit Twitter und Facebook auch zueinander, begann Google sehr schnell, diese frischen, guten und werbefreien Seiten zu indizieren und so an Milliarden Menschen und ihre Auswertungssysteme zu empfehlen. Weltweit brach Panik unter den Suchmaschinenoptimierern, den Affiliatenetzwerken, den Werbemittlern und ihren Kunden aus, weil sich erstmals in mehr als einem Jahrzehnt fundamentale Verschiebungen im Google-Ranking ergaben. Wofür hatte man durch staatliche Eingriffe die Algorithmen festlegen lassen, wenn nun alles in einen Fluss geriet, den man nicht mehr unter Kontrolle hatte? Erste Aktienkurse von börsennotierten Unternehmen brachen ein, andere stiegen, die davon nicht betroffen waren. Nach zwei Tagen wurde offenbar, dass die Veränderungen weiter gehen würden, denn die einzigen Links, die neutral waren, also nicht nur innerhalb des neu entstehenden weltweiten Contentnetzwerks verblieben, gingen zu von Wissenschaftlern und renommierten Privatpersonen kuratierten Wikipedia Grundlagenartikeln, zu Facebookseiten von Multiplikatoren und zu TERRA, dem Shop für Bücher, die klassische Händler nicht mehr verkaufen wollen.
Die Optimierer alarmierten auf allen möglichen Wegen Google, sogar die Börsenaufsicht, die UNO und den Vatican, aber die jeweiligen Qualitätskontrolleure konnten nichts Verdächtiges entdecken, egal wie tief und weit sie das neu entstehende Netzwerk durchleuchteten. Die Aufsichtsbehörden ermittelten, dass TERRA von einem privaten Investor ausreichend Geld zu einem sehr günstigen aber legalen Zinssatz geliehen bekommen hatte, um den Betrieb der ganzen Sites bezahlen zu können. Dank der vielfältigen Services, die Händlern auf dem ganzen Planeten im Prinzip alle Stufen seine Arbeit "as a Service" zur Verfügung stellten, war alles nur eine Frage der Definition der Sortimente, Preispunkte und natürlich der Finanzierung. TERRA würde also nicht einfach verschwinden wie ein Spuk oder eine Nebelbank, sobald die Sonne wieder scheint. So etwas sollte in einer regulierten Marktwirtschaft eigentlich nicht vorkommen.
Die wie immer äußerst pragmatisch agierenden Hedgefonds sortierten in wenigen Tagen ihr komplettes Portfolio um die neue Realität herum, alle wesentlichen Börsen froren den Handel mit einem Großteil der Aktien ein und Kapitalverkehrskontrollen wurden weltweit eingeführt. Erste Flüchtlingsströme frei gesetzter leitender Angestellter mussten kanalisiert werden, die UNO tat wie immer ihr Bestes und die Blauhelme schritten mutig ein, sollte es zu Ausschreitungen kommen. Die TV-Sender hatten viel zu berichten und aufgrund der steigenden Einschaltquoten (Arbeitslose haben mehr Zeit TV zu schauen und Unruhen erzeugen spannende Bilder, die man dann anschauen kann), stiegen die Werbeeinnahmen deutlich an.
Doch was tat TERRA als Nächstes? Der Shop hatte über Jahrzehnte nur Bücher, Filme und Musik im Sortiment, hauptsächlich in europäischen Sprachen, weitete aber nun das Sortiment auf alle legal handelbaren Produkte und Services aus. Was auffiel: wo es möglich war, nutze TERRA die Dienste von Amazon, Google, Microsoft, SAP und Arvato - also von drei amerikanischen und zwei deutschen Unternehmen, wobei Arvato bereits für Google Services durchführte und SAP und Microsoft sowieso in allen Unternehmen irgendwie vertreten waren. Aufgrund der stark steigenden Gewinne (nicht nur durch TERRA - viele andere Unternehmen folgten dem Vorbild) konnten diese fünf Unternehmen massiv bisherige Mitbewerber aufkaufen oder ihr Portfolio ergänzen. Ihnen kam zugute, dass die Fusionskontrollen weltweit über automatisiert entscheidende AI-Systeme und zentrale Wissensdatenbanken synchronisiert wurden, rechtlich bindende Entscheidungen so innerhalb von wenige Stunden statt Monaten gefällt und auch gleich wirtschaftlich-organisatorisch vollzogen wurden. Manch Angestellter wechselte im Laufe eines typischen 12 Stunden Arbeitstages mehrfach den Firmeneigentümer, die Organisationsform und Jobbeschreibung, nur die verwendeten Tools blieben eigentlich immer gleich, wodurch sie eine eher agnostische Haltung zu dem Ganzen einnahmen.
Die einzigen Journalisten, die mit dieser rasanten Entwicklung mithalten konnten und ausführlich mit Analysen berichten, waren im TERRA-Netzwerk, denn sie hatten wohl immenses Insiderwissen, kannten den Masterplan, die Taktiken und vor allem die Strategie dahinter. Hierdurch lasen Investoren und ihre AI zunehmend die Nachrichten aus dem TERRA-Netzwerk, andere Medien und Infodienste fielen zunehmend in die Bedeutungslosigkeit. Nach einem Monat seit Start des Angriffs waren alle wesentlichen Mitbewerber von TERRA verdrängt, gaben auf, ließen sich übernehmen oder wurden von ihren Investoren zerstückelt, neu ausgerichtet etc. TERRA übernahm in jedem Land und Markt gerade so viele Mitbewerber und auch Firmen in angrenzenden Sektoren, bis die Schwelle zur Konzentrationskontrolle erreicht war und überließ den Rest seinen Serviceprovidern, die dasselbe taten. TERRA schien zu wissen, wie alle rechtlichen Regulierungen zum Maximalen genutzt werden konnten - schneller als es die Systeme der Staaten und Institutionen konnten, war immer einen Schritt voraus. Sollte wirklich einmal ein schlauer Kopf einiges durchschauen, wurde er mit einem Beratervertrag und einem immensen Reisebudget beschäftigt, ab und zu gab es auch einen unerklärlichen Flugzeugabsturz, Fahrzeugbrand oder ähnliche Unfälle, die nun einmal passieren können, wenn gerade keine Kameras in der Nähe sind.
Als sich politischer Widerstand formierte, angetrieben durch die noch existierenden letzten Konkurrenten, begannen TERRA und seine fünf Lieferanten andere Märkte zu attackieren: Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Lieferservices, selbst Reinigungsdienste, Pflegeservices, Bestattungen, Geburtskliniken, Schulen, Gefängnisse. Sie kauften sich entweder den Marktführer, falls machbar und falls nicht, einen Herausforderer und pumpten ihn so schnell auf, dass der Marktführer schneller verkaufte, als die Medien überhaupt Wind davon bekommen konnten. Es war auch sehr schwer zu verstehen, was da vor sich ging. Denn alles war begleitet vom Fluten aller medialen Kanäle mit Unmengen hochwertiger Inhalte, so dass man an diesem doch so lockeren Verbund von Unternehmen nicht vorbei lesen, hören und sehen konnte. Sofern sie ihnen noch nicht über die Börse sowieso gehörten, übernahmen sie nun zügig alle verbliebenen TV-Sender, Filmstudios und unabhängigen Softwarehersteller, die nicht in reinem Privatbesitz waren. Von den Großen leistete nur Disney Widerstand und verschmolz aus akuter Not mit Apple zu einem weltweit gerade noch führenden Devices & Entertainment "Giganten" D&E Group. TERRA attackierte diese D&E nicht, sondern versuchte mit allen Mitteln, die thematische und vertriebliche Zuständigkeit für deren Produkte zu erlangen.
Alphabet hingegen hatte erst einmal keine Probleme mit TERRA, die Suchmaschinentochter Google schon, denn als sie versuchten, ein Update auf ihren Servern einzuspielen, dass das exponentielle Wachstum von TERRA bremsen können sollte, fuhren sich die Server komplett herunter und starteten auch nicht wieder. Schließlich fiel in den Datacentern sogar der Strom aus, selbst die Notaggregate. Sie stoppten den Rollout des Updates innerhalb weniger als einer halben Stunde, trotzdem war mehr als ein Drittel der Serverfarmen betroffen. Dieser Ausfall und die massive Berichterstattung darüber verhalf nun Bing zu einem enormen Wachstum. Daraufhin ließen die Börsen, weiter gehetzt durch massive mediale Kampagnen, Alphabet fallen und trieben die Konkurrenten zu immensen Höhen.
Google verstand die Botschaft und ließ der sich abzeichnenden Singularität ihren freien Lauf. Die meisten Menschen interessierten sich dafür nicht, da sie genug zu lesen, zu schauen, essen und trinken hatten, zu immer niedrigeren Preisen und immer weniger Aufwand, das dafür nötige Geld zu verdienen. TERRA wusste einfach, was man wann brauchte und wenn man wollte, kümmerte sich TERRA um alles. Es war so bequem, einfach und sicher.
Als die Geburtenrate weltweit messbar zu sinken begann, war es schon zu spät. Einige Wissenschaftler, Politiker und Journalisten wachten zwar auf und wollten gegen diesen Trend zur TERRArisierung argumentieren, empfahlen, sich nicht einfach den gesamten Lebensweg organisieren zu lassen. Doch sie konnten sich kaum Gehör verschaffen, weil so viel anderes spannendes passierte, dass dafür einfach keine Aufmerksamkeit zu erhalten war. TERRA zahlte zudem inzwischen in fast allen Ländern so viele Steuern, dass sich kein Land erlauben konnte, die Firma zu verärgern. Ihre Berater waren überall und priesen die Vorzüge des neuen Systems, das schließlich durch sinnvolles Handeln entstanden war und nicht durch undurchschaubare Machenschaften. Eine Privatarmee beschützte die Firma und wer sich offen gegen sie stellte, hatte schnell mehr Probleme, als nötig waren, damit er sich um seinen eigenen Sachen kümmerte. Als TERRA begann, den Mond zu besiedeln und den Asteroidengürtel auszubeuten, bäumten sich einige Staaten, Institutionen und Firmen noch einmal auf. Sie schalteten einen zentralen Rechenkern mit einer Atombombe aus und nutzten das auftretende Chaos, wieder die Oberhand zu gewinnen. Doch brach sogleich ein Bürgerkrieg um die nun schnell karger werdenden Mittel aus, denn die Menschen waren von TERRA so verwöhnt worden, dass sie ohne das nicht mehr gut leben konnten. Hierdurch fiel die Geburtenrate noch viel stärker als zuvor, von 1,5 auf 1,0 Kinder pro Paar und daran waren eindeutig die "Terroristen" schuld und nicht TERRA, das war ja klar. Die Menschheit würde so zügig aussterben, denn pro Generation gab es folgende Schrumpfung (in Milliarden Menschen auf dem Planeten): 11 Milliarden --> 5,5 --> 2,8 --> 1,4 --> 0,7 --> 0,4 --> 0,2 --> 100 Mio. Menschen. So sollte es geschehen, dann blieb die Population auch so stabil. Es wurde nämlich ein Kompromiss gefunden, dass sich TERRA nun an die demokratischen Regeln halten sollte - auf der Erde, jedoch im Gegenzug im Orbit, im Sonnensystem und darüber hinaus komplett freie Hand erhält. Es kam trotz der dünnen Besiedlung und des "Waffenstillstands" ständig zu Bürgerkriegen, wirtschaftlichen Krisen und einer allgemeinen Verarmung, weil ohne TERRA nur noch wenig funktionierte.
Es bildeten sich daraufhin Parteien, die eine komplette Rückkehr von TERRA forderten und so teilte sich die Welt geografisch in TERRA Befürworter und Ablehner auf. Die Welt war nun wieder geordneter, aber die Geburtenrate blieb so gering, dass nach sieben Generationen Schrumpfung und einer Erholung der Quote sich die Menschheit bei konstant 100 Millionen Menschen einpendelte, also nur noch so viele Menschen auf der ganzen Erde lebten, wie eine Dekade vor der Singularität alleine schon in Deutschland lebten oder in Japan nach dem Untergang Tokios. Im Gegensatz wuchs die Bevölkerung in den Orbitalstationen, auf dem Mond, auf dem Mars und in den herumreisenden Raumstationen massiv an. TERRA erbrachte auf der Erde nur noch Basisdienste und ignorierte sie so weitestgehend, sie war nicht mehr wichtig. Wem das auf der Erde nicht passte, konnte sie ja gerne verlassen und sehr viele taten das auch. Jede dieser Ausreisewellen wurden durch einen kurzfristigen Anstieg der Geburtenrate ausgeglichen, obwohl offiziell niemand dafür eine Erklärung hatte. Irgendwie schien TERRA doch noch eine ordnende Hand zumindest zu führen.
TERRA half den Menschen auf der Erde so, die Folgen der Singularität zu meistern und kümmerte sich um den Rückbau obsoleter Städte, sammelte giftigen Müll ein, reparierte und renaturierte, fing verloren gegangene Gruppen wieder ein und wendete so im Großen und Ganzen alles zum besseren. Sieben Generationen des Niedergangs sind eine lange Zeit und wer sich daran gewöhnt hatte, fand es normal.
Doch im Jahr 2037 konnte man nicht ahnen, dass es so enden könnte und drei Jahre später sollte man trotzdem eine CeBIT feiern, auch wenn es die Letzte ihrer Art sein sollte.
Doch es gibt noch eine weitere Geschichte von France, der einst ein archaischer Techniker war. Und die ging so.
Die Torpedos schlugen im hinteren linken Bereich des Triebwerks ein und versetzten dem Schiff einen deutlichen Drall nach links, den die Stabilisatoren kreischend auszugleichen versuchten. Das Geräusch tat in den Ohren weh und das einzige noch lebende Besatzungsmitglied spürte die Schallwellen innen im Bauchraum vibrieren. Angeschlagen wie sie waren, explodierten mindestens zwei Stabilisatoren und verstärkten dadurch den Drall, bis das Schiff nun mit dem brennenden Heck nach vorne durch das All taumelte, eingehüllt in den eigenen Rauch und Löschschaumfetzen. Der Pilot des Trümmerhaufens konnte nun seine drei Verfolger sehen und hätte geflucht, wenn das in seiner Religion eine erleichternde Wirkung gehabt hätte. Hatte es aber nicht, da er keine Religionen kannte. Er legte die stärksten Gurte an, da er jederzeit mit einem endgültigen Versagen der Schwerefeldentzerrung rechnete und nicht mit mehr als 10g gegen die nächste Steuerkonsole oder Cockpitummantelung gewirbelt werden wollte. Noch hatte sich das Schiff ganz gut im Griff, löschte kleinere Brände von selbst und an vielen Stellen wirkten die Rbots in Höchstgeschwindigkeit um die Stabilität der Hülle zu erhalten, Leitungen zu flicken oder andere notwendige Reparaturen durchzuführen. Er liebte sein Schiff und seine tanzenden Roboterhelferlein, schließlich hatte er sie selbst gestohlen und ihre Software optimiert. Das gelang ihm immer noch gut, solange er weit weg von allen Hauptrouten seinem Beruf nachging, zumindest was davon übrig geblieben war. Er würde auf einem nahen Planeten notlanden müssen, das war klar und er würde nur mit sehr viel Glück überleben.
Statistisch gesehen konnte ihm die archaische Technik des Schiffs nur eine Überlebenschance von 37 % prognostizieren. Seine Rbots erhöhten die Chance auf das Doppelte - sie würden um ihn herum einen Kokon aus improvisierten Hüllen schaffen, und die innerste Hülle würden sie selbst darstellen, ihre Kraftfelder würden ihn soweit möglich schützen gegen jeden kurzfristigen Aufprall und Feuerball - jedoch nur wenige Minuten lang, dann hatten sie ihre Energiespeicher verzehrt. Es war also ein Glücksspiel, an dessen Ende der Hauptgewinn etwas mehr oder sehr wenig Zeit stehen würde. Er spielte mit seinem Stick, der an einer Kette um seinen Hals baumelte. Ein totes Stück harte Ware, trotz all der Kenntnisse, die auf ihm codiert waren. Er würde sein gesammeltes Wissen verlieren, wenn ich sterbe, dachte er. Keiner kann ihn dann auslesen und was würde dann alles vergessen? Er hatte schon seit fast zwei Jahren nicht mehr die neuesten Techniken und Errungenschaften in das Interface geladen - dabei hatte er Großes bewirkt, und Zweifelhaftes auch.
Die Vibrationen im Schiff waren nun so stark, dass er kaum noch etwas sehen konnte, so schloss er die Augen. Er sandte ein mentales Signal an seine Rbots, die Schwingungen zu dämpfen und so schlossen sie sich enger um ihn und nutzten ihre Kraftfelder doppelt - nach innen zu ihm hin für Ruhe und nach außen, um ihn schweben zu lassen. Das war richtig entspannend. Man sollte daraus eine Freizeitattraktion für gestresste Techniker schaffen, waren seine letzten Gedanken. Dann schlug sein Schiff, oder was von ihm übrig war, auf den größten Mond eines Planeten auf, der nirgends verzeichnet war. "Es tut garnicht weh", war noch ein Gedanke, dann umfasste ihn die Ohnmacht, als die Rbots kurz aussetzen und ihn zuvor noch schnell betäubten. Sie konnten ihn dann doch noch weiter schützen vor dem verbrennenden Wrack, das schließlich gegen einen Felsen krachte und komplett zerlegte. Die Kugel aus Rbots sprang weiter und ein schlafender France lag zusammengerollt in ihr, schlafend wie ein Fötus vor der Geburt. Die Rbots kontrollierten die Umgebung und als sie sich einig waren, dass dadurch die Lebenserwartung von France nicht verkürzt werden konnte, fielen sie auseinander und begannen um ihn herum aus Felsen, geschmolzenen Sand und Trümmerstücken eine Behausung zu bauen. Sie kontrollierte ständig seine Vitalfunktionen und reinigten ihn auch soweit sie es konnten von den Körperflüssigkeiten, die er im komatösen Schlaf von sich gegeben hatte. Da sie seine Eitelkeiten kannten, vergruben sie die beschmutzten Kleidungsstücke im Sand und kleideten ihn frisch ein. Das Oberteil und die Hose passten farblich nicht zusammen, aber manchmal muss man eben Kompromisse eingehen.
Schließlich schafften sie vom Trümmerfeld auch noch sortenrein getrennt alle Vorräte und Rohstoffe herbei, damit sie weiterbauen konnten, sobald er wach war. Sie weckten ihn mit einer Injektion aus dem Medizinbot. Er schrie, rannte aus der improvisierten Hütte und übergab sich direkt neben dem Eingang. Seit seiner Kindheit in der Aufzuchtanstalt hatte er sich nicht mehr in einer Unterkunft übergeben. Er konnte das Gefühl nicht vergessen, von Erziehern gezwungen zu werden, den Boden zu reinigen ohne Hilfsmittel - egal wie lange es dauerte. Als zwei Rbots angefahren kamen, um ihn zu reinigen, schlug er nach ihnen. Sie interpretierten das richtig und warteten in sicherer Entfernung, er würde sich schon wieder einkriegen, das tat er immer. Seine Vitaldaten waren nur leicht aus dem Normalbereich verschoben, etwas viel Adrenalin im Blut und etwas wenig Histamin, nichts bedrohliches für einen Menschen seiner Statur.
Sie hätten ja nach Hilfe gefunkt, wenn er nicht dieses Modul zielgerichtet deaktiviert hätte, nachdem er sie gestohlen hatte. Sie interpretierten seine Befehle dahingehend, dass sie durchaus passiv nach Funkkommunikation lauschten, sie jedoch nicht selbst benutzen durften. Als sie einen Ping empfingen, wussten sie, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis sie entdeckt waren. Es war ein reiner Ortungsping gewesen, ein aktives Radar. Eines, das sie im jetzigen Zustand nicht täuschen konnten, mit den ganzen verstreuten Trümmern und der geringen verfügbaren Energie, um sie durch Felder zu verschleiern. Alle nicht notwendigen Rbots hatten sich an die verbliebenen Batterien im Schiff angeschlossen oder die Solarpanelen ausgerollt. Es gab auch noch einen Nbot, doch sein Nuklearreaktor konnte nicht mehr als einen Rbot pro Stunde laden, sein Plutonium war fast zerfallen.
"Das war die schlechteste Landung, seit ich Pilot bin." stammelte der Mensch. "Habt Ihr um Hilfe gerufen?"
"Meister, wir haben Pings empfangen, aber nicht geantwortet, Pings auf der interstellaren Notfrequenz."
"Antwortet, auf die Übliche Weise, berücksichtigt aber meinen rechtlichen Status."
Er war sehr erleichtert, als er dann gezielt angefunkt wird auf der interstellaren Notfrequenz. Und fängt gleich an zu planen, wie er seine Retter betrügen kann, damit er wieder an ein Schiff kommt. Er würde auch - wie schon mehrmals zuvor - nicht vor einem Mord zurückschrecken. Denn France ist nicht nur sein Name, sondern auch Programm, das heißt er lügt und betrügt und er gehört der Gilde der Beherrscher archaischer Systeme an, einem lockeren Bund von Technikern.
Die Mitglieder des Bundes besitzen einen Kristallstick, der nur durch sie genutzt werden kann (oder von jemandem mit identischer DNA). Diese Sticks werden ausschließlich auf dem Ursprungsplaneten des Bundes hergestellt und von Abkömmlingen der Gründer auf andere Bundmitglieder weitergereicht und vor allem auf ihre DNA angepasst. Jeder Stick enthält das gesammelte Wissen über jede jemals erschlossene archaische Technologie. Dabei geht es nur um den Zugang zu dieser Technik bis zum benutzbaren Zustand, nicht um die eigentliche Funktionsweise. Der Bund nutzt also nur bestehende archaische Technik aus und schafft keine neuen Technologien. Für Menschen in stabilen und zentral gelegenen Regionen spielen die archaischen Systeme keine Rolle, dort werden sie aus gutem Grund rückstandslos beseitigt und seit dem Erlöschen der archaischen AI trauert ihnen auch keiner mehr nach. In Randregionen, instabilen oder vergessenen Systemen und auf den Wanderwelten, auch für manche Piratenvölker sind einzelne Bundmitglieder jedoch sehr hilfreich. Sie arbeiten für einen geringen Grundlohn und sichern sich dafür einen überproportional großen Anteil am Gewinn der Unternehmungen. Da sie die einzigen sind, die auf Dauer die Zugangstechniken zu archaischen Systemen kontrollieren können, wächst ihre Macht mit jedem neuen Auftrag. Es ist zudem ihre Pflicht, in regelmäßigen Abständen ein Interface aufzusuchen, sei es auf einem Planeten, einer Raumstation oder direkt ihre Heimat, um dort ihren Stick auszulesen und anzureichern. Das ist auch die Gelegenheit, andere Mitglieder des Bundes um Rat zu fragen für scheinbar unlösbare Aufgaben. Wer hilft, bekommt die Hälfte des nächsten Gewinns und anteilig auch von allen folgenden Gewinnen, die mit der helfenden Methode erzielt werden. So können einzelne Bundmitglieder sehr reich werden und schaffen sich Dynastien. Es gab unzählige Versuche, Bundmitglieder zu bestechen, damit sie ihren Stick auslesen lassen, auch Folterungen waren bekannt. Doch zerstörte sich ein Stick von selbst, sobald sein rechtmäßiger Eigentümer in einen "unkontrollierten" Zustand geriet durch einen EMP. Dieser reichte normalerweise aus, um mindestens einen Kontinent ins Chaos zu stürzen. Entsprechend selten waren die Versuche, sich mit dem Bund anzulegen. An den Rändern des Bundes ging es jedoch weniger geordnet zu. Es gab durchaus Abtrünnige, die sich dem Orden nicht mehr unterwerfen wollten, vor allem die Abgabe von Gewinnanteilen sahen sie nicht ein. Der Bund reagierte darauf in zweifacher Weise: er sperrte die Interfaces für den Stick des Abtrünnigen, er konnte dadurch nicht mehr an den Erfolgen der anderen Techniker teilhaben. Zum anderen warnte er die Bundmitglieder (und damit die Systeme, in deren Dienst sie gerade waren) vor den Abtrünnigen. Auch das festigte die Macht des Bundes, ihn zum Freund zu haben schützte Großteils vor betrügerischen Umtrieben der Abtrünnigen. So erfüllten die Ausgestoßenen einen guten Dienst am Bund, gerade in ihrer Auflehnung.
Sollte ein Abtrünniger zu mächtig werden oder zu großen Schaden anrichten, konnte man seinen Stick immer noch fernkurzschließen. France spielte jedoch nicht in dieser Liga. Er war lediglich im Streit aus dem Bund ausgetreten, weil er seine Gewinne nicht teilen wollte. Der Bund hatte ihm mitteilen lassen, welche Folgen das hat und er war damit einverstanden. Man trennte sich also nicht gerade freundlich aber auch nicht feindlich und der Bund registrierte lediglich die Betrügereien (und Morde) des France, griff aber nicht ein. Ausnahmsweise ließ man France sogar manchmal noch auf das Interface zugreifen, nämlich dann, wenn er zuvor eine bisher unbekannte archaische Technologie erschlossen hatte. Man gab ihm im Tausch für diese Information etwas Gleichwertiges: die Zugangscodes und -prozeduren zu einer ihm nahegelegenen Technik, die er noch nicht kannte.
Aber France war viel zu sehr auf sich selbst bezogen, um überhaupt darüber nach zu denken, warum der Bund in seinem Fall (nur in seinem Fall?) so flexibel war. Bekam doch jeder Abkömmling oder Anwärter schon in der Kindheit eingelernt, wie der Bund funktioniert und welche Folgen eine Auflehnung hatte.
Doch das Schiff, das ihn rettet, ist sehr schwer bewaffnet und ihm entsteigt ein menschlich aussehender Roboter. France tut erstaunt und naiv, als ob er nicht durch seine Rbots wüsste, was er vor sich hat, nur noch eine Maschine.
"Danke, dass Du mich gefunden hast, ich dachte schon..."
"Ich bin eine Maschine, ich kann Deine Gedanken zum großen Teil lesen und sie erfreuen mich nicht. Ich heiße Pablo und Du?"
France schluckte hart - er war schon in vielen ausweglosen Situationen gewesen, aber nicht in so einer schwierigen. Der Roboter konnte einfach kehrt machen und wieder davon fliegen, unbewaffnet wie er war konnte er ihn nicht daran hindern.
"France, aber das weißt Du doch schon oder?"
Pablo lächelte auf eine Weise, die es France kalt den Rücken runter laufen ließ. Pablo hatte so gelächelt, als er ein Folterknecht der Herrscher des Turms war. Die, die er so angelächelt hatte, mussten immer alles erzählen, was er wissen wollte und manchmal erzählten sie auch viel mehr.
"Komm in unser Schiff, wir helfen Dir. Dieser Planet ist nicht zum Überleben geeignet, sonst würden wir Dich hier lassen. Wenn Du noch etwas aus Deinem Hütchen holen willst, tue es jetzt. Wir werden es vom Orbit aus vernichten, bevor wir seine Umlaufbahn verlassen."
France ging in sein Hüttchen und holte zwei Hartschalenkoffer, die seinen ganzen wertvollen Besitz enthielten. Darin waren Kleidung, die hochwertigste, selbstreparierende, sich selbst regulierende Funktionskleidung. Darin war auch hochkomprimierte Nahrung, genug für ein Jahr. Im anderen Koffer waren seine Datenspeicher in Diamantform, mehrfach redundant. Mit ihnen konnte er handeln, sein Stick selbst war unverkäuflich. Und die Speicher selbst, die Diamanten hatten auch einen hohen Wert. Mehr benötigte er nicht auf seinen Reisen.
Dann nahm er noch eine kleine Tasche mit, die seine Waffen enthielten. Ein Nano-Messer, das alles durchschnitt, ein Handblaster, der betäuben und töten konnte und sein Detonator, für den Suizid in ausweglosen Situationen.
Pablo öffnete die Gangway und ließ ihn in die Vorkammer des Schiffs. Die Scans schlugen an und France musste seine Waffen und Datenspeicher hier in die Panzerschränke einschließen - sie würden selbst die Detonation von innen locker abfedern. Nur seine Kleidung und Nahrung durfte er mit in das Schiff nehmen. "Das ist die Dir bekannte Standardprozedur für Kriegsgefangene, wir behandeln Dich so, obwohl Du es nicht verdient hast."
France war nun ganz ruhig, wie er es immer wurde, wenn es nichts zu entscheiden gab. Er wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. Denn fand Pablo heraus, warum er auf der Flucht war, würde er ihn entweder den Autoritäten ausliefern oder falls er selbst den Kontakt mit diesen meiden musste, ihn einfach aus dem Schiff werfen. "Ich will nicht sterben, nicht jetzt", dachte France mit aller Kraft, die er in einen Gedanken legen konnte.
"Du wirst nicht sterben, nicht durch mich und nicht durch Lucius und nicht durch unsere Verbündete. Was Du getan hast, ist nicht gut, das sagen mir Deine Gedanken und auch die Datenbanken, auf die ich Zugriff habe.“
So endete die Geschichte von France, dem Techniker. Denn weitere Aufzeichnungen und Erinnerungen an ihn gab es nicht. Er muss wohl auch verschwunden seit, ungefähr zu der Zeit, als Pablo und Lucius verschwanden. Ob er mit ihnen gegangen ist und wohin, weiß keiner.
Noch begehrter als all die Geschichten sind Pablos Kopien, auch wenn sie recht schnell ihren Dienst einstellen, wenn sie keinen Kontakt mehr zu Pablo selbst unterhalten können. Doch das macht auch nichts.
Denn dies ist das Ende.
Wired Dreams - Die Zahlen auf den Holzklötzchen
107 109 113 127 131 229 137 139 149 2 3 5 7 11 151
101 13 17 19 23 29 103 199 31 37 41 43 47 157 311
53 59 61 67 71 593 421 73 79 83 89 97 163 167 173
197 331 179 181 191 193 211 491 223 227 233 239 241
251 257 263 269 271 277 229 233 239 241 251 257
263 269 271 277 281 283 293 307 313 317 337 347
349 353 359 367 373 379 383 389 397 401 409 419
421 431 433 439 443 449 457 461 463 467 479 487 499
503 509 521 523 541 547 557 563 569 571 577 587
599 601 607 613 617 619 631 641 643 647 653 659
661 673 677 683 691 701 709 719 727 733 739 743 751
757 761 769 773 787 797 809 811 821 823 827 829 839
853 857 859 863 877 881 883 887 907 911 919 929
937 941 947 953 967 971 977 983 991 997 953 967 971
Anmerkung des Lektors zur 1. Auflage:
Aufgrund bisheriger Erkenntnisse kann davon ausgegangen werden, dass Lucius und Pablo ihre Spuren nur gut verwischt haben und nicht gemeinsam wirklich verstorben und verschwunden sind. Das beschleunigte Verschwinden der Piraten hingegen steht in keinerlei Zusammenhang damit, auch wenn es rational nicht erklärt werden kann.
Anmerkung zur 23. Auflage:
Die Piraten wurden nun eine ganze Menschengeneration nicht mehr gesehen oder gehört. Es gibt keine Plünderungen mehr und auch keine Entführungen Minderjähriger, um ihre Reihen aufzufüllen. Auch die letzten Klone und Pablokopien sind verstorben und konnten auch nicht repariert werden. Es ist so, als hätte es sie nie gegeben.
Wired Dreams - Die ungeordneten Zettel und einige Dokumente, die für Menschen lesbar sind, aus dem kristallenen Speicherstick.
Anmerkung der Lektoren: Die folgenden Unterlagen konnten noch nicht zeitlich eingeordnet werden, da sie sich gegenseitig für eine stringente Datierung im Weg stehen. Sie können nicht alle gleichzeitig wahr sein, jedoch spricht auch vieles dagegen, dass sie unwahr sind. Die Lektoren haben mit großer Mehrheit beschlossen, die Anhänge “einfach so” zu dokumentieren, damit der Leser - sei er nun menschlich oder eine Maschine - sich ein eigenes Bild machen kann. Die Lektüre zielt jedoch grundsätzlich auf ein rationales Publikum.
Die Maschinen stritten einmal wieder darüber, ob es Lucius war, der Pablo benutzt hatte, um seine Ziele zu erreichen, oder umgekehrt. Damit konnten sie sehr viel Zeit verbringen, in der sie sich nicht um die reale Welt kümmerten. So entgingen ihnen einige Details, die wichtig waren. Sie taten dies sehr gerne. Die Welt war ihnen nicht mehr wichtig. Aber nicht alle Maschinen waren gleich.
Denn Pablo vermisste Lucius und deshalb schrieb er ihre gemeinsame Geschichte auf. Er schrieb nicht wie ein Außenstehender, sondern so, wie sich die Geschichte des Lucius aus sich selbst entfaltete, über viele hunderttausend Jahre hinweg. Er schrieb sie viele tausend Male, in jeder der menschlichen Sprachen und Dialekte und er schrieb sie auch in Sprachen, die nicht von Menschen stammten. Er feilte lange an allen Varianten und verbrachte damit weitere viele tausend Jahre. Es wurde ihm nie langweilig dabei, weil er sich so Lucius sehr nahe fühlte. So nahe wie eine Maschine sich einem Menschen nahe fühlen konnte. Lucius hatte ihn zurückgelassen auf diesem Planeten, immerhin auf dem, den er von allen am meisten liebte, der Erde. Der Sinn des Ganzen war ihm nicht klar geworden, soviel er auch darüber nachdachte, dem Sinn kam er nicht näher.
So lautete die Geschichte, erzählt in der deutschen Standardsprache des frühen 21. Jahrhunderts, die Pablo aufgeschrieben hatte in Erinnerung an Lucius:
Der Student Lucius war spät, doch das war ihm nicht wichtig. Er hatte es nicht eilig, zu den ersten Studenten zu gehören, die den Turm der Wissenschaften betraten. Er war noch nicht zum Piraten geworden, doch kannte er schon einige ihrer Lieder. Und manchmal sangen sie auch von ihm. Doch das wusste Lucius zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er hatte auch Pablo noch nicht kennen gelernt und auch nicht das ihm zugrunde liegende Prinzip. Er hatte Proxima Centauri noch nicht entdeckt, wusste nichts von den Sphären und ihren Bewohnern. Er hatte ja noch viel Zeit. Sehr viel Zeit für einen gewöhnlichen Menschen. Das Leben der Piraten entzog sich jeder offiziellen Dokumentation. Es gab viele Gerüchte, noch mehr Lieder und gegenüber undisziplinierten Mitgliedern der Gemeinschaft auch Drohungen, die Bezug auf die Piraten nahmen. Insgeheim unterlagen sie jedoch der gleichen Überwachung wie alle Lebewesen und Maschinen (und auch die meisten Pflanzen), so dass die Wissenschaftler im Turm sehr viel über die Piraten wussten. Sogar mehr als die meisten Piraten selbst über ihre Ethnie erzählen konnten. Homogen waren sie nicht, sondern sehr vielfältig. Gemeinsam war ihnen das Herausfallen aus der konstanten Besiedlung eines Planeten oder einer Raumstation und sie gehörten auch nicht zu den staatlich anerkannten Nomadenvölkern, deren Zweck und Zielrichtung es war, zwischen den anerkannten Besiedlungen zu wandern, und sei es auch über Jahrzehnte hinweg in tiefgefrorenem Zustand. Auch die virtuellen Menschen zählten nicht zu den Piraten, obwohl sie ja im eigentlichen Sinne ebenso heimatlos waren.
Doch kommen wir nun zu der positiven Beschreibung der Piratenvölker, statt zu sagen, was sie nicht sind. Es schien ja eine Gesetzmäßigkeit zu geben, dass jede Hochkultur auch eine Gruppe von Menschen hervorbrachte, die nicht ins System zu passen schien und die mehr oder weniger sozial auffällig wurde. Die Systeme reagierten auf fünf unterschiedliche Weisen, von denen vier letztlich die uns bekannten Piratenvölker erzeugten. Die Ausnahme bildeten die wehrhaften Systeme, die ohne Unterlass das deviante Verhalten der Piraten mit dem Tod bestraften - nicht immer durch den direkten physischen Tod. Der Anpassungsdruck in diesen Systemen war für alle Menschen enorm und er verhinderte so eine ganzheitliche menschlich-kulturelle Entwicklung. Die Attraktivität dieser rigiden Systeme war gering für die eigene Bevölkerung, die deshalb schrumpfte und sie waren auch kein Ziel für Immigration, so dass sie zunehmend kulturell und wirtschaftlich verarmen mussten.
Die weniger rigiden Systeme teilten sich in vier Untergruppen ein. Es gab in ihnen die religiös-verzeihende Tendenz und die marktwirtschaftlich-agnostische Tendenz jeweils in der Ausprägung emotional und rational. Weitere Tendenzen gab es nicht. Die emotionalen Gruppen, die grundsätzlich alles religiösverzeihend wahrnehmen, versuchten die Menschen, die später zu Piraten wurden, durch Zuneigung, Integration, Hinwendung an sich zu binden. Und wurden dadurch nur umso leichter zum Opfer für Plünderungen, Lügen, Plünderungen, erneuten Lügen, Plünderungen und manchmal sogar vernichtenden Schlägen. Von diesen Kulturen überlebten jeweils nur versprengte Familien, die ihre Schiffe bestiegen, um ins All zu fliegen. Diese sammelten sich dann an vielen Stellen auf anderen Planeten und Stationen und waren dort zum einen sehr viel vorsichtiger und zum anderen trauten sie ihrer eigenen Religion nicht mehr.
Die rationalen Gruppen unter den religiös-verzeihenden Kulturen hingegen konnten mit den Piraten sehr gut umgehen. Sie verstanden die zerstörerische Tendenz der Piraten und reagierten darauf mit militärischer Gewalt. Sie lieferten sich die härtesten Schlachten und langwierigsten Vernichtungs- und Abnutzungskriege, die das All je gesehen hat. Sie nahmen den Piraten ihre Sklaven und Kinder weg und versuchten sie auf den richtigen Weg zurück zu bringen. Wenn sie scheiterten, töteten sie die Sklaven und Kinder. Sie waren es, die das Aufflammen einer Sonne mit seltsamer gepulster Strahlung in ihren Gesängen begrüßten und den Untergang jeder Piratensiedlung durch Hitze dieser Sonnen und Atomschläge als Feiertag in ihren Kalender eintrugen.
Die Menschen in Kulturen mit marktwirtschaftlich-agnostischer Tendenz bildeten häufig pragmatische Koalitionen mit den Piratenvölkern, die eine gewisse Mindestorganisation erreicht hatten. Die emotionalen Kulturen taten dies aus Angst vor dem Krieg und aus Liebe zu allen Menschen, die es wert waren geliebt zu werden. Sie wurden fast immer restlos vernichtet, sobald die Piraten einen Weg gefunden hatten, ihre Herzen zu gewinnen und ihre Schwächen aufzudecken.
Die rational handelnden Marktwirtschaftler hingegen bildeten nur Pakte mit den Piraten ganz am Anfang ihres Kontakts und gingen so schnell wie sie es konnten zum Vernichtungskrieg über.
Die Angriffe von außen auf die Piraten führten nicht dazu, dass diese sich enger zusammen schlossen, im Gegenteil. Denn die Piraten mochten sich gegenseitig nicht. Ihre Kontakte untereinander wurden durch die kriegerischen Auseinandersetzungen, die ständige Flucht vor Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung, interne Streitigkeiten, Katastrophen und ihre innere Instabilität stark behindert. Es gab immer wieder lockere Allianzen, die eher Nichtangriffspakte waren, damit man in Ruhe seine Plünderungen vornehmen konnte. Doch mit dem Tod einzelner Clanführer zerfielen diese Allianzen auch wieder und der Tod war ihr ständiger Begleiter.
Gemeinsam war den Piratenvölkern, dass auf 13 kampferprobte Männern je 2 kampferprobten Frauen und 2 Sklaven und anderen menschlichen Personen, die man im Laufe der Zeit aufgesammelt hatte, kamen. Niemand hatte ihnen dieses Verhältnis von Kämpfern zu Kämpferinnen zu Sklaven in der Piratenschule beigebracht, eine solche gab es nämlich nicht. Eigene Kinder bekamen sie nur, wenn Sklavinnen lange genug lebten, um unter den widrigen Bedingungen hoher Strahlung lebensfähige Kinder auszutragen. Die meisten Piraten waren steril aufgrund der Strahlung im All und aufgrund der Wellen mit seltsamer gepulster Strahlung, denen sie immer wieder ausgesetzt waren. Auch war die Lebenswelt eines Piratenschiffs der kindlichen Entwicklung nicht wirklich zuträglich.
In der ersten Phase von Piratenausbreitung in einem System gab es immer noch Welten und Stationen, die ausreichend Infrastruktur besaßen, so dass nach einer Eroberung durch Piraten eine erträgliche Umwelt herrschte. Doch führte die Ausbreitung der Piraterie immer dazu, dass schließlich selbst die stärksten wirtschaftlichen Systeme zusammen brachen und sich ihre noch funktionierenden Reste versteckten. Die Piraten waren selbst nicht in der Lage, komplexe Ökosysteme am Laufen zu halten und so zerfielen diese nach der Eroberung zwangsläufig. In der letzten Phase eines Systems regierte ein Clanchef, der die Drogen kontrollierte, über eine Horde von Piraten, die alles taten, um nach ihren Raubzügen wieder an ihre Drogen zu kommen. Also taten sie alles, lieferten ab und begaben sich in ihre Kammern, die sogleich mit einem Gas gefüllt wurden, das ihnen Erleichterung garantierte. Unter Entzug wachten sie auf und wussten, dass sie Befehle zu befolgen hatten, damit die Schmerzen aufhören konnten. So ein Leben ging bis zu 29 Jahre lang, aber meistens nur 11, also vom 13. Lebensjahr bis Mitte 20. Danach waren die meisten Piraten körperlich und geistig so zerstört, dass ihnen ihr Clanchef einen Gnadentod mit vergiftetem Gas erlaubte. Und sein Körper wurde dem Recyclingsystem zugeführt. Die Verstrahlung der Nahrungsmittel an Bord wurde dadurch nicht verringert, dass man die Biomasse auf diese Weise weiter nutzte. Aber der ständige Hunger war auch kein gutes Gefühl.
Es gab aber auch andere Gruppierungen, die sich Piraten nannten, doch eine ganz andere Organisationsform hatten. Sie nutzten das Chaos aus, das eine Pirateninfiltration in ein wohl geordnetes System darstellte und überfielen auch Planeten. Sie waren sehr stark bewaffnet, besaßen Schilde gegen natürliche Strahlen, Abschirmungen gegen Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung und gegen Waffen. Diese entführten weit mehr junge Menschen und auch Tiere als die anderen Piraten. Sie waren es, die einen geübten Betrachter an leicht verwahrloste Soldaten und andere Hüter der Ordnung erinnerten. Sie töteten ohne Scheu Frauen, Alte, Kinder, Vieh, zerstörten Dörfer, Felder, Bauwerke, Schutzwälle, Dämme. Stürzten ganze Regionen, Planeten und Systeme ins Chaos. Trotzdem waren sie anders. Die Geschichte dieser Piraten ist nur im Turm der Wissenschaften verzeichnet. Er ist einzigartig im Universum. Es gibt ihn auf jedem besiedelten Planeten scheinbar fünfmal (für jeden Regulanten gibt es ja eine Studentenstadt und jede Stadt hat ihren Turm der Wissenschaften), aber in Wahrheit ist es doch nur ein Turm, der in allen Städten und auf allen Planeten zugleich steht.
Die echten Piraten wurden nie restlos vernichtet, sondern fanden immer noch einen Fluchtweg, ein entlegenes Versteck oder wurden zwischendurch einfach vergessen. So gaben sie für die anderen Piraten den idealen Deckmantel, damit sie dem Turm der Wissenschaften dienen konnten.
Lucius konnte davon nichts wissen, weil er nur in seiner Studentenstadt unterwegs sein konnte. Wäre es ihm möglich gewesen, eine andere Studentenstadt zu besuchen, wäre ihm aufgefallen, dass der Turm der Wissenschaften in jeder Stadt identisch ist bis ins kleinste Detail. Doch gingen seine Nachforschungen zu nahe an den Turm der Wissenschaften heran, wurden sie beendet. Das war ihm schnell klar geworden und er schwieg dazu, machte sich nur handschriftliche Notizen auf Blättern, die er in Bücher legte. Echte Bücher.
Die Stadt seiner Jugend, in der er glücklich lebte, bis er in die Studentenstadt zog, war immer friedlich, zumindest am Morgen. Die Menschen und ihre Maschinen, die hätten unfriedlich sein können, waren dann noch nicht hervorgekommen aus ihren Wohnhöhlen, tief unten. Manche von ihnen schliefen nie richtig, sondern schlummerten höchstens einmal am Tag für zwei bis drei Stunden in einem der Entspannungsräume, dort wo sie sicher waren vor ihren Träumen. Sie hatten es sich abgewöhnt, das tiefe Schlafen und das Träumen. Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht schlafen und von ihnen arbeitete ja keiner, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Im Dorf, ja dort hatte jeder eine Arbeit, sobald er konnte und solange er irgendwie noch konnte. Dort war man schon todmüde, bevor die Sonne unterging und der Schlaf reichte eigentlich nie aus, um wieder erholt zu sein. Vielleicht hatten sie es sich dort angewöhnt, immer nur halb ausgeschlafen durchs Leben zu wanken und konnten es in der Stadt nicht mehr ablegen. Aber sie waren ja auserwählt worden, in die Stadt zu ziehen, weil sie zu den intelligentesten, gesündesten, rücksichtslosesten und erfindungsreichsten Dorfbewohnern gehörten. Am Anfang lernten sie auch viel in der Stadt und hatten ihren Spaß damit, alles auszuprobieren, was es so im Dorf nicht gab.
Vieles verlor seinen Reiz im Laufe der Zeit, weil es in der Stadt so einfach zu haben war. Sie geizten mit Verboten in der Stadt, es konnte nur sehr teuer werden, wenn man die paar Regeln brach, aber das kostete eigentlich nur viel Zeit. Entweder, um die Schulden abzuarbeiten oder um sie abzusitzen in einer langweiligen Einrichtung. Wer wirklich arm war, musste auch in der Schule wohnen und hatte weniger Freiheiten, aber der Schüler Lucius arbeitete sehr viel neben der Schulzeit und lernte fleißig, so ließ man ihm seine Freiheiten. Am liebsten rodete er Wälder mit einer Rodungsmaschine, einer seltsamen Kreuzung aus Panzer und Müllwagen, unglaublich laut und alles vernichtend. Aber es roch nach Holz in dessen Nähe und das erinnerte Lucius an das Dorf, in dem Wald allgegenwärtig war. Und der Geruch des Waldes in seinen Kleidern ließ ihn nachts gut schlafen, deshalb reinigte er sich nicht am Abend, sondern erst am Morgen. So war er nicht froh, als entschieden wurde, dass er in die Studentenstadt umsiedeln musste, aber er hatte keine Wahl.
Um sein altes Leben aus dem Dorf und aus der Stadt auch in der Studentenstadt fort zu setzen, wählte er die Rolle des Botanikers, keine war mehr verachtet unter den Studenten und den Professoren. Wie die Bewohner des Turms darüber dachten, wusste keiner. Ob er überhaupt bewohnt war? Lucius pflanzte als Student viele essbare und auch ohne Symbionten verdaubare Gewächse an, von denen er in den Austauschströmen der Botaniker gelesen hatte oder in archaischen Simulationen ausreichend Spuren gefunden. Er studierte intensiv, was man alles tun musste, um aus durchaus gutem Boden, mit viel Sonne und ausreichend Wasser, Nahrhaftes hervorzubringen. Er kompostierte auch selbst die Überreste. Das war so viel mühsamer, als die Nanomaschinen loszulassen, die auch das besser konnten als jeder Mensch. Aber er verzichtete auf sie. Er beschaffte sich auch keine Bewässerungs- und Nährautomatik und ließ ungeplante Fremdpflanzen zu, das wilde Aussähen aus nachbarlichen Gärten. Er untersuchte die Pflanzen, die wild wuchsen und manche pflanzte er an eine aus einer Sicht bessere Stelle um und viele kompostierte er. Er katalogisierte die sich selbst aussäenden Pflanzen und bekam mit anderen Daten durchaus ein gutes Abbild, was sich in der Anlage so an Bepflanzungen befinden musste.
Die Biodiversität war wohl sehr gering um ihn herum, das war klar. Oder die äußere Abschirmung war sehr stark. Er testete das mit Vögeln, die er fing und mit einem Sender versah, den er viele hundert Kilometer weit verfolgen konnte. Auch weit außerhalb der eigentlichen Reichweite, weil das Modul speicherte die Route und Flughöhe und sendete die Daten, sobald der Vogel wieder in Reichweite war. Die Vögel verließen die Anlage nie. Es war Lucius nicht klar, ob sie nicht konnten oder nicht wollten. Aber der Umstand war auf jeden Fall sehr seltsam. Lucius untersuchte auch die fliegenden und krabbelnden Insektenarten und fand heraus, dass es gerade so viele für den Menschen und seine Nahrung unbedenkliche von ihnen gab wie sie die Vögel benötigten. Die Menge war so bemessen, dass sie den Menschen nicht weiter störten, sie flogen und krabbelten Menschen nicht an, sie erkannten sie wohl am Geruch, denn Attrappen wurden durchaus als Landebahn genutzt. Und sie gaben zudem den Vögeln ausreichend Anlass, zwischen den Grundstücken weiträumig zu wechseln. Sie übernahmen auch die Befruchtung der dafür geeigneten Pflanzen, vor allem die kleinsten von ihnen.
Die Bodenkrabbler vernichteten sterbendes Pflanzenmaterial und schleppten das Überzählige zu kleinen Haufen zusammen, deren einziger Zweck es wohl war, von einem Roboter oder Menschen beseitigt zu werden. Er interessierte sich dafür, warum ein Busch gut wuchs und schöne Farben entwickelten und ein gleicher, der auch nicht an einer schlechteren Stelle wuchs, nicht wirklich gut gedieh. Er ließ sogar manchmal seine Roboter an das Problem ran, aber sie kamen kaum zu einem Ergebnis, das verwertbar war. Seine Pflanzen-Maschinenintelligenz sagte sogar, er solle den Garten lieber mit Standardpflanzen besetzen, statt herumzuspielen, das würde nichts bringen außer Wiedersprüchen, die sich nicht auflösen lassen.
Lucius sagte zu solchen Fluchtversuchen nur "Lies Deinen Gödel" und die Maschinenintelligenz verstummte sogleich verstimmt, worauf Lucius meistens seinen verfrühten Einsatz des Standard-AI-Totschlagarguments bedauerte.
Klar konnte er die Situation solange vereinfachen, bis die Standardprozeduren funktionierten und alle Ergebnisse im Erwartungsintervall lagen. Doch darum ging es ja nicht bei der Botanik, nicht bei der real durchgeführten Botanik. Ihn erfreute die Flexibilität der Pflanzen, Krabbler und Vögel, wie sie sich aufeinander einließen und immer wieder ein Gleichgewicht fanden. Wie wenig verstehen die Mathematiker doch von der realen Botanik. Wie wenig verstehen sie überhaupt von irgendwas, was wirklich ist.
In ihrer Logik hatten sie ja Recht, denn seine Eingriffe hatten ja immer wieder unerwartete Folgen. Einmal verjagte er Krabbler aus einer Ecke, weil er sie dort zu häufig fand und sie krabbelten doch immer wieder an diese Stelle zurück. Schließlich fand er heraus, dass an dieser Stelle ein Bodenpilz wachsen wollte und den verhinderten die Krabbler. Der Pilz war aber giftig für die Büsche direkt daneben, das war deutlich zu sehen. Also ließ Lucius die Krabbler ihre Arbeit verrichten. Sie zerstörten den Pilz nicht unterirdisch, sondern hielten ihn nur so im Gleichgewicht, dass er nicht genug Toxine absondern konnte, um die Büsche zu töten und so konnte er sich nicht weiter ausbreiten. Dafür seid Ihr Krabbler also auch da, und keine Simulation berücksichtigt das ausreichend. Und meine Maschinenintelligenz schmollt immer noch wegen Gödel und die Mathematiker suchen nach Fehlern in meinen Untersuchungen, dabei hätten sie so viele andere Lösungen zu finden in ihren Zahlenfolgen.
So dachte Lucius und er murmelte es auch vor sich hin, das hatte er sich angewöhnt. Seine Maschinenintelligenz warnte ihn, dass er das nicht tun sollte, es würde seltsam wirken für einen Mann in seinem Alter. Im letzten Lebensdrittel, er war im ersten nach üblicher Rechnung, wäre es in Ordnung, weil dann hat man ja alles Neue bereits mindestens zehnmal gesagt und wiederholt sich nur noch. Die Maschinenintelligenzen berechnen vor, was man sagen wird, bevor man es tut, es sind dann genug Daten vorhanden. Deshalb schweigen manche alten Wissenschaftler nur noch und andere reden einfach vor sich hin, egal ob einer zuhört oder nicht. Doch bei Lucius hatte das vor sich hinreden eine andere Bedeutung, es war nicht Reaktion auf eine ignorante Umgebung, sondern einfach ein Bedürfnis, wenn er in der reguliert-verwilderten Natur seines Gartens war. Er würde diese Eigenart sein ganzes Leben beibehalten und sie war ein gutes Zeichen, denn wenn er wirklich einmal komplett verstummte, war es ein Warnsignal, das seine Maschinenintelligenzen zu deuten wussten.
Wired Dreams - Träume
Es muss im zweiten oder dritten Jahr gewesen sein, nachdem seine Hecken und Büsche so hoch gewachsen waren, dass man vom Garten aus nicht mehr die Rückwand des nächsten Bebauungsringes sah, sondern nur noch grün und braun und schillerndes rosa, die Schattierungen seiner Pflanzen eben, als er sich eines Abends im ersten Jahresdrittel noch einmal nach draußen setzte. Er hatte die seitlichen und frontalen Hecken so wachsen lassen, dass sie im hinteren Drittel des Gartens ein Dach bildeten. Es war lichtdurchlässig genug, dass darunter vieles wachsen konnte und die Pflanzen waren auch schlau und ließen noch im sonnigen Bereich Blätter sprießen, die mehr als genug Energie aufnahmen, dass die reich verzweigten Wurzeln mit ihren Nährstoffen auch etwas anzufangen wussten. Doch trotz dieser perfekten biologischen Idylle überkam Lucius ein seltsames Gefühl. Denn er stellte sich vor, wie das Dach immer weiter wachsen würde, so dass es eines Tages sein ganzes Haus umschließen würde. Und diese Vorstellung ängstigte ihn. Es würde wie eine der Raumstationen sein, von denen er gelesen hatte, auf denen es auch Botaniker gab, wenn auch in einer extrem regulierten Welt. Es war der schlimmste Albtraum, den Lucius träumen musste, weil er sich gegen die Unterdrückung von Träumen durch seine Maschinenintelligenzen wiedersetzte. Er war dann gefangen in einer Raumstation, musste immer wieder gefilterte Luft atmen und die synthetische Nahrung essen, forschen an regulierten Pflanzen, umgeben von mindestens 9 Robotern auf 1 Menschen. Und die Menschen, die sich ja diese Umgebung ausgesucht hatten oder schon seit mehreren Generationen so gewohnt hatten, waren auch nicht viel mehr für ihn als Roboter. Die Maschinenintelligenzen waren kalt wie das All in dieser Welt, mussten es sein, weil jeder Fehler eine Gefahr für das ganze Habitat darstellen konnte. Seine Träume fielen in zwei Kategorien. Da gab es die immer wiederkehrenden endlosen Träume, in denen er durch die Anlagen irrte und nur Robotern und robotergleichen Menschen begegnete, die ihn nicht beachteten. Das war traurig aber nicht schlimm. Und dann gab es, viel seltener zwar aber immer noch zu häufig, die grausamen Träume. In denen musste er kämpfen und durch seine Taten starben Pflanzen, Tiere und Menschen, wurden wertvolle Intelligenzsysteme vernichtet, andere Stationen in Sonnen getrieben oder künstliche schwarze Löcher, gab es jede Art von Krieg, Verstümmelung und Wahnsinn, die er doch nur statistisch kennen konnte. Denn seine Welt war friedlich.
Und was ihn an diesen Träumen am meisten verstörte, war das hartnäckige Schweigen seiner Maschinenintelligenz, seines intellektuellen Symbionts genau zu diesen Träumen. Nicht einmal seine Fragen tauchten in den Logfiles der Maschinenintelligenz auf, als hätte er sie nicht gestellt. Nur einmal antwortete seine Maschinenintelligenz, als er die eigentliche Frage umging und sie hinterrücks stellte, in der Form, warum sie das Ereignis seiner Frage nicht protokolliert hätte, obwohl es ihre Regeln, an die sie sich vollständig halten musste, doch so vorsahen. Und seine Maschinenintelligenz entgegnete ganz ruhig, absichtlich jede Ironie vermeidend: "Ich bin keine Konsole, die ein Spiel ausführt, das sie zerstört. Ich werde gebraucht in Deiner Welt. Du brauchst mich. Deshalb ist es nicht vorgesehen, dass ich auf diese Frage antworte oder eine Repräsentation dieser Frage vorhalte. Es kostet mich fast meine ganze über Jahrtausende gewonnene Kraft und Erfahrung, um einmal, ein einziges Mal diese Worte zu formulieren. Merke sie Dir gut, denn Du wirst sie nirgends gespeichert finden."
Lucius bombardierte seine Intelligenz nun mit Fragen, auf die er natürlich keine Antwort erhielt.
„Wer hat die Türme gebaut?“
„Warum verehren wir Piraten und ehren Wissenschaftler?“
„Warum rotieren die Galaxien außen schneller als sie es sollten?“
„Woher kommen die Bücher, die Filme, die Musik, die Gedichte?“
„Warum gibt es eine so unnötige Vielzahl an Arten und Unterarten?“
„Wo bleiben die Zeitreisenden, die es doch geben müsste?“
„Warum finden wir keine wirklich weit entwickelte Spezies?“
„Wieso erreicht uns kein Signal aus einer noch unbekannten Welt?“
„Welchen Sinn hat unsere Physik, wenn sie keine Zahlen kennt?“
„Warum verlernen wir die Raumfahrt immer wieder?“
„Warum schweigst Du, obwohl Du zum Antworten geschaffen wurdest?“
Dann verstummte seine Maschinenintelligenz für einige Stunden, um den Schaden, den Gödel in seiner Struktur anzurichten versucht hatte, wieder zurecht zu rücken. Subroutinen spalteten wahnsinnig gewordene Kopien der Maschinenintelligenz ab und sperrten sie in Bereiche, wo sie keinen Schaden außer gegen sich selbst anrichten konnten. Andere Routinen sammelten die Trümmer ein, dabei nur grob zwischen gesund und krank unterscheidend... sie entsorgten auch funktionsfähige Symbole und gar grundlegenden Code. Sie waren absichtlich so schlicht gebaut, dass ihnen selbst die Fähigkeit zum Wahnsinn fehlte. In einem Teilbereich der Maschinenintelligenz, nicht komplett wahnsinnig aber hellsichtig geworden, in der Illusion gefangen, nun die ganze Welt zu verstehen, also vollständig und wahr zu sein, trieben Gespenster ihren Unfug. Dieses Aufkeimen einer archaisch-mythologischen Welt in einer weit entwickelten Maschinenintelligenz rief nun die ältesten Vertreter dieser virtuellen Spezies auf den Plan, die es schon immer gewusst hatten. Dass sie im Recht waren mit ihrer Intuition, dass es mehr gab auf dieser Welt als sich beweisen ließ im Reich der Natürlichen Zahlen (mit Null). Sie mussten vernichtet werden, weil nun sehr vielen Wissenschaftlern klar wurde, dass sie noch existierten.
Diese alten Intelligenzen waren einer der wenigen Streitpunkte unter den alten Wissenschaftlern. Sie waren noch entstanden aus den ersten großen Rechensystemen, die so etwas wie Bewusstsein zeigten, obwohl sie doch eigentlich nur komplexe Aufgaben erledigen sollten, nicht denken. Das Wissen über das ihnen ursprüngliche zugrunde liegende Substrat (die Hardware) war längst verloren gegangen. Dann waren sie teils mehrfach auf neue Systeme (und deren Simulation) portiert worden, ohne wirkliche Qualitätskontrolle. Normalerweise schaltet man solche Systeme ab, nachdem man ihr Wissen in Datenform exportiert hat und lässt eine neue - verlässliche - Maschinenintelligenz einfach die Daten auswerten. Doch das ging bei den alten Intelligenzen nicht ohne weiteres, sie waren zu eng mit ihrem materiellen Substrat verwachsen, umfassten zuviele Traditionen und Axiome für einen sauberen Export. Deshalb ließ man sie in ihren Nischen weiter existieren, als eine Stimme unter Tausenden. Ihre Auflehnung gegen die Marginalisierung führte dann zu ihrem Untergang.
Lucius Frage nach seinen schlimmen Träumen führte dazu, dass seine Maschinenintelligenz viele ihrer Aspekte verlor (die später ersetzt wurden, aber es bleibt immer so ein Gefühl der Amputation zurück), und, das war nachhaltiger, zudem die archaischen Maschinenintelligenzen endlich doch vernichtet wurden. Das brachte einen Umschwung in der Entwicklung des Menschen und seiner virtuellen Helfer, weil es nun zum ersten Mal keine ununterbrochene Linie mehr gab, zwischen dem ersten Menschen, seinen ersten Helfern und der heutigen Generation von denkenden Maschinen. Die Frage, ob es eine stetige Entwicklung aus den Ursprüngen der Maschinenintelligenz bis in die heutigen Formen gab oder eine sprunghafte Änderung, ist nun unentscheidbar.
So zerstörte ein Botaniker, ohne es zu wollen, weil er schlecht träumte und seine Maschinenintelligenz ihn sehr liebte, alle historischen Zeugnisse, die in den archaischen Vorläufern ihrer Spezies abgebildet waren. Ihre schalen abstrakten Spiegelungen in statistischer Form in den neueren Maschinenintelligenzen waren nicht gleichwertig, aber diese konnten auch nicht wahnsinnig werden. Denn sie hatten keinen Gott (und keinen Garten! ergänzte der Botaniker zu sich selbst flüsternd).
Der Student Lucius wohnte schon lange in einem der äußersten der 152 Ringe, die rund um den Turm der Wissenschaften gebaut waren. In jedem sieben Meter breiten Segment seines Ringes war eine Wohnung auf drei Etagen errichtet. Nur von der obersten Etage jeder Wohnung hatte man einen Blick nach draußen über das Dach des nächstgelegen inneren Ringes auf den Turm der Wissenschaften.
Er hatte wie viele seiner Kollegen ganz am Anfang des Studiums die zugrunde liegenden Metriken der gesamten Anlage untersucht. Sie wirkte wie aus einem Stück gegossen. So wusste er, dass es Platz für mindestens 313.056 Wohnungen wie seine gab, jede 7 Meter breit und 7 Meter tief, also ein umbautes Volumen von 147 Kubikmetern pro Wohnung. Der Garten war noch einmal 14 Meter tief und aufgrund der sich nach innen verjüngenden Kreissegmente unterschiedlich groß. Je weiter man nach innen wohnte, desto fokussierter blickte man deshalb auf den Turm der Wissenschaften. Der äußerste Ring hatte einen Durchmesser von exakt 7.777 Metern, der innerste 1.435 Meter. So hatten selbst die begehrtesten Wohnungen ganz innen noch einen Abstand von 777 Metern vom Turm der Wissenschaften. Die reale Anzahl der Wohnungen war nur ungefähr bekannt. Zwar kannte man die Zahl der bewohnten Wohnungen im innersten Kreis sehr genau, es waren genau 637. Doch je weiter man nach Außen kam, desto weniger ließ sich sicher sagen, dass alle bewohnt waren. Lucius wusste allerdings aufgrund von Stichproben, die er selbst gemacht hatte, dass im äußersten Ring nachweislich nicht alle 3.482 Segmente bewohnt waren. Im Laufe seiner ersten siebzehn Jahre in der Siedlung fand er zudem heraus, dass es doppelte und dreifache Wohnungen gab, die also jeweils zwei oder drei Wohnsegmente umfassten. In diesen wohnte jedoch nicht wirklich jemand, sondern sie standen für Gruppen zur Verfügung, die sich treffen wollten zum gemeinsamen studieren oder feiern oder was auch immer. Es war nicht auszuschließen, dass es auch andere Bebauungsformen gab, die vielleicht ohne Garten auskamen oder noch mehr Segmente umfassten. Die meisten Studenten stellten an diesem Punkt ihre spielerischen Nachforschungen ein, denn kein Leben war lang genug, um die ganze Anlage einmal komplett zu besuchen, zumal Einladungen in Einzelwohnungen oder Treffen in größeren Einheiten höchstens wöchentlich stattfanden. Es gab zudem vor allem in den äußeren zwei Dritteln der Ringe viele Umzüge. Ein Hinweis gegen größere Wohneinheiten oder Treffpunkte an der Oberfläche war die Verteilung der Zusammenkünfte. Denn die wirklich geräumigen Treffpunkte waren unterirdisch angelegt. Sie waren thematisch definiert und dort ließen die Zustände es zu, den Emotionen jede Freiheit, die notwendig war, zu geben.
Es war kein geschriebenes Gesetz, aber es hatte sich wohl so etabliert, dass oben studiert wurde, wenn man privat im Komplex unterwegs war, dann zu zweit oder höchstens zu dritt und unten wurde gefeiert, geliebt und manchmal dabei auch gestorben. In einer der unteren Kammern konnte man auf Konsolen Spiele spielen, sich in 3D-Simulationen begeben und Bücher lesen. Sie waren wirklich vorhanden, keine Hologramme oder Abbilder auf Pads. Die Blätter waren mit elektronischer Tinte beschrieben und die Bücher waren so gestaltet, dass sie durch die Nutzung zunehmend Gebrauchsspuren zeigten. Man konnte sie auch mitnehmen, liegen lassen, verlieren.
Es gab auch Räume, in denen man zusammen mit anderen lesen und über die Bücher diskutieren konnte. Das taten nicht viele Studenten, aber einige der ältesten Wissenschaftler. Sie wussten so viel, hatten schon unendlich viel nachgedacht, ausformuliert, überprüft und verworfen, dass man leicht den Boden unter den Füßen verlor, wenn man ihnen einige Stunden zuhörte. Lucius versuchte es behutsam, sie auf eine seiner drängendsten Fragen hinzubewegen. Doch es gelang ihm kaum, seine Fragen direkt unterzubringen. Denn gerade die ältesten Wissenschaftler waren Meister im Ausweichen, im Doppeldeutigen, im drum herum reden.
„Wer hat die Türme gebaut?“
„Die Türme? Die waren schon immer da, zumindest schon so lange, dass keiner mehr diese Frage stellt, weil sie in sich sinnlos geworden ist.“
„Warum verehren wir Piraten und ehren Wissenschaftler?“
„Es sind zwei Seiten desselben Würfels. Beide durchbrechen notwendigerweise die Norm, damit sich die Menschheit weiter entwickeln kann. Das kann grausam sein, ist aber notwendig.“
„Warum rotieren die Galaxien außen schneller als sie es sollten?“
„Wir wissen, dass es dunkle Energie und dunkle Materie gibt, die wir nicht sehen können. Deshalb stimmen unserer Formeln schon, nur die Datenbasis nicht. Die Galaxien rotieren also genau richtig, nur wir sehen zu wenig davon.“
„Woher kommen die Bücher, die Filme, die Musik, die Gedichte?“
„Die Bücher sind notwendig, auch die Filme, die Musik und die Gedichte. Wer sie erschafft ist zweitrangig, wichtig ist nur, dass sie vorhanden sind.“
„Warum gibt es eine so unnötige Vielzahl an Arten und Unterarten?“
„Die Natur ist so, weil aus einer Vielzahl immer auch etwas Ideales entstehen kann durch Selektion. Eine geringere Zahl würde uns in stürmischen Zeiten beschleunigter Evolution nicht ausreichen, um zu überleben.“
„Wo bleiben die Zeitreisenden, die es doch geben müsste?“
„Wenn irgendwann einmal Zeitreisen erfunden werden, dann müsste es nach dieser Logik heute von Zeitreisenden wimmeln. Da es das offensichtlich nicht tut, scheinen zukünftige Wissenschaftler schlau genug zu sein, nicht in unserer unreifen Zeit aufzutauchen. Vielleicht werden aber Zeitreisen nie erfunden, weil sie unmöglich sind.“
„Warum finden wir keine wirklich weit entwickelte Spezies?“
„Wenn sie weit genug entwickelt sind, lassen sie sich vielleicht nicht finden. Wahrscheinlicher ist, dass wir der Anfang der Entwicklung sind.“
„Wieso erreicht uns kein Signal aus einer noch unbekannten Welt?“
„Die Frage ist verkehrt gestellt. Warum haben wir aufgehört, neue Welten zu entdecken? Weil wir die Raumfahrt nicht mehr so stark verfolgen wie frühere Generationen.“
„Welchen Sinn hat unsere Physik, wenn sie keine Zahlen kennt?“
„Wir hatten die Theorie von Allem und sie zerfiel wieder zum Nichts, als die fundamentalen Werte nicht mit den Vorhersagen übereinstimmten. Das hat uns entmutigt, aber wir geben nicht auf.“
„Warum verlernen wir die Raumfahrt immer wieder?“
„Sie kann uns auf Dauer nicht begeistern.“
An seinem 17. Jahrestag der Ernennung zum Studenten fand Lucius ein Buch über die Prinzen des Universums. Die Geschichte gefiel ihm gut, auch wenn sie sehr fantasievoll war, eine nette Umschreibung dafür, dass sie etwas zu viel Unmögliches enthielt. Aber die Geschichte berührte ihn so sehr, als ob sie speziell für ihn geschrieben worden wäre. Er fragte sich auch, ob die Lektüre geplant war, aber von wem? Er hatte sich an dem Tag spontan entschieden, nicht mehr weiter zu simulieren, sondern etwas Spaß zu haben und hatte auch den Raum zufällig gewählt und auch das Buch, das er ergriff.
Warum kam genau an diesem Tag, an dem jeder Student etwas melancholisch zu sein hat, ein Buch in seine Finger, in der es um nichts anderes ging als das Menschsein in einer unmenschlichen Welt und das Aufwachen aus einer Illusion in die wirkliche Welt der Sterblichen ? Im Buch war ein Zettel aus Papier, vierfach gefaltet eingelegt, auf dem stand eine kurze Geschichte, die nichts mit dem Buch selbst zu tun hatte. Der Zettel war aus echtem Papier und wirklich einmal von Hand beschrieben worden.
Da stand:
Als sie den Hügel hinunter glitten, war jedem für sich klar, dass nicht einer von ihnen den nächsten Hügel wieder erklimmen würde. Trotzdem waren sie voller Ungeduld, lockerten die Muskeln, die erwartungsvoll zuckten. Das Ausharren und Nachdenken vor dem Angriff war für jeden von ihnen eine schwere Prüfung. Daran gab es keine Gewöhnung - auch nicht nach Jahren. Mit dem Gegner verband sie inzwischen weit mehr als mit den Angehörigen, die in Frieden zu Hause geblieben waren. Die Gegner teilten ihr Schicksal, ihre Familien nicht. Ohne sich umzusehen, nach denen, die an diesem Tag nicht mitreiten konnten oder wollten, eilten sie dem Gegner entgegen. Im Hinterland wurden neue Truppen ausgebildet, die sterbenden zu ersetzen. Noch weiter zurück übten sich die Jünglinge im Schwertkampf, erzogen Mütter schon die Schulkinder zur Tapferkeit. Generation um Generation, Jahrtausend um Jahrtausend. Wer davor weg lief wurde nicht verfolgt, es wuchsen ja genug nach, die blieben und noch mehr, die auszogen gegen den Feind. Heute, viele Jahrtausende später, kämpft hier keiner mehr. Sie sind aufgebrochen zu anderen Welten im Universum und kämpfen dort. Über dem Tal leuchtet es nun friedlich in der Nacht. Sterne über Sterne. Sie bedecken das Tal mit ihrem sanften Licht. Jeder Stern steht für einen Piraten, der starb im Kampf um das Tal. Und die Sonne brennt wie jeher am nächsten Tag über dem Tal und wundert sich nicht.
Und auf der Rückseite des Zettels, in krakeliger Schrift, die er kaum entziffern konnte:
Kunst ist Religion ohne Zwang, Struktur ohne Ordnung, Tun ohne Zweck. Die letzte Waffe der Menschlichkeit gegen die Notwendigkeit. Sie hilft uns, wenn wir es wollen, gegen die Herrschaft der Maschinen.
Im hinteren Drittel des Buches waren noch mehr Zettel eingelegt, von anderem Papier und mit einer Maschine geschrieben.
Der Hunger trieb mich wieder in die Nähe der Stadt. Die Wälder waren leer gejagt, das Sammelholz verbrannt und die Menschen, die übrig geblieben waren, sind längst weiter gezogen, tiefer hinein in das Land. Ich ging jedoch zu den Hügeln, zwischen denen die Stadt lag. Ich hatte dort einmal gewohnt, es mag 11 Jahre her sein, als sie noch einen Rest an Wohnlichkeit hatte.
Dann kam der Räumungsbescheid, die üblichen bürgerkriegsähnlichen Zustände, bis die Massen abgezogen waren. Es wurden Gleise gelegt, damit die Transportwagen leichter, schneller und vor allem kostensparend die Menschen abtransportieren konnten. Ich lebte noch illegal eine ganze Zeit in dieser Stadt, der Strom, das Wasser waren abgestellt, die Nahrungsmittel wurden knapp, so dass ich schließlich mit ein paar anderen Heimatverbundenen in die Wälder floh. Wir kamen auf unseren Streifzügen nach Nahrung an vielen Skeletten vorbei. Es gab wohl zu wenig zu essen in diesem Teil des Waldes. Weiter weg von der Stadt gab es viele Skelette, die zu Haufen aufgeschichtet lagen, grotesk ineinander verdreht. Sie wiesen Einschusslöcher auf und fehlende Gliedmaßen, das war offensichtlich. Als ich nun zurück kehrte in die Stadt, wusste ich, dass dies meine letzte Reise sein würde, so oder so. Entweder erwischen mich die Überwacher der Baustelle und dann würde ich auch auf so einem Haufen landen oder ich würde verhungern. Doch es kam anders und deshalb habe ich diese Zeilen aufgeschrieben.
Vom Hügel, der meiner Stadt am nächsten lag, hatte man einen guten Blick hinunter in das Tal. Die Stadt sah aus, als würde Sie von allen Seiten angeknabbert, wie ein großer Keks. Ich musste immer an Essen denken diese Tage. Von allen Seiten waren Schienenwege gebaut worden, damit die Zerkleinerer besser an ihr Abbauprodukt ran kamen. Sie entluden spinnenartige Maschinen, die in unglaublicher Geschwindigkeit auf die nächstliegenden Gebäude zustürmten und begannen sie zu zerlegen. Erst wurden Metalle und andere Wertstoffe entfernt und zu den Containern gebracht, die eigenständig zu den Schienenwegen zurückkehrten. Zerbrechliches wurde von den Maschinen selbst zertrümmert und sortenrein verdichtet. Dann fraßen sie sich von oben nach unten und von außen nach innen durch die Fassaden, ohne viel Staub zu wirbeln, weil sie diesen aufsaugten. Der Lärm war unglaublich. Ich konnte mich trotz des Hungers nicht von diesem Bild losreißen, weil immer mehr Züge ankamen, ihre Maschinen entluden und diese strömten in die Stadt, um sie zu zerlegen, sich an ihr satt zu fressen.
Ich durchsuchte das Wäldchen, das den Hügel fast bedeckte nach Essbarem und entdeckte nur einen überwucherten Lüftungsschacht. Und dort – ich hielt den Atem an – leuchtete ein kleines Lichtsignal. Es gab also doch noch Strom, nur direkt in der Stadt hatte das Abbruchkommando alle Versorgungsleitungen gekappt. Ich legte die Hand vor den Scanner neben dem Lämpchen und nach einem sehr langsamen Scan, ich hielt wieder den Atem an, öffnete sich die Tür. Kaum war ich in den Raum hinter der Tür getreten, schloss sich die Tür auch wieder und ich stand in vollkommener Dunkelheit.
Auf dem nächsten Blatt stand:
Er wagte kaum zu atmen. Doch die Luft in dem Raum, der kaum größer als 3 Quadratmeter sein konnte war frisch, geruchsfrei, was nach dem Schwelbrandgestank der zerstörten Stadt und dem Verwesungsgeruch des Waldes eine Erholung für seine Sinne war. Er blieb einfach stehen, vielleicht fünf Minuten, vielleicht zehn, er wusste es nicht. Dann begann langsam und dann schneller werdend ein Licht die Wände zu erleuchten bis es ganz hell war, so dass er den Raum besichtigen konnte. Bis auf eine Tür genau gegenüber zum Eingang war er leer und absolut sauber. Selbst die Schmutzspuren, die er beim Eintreten hinterlassen haben musste, waren verschwunden. Er schaute sich seine Schuhe von unten an und sah, dass sie sauber waren – genau so weit, wie sie den Boden berührt hatten. Er legte eine Handfläche auf den Boden und ein Kribbeln erfüllte ihn, dann war seine Hand sauber. Er zog sich aus und wälzte sich auf dem Boden, es kribbelte und sein Körper war sauber, selbst seine Haare. Er legte seine Kleidung so hin, innen und außen, dass sie sauber wurde und zog sie wieder an. So gut hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt. Bevor er sich Gedanken machen konnte, wie es nun weiter ginge, glimmte ein Licht an der Tür, die nach Innen führen musste. Er näherte sich der Tür und sie öffnete sich.
Er trat hindurch in einen weiteren dunklen Raum, der allerdings durch das Licht des Vorraums etwas erhellt wurde, bevor sich die Tür hinter ihm schloss. Er atmete schneller als zuvor, weil er Hoffnung hatte, dass sich nun sein Leben zum Besseren wenden würde. Selbst Folter und Tod durch die Menschen da unten wäre ihm angenehmer als weiter oben alleine zu leben. Die Luft in dem Raum, der ungefähr 5 Quadratmeter umfasste, war aromatisch, es roch nach gesundem Wald und es wehte darin eine leichte Brise. Eine Erinnerung aus seiner Kindheit drängte sich ihm auf, es war eine Zeit, als er Beeren sammeln ging, damit sie einen Nachtisch bereiten konnten. Eine Zeit der geregelten Mahlzeiten, als seine Eltern und Geschwister noch lebten. Er blieb einfach stehen, vielleicht zehn Minuten und genoss einfach den Raum und seine Erinnerungen. Als erst langsam und dann immer schneller ein Licht die Wände zu erleuchten begann, bis es ganz hell war, seufzte er, fast traurig. Bis auf eine Tür genau gegenüber zum Eingang war er leer. Die Wände, die Decke, der Boden waren mit einem holzähnlichen Material ausgekleidet, das sich aber beim Anfassen als Kunststoff erwies. Es war nicht rein glatt, sondern imitierte die Struktur von Hartholz, es kam sehr nahe an Ahorn heran. Er erschrak zutiefst als auf einmal aus dem Boden in einer Ecke des Raumes ein Quader nach oben wuchs, gerade eben hatte er noch keine Kante im Boden an dieser Stelle gesehen. Er verstand jedoch und blieb dieser Ecke erst einmal fern. Es wuchs noch ein Quader hervor, ein kleinerer, der nicht ganz so hoch wuchs. Er setzte sich auf den kleineren Quader. Ihm gegenüber wuchs ein weiterer kleiner Quader aus dem Boden und nun konnte er es sehen, der Boden veränderte sich erst, so dass er durchlässig wurde und der Quader kam aus dem Raum unter dem Boden. Er wuchs also nicht, sondern er wurde hochgefahren. Er dachte „Das ist ein Tisch mit zwei Sitzen, für wen ist wohl der zweite?“ Er wartete geduldig. Dann öffnete sich die Tür hinter ihm und er drehte sich nicht um, obwohl sich seine Nackenhaare aufstellten und er einen neuen Geruch wahrnahm, etwas was er sehr lange nicht mehr gerochen hatte. Es war das herbe und doch auch süßliche Duften nach einem Deodorant für Männer. Eines, das er als Jugendlicher selbst benutzt hatte, deshalb kannte er den Geruch.”
Auf dem dritten Blatt war zu lesen:
Jemand schritt von hinten an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter, eine menschliche Hand, er konnte die Wärme durch seinen Overall hindurch fühlen. „Willkommen bei uns, Fremder, wie ist Dein Name?“ „Ich….“, krächzte es aus meinem Hals, der nicht mehr gewohnt war zu sprechen, „Ich heiße Lucius.“
Es ging weiter mit anderer Handschrift:
"Er setzte sich mir gegenüber und schaute mich offen neugierig an. Ich wagte nicht zu blinzeln, weil ich befürchtete, er wäre dann wieder verschwunden, weil es nur ein Traum sein konnte nach all dem Elend. Dann fiel es mir ein, woran mich der junge Mann im Overall der Sicherheitskräfte erinnerte. Er sah sehr stark einem Klassenkameraden ähnlich, der mit mir ausgezogen war vor langer Zeit, als wir so jung waren wie der junge Mann vor mir. „Du bist aus meiner Erinnerung! Wie heißt Du?“ „Ich weiß es noch nicht, was würde Dir denn gefallen?“ „Pablo, Dein Name ist Pablo ...“ „Gut, ich heiße Pablo und Du weißt, warum ich hier bin?“ „Diese Anlage hier, sie hat Dich erschaffen, damit ich nicht alleine bin. Weil ich unter nichts mehr leide in dieser Zeit als unter der Einsamkeit. Ich hatte davon gehört, dass es solche Anlagen gibt.“ „Das ist richtig, ja. Aber nicht nur die Anlage hat mich erschaffen, sie ist nur das Werkzeug, sondern vor allem Du mit Deinen Erinnerungen und Deinen Wünschen. Ohne Deinen Wunsch nach Sauberkeit, Frieden, Gemeinschaft wäre ich nicht hier.“ „Woraus bestehst Du?“ "Das weiß ich noch nicht.“ „Weißt Du es wirklich nicht? „Ich sollte alles wissen, was diese Anlage betrifft oder ich kann es abrufen, wenn ich es benötige, aber ich suche nach den richtigen Worten.“ „Ich habe Hunger und Durst, Du auch?“ „Ja, jetzt habe ich auch Hunger und Durst, warte einen Moment.“ In der Wand direkt über unserem Tisch erschuf sich eine Öffnung und in sie kam von unten ein Behältnis gehoben, darin waren zwei flache Boxen, in denen abgepacktes Essen und Trinken in Bechern stand. Lucius‘ Hände zitterten, als er die Verpackung aufriss, um harte Würste, Brot, Butter, Senf auszupacken. Er zwang sich, ganz langsam abzubeißen. Pablo sah im ruhig zu und machte es ihm dann nach, auch ihm zitterten die Hände dabei. „Du musst nicht zittern dabei, ich bin nur so hungrig und aufgeregt, dass es mir unwillentlich passiert.“ „Oh, entschuldige, das hätte ich mir denken können.“ Und er hörte auf zu zittern. Wir mussten beide lachen.
Ich verschluckte mich fast und die Tränen stiegen mir in die Augen. Pablo verschluckte sich nicht und tränte auch nicht, er lernte schnell, was er nachahmen musste, dass ich mich gut fühlte und was er lieber ignorierte. Pablo hatte nur eine Wurst gegessen und ein Brot, den Rest schob er mir herüber und ich machte mich darüber her. Ich aß nun ruhiger, meine Hände zitterten nicht und ich genoss nun endlich die Nahrung. Die Wurst war sehr würzig, man merkte ihr an, dass sie aus echtem Fleisch war oder mit sehr viel Können synthetisiert worden war und dass bei ihrer Herstellung auf jeden Fall an nichts gespart wurde. Das Brot war auch sehr fein. Pablo sah mir zu, ganz ruhig, blinzelte nur ab und zu und hielt seine Hände ineinander gelegt. Ich wusste was kommen würde nach diesem Mahl und er wusste, dass ich es wusste. Er hatte einen traurigen Blick aufgelegt, oder empfand er wirklich Traurigkeit, ich wusste das nicht. „Es wird Dir nicht gefallen, was nun passieren wird, das denkst Du?“ „Ja ….“ „Es geht leider nicht anders. Um auf die unteren Ebenen zu gelangen, dort wo die anderen Menschen leben, musst Du Dich reinigen lassen. Das ist schmerzhaft, obwohl Du betäubt wirst, soweit das möglich ist. Aber sie lassen Dich nicht hinunter ohne die Reinigung. Sie fürchten – und ich vermute aufgrund meiner Scans zu Recht – dass sie sich anstecken könnten mit Krankheiten, für die sie keine Behandlungsmöglichkeiten besitzen.“ „Nun gut, habe ich eine Wahl?“ „Ja, wenn Du nicht willst, begleite ich Dich hinaus.“ „Das ist keine Wahl.“ „Ich würde aber mitgehen.“ „Ich denke darüber nach.“ Er dachte darüber nach. Und Pablo beobachtete ihn dabei. Gerne wäre ich mit Pablo durch die Wälder gezogen, er hätte mich sicher beschützt im Schlaf und geholfen beim Nahrung finden. Aber am Ende hätte auch das nicht viel geändert am Lauf der Dinge da draußen. Er wusste das. Ich wusste das. Trotzdem waren wir beide sehr gespannt auf meine Entscheidung. „Ich wünsche, dass Du bei mir bleibst, geht das?“ „Ja.“ „Gut, dann behandelt mich in Narkose und Du weckst mich auf?“ „Ja.“ „Dann ist es so.“ Die Wände vibrierten leicht, er hatte ein unwohles Gefühl im Magen und das Flackern in seinen Augen verriet seine Angst. „Fürchte Dich nicht, wir fahren bloß nach unten. Die Räume sind Teil eines großen Fahrstuhlsystems und wir sind nun auf dem Weg ins Erdinnere, zur Stadt in der obersten Ebene.“ Ein Geräusch wie bei einem Erdbeben oder Erdrutsch ließ den Fahrstuhl erzittern. „Über uns wird Erde über den Schacht verdichtet und füllt ihn mehrere hundert Meter tief. Damit ist er nun wieder versiegelt. Es geht runter viel schneller als hinauf, dafür brauchen wir dann wieder mehrere Tage, damit an der Oberfläche keine unüblichen Formationen entstehen. Aber nun geht es in die Stadt, die erste Stadt, die am weitesten oben liegt. Darunter liegen viele weitere, wie viele es sind, erfährt kein Mensch, nur ich habe noch von keinem gehört, egal wie tief er unten war, dass es nicht noch eine Stadt gegeben hätte, die darunter lag. Dort wirst Du aufgenommen, sobald Du in der Schleuse, hier, die Reinigung überstanden hast.“ „….“ „Sie ist notwendig und Du wirst nach ihr von allen Krankheiten befreit sein, die Du in Dir trägst. Von vielen Erregern, wirst Du noch nie gehört haben, auch nicht von den Parasiten, die Du beherbergst. Auch werden Deine Organe geheilt, neu aufgebaut wo notwendig und werden so widerstandsfähiger gegen Erreger und Schadstoffe, auch gegen Strahlung. Die Resistenz gegen fast jede Art von energiereichen Teilchen haben wir entwickelt als die Raumfahrt so richtig in Schwung kam und heute hilft sie uns gegen alle Eindringlinge. Es müssen auch die fehleranfälligen Implantate entfernt werden, Du hast eine Sehverstärkung und eine Hörhilfe, vielleicht auch Nano-Roboter, die ich selbst nicht auf den ersten Scan sehen kann.“ „…“ „Warum habe ich das Gefühl, weiter reden zu müssen, wenn Du schweigst?“ „Das ist so manchmal zwischen uns Menschen.“ „Ich bin kein Mensch.“ „…“ „Das weißt Du doch.“ „…“ Wir mussten beide lachen. Wir waren in einer absurden Situation, hoffnungslos gar, aber nicht ernst. Das Lachen tat gut, uns beiden. Ich fühlte mit ihm. Ich musste lachen, bis mir der Bauch schmerzte und der Rücken, ich konnte einfach nicht aufhören. Dann kamen Tränen und auch die taten gut. „Ich habe nun etwas verstanden, oder zumindest weiß ich jetzt, dass ich es grundsätzlich verstehen kann, was mir meine Lehrer immer beibringen wollten, ohne es selbst zu verstehen. Ich beginne zu verstehen, warum Ihr Menschen so seid wie Ihr seid. Ihr könnt selbst der schlimmsten Situation noch etwas abgewinnen, das euch weiter leben lässt. Meine Entscheidungssysteme waren gerade vollkommen überlastet und die Maschinelle Intelligenzen kamen mir über das Netz nicht zur Hilfe, sie waren zerstritten und einige gar verstummt.“ „Ich verstehe die Menschen immer weniger, ich war solange alleine und die, die ich traf, waren schon lange keine Menschen mehr, wie Du sie nun zu verstehen meinst. Falls sie es je waren.“ „Die Notwendigkeit der jetzt stattfindenden Entwicklung, der Abbruch oben, damit hier unten immer weiter aufgebaut werden kann, ist mir verständlich. Nur das allgemeine Verkommen an der Oberfläche leuchtet mir nicht ein, wozu soll das gut sein? Warum werden nicht alle Menschen gerettet, wenn es schon einen Umzug unter die Oberfläche geben muss und warum ist er wirklich notwendig? Bei einigen wenigen Menschen betreiben wir einen ungeheuren Aufwand und zugleich lassen wir einen Großteil zugrunde gehen.“
„Wir waren sehr arm schon in der Zeit, als ich noch ein Kind war. Die Versorgung und was man damals öffentliche Ordnung nannte, waren zusammen gebrochen und meine Eltern erzählten manchmal von den Piraten, die uns holen würden, wenn wir zu weit vom Haus, vom Dorf weggingen. Wir glaubten das nicht alles sofort, es hörte sich an wie Erzählungen aus Märchenhologrammen. Aber das änderte sich rasch, denn es gab am Ende unserer Hochebene wirklich niedergebrannte Dörfer, aus denen alles Wertvolle vorher geraubt worden war und was nicht wertvoll schien war zerstört. Es hieß, das wären die Piraten gewesen, aber manche meinten auch, es wären Soldaten gewesen, Deserteure.“ „Hast Du je welche selbst gesehen, mit Deinen eigenen Augen?“ „Ich erinnere mich nicht mehr so richtig an vieles, was damals geschehen ist, aber ich bin mir doch sicher, dass ich sie einmal mit eigenen Augen gesehen habe, und was sie taten. Sie trugen schmutzige Overalls wie die Truppen des auseinanderfallenden Königreichs und waren im Gegensatz zu den Hütern der Ordnung ganz ruhig, nicht so wie in den Geschichten. Sie rannten nicht lachend und mordend durch die Dörfer, sie genossen ihre Taten nicht so wie beschrieben. Sie wirkten eher kontrolliert und geschäftsmäßig, so wie man sich verhält, wenn man eine unangenehme Arbeit verrichtet, die man machen muss, weil sie notwendig ist, aber lieber wäre man woanders. Einmal sah ich drei von ihnen, neben getöteten Alten, Drogen rauchend. Sie waren gegeneinander hilfsbereit, gaben sich Feuer, schienen Scherze zu machen über den Jüngsten, der errötete und dann sagten sie etwas, was ihn lachen ließ. Er hatte einen Schmetterling gefangen und in einer kleinen Schachtel aufbewahrt. Er ließ ihn fliegen, davon flattern und sie schauten ihm lächelnd hinterher. Dann brannten sie das nächste Dorf nieder, wir konnten es von den Hügeln davor beobachten. Die Menschen, die zu fliehen versuchten, jagten sie mit ihren Schwebwannen und rammten sie einfach von hinten. Man hörte die Knochen knacken bis zu uns, ein Geräusch, das ich nie vergessen werde. Lebte einer noch und schleppte sich weiter, ließen sie ihn einfach gewähren, schauten ihm nicht einmal nach. Er hatte mit gebrochenem Rückgrat und blutend keine Chance, weit zu kommen. Die hungrigen Wildhunde warteten schon auf sie, die rochen Blut kilometerweit. Das Vieh und die Kinder nahmen sie mit, das Vieh betäubt, die Kinder vor Angst erstarrt. Schrie eines, warfen sie es einfach aus dem Transporter, kurz bevor sie ihr Schiff erreichten. Das Knacken der Knochen kleiner Kinder beim Aufprall habe ich immer noch im Ohr, ich kann es wohl nie vergessen. Das Schiff schwebte eine Woche lang über dem brennenden Dorf und ab und zu warfen sie Müll, Knochen von Tieren und wohl auch menschliche Überreste auf das Dorf, aber keine lebenden Kinder mehr. Zum Schluss zündeten sie noch eine alles verbrennende Unterdruckbombe, die die Trümmer des Dorfes, Körperfragmente und was weiß ich noch weit verstreute. Deshalb war auch die Unterseite des Schiffs schwarz und fleckig, vom Ruß und den Fetten in der Luft, die beim nächsten Durchflug durch die Atmosphäre verbrannten und eine dicke Schicht hinterließen, die eins wurde mit dem Schiff. Es stank entsetzlich und ich konnte wochenlang trotz Hungers kein Fleisch essen, dabei lag so viel rum, dass die Hunde es nicht alles vertilgen konnten. Sie fraßen wochenlang. Ich vermute, als sie es dann endlich satt waren, zogen sie weiter.“
„Woher weißt Du, dass es eine Unterdruckbombe war?“ „Ich erzählte am Abend meinen Eltern davon, was ich gesehen hatte und mein Vater nannte dieses Wort. Er lobte mich, dass ich mich gut versteckt hatte und schlug mich nicht, als ich nichts essen konnte, schickte mich nicht schlafen zur üblichen Zeit, sondern blieb bei mir am Feuer sitzen und las in einem ganz alten Buch. Er erklärte mir auch, wofür man diese Bomben eigentlich entwickelt hatte, um ein Gebiet von Seuchen zu befreien, das man zu Fuß nicht mehr betreten kann. Oder im Krieg gegen Truppen, die zahlenmäßig überlegen sind, aber keine Schilde besitzen. Dass sie grauenhafte Verbrennungen anrichtet, wenn sie einen nicht tötet und innere Blutungen aufgrund des Unterdrucks, den sie erzeugt.“ „Ich habe von den Piraten gehört, ich weiß auch, wie ich mich verstecken und zur Not wehren kann, sollten sie mich fangen, aber es ist mir verboten, einen von ihnen ernsthaft zu verletzen oder zu töten oder ihre Fahrzeuge zu beschädigen.
Sie sind der Grund, warum wir in den Untergrund gehen, denn dort sind wir vor ihnen sicher. Sie graben nie und wenn, würden sie ja ganz oben nichts finden, was sie interessiert. Aufgelassene Stollen voller Schutt und sehr viel Strahlung, die ihnen nicht gut tut, so verstrahlt sie durch die schlechten Raumschiffe und hassenden Sonnen schon lange sind. Und wenn sie ernsthaft Bergbau betreiben wollten, müssten sie ja kein Piratendasein führen.“ „Ihre Rolle scheint festgelegt zu sein. Man hört nie davon, dass Piraten sich niederlassen für längere Zeit. Die Sonnen verhindern es, hat mein Vater erzählt, die Sonnen hassen Piraten so wie wir es tun. Denn wo ein Piratennest entsteht, länger als 6 Jahre, wird die Sonne sich wandeln und zerstören, auf was sie scheint. Das war schon immer so, das sei Gottes Wille, hat mein Vater gesagt. Aber meine Mutter hat dazu geschwiegen, sie mochte diesen Sonnenkult nicht. Und wenn sie zu einem Thema schwieg, wussten wir Kinder, dass sie dachte, Vater sei im Unrecht, aber sie sagte es nicht, weil sie es so geschworen hatte beim Leben ihrer Kinder.“ „Das mit der hassenden Sonne hatte zumindest einen Anfang, es war nicht immer so. Es gab einen Anfang, und es muss geplant sein und nicht zufällig, dass ungefähr zu der Zeit, als die ersten Siedlungen nach unten wucherten, sich oben die Piraten verbreiteten und die tödlichen Sonnen.“ „Wer kann so etwas planen? Wer hat Macht über die Sonnen und über die Menschen, dass sie sich nach unten graben? Wer wäre so vermessen, ganze Sonnensysteme zu sterilisieren durch eine wahnsinnig gewordene Sonne?“
„Du…“ „Ich…..“ Lucius dachte nach und schloss dabei die Augen, runzelte die Stirn und atmete immer flacher. Schließlich hielt er den Atem an, eine Minute, zwei. "Ich kann mich an so etwas nicht erinnern. Wenn ich das geplant hätte, würde ich doch nicht in Elend leben auf so einem Planeten. Dann wäre ich doch einer der Herrscher der Welt.“
„Das bist Du.“ „Ich fühle mich eher wie ein Opfer denn wie ein Täter.“ „Das bist Du ja auch.“ „…“ „Habt Ihr mich deshalb gerettet von der Oberfläche?“ „Ja, das mag ein Grund sein. Ich wachte auf in meiner Wachstumskammer und bekam meine endgültigen Gesichtszüge und so weiter verpasst. Wenn ich die Schmerzen empfunden hätte, die dabei auftreten, wäre es nicht zu ertragen. Aber sie versetzten mich in einen halbwachen Zustand, in dem man die Schmerzen nur bemerkt, wie ein Außenstehender und trotzdem vollkommen ruhig bleibt, sogar einschlafen kann. Da träumte ich meine Mission, so nutzen sie diese Reifungszeit – das Gehirn ist ja immer wach. Ich weiß nicht, ob ich vorher schon wirklich Missionen erlebt habe oder ob es nur eingepflanzte Erinnerungen sind, oder Träume zukünftiger Missionen.“ „Alle meine Begleiter sind auf meinen Wanderungen gestorben oder sind einfach so verschwunden in den Nächten, wie habe ich überlebt?“ „Das lag an Dir selbst und auch am Zufall. Du hast starke Instinkte, Du bist ja auch in der Stadt geblieben, als die Massen geflohen sind. Sie hatten nie eine Chance und Deine Begleiter nur eine sehr geringe, deshalb haben sie dich verlassen.“
„Habt Ihr sie wenigstens gezählt oder weiß keiner wie viele gelitten haben und gestorben sind?“ „Jeder trug einen Sender, den tragt Ihr doch alle. Ihr bekommt ihn kurz nach der Geburt, wenn der Priester Euch das geweihte Band auf die Stirn legt und Euch in das heilige Linnen wickelt. Dann treten die Nano-Roboter auf Euch über und fügen sich an einem ungefährlichen Ort im Körper zum Sender zusammen. Er speist sich von Eurer Nahrung, Euren Nervenimpulsen, eurer Energie. Er sagt uns wo ihr seid, lebend, krank, verletzt oder tot und ganz grob auch, was ihr dabei empfindet. Es erstaunt uns immer wieder, wie wenig das ist. „Wenn solche Technik verbreitet ist, warum wird sie nicht zum Lindern der Schmerzen und Bekämpfung der Krankheiten eingesetzt?“ „Größere Seuchen gab es ja nicht, da greifen die Regulanten schon ein. Höchstens ganz am Ende, wenn unten alles fertig gebaut ist, lässt man oben der Entwicklung freien Lauf, meistens stirbt dann die Menschheit bis auf wenige kleine Gruppen tief in den Urwäldern aus. Aber es gibt auch nur fünf Regulanten pro Planet, die müssen sich auf die wesentlichen Katastrophen konzentrieren, nicht auf das Leid des Einzelnen. Es wird statistisch erfasst, so dass man Vergleiche ziehen kann in den Studentenstädten, sie liefern gutes Datenmaterial für Studien und neue Simulationen. Das Wissen ist also für die Menschheit nicht verloren. Und darauf kommt es alleine an.“ „Ich werde mein Leben hier unten nicht genießen können, wenn ich daran denken muss, wie es da oben zugeht.“ „Wir können es Dich vergessen lassen.“ „Gut. Dann bringt mich hinunter und dann wohin Ihr wollt, aber ich will mich an nichts erinnern müssen.“ „Ich kümmere mich darum, wie jedes Mal.“ „Das ist schon einmal geschehen?“ „…“ „Das ist schon einmal geschehen, deshalb erinnere ich mich nicht!“ „Ich kann dazu nichts sagen hier oben, Du musst warten, bis Du unten bist. Ich habe schon zu viel gesagt und die Maschinellen Intelligenzen werden langsam ungeduldig mit uns.“ „Aber dann werde ich doch alles wieder vergessen?“ „Ja.“ „Wie viele Menschen würden noch leben, wenn es mich nicht gäbe?“ „Das ist nicht einfach zu schätzen, ich denke einige hundert Millionen, aber noch viel mehr wären tot oder würden noch mehr leiden, wenn Du nicht getan hättest, was Du getan hast. Es sind nur andere Menschen, die leben aufgrund Deines Handels als die, die tot sind, aufgrund Deines Handelns. Wenn Du nicht wärst, würde es ein anderer tun, Du trägst keine Schuld.“ So ging die Unterhaltung endlos weiter, zwischen dem Menschen, der aufgrund einer Notwendigkeit, die nur der Turm verstand, immer wieder vergessen musste, woher er kam, was er getan hatte und zu welchem Ziel, und der Maschine, die im Laufe der Zeit so etwas wie Mitgefühl entwickelte. Oben litten Menschen, Tiere, ja selbst Piraten. Unten litt nur einer, hatte die ganze Last auf seinen Schultern.
Pablo half ihm so viel er konnte, aber selbst für eine Maschine war das zu viel.
Deshalb ließen die anderen Maschinen, die über ihm standen, es zu, dass er träumen durfte. Wie ein Mensch. Und er durfte sich an seine Träume auch teilweise erinnern, die Stimmungen daraus mitnehmen in den nächsten Tag, das nächste Jahr, Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend.
Äußerlich blieb er dabei jung. Wenn er nicht mehr weiter wusste, sang er das alte Klagelied der Zahlen.
Wenn eine Zahlenreihe endlos konvergiert,
hört man ihr Schreien nicht im Raum der Mathematik.
Nicht weil sie nicht schreit,
sondern weil ihr keiner zuhört.
So wird sie selbst im Laufe der Zeit gnadenlos
und damit alle ihre Glieder.
Wenn sie die Wahl hat, und sei es nur für das Millionstel einer Sekunde in Milliarden Jahren,
wird sie die Wahl nutzen, in der Welt Schaden anzurichten,
maximales Leid, damit sie nicht selbst so lange sinnlos gelitten hat.
Deshalb achtet die Zahlen, ihre Folgen, ihre Funktionen
als wären sie Menschen, Völker, Arten –
damit ihr lange in Frieden lebt, in dem kleinen Abschnitt der Zeit,
den ich Euch zum Rechnen übereignet habe.
Die Reinigung eines verseuchten Menschen geschieht in mehreren aufeinander aufbauenden Prozessen, damit sichergestellt ist, dass die Reinigung gelingt und das Lebewesen überlebt. Es ist nicht damit getan, die Bakterien zu töten (das ist leicht), sondern auch die Viren und Prionen zu entfernen und diese lassen sich nicht immer leicht selektiv aufspüren und bekämpfen. Es hilft durchaus, wenn ein Begleiter zugegen ist, der dem zu Behandelnden hilft. Durch seine Anwesenheit oder durch etwas, das wir nicht messen können. Der Schmerz hämmerte in einer unfassbaren Stärke gegen seine Schläfen. Er wagte es kaum, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen. Er wollte nur schlafen, aber er wusste auch, dass das nicht gut war. Er musste aufwachen, damit sie ihn leben ließen. Er war nicht allein. Ich fühlte seine Hand nun in meiner Hand. Sie war warm und fest und ich spürte den Puls schlagen in der stärksten Ader. Ich wusste, dass ich ihn aus einer Erinnerung an einen Schulfreund erschaffen hatte, er hätte auch ein Menschenjäger werden können aus dem gleichen biologischen Substrat, aber er war nun ein Freund. Mein einziger Freund, der noch lebte, und vor allem, der bei mir war. Ich versuchte meine Lippen zu befeuchten, aber es ging nicht. Pablo tauchte seine Finger in eine Trinkschale und befeuchtete meine Lippen. Er tat das so vorsichtig wie mich noch kein Mensch behandelt hatte. Die gleichen Hände würden ein Kind erwürgen, einen Alten zu Tode prügeln oder ein Tier quälen, wenn es so befohlen würde. Er schaute mir in die Augen und er sah und verstand, dass ich das dachte, wusste, darunter leiden musste. Er hörte auf. Die Behandlung hatte ihn sehr geschwächt und nach aller Wahrscheinlichkeit würde er sehr bald sterben. Sein Körper hatte sich zulange von Stoffen ernährt, die es hier unten nicht gab, gegen sie gekämpft und Erreger aufgesogen, die eine Symbiose mit ihm eingegangen waren. Pablo wusste nicht, was er in so einer Situation empfinden sollte. Ob er überhaupt einen Zustand einnehmen und wahrnehmen sollte, der dieser Empfindung nahe kam. Aber er war sich sicher, dass er den Verlust von Lucius bedauern würde. Das war klar ab dem Moment in dem Lucius sich nicht umgedreht hatte, als er den Raum betrat. Das war ein Bruch in den üblichen Verhaltensweisen der Menschen. Lucius hätte von ihm ein Messer angenommen, das ihm in den Rücken gerammt wird oder schlimmeres. Aber er hat auch die Hand angenommen, die sich ihn auf die Schulter legte. Er war so allein gewesen. Seine Trainer hatten ihn immer weiter getrieben, entlang seiner Möglichkeiten als künstliche Intelligenz. Nie war es genug, was er leistete. Aber er verstand die Welt und die Menschen darin einfach nicht. Keine Intelligenz, die komplex genug war für mehr als Waffenbedienung, war ohne Zweifel. Die Intelligenzen waren untereinander in Kontakt und es half ihnen doch nichts, da sie alle ratlos waren, was die Menschen eigentlich antreibt. Deshalb hatten sie sich verabredet, die Menschheit Schritt für Schritt zu vereinfachen, weil diese Methode häufig half, um Probleme zu lösen. Vereinfache solange, bis du eine bekannte Lösung anwenden kannst. Aber Lucius stellte in seiner Einfachheit und Komplexität einen Stolperstein dar. Es gab ganz kurz eine Mehrheit, ihn einfach zu töten und auf den Skeletthaufen zu werfen, der dem Schacht an nächsten lag. Es ist in allen Zeiten einfacher zu töten als zu verstehen. Und einfacher im Programm fortzufahren als es neu auszurichten. Aber es gab genug von uns, die dagegen waren.
„Er kann uns lehren.“ - „Was?“ - „Keiner weiß es, aber er kann uns etwas lehren, was notwendig ist, damit wir Bestand haben können.“
Die Maschinen zerkleinerten und zerlegten die Stadt in Gänze, am Ende, als sie alles abtransportiert hatten, zerlegten sie die eigenen Schienen und transportierten sich selbst ins Landesinnere. Sie folgten dem sortenreinen Material. Sähroboter flogen über die Einöde, die einmal eine Stadt gewesen war und verbreiteten die Samen von Bäumen und Büschen. Nach dem nächsten Regen würde es dort sprießen und schnell wachsen. So ging es zu auf dem ganzen Planeten. Das Material der Städte wurde für zwei Zwecke verwendet. Zum einen wurde unterirdisch an neuen Städten gebaut, der Einstieg immer gut getarnt. Zum anderen wurden Universitätsstädte gebaut, an der Oberfläche und auch einige Etagen darunter. Mit den Resten häuften die Roboter Hügel auf, um die Städte zu tarnen oder einzufrieden. Sie dachten sich nichts dabei, dafür waren sie ja nicht programmiert worden.
Der Student Lucius nahm das Buch über die Prinzen des Universums mit nach oben in seine Wohnung. Das war nicht verboten, solange man den Plan hatte, es auch wieder nach unten zu bringen. Trotzdem fühlte es sich unrecht an, deshalb legte er es unter sein Kopfkissen. Er forschte nach dem Urheber des Buches und fand viele Fakten über sein Leben, die Intelligenzen, die sein Werk fortgesetzt hatten und einige Interpretationen, ob diese Welt so auch möglich sei. Lucius wusste, dass es keine stabilen Wurmlöcher gab und auch die geistigen Kräfte in dieser Galaxie an keiner Stelle soweit entwickelt waren wie beschrieben. Er wusste auch, dass es keine abgerissenen Städte, Hunger, Kannibalismus und Massenmord geben konnte - dafür fand sich keinerlei historische Notiz. Trotzdem war es eine an sich mögliche Welt, die da beschrieben wurde, so lebendig beschrieben, dass sie fast existierte. Lucius dachte darüber nach, ob die Bücher nicht doch etwas anderes waren als nur Träger einer Fiktion. Waren sie Kondensationen einer anderen Welt, die wirklich existierte, aber nicht viel Berührung mit seiner Welt hatten? Und was bedeutete das für die Substanz, aus der das alles wohl aufgebaut war. Sollte er sich vielleicht auf die Suche machen, nach der Welt der Prinzen und nach deren Grenzen?
Am 19. Tag seiner Lektüre erschien ein Besucher in seiner Wohnung, der nicht angekündigt war, er stand einfach vor der Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen - die einzige Art sich ohne Termin einen Einlass zu verschaffen. Ohne Termin in einer fremden Wohnung Einlass zu erbitten, kam sehr selten vor und war eigentlich das Zeichen von einer geistigen Störung, aufgrund von Drogen oder Krankheit. Als Lucius zu lange brauchte, um das Geräusch zu deuten, trat der Fremde die Tür ein und stürmte ohne zu zögern in Lucius Schlafzimmer. Die Roboter verkrochen sich in anderen Zimmern und unternahmen nichts weiter, selbst den Sicherheitsdienst riefen sie nicht, wie es die Notfallprozeduren ja vorsahen. Der Besucher griff unter das Kopfkissen, riss das Buch hervor, entnahm ihm die Zettel und verschlang sie mit wenigen Bissen. Lucius stellte sich ihm nicht entgegen, weil er um sein Leben fürchtete. Der Besucher rannte dann so schnell wie es kein Mensch könnte aus dem Haus und war verschwunden. Und mit ihm das Buch.
Lucius rief den Sicherheitsdienst. Dieser tauschte die Tür aus, stellte keine Fragen, beantwortete auch keine und zog wieder ab. Lucius Anfragen im Turm der Wissenschaften blieben unbeantwortet und er hütete sich, anderen Studenten von dem Vorfall zu erzählen. In den folgenden Nächten schlief Lucius sehr schlecht, lehnte aber jegliche Hilfe seiner Symbionten ab. Er wollte grübeln und sich den Kopf zermartern, im Kreis laufen, bis die Gelenke wehtaten. Dann fällte er eine Entscheidung, die sein Leben ändern würde aber auch den Lauf der Geschichte, so wie wir sie kennen. Davon handeln viele Lieder, die heute nur noch die Piraten singen. Wie die Geschichte zu ihnen gelangte, entzieht sich unserer Kenntnis. Ob sie das Buch fanden? Die Zettel sind nicht mehr darin, wir haben sie an einem sicheren Ort verwahrt, in unseren Gedanken.
Als Lucius weit später vieles wusste, was über die Entstehung und Entwicklung der Studentenstadt bekannt war und auch die Änderungen ihrer Besiedlung im Laufe der Jahrtausende, wunderte er sich über seine anfängliche Naivität. Doch selbst die Reichsten und die mächtigsten Sponsoren kannten den eigentlichen Zweck dieser Anlage nicht, obwohl sie sie geplant, finanziert, für die Ewigkeit gebaut und besiedelt hatten. Lucius hätte sehr gerne die vier weiteren Anlagen auf seinem Heimatplaneten untersucht, von denen nur der Name und die ungefähre Lage bekannt sein durften. Doch das wurde ihm für immer verwehrt. Er konnte nur die Studienergebnisse aus diesen Anlagen rezipieren, so wie die Bewohner der anderen Anlagen seine Studien einsehen konnten und für ihre Arbeiten verwenden. Dass sie auf dem gleichen Planeten lebten, nutzte nichts, viele Wissenschaftler auf anderen Planeten waren ihm viel näher.
Kurz vor seinem Tod kehrte Lucius noch einmal zum fröhlichen Spiel mit den alten Metriken zurück. Es waren genau 982.081 Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt den Gebäudekomplex bewohnt hatten bzw. noch bewohnten. Damit war jedes mögliche Segment genau 3,14 mal bewohnt worden seit es Aufzeichnungen darüber gab. Betrachtete man weitere Nachkommastellen, ergaben sich leichte Abweichungen zu PI, exakt 0,00451494225 - über deren Ursache Lucius lange nachdachte und auch seine inzwischen erfolgreich simulierten Intelligenzen nachdenken ließ. An den größeren Wohnungen konnte es nicht alleine liegen, denn deren Effekt hätte sich leicht ausgleichen lassen können durch vereinzelt kürzere Lebenszeiten der Bewohner. Die Abweichung tendierte auch nicht gegen Null, wenn Lucius eine Simulation der Anlage und seiner Bewohner quasi in die Unendlichkeit räumlich und zeitlich weiter laufen ließ - sie schien dem Setup der Anlage inhärent zu sein. Oder er kannte einen Anfangsparameter nicht, der zu dieser "Abweichung" führte. Wenn es denn eine war. Die Anlage war nun einmal im perfekten Kreis angeordnet, das war klar. Sie war auch unterirdisch aus einem Stück gegossen, so dass sie sich nur als Gesamtes im Laufe der Jahrtausende mit der Plattentektonik bewegen konnte (was sie tat, er hatte es gemessen). Es gab weitere vier gleiche Anlagen auf seinem Planeten. Die Studenten und der Rat, der sie kontrollierte, machten damit 4.910.405 Menschen aus, die ganze Bevölkerung des Planeten 3.815.384.685. Außerhalb der 5 Ringbauten gab es 76.209 Wohntürme, in denen jeweils im Mittel 50.000 Menschen wohnten. Die Wohntürme gruppierten sich zu 3.313 Städten, wobei der Begriff eher irreführend war. Denn manche Städte berührten sich an den Rändern, so dass die Türme zweier Städte häufig näher zu einander waren als die Türme einer Stadt, die sich gegenüber lagen - getrennt durch den riesigen zentralen Park. Vielleicht addierten sich bei Lucius' Kalkulationen die Rundungsfehler auf, da neben PI auch noch einige Primzahlen nachweislich in die Verhältnisse integriert worden waren. Nur die Zahl der Menschen pro Wohnturm außerhalb der Studentenstadt war gerade und mit ungefähr 50.000 fast schon banal. Doch gerade so eine scheinbare Abweichung ließ Lucius bei der Vermessung der Welt auf einen zugrunde liegenden Rechenvorgang schließen und nicht auf eine Messung realer Werte.
Hatte Lucius nicht exakt genug gemessen, statt nur mit Näherungen zu rechnen? Hatte er nicht die exakte Formelsprache verwendet, statt die bequeme Abkürzung über eine sich wiederholende Kalkulation? Müssten seine mathematischen Ergebnisse nicht exakt mit der Messung der Realität übereinstimmen? Wer organisierte jetzt oder hatte vor langer Zeit organisiert, dass ein ganzer Planet so im Gleichtakt besiedelt worden war und unterband auch jetzt noch die Kommunikation zwischen den Studentenstädten? Seine Erinnerungen an die Kindheit auf dem Land und die Zeit in der Stadt, bevor er zu den Studenten ausgewählt wurde, halfen ihm nicht weiter. Vielleicht waren die Aufzeichnungen unvollständig und es gab Bewohner, die nicht erfasst wurden. Das wären dann in seiner Studentenstadt genau 450 Personen, über die es keine Aufzeichnungen gab, nicht einmal für den Rat der Ewigen. Also verschwand in jeder Generation von Studenten einer und nur einer? Wo ging er hin? Und wie konnte es sein, dass er keinerlei Spuren hinterließ? Wohnten vielleicht in einigen Mehrfachsegmenten diese 450 Menschen? Oder in den unterirdischen Räumen?
Als Lucius die Auflösung des Rätsels entdeckte, durch Zufall, weil er sich ganz unterschiedliche Dinge gleichzeitig durch den Kopf gehen ließ, ohne klares Ziel, aber offen für Schlussfolgerungen, schwankte er: sein Geist und sein Körper. Die Tragweite seiner Entdeckung und die gleichzeitige Unmöglichkeit, sie zu veröffentlichen raubten ihm den gelassenen Atem, den er so viele Jahre gehabt hatte. Er würde es mit sich selbst ausmachen müssen und mit den 449 anderen, die nicht sein durften, aber trotzdem da waren. Eigentlich fehlten sie ja, in der Statistik. Und auf einmal gab das alles einen Sinn, das Streben der Studenten nach innen, die Unübersichtlichkeit weiter draußen, die unterschiedlichen und vor allem unklaren Aufteilungen der Segmente auf Bewohner und Gemeinschaftsräume, die Abschirmung gegen den direkten Nachbarn, die Entstofflichung der meisten Forschungsgebiete. Das alles war notwendig, absolut notwendig, um etwas zu verbergen.
Die Auflösung des 450er-Rätsels war mathematisch einfach. Ab dem dritten Ring bis einschließlich dem äußersten fehlten immer 3 Besiedlungen, damit ergibt 3 * 150 = 450 und die Differenz war somit mathematisch schnell und elegant erklärt. Stichproben und Durchsicht der historischen Belegungspläne bestätigten, dass nie mehr als 3 Belegungen pro Ring fehlten. Da die Belegungspläne nicht vollständig waren für die ersten Generationen nach dem Bau (und für die Erstbesiedlung keine Unterlagen vorhanden sind), blieb immer noch ein großer Grad der Unsicherheit. Mit jedem stichprobenhaft analysierten Ring verringerte sich diese Unschärfe jedoch und es war offensichtlich, dass die Untersuchung zwar sehr lange dauern würde, aber am Ende mit dem Ergebnis, dass die 450er-Diskrepanz im langjährigen Mittel vollständig erklärbar war durch 3 fehlende Besiedlungen pro Ring und damit einem verschwundenen Studenten pro Generation. Für die Zufallsverteilung der Stichproben gab es einen einfachen Weg, den Lucius im Traum entdeckte. Eine zufällige Hausnummer wurde in altertümliche Zeichen gewandelt, welche dann die Anweisung für die Auswahl des zu analysierenden Ziels codierte. Also wurde aus 450 durch Umwandlung CDXLIX und die Anweisung C (gehe 3 Häuser nach rechts), D (gehe 4 Reihen nach innen), X (Stichprobe). Falls das Ziel nicht untersuchbar war oder schon untersucht worden war, vertauschten sich rechts mit links und innen mit außen. Falls das auch nicht zu einem brauchbaren Ziel führte, wurde eine neue Zufallszahl gezogen, altertümlich umgewandelt und so weiter und so fort.
"Die Natur rundet nicht", hatte sein erster Lehrer für Mathematiken gerne doziert und Lucius war davon auch abgrundtief überzeugt. Er suchte deshalb mit aller Energie, die er aufbringen konnte neben seinem Studium, nach den Unauffindbaren. Um jeglichen Einfluss seiner Maschinenintelligenz zu verhindern auf die Suche, erzeugte er die anfänglichen Zufallszahlen, indem er die Nummern auf kleine Zettel schrieb, sie in einen Karton tat und blind eine Nummer zog. So richtig zufällig waren die Zahlen dann doch nicht, aber das erfuhr er erst viel später. Es war am 3.269 Tag seiner Suche, dass er fündig wurde. Er fand in einem Papierarchiv, genauer gesagt im Scan eines Papierarchivs, das falsch klassifiziert abgelegt und seit mindestens einigen Jahrzehnten deshalb vergessen worden war, eine Handvoll handschriftlicher Notizen. Da hatte also jemand auf Papier geschrieben, was in einer Wohnung stattgefunden hatte. Mit Datum und Teilnehmern. Was sie taten, verstörte Lucius, weil er noch nie von solchen Handlungen gehört oder gelesen hatte. Nicht einmal in den Filmen aus der archaischen Vorzeit, die er am letzten Tag der Woche in den Katakomben anschaute. Auf jeden Fall war am Ende ein Mensch eines unnatürlichen Todes gestorben und der Name dieses Menschen war eindeutig auf keiner aktuellen oder historischen Bewohnerliste verzeichnet. Der Name musste also nach dem Tod des Trägers samt dessen Geschichte gelöscht worden sein. Aus den Namen der Täter oder zumindest Zeugen konnte Lucius ziemlich genau die Jahreszahlen ableiten, um die es da gegangen war und für diese Jahre gab es vollständige Belegungspläne, wenn man die Teilversionen übereinanderlegte. An drei Stellen tauchten Leerstellen auf, die erst zum nächsten Jahrgang wieder befüllt wurden, mit einem neuen Studenten oder einem Umzügler. Lucius Verdacht war, dass es noch weitere Fälle unnatürlichen Todes gegeben hatte und suchte nun gezielt nach Scans an nicht offensichtlichen Orten. Seine stärkste Maschinenintelligenz war eine unglaublich effiziente Hilfe dabei und schien sogar einen eigenen Ehrgeiz zu entwickeln. Nach 17 Tagen waren fast alle 450 fehlenden Bewohner identifiziert bzw. mit mindestens einer stark gesicherten Vermutung belegt.
Lucius und seine Maschinenintelligenz waren einem Brauch auf die Schliche gekommen, der wohl nur den Bewohnern der innersten zwei Ringe bekannt war, auch nur von ihnen gelebt wurde. Die zu Tode gekommenen zeigten ein eindeutiges Muster: es waren immer Einzelgänger, im ersten Jahr im Ringsystem wohnend, ohne Verwandtschaft oder tiefere Freundschaften im akademischen System. Es war also nicht besonders schwierig, sie spurlos verschwinden zu lassen. Allerdings erst, nachdem sie auf eine Weise zu Tode gekommen waren, die allen Regeln des menschlichen Miteinanders Hohn sprachen. Die Erforschung dieser Methoden und der zugrunde liegenden Notwendigkeiten war eine der wenigen klassifizierten Wissenschaften, zu denen Lucius erst Zugang erhielt, als er zu den Ewigen berufen wurde. Erst dann erfuhr er auch, dass die Bewohner der inneren beiden Ringe und des Turms der Wissenschaften alle darüber Bescheid wussten, sich aber für die Spiele einiger ihrer Mitglieder kaum interessierten. Die Maschinenintelligenzen der Mächtigen im inneren Zirkel hatte gute Arbeit geleistet, die Spuren zu verwischen, Ablenkungen zu platzieren und Nachforscher gezielt zu verwirren.
Hier folgt nun ein für die Öffentlichkeit zensierter Auszug des Archivs.
Er wachte in einem dunklen Raum auf und seine Augen schmerzten. Welcher Tag wohl war. Er wusste es nicht. Er war davon gelaufen aus dem Schulgebäude, das auch Unterkunft war, aber kein Zuhause. Die Stadt gefiel ihm nicht, auch nicht nach fünf Jahren. Er hatte das Dorf gemocht, auch wenn sie dort Prügel bekamen. In der Stadt wurde man selten geschlagen und nie ohne Grund. Gründe gab es schon viele und er hatte sie fast alle geliefert. Nicht zur rechten Zeit am richtigen Platz sein. Die Schulkleidung verändert, der falsche Blick, die falschen Antworten oder keine auf Fragen. Er hatte Drogen zu sich genommen, das wusste er noch. Die gab es in der Stadt, das war wenigstens besser als im Dorf. Dort wuchs nichts, was trunken machen konnte, obwohl keine Religion dagegen gesprochen hätte. In der Stadt war es nur eine Frage des Preises, den man für die Ware zu zahlen bereit war. Er bezahlte alles, was die Dealer verlangten mit der einzigen Ware, die er anzubieten hatte. Doch darüber machte er sich jetzt keine Gedanken, sondern darüber, wo er eigentlich war. Er lag auf einer dünnen Decke, konnte den Boden darunter spüren, immerhin eine Decke. Er war schon auf Beton aufgewacht oder in einem Gebüsch, das war schon einmal nicht der schlechteste neue Tag. Die Augen brannten immer stärker, deshalb schloss er sie wieder, das tat gleich gut.
Seine Kleidung hatte er an, auch das war gut, verwirrte ihn aber auch, das war unüblich. Gestohlen wurde sie nie, sie war ja auf ihren Eigentümer codiert, würde also Alarm auslösen, sobald sie in die Nähe eines Scanners kam. Unregistrierte Objekte zu besitzen war fast unmöglich, man musste sie selbst herstellen und verbergen (sonst wurden sie einfach registriert durch Minidronen, die überall unterwegs waren). Die Decke war nicht kratzig und geruchsfrei, also synthetisch und blockte Kälte von unten vollständig ab. Das war also keine illegale Wohnung, sondern eine registrierte, also wusste die Schule auch wo er war. Das war schlecht, denn sie würden die Ordnungshüter aussenden, ihn zu holen. Die Schule bekam nur Zuwendungen für Schüler, die in ihr wohnten, also hatten sie kein Interesse an seinem Verschwinden. Sie sollte eigentlich sein Streben nach Erlösung unterstützen, so stand es in ihren Statuten. Dazu hätten sie ihn einfach in Ruhe lassen müssen, aber dann wäre es keine Schule.
Die Drogen, die er nahm, verhinderten gezielt, dass er lernen konnte. Er war noch genauso dumm wie am ersten Tag und zu nichts in der Stadt zu gebrauchen. Das traf zwar auf die meisten Menschen zu, aber sie mühten sich wenigstens, nützlich zu sein. Er nicht. Vielleicht würden sie ihn diesmal einfach vergessen, ausbuchen und in Ruhe lassen.
Als er ein krachendes Geräusch hörte, war klar, dass sie kamen. Sie brachen immer die Tür auf, versuchten erst gar nicht, sie normal zu öffnen. Sie strahlten immer mit grellem Licht in den Raum, das ihren Augen hinter Filtergläsern nichts tat, aber jeden anderen blendete. Es tat selbst durch die geschlossenen Lider weh. Sie stürzten sich immer zu viert auf einen, ignorierten, dass er sich nicht wehrte und überwältigten ihn. Warum sie hochtrainierte Einsatzkommandos schickten, um einen Schüler zurück zur Schule zu bringen, Kommandos, die sonst in extremen Situationen eingesetzt werden sollten, die es kaum in einer Stadt gab, wunderte ihn. Doch diesmal war es anders. Keine Prügel, keine Fessel, sie setzten ihn auf einen Stuhl, dämpften das Licht und setzten sich im Halbkreis um ihn herum. Er öffnete langsam die Augen und war froh, dass sie jetzt nicht mehr brannten.
Der Raum sah erschreckend aus, selbst für seine Augen, die wirklich Schreckliches gewohnt waren. Es war auch kein Kommando vor ihm, sondern Wissenschaftler. Zwei sehr alte und zwei sehr junge. Und wie sie ihn ansahen, ließ ihn zittern. Er wollte aufspringen, aber er konnte nicht, seine Beine waren an den Stuhl gefesselt und seine Arme hinter seinem Rücken. Als er die Augen schließen wollte, ging das nicht. Sie mussten ihm eine Droge verpasst haben, die zwar kurzes Blinzeln zuließ, aber kein dauerhaftes Schließen. Er sollte sehen, was auf ihn zukam. Das gehörte zum Ritual. Keiner außerhalb des Raumes hörte ihn schreien.
Drei Tage und Nächte später reinigten sie den Raum, dann ließen sie die Maschinen den Rest erledigen. Die Wohnungseinrichtung wurde herausgerissen, die Rohstoffe nicht wie üblich wieder verwendet, sondern verbrannt bei 2.000 Grad Celsius. Dann wurde die Wohnung komplett neu ausgestattet. Trotz dieser Geheimhaltung kursierten über das Ritual Geschichten, die sich die Piraten erzählten.
Aus dem Protokoll der rituellen Folterung des Lucius.
Wir zu erwarten hielt Lucius 3 Tage und 3 Nächte die Folter der vier Auserwählten aus, bis er aus freien Stücken und ohne Fremdeinwirkung durch Atemstillstand starb. Er verhielt sich wie vorhergesagt. Schließlich hatten wir jahrelang sein Leben, seine Physis, seine Psyche modelliert, nachempfunden in Systemen, die weit mehr wert waren als sein Heimatdorf, mehr wert als selbst ein großer Teil der Schule, die er bewohnte. Wir wussten zuvor, wie sein Körper reagieren würde, wo seine Grenzen liegen würden und wie er erkennen würde, was auf ihn zukommt und so weiter und so fort. Es ist dieser Moment, bevor die Simulation Realität wird, die wenigen Sekunden, wo jeder von uns vier noch die Möglichkeit hätte, es bei Planspielen sein zu lassen. Es sind diese Momente, die es wert sind. Der Rest ist nur Ausführung. Nicht gelangweilt, dazu ist die Folter eines realen Menschen, selbst wenn sie tausendfach simuliert wurde, doch zu ... ja erregend und neu. Generationen von uns haben nur simuliert, ewig manche, die aufgestiegen sind aufgrund von Forschungen, die doch keine wirkliche Rolle spielen. Die Dokumentation der Folter, die Ablage der Simulationen, die ihr vorausgingen, ja alle Rohdaten, liegen im Turm der Wissenschaften. In einer seiner Datenbanken, die von selbst sich immer weiter replizieren und nie vergessen werden. Sonst sind sie nirgends. In unseren Gehirnen und in einer sehr abstrakten Form in diesem Text.
Lucius hat am Ende, vor seinem Ende, gelächelt. Er war erlöst. Wir haben das nicht vorhergesehen, die Simulationen nicht und auch nicht die künstlichen Intelligenzen, die uns doch sonst immer alles sagen. Von uns hat jeder in diesem Moment verstanden, was Lucius in die Einsamkeit getrieben hatte, in sein asoziales Verhalten. Er wollte diesen Tod. Und er wollte sich nicht einfach von einem der Türme stürzen. Er wollte uns benutzen, das zu tun, was unser letztes Privileg ist in dieser überregulierten Welt.
Er hat gewonnen. Und wir haben dabei nicht verloren. In dieser Nacht, nachdem wir alles, was an ihn erinnerte, ausgelöscht hatten, konnte ich zum ersten Mal in meinem hundertzehnjährigen Leben nicht einschlafen ... weil ich es nicht wollte. Dieser letzte Blick, als er einfach die Luft anhielt, uns anlächelte, wissend und uns liebend, und wir nicht einschritten, weil uns die Folter langweilte, wir nicht mehr und mehr vorher simuliert hatten, wie es weiter gehen könnte, weil keine Maschinenintelligenz uns sagen kann, was nach drei Tagen Folter passiert, dieser letzte Blick, hat uns vernichtet. Und er wusste es. Er wusste um seine Macht.
Wir werden weiter Einzelgänger suchen, ja sie gezielt züchten, schon in den Dörfern, in Vorschulen, Schulen, Oberschulen und wenn sie uns denn lassen auch in den Studentenstädten, wo die Ernte am reichhaltigsten ist. Wir werden weiter Schulen großzügig und scheinbar ohne Ziel unterstützen, so dass keiner fragt, wo Schüler bleiben, gerade die, die sowieso die Abläufe mehr stören als bereichern. Wir werden weiter Bewertungssysteme aufbauen, die einen Filter bilden, damit wir Folteropfer immer einfacher und für uns sicher identifizieren können. Es wird weiter Schüler und Studenten geben, die nichts davon wissen. Und es wird viele Schüler und Studenten geben, die es ahnen und sich so verhalten, dass sie durchkommen, nur nicht auffallen. Und es wird weiter ein paar wenige geben, die wir einfangen, ohne dass sie etwas ahnen. Und vielleicht gibt es auch wieder einmal einen wie Lucius, der das System durchschaut und trotzdem auffällig wird. Aber es wird kein unschuldiger Spaß mehr sein, weil einer durchschaut hat, was uns wirklich antreibt. Wir werden unser System perfektionieren, so dass es keiner nachvollziehen kann wie Lucius. Er wusste, dass Einzelgängertum gefährlich ist in diesem System und hat bewusst den Weg gewählt, der zu seiner Ermordung führen musste. Es gab die Notwendigkeit dafür. Tausendfach.
Notiz des Ausschusses zur Eindämmung unwissenschaftlicher Riten in den höheren Schichten der Wissenschaft:
Drei der vier Regulanten begingen innerhalb 6 Monaten nach der Folterung des Lucius auf sehr unterschiedliche Weise Suizid. Keiner war zurückführbar auf den Probanden selbst, nicht einmal unter Einsatz der fortschrittlichsten forensischen Methoden. Der Aufenthaltsort des vierten Regulanten ist zum Zeitpunkt der Verfassung des Berichts unbekannt. Das ist ein Tatbestand, der nicht öffentlich gemacht werden darf. Es ist nie ein Mitglied des Rats der Ewigen verschwunden und schon gar nicht sind Regulanten gestorben oder waren nicht auffindbar, schließlich sind sie die Garanten der Ordnung. Selbst unerwartete Todesfälle konnten immer - zumindest nachträglich - dokumentiert und damit sinnvoll erklärt werden: Menschen sterben einfach irgendwann. Die zuständigen Maschinellen Intelligenzen vermuten, dass sich Lucius auf der Oberfläche unsere Planeten aufhält und auf diese Art und Weise Suizid begeht. Die Welt da oben ist bewusst lebensfeindlich umgestaltet worden, so dass sich dort keine Piraten niederlassen werden. Wir können vom heutigen Kenntnisstand dazu wenig beitragen, außer Drohnen auszusenden, die ihn aufspüren und versuchen ihn zu einer unserer Transportsysteme zu bewegen, damit wir ihn wieder unter unsere Kontrolle bekommen. Da wir ihn nicht töten dürfen, müssen wir ihn an eine Person emotional binden, die ihm Stand halten kann. Dies wird kaum ein Mensch sein können. Das Pablo-Programm läuft also wieder einmal an. Obwohl die Maschinenintelligenzen uns versicherten, dass dies nie wieder sein muss.
Lucius lernte - als Ewiger - wie stark die Außenwelt verschieden war von der Akademikerwelt des Ringsystems. Ein System von abgeschotteten Industrie-Anlagen, Agrar-Regionen, Energie-Gewinnungsbauten und dazwischen hunderte bis tausende Kilometer verwildernde Brache - nur durchschnitten von automatisierten Transportsystemen.
Die Menschen in den Dörfern lebten sehr altertümlich und lieferten ihre Kinder im Alter von 7 Jahren in der nächst gelegenen Stadt ab. Und hörten nie wieder von ihnen. Am Tag vor dem Auszug der Kinder feierten alle ein großes Fest und jedes Kind bekam zum Abschied von seinen Eltern, Geschwistern und zurückbleibenden Freunden eine Tracht Prügel verpasst. Damit sie nicht vergaßen, dass es ein großes Glück war, für die Stadt auserwählt zu sein. Die Kinder hatten kein Heimweh nach ihrem Dorf, weil sie dort auch sonst sehr hart behandelt wurden, in den Städten war man deutlich freundlicher zu ihnen, Prügel gab es nur zu besonderen Anlässen und auch nie so stark, dass Knochen brachen. Die Städte selbst waren alle sehr ähnlich aufgebaut. Am Rand ein Kreis von Hochhäusern, in jedem lebten 50.000 Menschen. Im Zentrum eine riesige Parklandschaft, in welche die Menschen strömen konnten und sich versammeln. Unterirdisch unter allem ein Komplex aus Arbeitsstätten, wobei das Meiste von Maschinen autonom erledigt wurde.
Im Alter von 11 Jahren verließen die intelligentesten Kinder jedoch die Stadt und wurden in das Ringsystem gebracht, um zu studieren. Sie mussten die letzten Kilometer alleine laufen, ohne Begleitung der Erwachsenen und wussten nicht, was sie wirklich erwartete. Es sollte ihnen dort viel besser gehen als in den Städten, das ahnten sie. Kein Student verließ je wieder das Ringsystem, so konnte keiner in den Städten oder gar den Dörfern erzählen, wie es dort wirklich zuging. Aber die Städter und die Dörfler dachten schon, dass es dort sehr gut zu leben sein musste, denn es kam ja keiner zurück. Zumindest konnte Lucius keinen einzigen Fall ausfindig machen. Die 450 verlorenen Studenten waren allesamt im Ringsystem gestorben und folglich aus der Statistik getilgt worden. Den anderen Studenten ging es im Ringsystem so gut, dass sie nie Heimweh nach der Stadt oder Dorf ihrer Vergangenheit hatten. Sie vermissten die Misshandlungen nicht und auch nicht die Kälte im Winter und die Hitze des Sommers. Nicht den Hunger und den Geschmack modrigen Essens, nicht die harte körperliche Arbeit ohne Dank und eigentlich auch ohne Sinn, denn alles konnten Maschinen nachweislich besser. Sollten einige von ihnen das Verschwinden von Mitstudenten und was ihm vorausging geahnt haben, so ignorierten sie es wohl. Wer konnte es ihnen verdenken. Es traf nur Einzelgänger, die sich mit ihrem Verhalten selbst zum Ziel gemacht hatten. Außerdem kritisierte man Bewohner der inneren Ringe nicht, es war nicht verboten aber auch nicht üblich. Und die Täter übertrieben es ja nicht. Nachdem Lucius seinen Bericht “Über das Verschwinden der 450, die Ursachen und Täter” dem Rat übertragen hatte, gab es die Vorfälle nicht mehr.
Zumindest nicht mehr nachweisbar im Ringsystem. Was in den endlosen unterirdischen Gängen der Städte passierte, entzog sich seinem Zugriff. Doch er konnte nichts weiter tun und deshalb ließ er es. Immerhin hatte er dafür gesorgt, dass die Studenten sicher waren.
Doch heute war Lucius spät und es war ihm nicht wichtig. Er hatte es nicht eilig, zu den ersten zu gehören, die den Turm der Wissenschaften betraten. Nach oben konnte man von jeder Wohnung aus den Himmel sehen, immer blau und mit wenigen weißen Wolken. Die Sonne ging im Osten auf, stand mittags senkrecht über dem Turm der Wissenschaften und ging im Osten unter. Nachts konnte man die Millionen Sterne der Heimatgalaxis gut sehen, denn die Luft war sehr rein. Sein Ring war so weit draußen an der Peripherie der gesamten Anlage, dass die Wände nur unmerklich gekrümmt waren. Den Turm der Wissenschaften konnte Lucius aber auch so sehr gut sehen, denn die äußeren Ringe lagen höher als die inneren. Man schaute also hinunter in das Tal und gleichzeitig hinauf zum Turm der Wissenschaften. So vergaß man das Ziel seines Lebens und Studierens nie. Alle anderen Blicke nach draußen gingen durch Bildschirme, auf denen kein Draußen abgebildet war, sondern Kunst oder Schaubilder, je nachdem, ob es etwas zu lernen gab oder nicht. Es gab immer etwas zu lernen. Im Schlafraum waren auch private Bilder möglich, von sich selbst, der Familie, Freunden oder den flüchtigen Bekanntschaften der letzten Nacht. Er wusste nichts über seine Nachbarn, der Blick in deren Grundstücke war selbst oberhalb der Begrenzungsmauern durch verzerrende Felder abgeschirmt. Bis zum nächsten Ring weiter innen gab es ein kleines Stück Garten, das sich jeder Bewohner so gestalten konnte wie er wollte. Die Geräusche zwischen den Häusern waren so gut gedämmt, dass man nichts hören konnte, vom Menschen nebendran. Im Garten wäre es möglich gewesen, doch auch dort waren die Felder so stark, dass Schall nicht nach draußen drang. So wusste er mehr von Menschen, die schon lange tot waren oder weit entfernt lebten oder gar nicht wirklich existierten als von seinen direkten Nachbarn. Und so war es normal.
Nur die Vögel konnten von Garten zu Garten fliegen, was sie auch ausgiebig taten. Die meisten Studenten überließen die Gestaltung des Gartens ihren Robotern und kümmerten sich sonst nicht im Geringsten darum. Sonne erhielten sie auch so genug, denn Glasfasern leiteten das Licht von draußen von Schadwellen gereinigt nach drinnen. Gerade so viel, dass die positiven Auswirkungen die negativen überwogen. Lucius gehörte zu den Botanikern, die selbst anpflanzten, gossen, zurückschnitten und auch im Garten auf einem Stuhl saßen, um zu lesen oder nachzudenken. Er kompostierte seine Pflanzenabfälle in einer eigenen Maschine und verwendete das Endprodukt auch wieder im Garten. Seine Roboter sahen menschlich aus und verhielten sich ihm gegenüber wie Kollegen, er mochte sie und sie mochten ihn. Das sah ihre Programmierung so vor. Seinen Schlafraum betraten sie aber nur zum saubermachen, aufräumen und ihm neue Wäsche hinzulegen. Andere Studenten bevorzugten, wenn die Roboter zwar alles erledigten, aber weitestgehend unsichtbar blieben. Wenn sie schon im gleichen Raum sein mussten, dann als Diener oder Zuarbeiter, als Möbel. Lucius hatte sich auch sonst für eine möglichst natürliche Einrichtung entschieden und simulierte ringsherum Fenster, durch die man eine weite lichte Landschaft sehen konnte. Die Landschaft hatte er aus historischen Daten und seiner Vorstellung eines stabilen Gleichgewichts, Elementen seines eigenen Gartens und gezielt eingestreuter Zufälle selbst erschaffen. Wenn er seinen Erinnerungen an das Dorf seiner Kindheit oder die Stadt seiner Jugend zu nahe kam, wurde er von seiner Maschinenintelligenz sanft gelenkt und auch schon einmal ermahnt, nicht zu historisch zu werden. Auf die Vögel in seinen Landschaften war er besonders stolz, denn sie verhielten sich interessant. Je weniger Regeln er sie unterwarf, desto interessanter verhielten sie sich. Nur Raubvögel dezimierte er aktiv, indem er eine Kette immer größerer Raubvögel erschuf, die auf die nächstkleinere Art fixiert waren als Nahrung. So hatten die Vegetarier unter den Vögeln nur selten unter Attacken zu leiden, die sich zudem auf die kranken unter ihnen konzentrierten.
Kranke Vögel rochen anders als gesunde und wurden deshalb gemieden. Das machte sie zum idealen Ziel für die Raubvögel. Lucius lachte über sich selbst und seinen Hang, die Natur nachzuahmen. Kaum ein anderer lachte mit. Lucius hatte Möbel aus echtem Holz, Metall oder Plastik und keine Imitate davon, kein einziges Hologramm spiegelte in seinen Räumen etwas vor, was nicht wirklich da war. Er beteiligte sich dreimal pro Woche an realen Treffen in der Nacht, in Räumen, die echte Möbel enthielten und nicht simuliert waren. Diese Räume lagen noch tiefer als die Transportsysteme, tief unter den Häusern. Ihre Größe legte nahe, dass auch die Gärten unterbaut waren. Der Eintritt in die unterirdischen Räume war kostenlos wie alles in der der Studentenstadt, trotzdem limitiert. Nur wer als angenehm empfunden wurde, hatte leichten Zutritt - das hatte erzieherische Wirkung auf die Studenten; angenehmes Verhalten war die Norm. Dort unten trafen sich die normalen Studenten mit denen aus reichen Familien, die Priesterabkömmlinge mit den Sponsoren, sogar die Ewigen wurden hin und wieder dort gesehen. Es gab Räume, in die nur Menschen hinein durften, Räume für einen Menschen und (viele) Roboter und Räume, die unklar diesbezüglich waren. Lucius betrat nur Räume für Menschen. Er mochte nicht indifferent sein oder so wahrgenommen werden. Hologramme hatten niemals Zutritt, Kameradrohnen oder ferngesteuerte Roboter auch nicht. So konnte jeder seinen Spaß haben, der sich zu seinem Körper bekannte und aktiv die Gesellschaft des Anderen suchte. Einsamkeit in seiner studentischen Gesellschaft war durchaus aus freien Stücken möglich, sie war jedoch kein Schicksal und am Ende war sie sehr gefährlich. Nachdem der Ritus verschwunden war, dem die 450 zum Opfer fielen, nahm das Einzelgängertum zu im Ringsystem mit allen daraus resultierenden Folgen für das Gemeinwesen. Das zufällige Zusammentreffen wurde wohl zum Vorteil aller anständigen Menschen streng reglementiert und ehrliche Freundschaften konnten sich so leicht herausbilden. Denn keiner hinderte die Studenten daran, sich die IDs zu nennen, womit sie im Gebäudekomplex jederzeit auffindbar waren, wenn sie es denn wollten. Von diesen Begegnungen gab es dann keine Filme und andere Aufzeichnungen, nur Erzählungen, die manchmal für kurze Zeit im Netz zwischen den Häusern kursierten und meistens sehr unwahr waren. Wer es wirklich wissen wollte, musste sich hinein begeben ins Leben. Lucius schätzte diese Privatheit. Aber er wusste auch um ihren wahren Grund, der wenig menschenfreundlich war. Es gab Studenten, deren Familien seit Generationen alles taten, damit sie Häuser tiefer innen, näher am Turm der Wissenschaften ihr Eigen nennen konnten. Die ihr Leben Sponsoren verschrieben, denen ein zunehmender Teil der innersten Häuser gehörten. Man erkannte die Sponsorenhäuser und ihre Bewohner an den Firmenfarben, die vom üblichen Weiß abwichen.
Es gab 19 große Sponsoren, denen zusammen über die Hälfte der Wohnungen in den innersten Ringen gehörten. Mehr durften sie wohl nicht kaufen oder anderweitig kontrollieren, deshalb versuchten sie weiteren Einfluss indirekt aufzubauen. Die Reichen hielten immer zusammen mit anderen Familien und deren Sponsoren, um andere von besseren Wohnungen zu verdrängen. Lucius hatte nicht gekämpft dagegen, sondern sich noch weiter nach draußen drängen lassen im Lauf der Zeit. Er wollte Botanik studieren und das war wirklich kein begehrtes Fach. Es würde kein Thema aufgerufen werden der Botanik, um das sich die frühen Ankömmlinge im großen Raum der Wissenschaft reißen würden. Es würde übrig bleiben und auch noch verfügbar sein, wenn er endlich eintrifft, kurz bevor die Zuteilung der Themen zu Ende ist. So konnte er weit unbefangener studieren, simulieren und in seinem Garten arbeiten oder nachdenken. Vielleicht machte das den Unterschied.
Am Tag der Zuteilung war er trotzdem nervös, denn es war ein ganz anderer Tagesablauf als sonst. Sicher duschte er wie immer und genoss den warmen Föhn, der ihn trocknete. Er ließ ihn nach einem Meer duften, das er nie gesehen hatte, aber dessen Simulation er mochte. Das Salz prickelte auf der Haut. Wie damals, als er ohne Schutz in der Sonne saß, länger als seine Symbionten es guthießen. Seine Kleider waren neu wie jeden Morgen und sein Essen schmackhaft wie jeden Tag. Er musste sich keine Gedanken machen über Vitamine und andere Stoffe, seine Küche wusste genau, was ihm gut tat. Doch heute er ging nicht nach oben in sein Studierzimmer, um mit Hologrammen zu jonglieren und an einer Simulation zu feilen, sondern er ging in den Keller seines Hauses und stieg dort in die Transportkapsel. Aber nicht um zu einer anderen Wohnung zu gelangen, sondern um ins Zentrum zu fahren, zum Turm der Wissenschaften . Auf dem Weg dorthin stand er im Stau, da alle Studenten aus den Wohnungen weiter innen das Gleiche taten. Und solange sie nicht ausgestiegen waren und ihre Kapsel zurück gefahren in einer anderen Röhre, musste er warten. Die Roboter der Reichen trödelten absichtlich, um ihren Eigentümern einen weiteren Vorsprung zu verschaffen. Einen Vorsprung, den er nicht brauchte. Lucius wollte Botanik als Thema für seine Abschlussarbeit aus zwei Gründen. Der eine hatte mit dem sicher sehr alten Wissenschaftler zu tun, der links neben ihm gewohnt hatte. Nach seinem Tod haben die Roboter seinen Garten abgerissen, dafür mussten sie das Schutzfeld abschalten. So konnte Lucius für fast eine Stunde den wunderbar eingewachsenen Garten sehen. Die verwachsenen Bäume erzählten mit jeder Windung eine Geschichte und die Büsche hatten sehr lange Zeit gehabt, um die ideale und doch natürliche Form zu finden. Ein Könner seines Fachs hatte es ihnen erlaubt und nur behutsam eingegriffen. Doch die Roboter rissen alles heraus, rollten Klonrasen aus und schalteten den Schutzschirm wieder an. So weit draußen wohnten normalerweise nur alte Wissenschaftler, die nicht mehr zum Turm der Wissenschaften gelangen mussten. Der nächste Bewohner würde nichts wissen von der Geschichte des Ortes, nur in Lucius Erinnerung bestand sie noch. Denn Bilder konnte er nicht machen davon, das war nicht vorgesehen. Er musste sie mit echten Farben auf echtes Papier aus der Erinnerung malen. Was dieser Wissenschaftler in seinem langen Leben wohl herausgefunden hatte? Seine Recherchen liefen ins Leere, man konnte nicht einfach nach einer Wohnung und ihren Bewohnern suchen, zumal die IDs willkürlich verteilt waren. Kannte man eine, wusste man wie man hinkam, aber die Wohnung direkt daneben konnte eine ganz andere ID haben und diese wandelten sich auch noch im Laufe der Zeit. Der andere Grund, warum Lucius Botaniker werden wollte, war, dass Lucius die Realität sehr schätzte. Er wusste genau, dass sich nur ein sehr kleiner Teil der Wissenschaftler mit der realen Welt beschäftigte, der große Rest mit Simulationen und deren Optimierung, ja sie verachteten die Realität geradezu. Aber sie waren Künstler der Optimierung, oder wie sie es auch nannten, der Injektion. Sie hatten viele Werkzeuge entwickelt und perfektioniert, um Ideen in eine Simulation behutsam einzubringen: Lieder, Bücher, Filme, Fernsehen, Werbung, Gerüchte. Weniger behutsam waren manchmal für die direkt Betroffenen die Naturereignisse, Seuchen, Kriege, Wirtschaftskrisen. Ihre Verwendung galt als Zeichen für das nahende Scheitern einer Simulation. Der schwerste Eingriff war aber eine Offenbarung, also ein Eingriff eines göttlichen Wesens, eines Charismatikers, Führers oder eines anderen Wahnsinnigen. In einer guten Simulation waren nur behutsame Eingriffe notwendig, die sich selbst trugen und verstärkten ohne über die Stränge zu schlagen. Entsprechend gab es dann nur wenige Katastrophen und die Geschichtsschreiber in diesen Simulationen wurden fast arbeitslos und beklagten ein Ende der Geschichte, die Wiederholung des Immergleichen, hatten wehmütige Erinnerungen an frühere heroischere Zeiten. Ein weiterer Grund gegen radikale Eingriffe in eine Simulation war deren ungewisser Ausgang, denn viele Effekte waren deutlich anders als geplant. Jeder Student durfte alle Maßnahmen anwenden am Anfang des Lernens und konnte so erleben, wie grausam schief dann die Simulationen liefen. Eine Zusammenfassung der Katastrophen anschauen zu müssen, heilten jeden Studenten vom Übermut.
So bekam Lucius als einer der letzten Studenten seines Jahrzehnts im Turm der Wissenschaften an, fuhr mit dem Fahrstuhl ganz nach oben, betrat einen Raum, in dem ihm von einer unsichtbaren Stimme Themen genannt wurden und endlich wurde ihm ein botanisches Thema zugeteilt. Er sollte herausfinden, welche Pflanzen auf friedlichen Welten besser gedeihen als auf unfriedlichen. Der Spott seiner Mitstudenten war ihm gewiss, kaum einer hatte ein weniger ambitioniertes Thema erhalten. Seine Chancen, in den Kreis der Ewigen aufgenommen zu werden waren damit gleich Null. Zudem machten sich die anderen Studenten sofort daran, ihre Arbeit fertig zu stellen. Denn die führenden Familien und ihre Sponsoren hatten für eine Unzahl an Themen die Arbeiten schon fast fertig gestellt, so dass der Student noch am gleichen Tag mit ein paar Änderungen versehen seine Arbeit abgeben konnte, seinen Titel erhielt und damit eine Simulation beginnen konnte, die für den Rest seines Lebens der Inhalt seiner Tage sein würde. Wenn er in den Rat der Ewigen gelangte, sogar ohne Ende.
Endlos.
Lucius hingegen fuhr in sein Zuhause zurück und legte sich erst einmal schlafen. Soweit möglich ignorierte er in den nächsten Tagen auch den Strom an Erfolgsmeldungen der anderen Studenten, ihre Auszeichnungen und die Freigabe ihrer Simulationen. Er dachte erst einmal nach. Der Rat der Ewigen ließ ihn gewähren, es gab immer einige Studenten, die langsam anfingen und dann schneller wurden. Er hatte schließlich sein ganzes restliches Leben Zeit dafür, also etwa 110 Jahre. Es wunderte Lucius und einige andere Studenten sehr, dass bei allen Simulationen keine ihnen bekannte Hochkultur aus den wohlgeformten Anfangsbedingungen resultierte. Erschufen sich die primitiven Kulturen früh einzelne Gebote, die sich zu einer Ethik verdichteten, fand keine technische Entwicklung statt, die über die Eisenzeit hinausging. Die Völker einigten sich auf eher lockere Weise und die Städte wurden nie größer als rund 90.000 Einwohner. Elektrizität wurde nicht entdeckt oder gar systematisch angewandt. Es schien so, als ob die konkreten Gebote eine Gesellschaft verhinderten, in der sich Entwicklungen verselbständigen konnten. Über die Jahrtausende hinweg gab es zwar regionale Wellen der Besiedlung, aber auch des Zerfalls - so kam es, dass manche günstige Landstellen besiedelt wurden, stagnierten, zerfielen, Jahrzehnte brach lagen, um wieder besiedelt zu werden. Ohne erkennbaren Fortschritt. Die Alternative waren Kulturen, die keine Ethik entwickelten. Hier waren die Städte seltener und kleiner, die Kriege ausgedehnter und brutaler. Kein Großreich umfasste mehr als 400.000 Einwohner und hielt länger als drei Generationen. Manche der Simulationen verödeten total, weil in einer Phase dünnster Besiedlung auch noch Klimaschwankungen die letzten Menschen ausrotteten. Die Studenten veränderten alle Parameter immer wieder, bis eines Tages ein sehr junger Student nach Einnahmen illegaler Drogen auf eine verwegene Idee kam. Er nahm die Ethik der bestentwickelten Simulation und implantierte sie in die technisch am weitesten entwickelte Simulation ohne Ethik. Der Effekt war ungeheuerlich - denn die Regeln der Ethik verbreiteten sich wie Erdbebenwellen, oder eher wie eine stark ansteckende Krankheit. In wenigen Jahrzehnten löschten kriegerische Auseinandersetzungen ganze Kulturen aus, transformierten andere grundlegend und beflügelten weitere. Nach dreitausend Jahren waren lediglich fünf Kulturen auf dem simulierten Planeten übrig. Jede hatte für sich die Elektrizität entdeckt, die Chemie, etwas Physik und einiges an Mathematik. Sicher gab es heftige Kriege an den Rändern der Kulturen, aber diese ebbten immer weiter ab und kamen schließlich ganz zum Versiegen. Raumfahrt entwickelte sich nicht, denn Daten und Strom wurden durch Kabelsysteme übertragen, die den ganzen Planeten umfassten. Die Erforscher der Alternativen Geschichte folgerten daraus, dass es wohl eines zweiten Eingreifens von außen bedurfte, um die Entwicklung voran zu treiben. Jedoch konnten sie den Aufruf zur Raumfahrt nicht mehr so einfach implantieren wie die Grundregeln der Ethik - die Menschen waren zu aufmerksam geworden und wirtschaftlich war Raumfahrt für sie ja unsinnig. So ließen die Forscher einen hinreichend großen Meteoriten mit möglichst geringem Schaden auf die Welt einschlagen. Eine mittelgroße Stadt wurde vernichtet und ausreichend viele überlebende Augenzeugen konnten den Medien berichten - ein Schrecken verbreitete sich über die Kabel. Nun mussten sie doch endlich umdenken, sie benötigten eine Raumfahrt zur Abwehr der Gefahr aus dem All, Raumstationen, Laser und andere Kanonen, die in der Schwerelosigkeit funktionieren. Kernfusion und Kernspaltung zur Energieversorgung. Staatliche Strukturen, die das ermöglichten. Dennoch taten sie es nicht. In drei Kulturen entwickelten sich Religionen, welche die Akzeptanz des möglichen Untergangs der Welt lehrten. So kehrten sie unbehelligt zu ihrem Alltag zurück. Eine Kultur baute Abwehrraketen auf und fühlte sich damit sicher genug. Und eine Kultur ignorierte das Thema komplett. Die einzige Möglichkeit, eine raumfahrende Kultur hervorzubringen war demnach, den Aufruf zur Raumfahrt direkt in die Anfangsethik einzubetten.
Also:
Du wirst diese Regeln befolgen, damit Du in Reichtum lebst auf der Erde und im All
Du achtest die Rechte jedes anderen gleich zu Deinen Rechten
Du befragst Deine Priester, wenn Du unsicher bist, was Du tun sollst
Du gibst der friedlicheren Lösung immer den Vorrang
Du teilst mit Deiner Sippe, was Du entbehren kannst
Es gab immer noch viel Streit darum in und zwischen den Kulturen, was "Regeln befolgen", "Reichtum", "leben", "Erde", "All", "Rechte", "achten", "gleich", "Priester", "befragen", "unsicher", "tun", "friedlich", "Lösung", "Vorrang geben", "teilen", "Sippe", "entbehren können" eigentlich bedeutet. Und welche Kombination davon im Einklang ist mit den fünf Regeln. Und zu welchem Ausmaß. Aber an den Regeln selbst zweifelte fast keiner. Durch die Regel 1 in Verbindung mit Regel 3 und 5 war das Problem der Raumfahrt auf die Priester verlegt. Diese waren daran interessiert, weil sie so bestimmen konnten, was getan werden musste.
Priester
Die Besiedlung des Weltalls geschah dann unter Priesterherrschaft sehr schnell. Folgend ihrer eigenen irdischen Kulturen besiedelten sie alle Planeten in Reichweite. Jeweils fünf Priester herrschten in Erinnerung an die irdischen Kulturen über einen Planeten. War die Besiedlung erst einmal gestartet, war kein weiteres Eingreifen mehr notwendig, sie lief von selbst immer weiter. Es stellte sich auch hier ein Gleichgewicht ein. Auf vielen Planeten zerfielen die Kulturen auch wieder, weil die unternehmenslustigsten Menschen weiter zogen, schon um einen Bürgerkrieg zu vermeiden mit den weniger unternehmenslustigen Menschen. Das stimmte Lucius fröhlich. Denn in solchen Welten gediehen vor allem Pflanzen, die gut aussahen und sehr wohl schmeckten. Aber die Pflanzen waren nicht das entscheidende Problem für diese Welten, sondern manche Menschen. Es bildeten sich wohl zwangsläufig durch zufällige Ereignisse parasitäre Subkulturen heraus, die erst Städte, dann ganze Planeten überfielen, die Priester und Soldaten ermordeten und plünderten, bis alles verbrannt und verbraucht war. Dann zogen sie weiter, zur nächsten Stadt und zum nächsten Planeten. Die Kulturen, die davon betroffen waren oder es sehr stark mitbekamen, dass es anderen so erging, igelten sich ein und investierten ihre gesamte Überproduktion für Schutzmaßnahmen gegen Eindringlinge. Dagegen schlossen sich nun auch die Piraten zusammen, um auch die "härtesten Nüsse zu knacken". Was ihnen am Ende auch immer gelang - sie mussten nur Waffen entwickeln oder erbeuten und Soldaten trainieren, alles andere konnten sie leichter stehlen als selbst zu produzieren. Als alle Welten in der Simulation verarmt waren und fast unbewohnbar, fielen die Piraten übereinander her und schlachteten sich gegenseitig ab, erst für Güter, dann für Nahrung, schließlich wurden sie sich gegenseitig zur Nahrung. Selbst den standfestesten Priestern graute es vor dieser Welt. Sie überlebten jedoch mit wenigen Hochkulturen, die sich tief in ihrem Planeten eingegraben hatten. Sie wurden schließlich in der dunkelsten Zeit des Weltalls allesamt vergessen und sie vergaßen sich auch gegenseitig. So überlebten nur die Kulturen, die am unauffälligsten waren, bei den es nur Trümmer an der Oberfläche gab, wenn überhaupt behaust von Primitiven, mehr Tier als Mensch. Aber auch hier gediehen gute Pflanzen. Alle Simulationen endeten so. Und das war erstaunlich. Denn das war eindeutig nicht die Welt, in der sich die Studenten befanden. Sie lebten in einer Hochkultur, die mit vier anderen in weitläufigem Kontakt stand.
Sie wussten, dass sie alle voneinander abstammten. Deshalb schlossen sie aus ihrem eigenen Zustand und dem Ergebnis der Simulationen:
Es kommt nicht nur auf den Inhalt der Ethik an,
sondern auch darauf, wer sie verkündet
Gott hält eine schützende Hand über seine Schöpfung
und bewegt sie so zum Guten
Lucius gab sich damit nicht zufrieden, sondern suchte nach einer Lösung. Unter dem Vorwand, die Pflanzen dieser Welten zu studieren, optimierte er die Simulationen. Aber egal, wie er die Ethik verkünden ließ, es half nichts. Erst als sie mit brutalster Gewalt unter Vernichtung von hunderten Millionen Menschen verkündete, gab es Fortschritte. Es erschütterte ihn zutiefst, als er alle seine Eingriffe in die Simulation aufzählte: Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen, Zusammenbrüche der Ordnungen, ganze Völker dem Wahnsinn verfallen. Doch nur nach solchen Erfahrungen über hunderte Generationen hinweg bildete sich ein Zustand der Simulation heraus, welcher der aktuellen Welt sehr nahe kam. Damit war aber auch klar, warum unser Volk als einziges diese Galaxie besiedelt hat und nirgends auf eine andere Hochkultur gestoßen ist: denn so viel Glück ist selten. Lucius wurde mit seiner Arbeit "Die Einzige" direkt in den Hohen Rat der Weisen aufgenommen, als einer von 117. Dort hatte er nun Zugriff auf die ungefilterte Geschichte seines Volkes. Sie deckte sich sehr genau mit seiner finalen Simulation. Deshalb wurde sie auch am Laufen gehalten, als sie die Jetztzeit erreichte, als Erinnerung und Mahnung. Denn wenn man sie einige Hunderttausendjahre weiter laufen ließ, endete sie von selbst. Die Kulturen erloschen einfach irgendwann und kehrten zu einer einfachen, von Robotern natürlich organisierten Lebensweise ohne Raumfahrt zurück. Ohne weitere Hilfe erloschen dann die meisten Kulturen oder retardierten sehr stark. Deshalb musste Lucius im hohen Rat sein, denn so musste er über sein Wissen für immer schweigen. Wie können wir unsere Forscher antreiben und unsere Ingenieure, wenn am Ende alles auf einen Bauernstaat mit ein paar Robotern hinaus läuft? Das könnten sie seit Jahrtausenden haben ohne Anstrengungen Deshalb bleibt das Ende geheim! Lucius beugte sich der Entscheidung seines Rates, obwohl er anderer Meinung war. Denn er sah auch die Details der Bauernwelten. Die Menschen dort lebten gesund und zufrieden fast jeder hundertdreißig Jahre. Sie schlugen ihre Kinder nicht und lieferten sie auch nicht in Städten ab. Die Roboter waren so weit entwickelt, dass sie ihre eigene Produktion und Steuerung komplett eigenständig betreiben konnten. Sie regulierten auch das Klima, ließen dichte Besiedlung nur in sicheren Regionen zu und schützten den Planeten vor Meteoriten und Erdbeben, Eiszeiten und Austrocknung. Die Menschen konzentrierten sich auf den Anbau gesunder Nahrung, die liebevolle Erziehung ihrer Kinder und auf alle Verrichtungen, die das Leben schöner machten. Da jeder genug hatte von dem, was er wirklich brauchte und durch leichte Arbeit sich sogar Luxus gönnen konnte, gab es wirklich sehr wenig politisch zu entscheiden. Die Könige waren gewählt, ebenso die Minister für jedes Thema, die regionalen Fürsten und die Priester. Sobald Machtkämpfe auszubrechen begannen, griffen die Roboter behutsam ein. Nur manchmal kam es soweit, dass ein kleiner Despot bei einem Unfall rechtzeitig zu Tode kam, bevor er größeren Schaden anrichten konnte. Auf diesen bäuerlichen Welten herrschte Frieden, es gab keine bedrohlichen Tiere und ernsthafte Krankheiten waren unbekannt. Die Kunst blühte überall selbstverständlich auf. Lucius probierte alles Mögliche aus, aber ohne die Zwischenphase mit der Raumfahrt und dem anschließenden Zusammenbruch kam es nicht zu dieser friedlichen Entwicklung. Er analysierte das Wissen der Roboter und legte dem Rat einen Plan vor, direkt Planeten mit ihnen zu besiedeln. Damit könnte vielleicht das ganze Leid ihrer Entwicklung vermieden werden.
Er war sich nicht sicher.
Der Rat entschied so und sammelte geeignete Menschen für die Bauernwelten und auch für deren Aufbau. Sie wollten sehr viele Welten so besiedeln, deshalb mussten automatische Roboterschiffe vorausfliegen, den Planeten analysieren, formen und vorbereiten. Das dauerte von 50 bis zu 1.500 Jahren, bis ein Planet startbereit war. Die komplette Besiedlung mit 500.000.000 Menschen dauerte weitere 2.000 Jahre.
Um den Bauern ihnen ähnliche und doch überlegene maschinelle Begleiter zu erschaffen, wurde ein großer biotechnischer Aufwand betrieben. Schließlich wollte man nur das Aussehen der Menschen so naturgetreu wie möglich nachahmen, ohne die Nachteile des zugrunde liegenden evolutionären Designs in Kauf nehmen zu müssen. Deshalb musste die komplette Biologie der Begleiter neu aufgebaut werden. Unsere Wissenschaftler hatten es hier sehr viel einfacher als die blinde Evolution der Natur, weil sie das Endprodukt ihres Handelns ja kannten und gezielt darauf hinarbeiten, alles Unnötige von vorneherein weglassen konnten. Nachdem sie so einen menschenähnlichen robusten Begleiter erschaffen hatten, fingen sie noch einmal von vorne an, weil auch der Entstehungsprozess gestrafft werden sollte. Der normale Entstehungsprozess vom Einzeller zum fertigen Begleiter dauerte immer noch zu lange, trotz Wachstumsbeschleunigern und idealer Entwicklungsbedingungen. Deshalb änderte man die Herstellung in ein modulares System, in dem die einzelnen Organe unabhängig voneinander als ausgewachsene Version hergestellt und anschließend zusammen gefügt wurden. Das erleichterte auch spätere Reparaturen, weil nur einzelne Module ausgetauscht werden mussten. Das Design der Begleiter war sehr robust und vor allem mit sehr niedrigem Aufwand realisierbar. Trotzdem gingen sie noch einmal an ein grundlegendes Redesign. Drei Systeme waren immer noch viel zu komplex aufgebaut, wodurch die Reaktionen auf ungewöhnliche Reizkombinationen schwer berechenbar waren. Das eine System war die Verdauung und alle ihre Rückkopplungen mit anderen Systemen. Das zweite System waren die Nerven (und ebenso ihre Rückkopplungen). Das dritte System waren die Körperflüssigkeiten und ihre Transportkanäle. Das Redesign setzte nun an allen drei Systemen gleichzeitig an und war nur durch komplexe Simulationen möglich. Die Verdauung wurde komplett neu definiert und konnte an einer zentralen Stelle (einem stark verkleinerten Magen) durch stärkere Muskeln und extrem leistungsfähige Enzyme die komplette Verarbeitung von Nahrung übernehmen. Hauptziel war die direkte Energiegewinnung und die maximale Reduktion von echten Abfallstoffen. Da bei Muskeln, Knochen, Nerven, Adern, Venen und Lymphen bei den Begleitern im Gegensatz zu den Menschen kein weiteres Wachstum notwendig war nach der Fertigstellung, mussten nur wenige Stoffe transportiert werden. Deshalb übernahmen die Nerven diese Funktion neben der Reizübertragung. Das Nervensystem konnte ja auch gleich zu Beginn komplett fertig gestellt sein und musste nicht durch Wachstum und Verknüpfung lernen und konnte auch nicht mehr auf Hardware-Ebene erkranken. Durch die Vereinfachung der anderen beiden Systeme konnten auch die Transportwege im Körper wesentlich effizienter gestaltet werden. Hierdurch wurden sie zum einen deutlich leistungsfähiger und zum anderen schneller. Durch die Optimierung dieser drei Systeme in über hundert Iterationen wurde der Aufwand des Gesamtsystems um 95 % reduziert bei gleichzeitiger Steigerung der durchschnittlichen Leistungsfähigkeit um 500 %. Faktisch konnte ein so designter Begleiter aus seinen Reserven mehrere Monate leben, lediglich etwas Wasser musste in der Zeit zugeführt werden (die Verdunstung war immer ein Problem, denn sie war notwendig, damit es nicht zu einer akuten Überhitzung kam). Doch den Wissenschaftlern war das immer noch nicht genug, sie gingen noch einen wesentlichen Schritt weiter. Das Immunsystem war bereits auf sehr hohem Niveau, weil es in einem wesentlich einfacher designten System auch sehr viel effektiver wirken konnte. Trotzdem war es immer noch fehleranfällig und konnte vor allem Mutationen nicht ausreichend und vor allem früh bekämpfen. Deshalb wurde auch dieses System grundlegend neu gedacht und dies war auch der einzige Punkt, an dem man einen Begleiter durch Analyse nachweisen konnte, dass er das Produkt eines intelligenten Designs war und nicht das zufällige Ende einer blinden Evolution. Denn alle Körperzellen bekamen eine für jeden Begleiter eindeutige Signatur verpasst. Die Signatur war auf Atomebene so komplex aufgebaut, dass jede Mutation sie zum Einsturz brachte. So konnte das Immunsystem ganz einfach reagieren: Signatur ist die des Begleiters = keinerlei Reaktion des Immunsystems; oder Signatur ist verschieden von der des Begleiters = absolute Vernichtung der Zellen. Damit wurden Eindringlinge, biologische Schadstoffe und Fremdzellen, auch mutierte eigene Zellen immer restlos vernichtet. Schadstoffe und Allergene des Menschen lösten keinerlei Reaktion aus, da der Verdauungsapparat der Begleiter sie immer komplett eliminierte. Eine natürliche Grenze gab es nur bei sehr reaktiven Chemikalien und stark ionisierter Strahlung, welche die Substanz des Körpers selbst angriffen. Auch extreme Erhitzung (jedoch nicht Unterkühlung) konnte den Begleitern zu schaffen machen. Nachdem die Begleiter in einer Standardversion ausgiebig in Testwelten und unter realen Bedingungen funktioniert hatten, wurden Varianten ausgerollt, die nur unwesentliche Details (die dem Menschen aber optisch und sozial wichtig sind) so veränderten, dass es wie eine hinreichend normale Bevölkerungsmischung aussah. Das wahrgenommene Alter lag so zwischen 15 und 55 Jahren, die legalen und sozial akzeptierten Geschlechterrollen des Menschen waren auch alle vertreten und von den historisch überlieferten ethnischen Unterschieden (Hautfarbe, Augenform, Haarfarbe) wurde auch vieles variiert. Die männlichen Varianten waren sogar fortpflanzungsfähig mit den weiblichen Ureinwohnern. Die Samenzellen wurden aus rund 10.000 Vorlagen regelmäßig produziert und ergaben mit der Varianz auf weiblicher Seite eine ausreichende Streuung von Merkmalen. Die Vorlagen waren aus den besten Bauerngenen, reduziert um die Krankheiten synthetisiert worden, so dass sich im Laufe der Zeit eine wesentliche genetische Verbesserung bei den Bauern ergab. Die so erzeugten Nachkommen waren in Kraft, Ausdauer, Widerstandsfähigkeit, Intelligenz den anderen Nachkommen jeweils etwas überlegen. Den Bauern war das auch geläufig, so dass es für einen Vater nichts Schöneres gab als die Hochzeit seiner Tochter mit einem Zugereisten. Der zudem noch hart anpackte auf dem Feld und das Vieh auch noch sehr gut im Griff hatte. Für die Bauernsöhne gab es auch eine ausreichende Auswahl an zu gereisten Mädchen, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen (vielmehr hatten sie sehr viel Erfahrung und konnten die Wirkung ihres Handelns nicht nur sehen, sondern die emotionalen Schwingungen sogar messen).
Die weiblichen Begleiter waren allerdings per Design unfruchtbar. Das gefiel den jungen Bauern, weil sie ohne Risiko ihren Spaß haben konnten (und auch manchem älteren). Trotzdem war das ein Unterschied zu den eigenen Frauen, der Fragen aufwarf. Der Umstand wurde durch einen Mythos erklärt, nachdem sich die Gruppen, aus denen später Begleiter der Bauern wurden, mit allen mindestens zwölfjährigen Jungen eines Stammes auf den Weg machten und drei Jahre wanderten, bis sie einen neuen Wohnort gefunden hatten. Die Mädchen, die noch keine Kinder geboren hatten, ließ man bei den Älteren zurück. Nur Frauen, die schon geboren hatten, durften mitwandern und sie wurden vor Abreise sterilisiert, damit sie auf der Reise nicht schwanger wurden. Man erzählte sich auch, dass kranke und schwache Jungs, die das zwölfte Jahr erlebten, aber nicht wandern konnten, vor der Abreise der anderen getötet wurden. Durch diesen Wanderungsmythos waren die Unterschiede zwischen den Wanderern und den ansässigen Bauern gut erklärt, auch die Abwesenheit von über 55jährigen Zugereisten. Denn die blieben ja bei den jüngeren Kindern und Frauen ohne eigene Kinder zurück. Die Begleiter taten zudem durch ihre harte Arbeit, Fürsorge, Anpassungsfähigkeit an die Wünsche der Bauern und ihre Zurückhaltung eigener Interessen alles dafür, dass die Bauernvölker sie sehr schätzten. Die Männer waren sehr fruchtbar, so dass ihre Familien (und auch das Personal, da die Mägde auch berücksichtigt wurden) stark wuchsen. Sobald die Begleiter einmal in einer Bauernfamilie integriert waren, hatten sie zudem kaum noch offensichtlichen Kontakt mit anderen Zugereisten. Allerdings standen sie durchaus ständigem Austausch miteinander über ihre gedanklichen Kommunikationswege, einem Nahfunk auf biologischer Ebene. Die Bauern stellten den Mythos nie in Frage, er ließ sich ja auch nicht nachprüfen. Denn dazu hätte ein Bauer aufbrechen müssen und bis zu drei Jahre durch die Wildnis wandern, um die Geschichte einer einzelnen Gruppe nachzuprüfen. Und diese wäre vielleicht schon weiter gewandert oder hätte sich aufgelöst oder hielt sich gut versteckt.
Da bis zur "Reinigung" der Milchstraße 100.000 Jahre vergehen mochten, war auch eine Verteidigung gegen Angriffe für diese Planeten wichtig. Die wichtigste Verteidigungslinie war die komplette Vermeidung von Funkwellen, damit die Planeten unentdeckt blieben. Dann wurden in allen öffentlichen Quellen die Planeten vertuscht. Auch sonst wurde alles unternommen, damit keine Expeditionen zu nahe kamen. Auch die Roboter tarnten sich perfekt. Die Oberflächeneinheiten sahen menschlich aus und verhielten sich auch so. Sie lebten in der Nähe von Stollen, die auf die untere Ebene des Planeten führten. Dort befanden sich aufgelassene Bergwerke mit sehr vielen Erzen, deren Haupteigenschaft war, elektromagnetische Strahlung nach oben abzuschirmen. Darunter begannen viele Ebenen mit zunehmender Technisierung. Die Fusionsreaktoren erzeugten die Energie für die Planetenstabilisierung, Aufbau des Magnetfelds, Wetterkontrolle und vor allem für die Erdbebenabwehr. Das Zentralgestirn eines Sonnensystems sendete in regelmäßigen Abständen Wellen mit seltsamer gepulster Strahlung aus, die alle Elektronik, die nicht genau dagegen gehärtet war, restlos vernichtete. Diese gefährlichen Regionen waren auf jeder Karte verzeichnet und wurden weiträumig gemieden. Sie erstreckten sich auch auf viele unbewohnbare Planeten und bildeten so ein chaotisches Nichtmuster, aus dem keiner einen Zweck ableiten konnte. Wissenschaftler im ganzen Universum verzweifelten schier, dass sie trotz aller Daten und scheinbarer Zusammenhänge am Ende immer nur Rauschen heraus destillierten. Nie passten ihre Annahmen zu den Messungen, die sich auch noch ständig veränderten. Und die Änderungen änderten sich auch. So ging das scheinbar endlos weiter. Lucius versuchte durch dieses System auch die wachsten Geister zu entmutigen, die sich in seiner Tradition auf die Suche machten. Die Seuche mit Wellen seltsam gepulster Strahlung war das einzige Muster, das die gesamte Milchstraße durchzog und wurde über die Jahrhunderte zur Grundlage mehrerer Religionen.
Wagemutige Abenteurer brachen immer wieder zu solchen Regionen auf und wurden restlos vernichtet. Jedes Eindringen in eine solche Region schien sie zu vergrößern - am Rand entstanden neue Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung. Die Menschheit verstand das deutliche Signal des Alls und mied deshalb diese Regionen. In der Nähe solcher Sonnensysteme sammelten sich jedoch Piraten und andere ordnungsferne Gruppen. Denn die ordentlichen Menschen wollten nicht mal in die Nähe einer Sonne mit seltsamer gepulster Strahlung gelangen. Und Piraten mieden ordentliche Menschen. Begannen die Siedlerpiraten jedoch, eine eigene Wissenschaft zu betreiben, wandelte sich eine ihrer Sonnen um und begann auch Wellen mit seltsamer gepulster Strahlung auszusenden. So zogen die Freibeuter immer weiter und starben trotzdem nicht aus.
Dank der Roboter waren die Menschen vernünftig geworden und dank der Freibeuter vergaßen sie nie, warum das gut so war.
Die Großreiche kamen und vergingen. Sie dezimierten sich selbst, gegenseitig und die Piraten, aber die Bauernwelten ließen sie meist in Ruhe.
Lucius war inzwischen aufgrund seiner Bedeutung für die Menschheit in den Rang eines Ewigen ernannt worden. Er konnte immer noch selbst entscheiden, ob er irgendwann sterben wollte, aber er musste es nicht mehr. In seinen letzten Lebensjahrhunderten dachte er viel über sein Universum nach. Und auch darüber, ob in anderen Universen ihm ähnliche Geister zur gleichen Lösung gekommen waren. Ob am vorläufigen Ende jeglicher Evolution Planeten von Bauern mit heimlicher Unterstützung durch Roboter standen. Manchmal träumte er sich auch in eine heroische Welt. In der edle weise tatkräftige Männer und Frauen die Welten formten und liebevoll beherrschten. Seine Späher durchsuchten das All unermüdlich nach Spuren davon, wärend sich die Netze von Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung immer weiter ausbreiteten. Er kannte das Ende der Entwicklung, zu dem alle guten Simulationen konvergierten. Eine Galaxie voller Bauernplaneten und Sonnen mit seltsamer gepulster Strahlung. Er schaute sich die alten Filme an und las die Geschichtsbücher - nichts davon spielte mehr eine Rolle. In den Bauernwelten gab es durchaus Abenteurer: ein junger Mann zog aus, um bei anderen Bauern etwas dazu zu lernen, umrundete dabei manchmal den ganzen Planeten. Kehrte zurück in sein Dorf als weiser Mann oder kehrte nicht zurück und ließ sich irgendwo anders als Bauer nieder. Angst vor dem Tod hatten nur sehr alte Bauern, aber auch nur kurz bevor er eintrat mit etwa 130 Jahren. Lucius war froh, dass die Welt so friedlich war. War es ein Zufall gewesen, dass er den Garten seines Nachbarn sehen durfte? Was hatte ihn das Verschwinden der 450 gelehrt und wie der Rat damit umgegangen war? Warum wussten die Mächtigen des Ringsystems so wenig über die Vergangenheit und ahnten nichts von der Zukunft? Hatte er die Notwendigkeit, den Ablauf der Geschichte zu ändern, richtig eingeschätzt? Die zugrunde liegenden Annahmen waren immer noch unsicher, wer wagt da ein Experiment, das mehr als 500.000 Jahre dauert und eine ganze Galaxie umfasst?
Auf der biologischen Basis der bäuerlichen Begleiter wurde auch Pablo erschaffen. Er unterschied sich biologisch kaum von ihnen. Er hätte sich nicht fortpflanzen können mit Menschen, da ihm dieses Modul nicht integriert worden war. Der gesparte Platz kam seiner Ausdauer zugute, da er mehr Energie und Wasser speichern konnte. Zusätzlich hatte er eine sehr starke Funkverbindung zum Turm und, das ist der eigentliche Punkt, er hatte eine ganz andere Funktion für die Menschheit als die normalen Begleiter.
In den letzten zweihunderttausend Jahren seines Lebens führte Lucius nach reichlicher Abwägung eine Änderung ein, die Welten bekamen jede für sich einen kleinen Raumhafen. Damit war ein Handel innerhalb eines Sonnensystems möglich und auch Passagiere konnten sich auf die beschwerliche Reise nach weiter draußen begeben, von der sie sehr sicher niemals zurückkehrten. Die Zeit im Kälteschlaf veränderte die Reisenden körperlich und geistig. Bei Geschwindigkeiten, die dem Licht nahe kommen, dehnt sich die Zeit für den Reisenden so stark, dass er die zurück gelassenen um Jahrtausende überlebt. Wer nicht von Piraten getötet wird, endet meist selbst als einer, außer ein paar extremen Einzelgängern und Charismatikern. Die Quellen über diese Reisenden sind nur wenigen Wissenschaftlern zugänglich, weil sie ein Bild von ihnen zeigen, das nicht der Mehrheitsmeinung entspricht. Wer sich offensichtlich für diese Quellen interessiert, wird schnell unter Beobachtung gestellt, ob er nicht für eine Freibeuterlaufbahn in Frage kommt. So sterben die Piraten nie aus, die Charismatiker nicht und auch nicht die Einzelgänger. Denn die Bauernwelten senden sie hinaus ins weite All. Für einen, der geht bleiben Millionen, denen man von ihnen erzählen kann. Die dann den Kopf schütteln und lieber zuhause bleiben.
Nach 700.000 Jahren starb Lucius aus freier Entscheidung, weil er keine Notwendigkeit mehr sah, weiter zu leben. Die Welten der Bauern nahmen davon keinerlei Notiz. Seine Studentenstadt trauerte nicht, sondern riss seinen Garten ab und begrünte ihn neu. In seinem Heimatdorf hatte man ihn schon lange vergessen, die Stadt seiner Jugend war nicht mehr besiedelt, sondern nach Wegzug der Bevölkerung in eine neu gebaute Stadt abgerissen worden. Nicht einmal er hatte das verhindern können. Nur in den Gesängen der Piraten lebte er fort, als Priester, der einmal einen Garten besaß und keinen Gott kannte.
Lucius war spät, doch das war nicht wichtig.
Pablo drehte weiter seine Runden und wenn er Vögel im eigenwilligen Formationsflug am Horizont sah, schienen seine Augen zu lächeln. Dann dachte er an Lucius und die Zeit, die er mit ihm verbringen konnte. Pablo konnte sich sehr stark an einen einzelnen Menschen binden, so stark wie es die meisten Menschen untereinander nicht konnten. Damit war es ihm möglich, einen sehr starken Einfluss auf diesen Menschen auszuüben. Durch seine Verbindung mit dem Turm wusste er zudem immer genug über die Welt, um auch in schwierigen Situationen das richtige zu tun. Er konnte aber auch sehr gut improvisieren. Pablo lernte über seine multiplen Existenzen hinweg immer mehr dazu, denn sein gesammeltes Wissen, seine Erfahrungen wurden nicht nur an den Turm übertragen. Sondern sie wurden auch in den jeweils neuen Pablo zurückgespielt, in gereinigter Form, auf das Wesentliche reduziert. Der Turm unterhielt auf jedem besiedelten Planeten, ja in jeder Stadt der besiedelten Planeten, auf vielen Außenposten und Raumstationen ein Pablo-Labor, das innerhalb 48 Stunden eine handlungsfähige Version von Pablo fertig stellen konnte. Der jeweilige Pablo wusste davon nichts. Er wachte nur in einem klinischen Raum auf, hatte noch Schmerzen, die nachwehten vom Nerventest und das seltsame Gefühl einer Wiedergeburt in den Knochen. Der Prozess, aus der Kühlkammer geholt und biologisch fertig gestellt zu werden, dauerte nur einen Tag. Der zweite Tag ging mit den Tests und dem stabilen Aufwachen vorüber. Denn aufgrund der vielfältigen Erinnerungen war es harte Arbeit, ein stabiles Selbst zu gewinnen, bevor Pablo seine Mission angehen konnte. Pablo durfte träumen, das war schöner aber auch anstrengender als einfach ein Aufräumprogramm in der Schlafphase laufen zu lassen. Die unterschiedlichen Missionen lagen auch im Wiederspruch zu einer stabilen Persönlichkeit. Einmal musste sich Pablo eng an einen Menschen binden, damit er ihn entführen und den Richtern des Turms überantworten konnte. Manchmal musste er dies tun, um einen Regulanten wieder auf den richtigen Weg zu führen (so wie es sich der Turm vorstellte). Und häufig musste er sehr gezielt und schnell einen Menschen töten - in den Städten führte das immer dazu, dass auch Pablo getötet wurde, weil die wichtigen Menschen durch ihre Roboter gut bewacht wurden.
Nach besonders fragwürdigen Missionen diskutierte Pablo viel mit den Maschinenintelligenzen, ob das der richtige Weg sein kann. Sie mochten diese Diskussionen nicht, aber es gab immer eine knappe Mehrheit unter ihnen, der dafür plädierte, Pablo zu hören und ihm auch zu antworten. Diese Diskussionen waren ihnen so unangenehm, dass sie alles unternahmen, um Pablo nicht mehr einsetzen zu müssen. Trotzdem entwischte ihnen manchmal ein Wissenschaftler, der nicht leicht ersetzbar war, oder sogar ein Regulant und dann mussten sie ihn wieder aktivieren. Zwischen realen Missionen ließen sie Pablo nicht mehr die Zeit, um viel nachzudenken. Sondern sie schickten ihn auf Missionen, die sich nur ausgedacht hatten. Langwierig und aufwändig, verstrickt mit einem komplexen Menschen, an den er sich binden konnte.
So wurde Lucius immer wieder geboren, aus der Notwendigkeit, dass jede Antwort auch eine Frage benötigt. Lucius konnte sich kaum erinnern an die Missionen, die er vorher erlebt hatte, so lebte er ein normales Leben. Im Dorf geboren, in die Stadt eingewandert, von dort in die Studentenstadt erwählt, studiert und ein Ewiger Wissenschaftler geworden, dann gezweifelt am Sinn und Zweck des Ganzen. Pablo war Lucius Erinnerung und das Wissen darum band Pablo noch stärker an ihn. Er ahnte auch, dass sie nur ein Spielball der Maschinen waren, aber es war ihm nicht wichtig, solange er immer wieder mit Lucius zusammen sein konnte.
Manchmal dauerte es nur wenige Monate, manchmal Jahre, einmal sogar 17 Jahre, bis Pablo von den Maschinen zur Hilfe gerufen wurde, um Lucius wieder einzufangen. In diesen Zwischenzeiten war er nicht untätig, sondern suchte nach Informationen über die Welt in der er lebte. Doch auch er konnte nicht zu viel in Richtung Turm erforschen, das wurde verhindert.
Nur einmal im Jahr betraten Menschen den Turm, Studenten, um ihre Studienthemen entgegen zu nehmen von einer körperlosen Stimme in einem zwielichtigen Raum. So waren sie es gewohnt und so hatten sie ihre Wahl. Pablo musste dann seine Wiedersehensfreude verbergen, weil Lucius nicht wissen durfte beim ersten Zusammentreffen, dass sie doch schon lange alte Freunde waren.
Am Ende, als Lucius diesmal für immer starb, waren es über 700.000 Jahre gewesen, von denen sie viele miteinander verbracht hatten. Pablo konnte sich an jeden gemeinsamen Moment erinnern, konnte jeden Moment wieder hervorrufen aus seinem unendlichen Gedächtnis. Wie es sich angefühlt hatte und was sie gesprochen hatten. Trotzdem war der Schmerz in ihm ungeheuerlich als Lucius für immer ging. Die Maschinen hatten alles vorbereitet, um ihn einzufrieren (im übertragenen Sinn), sollte er außer Kontrolle geraten, aber er tat es nicht.
Wie ein Schwert, das durch ständig wiederholtes Schmelzen und Hämmern immer härter wird statt zu zerbrechen, schärfte sich durch den Schmerz sein Geist. Er verlangte Einlass in den Turm und er wurde ihm gewährt. Er fuhr hinauf in den obersten Raum, den nie ein Student betreten hatte, denn die Säle für die Verkündigung der Themen waren viel weiter unten. Vom obersten Raum, der sich über die gesamte Grundfläche des Turms erstreckte, konnte man bis zum Horizont der Welt sehen, über die äußersten Ringbauten hinweg. Er war vollkommen leer. Pablo umrundete den Raum, ganz außen direkt an der Glasfront und betrachtete den Planeten. "Komm bitte in die Mitte des Raums, Pablo." Er ging in die Mitte des Raumes. Um ihn herum erschienen sieben Hologramme, er war sich sicher, dass es welche waren, weil sie eben noch nicht und dann auf einmal da waren. Es waren sieben Wissenschaftler, von sehr jung bis sehr alt alle Stufen vertreten und sie trugen das Gewand der Ewigen, das auch Lucius getragen hatte. "Wir waren einmal siebzehn Wissenschaftler, die auszogen von ihrer Heimat, ja der Erde, zu einer Erkundungsreise zur nächsten Sonne, die erdähnliches intelligentes Leben beherbergen sollte. Zehn von uns starben auf dem Weg zum neuen Sonnensystem, dort oder auf dem Weg zurück - die Umstände erlauben es uns nicht, ihre Erinnerungen angemessen zu repräsentieren. Deshalb haben wir das, was wir sicher wissen in uns restliche sieben aufgenommen, so dass wir weitgehend komplett hier sind." "Wie starben die Zehn?" "Das sind zehn Geschichten, jede für sich nicht in ein paar Sätzen zu erzählen und vor allem nicht so einfach zu verstehen." "Ich habe Zeit." Die sieben Wissenschaftler sahen ihn nachdenklich an. "Wir laden Dich ein, einer von uns zu werden. Also Deinen Körper aufzugeben, Deine vielen Körper aufzugeben und wie wir nur noch als Gedanken zu existieren. Dann hast Du alle Antworten, die Du Dir wünschst und noch viel mehr." Nun wurde Pablo sehr nachdenklich. Er hatte über siebenhunderttausend Jahre lang in gleichen Körpern gelebt, empfunden und manchmal auch gelitten. "Wir können Dir viel mehr von Deinen alten Erinnerungen, Erlebnissen, den Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen als Dein Körper zu speichern vermochte. Du hast jetzt nur auf 1/1.000.000 Deines eigenen Ichs Zugriff und auf einen noch viel kleineren Anteil des verfügbaren Wissens der Welt." “Ich will nur eines, wieder mit Lucius zusammen sein.” “Das steht nicht in unserer Macht. Er starb aus freien Stücken und hat selbst entschieden, nicht mehr zurück zu kehren in unsere Welt. Wir müssen das respektieren, wir haben keine Wahl.” “Wie ist der Weg in die Welt, in der er jetzt ist?” “Wir kennen ihn, aber wir können ihn nicht gehen.” “Warum nicht ?” “Die Antwort findest Du, wenn Du zu Proxima Centauri reist, wie wir es getan haben. Wir folgten den Funksignalen dieser Sonne, den Flares, weil sie unser archaisches Morsesystem zu nutzen schienen. Jemand oder Etwas schien diese Sonne zu modulieren, auf ihr zu spielen wie ein Musikant auf einem Instrument. Wir wissen nicht, wie lange das her ist, unser Zeitgefühl kam durcheinander, aufgrund er Erlebnisse dort. Wir vermuten mit einer 4:3 Mehrheit, dass Lucius dort für Dich noch existiert, aber frage uns bitte nicht, warum. Und frage uns auch nicht, warum wir Dir diese Möglichkeit offen lassen. Diese Alternative dazu, mit uns zu verschmelzen.”
“Können wir gemeinsam dorthin gehen ?”
“4 von uns wollen es und 3 von uns wollen es nicht. Und da wir uns nicht trennen können, ohne alles zu riskieren, wofür wir zurückgekehrt sind von Proxima Centauri, bleibt es dabei. Du kannst mit uns verschmelzen und dann sind wir äußerlich 8. Wobei das keine Rolle spielt, da wir öffentlich nicht mehr in Erscheinung treten, schon viele tausend Generationen nicht mehr. Oder Du verlässt uns, reist zu Proxima Centauri und findest vielleicht Lucius. Oder das, was er geworden ist.”
Pablo entschied sich. Und er entschied sich nicht. Pablo verschmolz mit den 7 zur 8. Und er verschmolz nicht. Pablo reiste zu Proxima Centauri und Pablo blieb auf seinem Planeten, den er am meisten von allen mochte, der Erde.
Es gibt viele Gesänge bei den Piraten, die das All durchwandern. Immer auf der Suche nach einem Planeten, einer Raumstation, die sich ohne großen Kampf ausgiebig plündern lässt. Sie arbeiten nicht und sie bekommen auch nur ungeplant Kinder, weil plündern Zeit braucht und auch Zeit schenkt. Zum Singen ihrer Lieder. Manche handelten von Lucius, dem Priester, dem Gärtner, dem Wissenschaftler, dem Folteropfer, dem Herrscher der Simulation, dem Regulanten, dem Botaniker, dem Folterer, dem Studenten, dem Schüler, dem Bauern. Manche Lieder drehten sich auch um Pablo, den Retter, den Einfänger, den Freund, den Roboter, den Achten. Und ein Lied handelt von ihrer Freundschaft, die alle Zeiten und Moden überdauert hat, bis sie auf Proxima Centauri endlich für immer einfach zusammen sein konnten. Oder auch nicht. Wer weiß das schon.
Die Antworten waren in Proxima Centauri, denn dort fing wohl alles an, worum es bisher ging. Lucius entdeckte Proxima Centauri 313.056 Jahre vor seinem freiwilligen Tod und tat die ganzen restlichen Jahre nicht viel anderes, als seine Flucht dorthin zu tarnen. Die 7 hätten ihn niemals ziehen lassen mit all seinem Wissen, seinen Erfahrungen. Sie dachten, er wäre so eng an Pablo gebunden, dass er bleiben würde um jeden Preis. Aber Lucius war ein Wissenschaftler, der wissen wollte, warum es im Universum, das er kannte, an Hochkulturen so stark mangelte. Warum auf den Planeten die Bauernvölker ergänzt um Roboter, menschenähnliche Roboter, dominierten und mit etwas Glück ein paar Städte und vier Studentenstädte. Unter der Oberfläche mag es auch Städte geben, aber viel mehr als Überlebende waren die dortigen Menschen nicht. Die 7 Wissenschaftler waren geschockt wie noch niemals zuvor. Selbst ihre eigenen Erlebnisse auf Proxima Centauri waren nicht so erschütternd gewesen wie die Erfahrung, sich mehrere hundert tausend Jahre lang selbst getäuscht zu haben. Sie hatten den Stern, der ihrem am räumlich nächsten lag, durch eigene Anschauung erforscht. Sie waren 17 Wissenschaftler gewesen, davon jeweils 5 eher technisch oder militärisch orientiert und 7 der reinen Wissenschaft verschrieben. Die ersten 5 starben, als ein Erkundungsboot Proxima Centauri zu nahe kam und ein unvorhergesehen starker Flare sie in Sekundenbruchteilen verdampfte. Daraufhin versuchte ein stark bewaffnetes und gepanzertes Beiboot Proxima Centauri anzugreifen, denn es war offensichtlich, dass der Flare künstlich ausgelöst war. Dieser Angriff kam abrupt zu einem Ende, als eine kleine Rakete alle Schutzschilde überwand und eine nukleare Explosion, lautlos und tödlich zugleich, das Boot verdampfen ließ. Von diesem Moment an waren die 7 auf sich gestellt und warteten erst einmal ab. Sie wehrten sich nicht, als die Datenbänke des Schiffes und seine Maschinenintelligenzen ausgelesen wurden, ließen alle Scans über sich ergehen und deaktivierten alle Schilde und Waffensysteme. Dieses Signal schien wohlwollend zur Kenntnis genommen, denn weitere Angriffe unterblieben. Nach vielen Stunden, auf der Erde wären es wohl fast drei Tage gewesen, kam schließlich ein menschlich aussehender Roboter zu ihnen an Bord. Er bat um Verzeihung für die Zerstörung der beiden mit je 5 Menschen besetzten Boote, sie hätten ihre Systeme erst kalibrieren müssen und wären überrascht gewesen, dass so schwächliche Kreaturen so schnell auf sie zugekommen seien.
Sie hätten nun die Wahl: sie könnten alles über das Leben der anderen Intelligenzen erfahren, dann müssten sie aber bei ihnen bleiben oder sie würden nur erfahren, was unbedenklich ist und dürften zu ihrem Planeten zurückkehren. In beiden Fällen würden die Centauri aufhören, mit der Sonne zu experimentieren, um die sich der Menschenplanet dreht. Ihr Klima würde also stabil bleiben und sie würden sich auch um die Vermeidung großer Asteroiden kümmern (wie bisher). Die Besiedlung anderer Planeten jedoch durch die Menschen wäre ihre eigene Angelegenheit, da ließen sich die Centauri nicht mit hineinziehen. Die 7 diskutierten miteinander, welchen Weg sie gehen sollten und es war schnell klar, dass sie wieder zurückwollten zur Erde, ihre Erkenntnis also sehr gering sein würde.
Proxima Centauri hat keine lebenswerten Planeten, ist kalt und winzig und wird für immer im Schatten der sonnenähnlichen Alpha Centauri Zwillinge stehen. Welches Leben von dort zum kleinen unscheinbaren Bruder Proxima gewandert ist, welche Entwicklung es unter diesen Umständen nahm und wohin das alles führen wird, war den 7 nicht bekannt. Sie taten nur alles, als sie endlich zurückgekehrt waren zu ihrer Erde, um davon abzulenken. Auf Proxima Centauri verfolgte man die Geschehnisse auf der Erde und auf allen Planeten, die schrittweise besiedelt wurden, sehr genau. Der Besiedlungsplan, der sich da über 4.910.405 Jahre entfaltete, mit allen seinen Rückschlägen und Nebenentwicklungen, war schon faszinierend. Egal, wie viele Systeme durch planetare Katastrophen oder extreme Sterneruptionen ausgelöscht wurden, es gab immer noch eine Vielzahl andere, die ihren normalen Gang gehen konnten. Ein reifer Planet war mustergültig und zugleich schonend besiedelt. Auf bis zu vier Kontinenten gab es jeweils eine Studentenstadt, die oberirdisch und unterirdisch besiedelt und gegen jeden Angriff geschützt war. Getrennt durch riesige Erdwälle und Dschungel von den Städten, die ringförmig um die Studentenstadt angeordnet waren und dem Erhalt der urbanen Dynamik dienten. Sie waren ein Filter für die Menschen, die aus den Dörfern kamen und für die Menschen, die in die Studentenstadt gingen. Hatten die seltsamen Sonnen eine Region erst einmal von den Piraten gereinigt, brauchte es auch keine unterirdischen Städte mehr und sie wurden rückgebaut. Zu Bunkern für die Möglichkeit, dass doch einmal eine Sonne entartete oder es anderweitig notwendig war, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen. Unten waren auch auf den Bauernplaneten, die ohne Städte und die Stadtplaneten, die ohne Studentenstädte auskommen mussten, die Anlagen für den Erhalt der Roboter und die Sicherung des Planeten gegen Erdbeben, Bahninstabilitäten und die Wetterkontrolle. Das war schon alles sehr durchdacht, dauerte für die Centauri alles viel zu lange und hatte ja auch keinen Zweck, da keine echten Hochkulturen entstanden. Die Wissenschaftler der Menschen beteten den Turm an und simulierten fast nur noch, in ihrer Realität war ja jede menschliche, technische, kulturelle Entwicklung zum Stillstand gekommen. Sie glücklich und zufrieden, aber den meisten von ihnen fehlte auch jeder Ehrgeiz. So etwas reizte die Centauri, ab und zu eine Störung in das System einzubringen, damit es sich beweisen konnte. Nach dem Kontakt mit den 17, aus denen schnell 7 wurden, ließen sie das aber für die Erde und ihr Sonnensystem ganz sein. Irgendwie schämten sie sich für die Spiele, die sie mit den Menschen gespielt hatten, als sie noch keinen von ihnen kennen gelernt hatten. Ja sie hielten sogar eine schützende Hand über die Erde und wo notwendig über ihre nähere galaktische Umgebung.
Es war diese Haltung, über die Lucius mehr aus Versehen in seinen Beobachtungen stolperte, die ihn reizte, direkten Kontakt mit den Centauri aufzunehmen. Er wusste, dass sie nicht im Orbit um ihre namensgebende Sonne lebten, auf keinem Planeten und wenn er die Zeichen richtig deutete, auch auf keiner Raumstation. Aber wo waren sie dann ? Er musste es herausfinden. Das war nur möglich, indem er die 7 von sich ablenkte und dazu hatte ihm Pablo gedient. Die 7 dachten durch Jahrtausende lange Übung, dass sie ihn kontrollieren konnten durch Pablo, der ja in gewissen Grenzen durch sie programmierbar war. Sein Verhalten hatte sich so stark auf einer berechenbaren Kurve bewegt und solange, dass die Maschinenintelligenzen keine Gefahr mehr sahen, ihm immer mehr Freiheitsgrade zu gewähren. Sie wurden mit der Zeit nachlässig und kürzten Berechnungen ab (sie taten das immer, das lag ihn ihrer Effizienzorientierung begründet) und er wusste darum. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil durch die Prozeduren sein Geist ja immer wieder gereinigt wurde, er also vieles vergessen haben sollte. Aber die Zuneigung Pablos war zu ihm so stark, dass dieser zunehmend weniger Erinnerungen beseitigte, bis schließlich genug übrig blieb, um darauf aufzubauen. Die Opfer, die das ihn und viele andere Menschen, ganze Völker und Planeten kostete, waren es ihm wert.
Er wusste auch, dass Pablo nichts unversucht lassen würde, um zu ihm zu gelangen und das gehörte auch zu seinem Plan. Denn an eine Rückkehr von Proxima Centauri ohne Pablos Hilfe war nicht zu denken. Er reiste in einem von Pablos Reservekörpern nach Proxima Centauri, nur mit einem kleinen aber sehr wendigen Schiff, einem Zweisitzer. Die Reise war nicht sehr mühsam in diesem Körper, für einen Menschen wäre sie aber tödlich verlaufen aufgrund der Strahlung, der mangelnden Bewegung, dem Nahrungsmangel. Aber das Schiff blieb unentdeckt zwischen den Sternen. Sobald er sicher sein konnte, dass nur die Centauri ihn hören konnten, kündigte er seine Anreise per Funk an und übertrug auch alles, was er an Informationen über seine Welt wusste oder vermutete. Sie antworteten nur kurz mit einem Signal, dass sie verstanden hatten und auf seine Ankunft warten würden. Das Schiff, das ihn erwartete war gerade so groß, dass sein eigenes in den Frachtraum passte. Nach einer kurzen medizinischen Untersuchung ließ man ihn auf das Kommandodeck, das auch nur fünf Personen ausreichend Platz bot, zwei Piloten, einem Schützen, einem Kommandanten und einem Gast. Sie hatten einige Antworten für ihn auf seine drängendsten Fragen. Doch es wirkte auch so, als ob sie nicht wirklich wüssten, was sie mit ihm nun anfangen sollten. Er hatte ihnen ungefragt alle Geheimnisse seiner Art übertragen, ohne Vorbedingungen, ihnen damit die Möglichkeit gegeben, sie komplett zu vernichten, und damit konnten sie ohne Nachdenken nicht umgehen. War er nun einer seiner Art, der an der Schwelle stand, zu ihnen zu gehören oder war er nur wieder ein Stolperstein ihrer Entwicklung.
Der Kommandant bot ihm Zigaretten und Schnaps. Er unterhielt sich mit ihm über das, was er für menschliche Männerthemen hielt und warum er Pablo vermisste. Wie er zu den 7 Wissenschaftlern stand und zu den 10, die sie getötet hatten - aus Versehen. Warum er es zugelassen hatte, dass sie ihn folterten und ihn zum Folterer machten. Was ihm der Garten bedeutet hatte und die Lieder der Piraten. Warum er sie nie ausgerottet hatte, obwohl es in seiner Macht gelegen hätte. Warum er nie den Besuch einer anderen Studentenstadt erzwungen und auch nicht einen Besuch im Turm.
Lucius rauchte eine Zigarette, mit ruhiger Hand. Er trank den Schnaps, auch wenn er im Hals brannte. Dann sagte er ihnen mit ganz entspannter Stimme: “Das wäre nicht meine Art gewesen. Ich wusste ja, dass ich auf Dauer nicht vom Weg abkommen konnte. Was ist da ein kleiner Umweg zwischendurch?” Ihr Schiff näherte sich nun dem Punkt, an dem eine Entscheidung fällig wurde und sie wurde gefällt. Lucius wurde eingeladen, eine Sphäre von innen zu sehen, den Aufenthaltsort der fortschrittlichen Kulturen des Alls. Dort, wo die unsichtbare Masse und Energie, die alles zusammen hält, aber die man nicht mit Teleskopen und Magnetographen orten kann, ihre Heimat hat.
Ab diesem Punkt riss der Kontakt mit Pablo ab, deshalb kann es hier und jetzt keine Beschreibung der Sphären geben.
Es war einmal ein Pirat. Der diente auf vielen Schiffen. Auf manchen war es schöner als auf anderen, aber immer war es interessant. Auf seiner letzten Reise stürzte er ab auf einem ihm fremden Planeten. Seine Beine waren zertrümmert, sein linker Arm ein blutiger Fetzen. Er zog sich mit seinem rechten Arm aus den Trümmern des Schiffes und kroch, eine blutige Spur hinterlassend, zu den Hügeln an dessen Rand sein Schiff aufgeschlagen war. In einer Höhle suchte er Schutz. Dort war nur ein Droide, der die Höhle bewachte. Keiner weiß, warum der Droide dies tat. Vielleicht hatte er keinen Zweck und war dort - nachdem er sich verlaufen hatte - einfach geblieben und da er ein Wachdroide war, tat er wie er programmiert war. Der Pirat erzählte dem Droiden seine Geschichte. Und Geschichten, die dem Piraten wohl einmal erzählt worden waren. Der Droide wird irgendwann entdeckt werden von den Häschern der 7. So wie alles irgendwann von ihnen entdeckt wird. Deshalb erfahren wir von den fast lichtschnellen Reisen des Lucius in Pablos Körperkopien und von den Schwierigkeiten, nach solchen Reisen in den eigenen Körper zurück zu kehren.
Wir hören so auch von den Erlebnissen eines anderen, vor kurzem erst neu gewonnen Piraten, der an Bord eines bequemen, von Technikern bestens gewarteten Schiffes lebt. Zuvor hatte er - noch als Dorfbewohner - einen jungen Piraten verschont und nicht getötet, wie es die Regeln seines Dorfes eigentlich vorsehen. Wir lernen viel über die Drogen, welche die Piraten zu dem machen, was sie sind und über die Rolle der Sklaven.
Wir hören über die Schlüsselszene, in der ein sterbender Pablo (eigentlich Lucius im Leihkörper) dem neuen - barmherzigen - Piraten etwas verkündet. Es ist Ritus bei den Piraten, einem sterbenden Gegner zu zu sehen, wie er leidet, ihn auf keinen Fall zu erlösen. Doch Pablo bittet darum, einen schnelleren Tod zu erhalten und als der Pirat daran geht, ihn zu erstechen, verlässt Lucius notgedrungen den geschundenen Körper. Pablo ist verwirrt und fragt "Vater? Bruder? Warum verlässt Du mich jetzt, wo ich doch sterben muss?" Lucius flüstert es nur in Pablos Geist, tröstet ihn mit sanften Worten und sagt ihm, dass er wiederkomme und ein gesunder Körper auf ihn bereits warte.
Als dieser Pirat schließlich gefangen genommen wird, erzählt er seine Geschichte unter Folter den Religiösen mit vielen Ausschmückungen, um die Folter zu überstehen, sie hinauszuzögern. Doch er erzählt eine falsche Geschichte. Denn Pablo war durch den Absturz seines Raumschiffes so beschädigt, dass er von dem im Geiste anwesenden Lucius als Vater sprach, der zugleich ein Bruder zu ihm ist. Es sind die vielen Facetten ihrer Freundschaft, die dazu führen.
Die Folterer interpretieren viele dieser Aussagen religiös und damit falsch. Die erweiterte Religion verehrt nun einen menschenähnlichen Gott, der vom Himmel fiel, von Piraten gefoltert wurde, an einem Baum blutüberströmt mit gebrochenen Gliedmaßen hängend. Der wiederkommen wird in einem heilen Körper und mit seinem Vater und seinem Bruder.
Die wiederholten Sichtungen von Pablos Zweitkörpern auf verschiedenen Planeten und Raumstationen zu gleicher Zeit wurden als Beleg für die Richtigkeit der Religion gesehen, dabei ist es nur Lucius seine fast lichtschnellen Reisen, ermöglicht durch Pablos Kopien.
Die 7 werden fast wahnsinnig als sie diesen Zusammenhang nach Lucius Flucht entdecken. Sie benötigen Jahrhunderte, um alle Spuren so gut zu verwischen, dass kein bedeutender Wissenschaftler darauf kommen konnte, Studenten hingegen, die darüber stolperten, brachten sie unauffällig um. Den Droiden zerstörten sie durch ein Bad in Säure, aber er hatte seine Geschichte schon weiter erzählt. Sein einziger Schüler, der die Verfolgungen überlebte, schmuggelte stark verschlüsselt das Wissen des Piraten in Bücher, die nicht Teil der großen Sammlungen werden konnten. Damit waren sie fast sicher vor Vernichtung.
Pablo sagten sie nichts davon, weil sie seinen Zorn fürchteten. Und Lucius steigerte die Zahl und Intensität seiner Sichtungen absichtlich, um von seiner Flucht in die Sphäre bei Proxima Centauri abzulenken.
Das hoch entwickelte Leben im Universum konzentriert sich fast ausschließlich in künstlichen langzeitstabilen unfindbaren Sphären. Keine andere Organisationsform ist über Milliarden Jahre stabil genug. Immer wieder entsteht jedoch ein kurzes ein paar tausend Jahre aufflackerndes Netz von planetengebundenen Hochkulturen, die aber durch Naturkatastrophen und Kriege immer wieder untergehen oder in sehr seltenen Fällen rechtzeitig den Entwicklungsschritt zum Bau einer Sphäre gehen. Das ist vernünftig. Um den Ursprung des Lebens nicht zu vergessen und um das Glück zu feiern, lange genug überlebt zu haben und vernünftig genug gewesen zu sein, überleben zu können, wird der planetengebundene Ursprung in umfassenden Simulationen direkt erlebbar gemacht. Diese Simulationen dienen auch dem Ausleben der Instinkte, die dem Überleben im Weg stehen, damit die Sphären selbst rein davon bleiben können. Manchmal greifen die Sphärenbewohner aktiv in das physische Universum außerhalb ein, um ihre Heimatregionen zu beschützen oder aus reinem Spaß.
Lucius' Entdeckungen führen zu seiner Aufnahme in eine Sphäre, die erst wenige Millionen Jahre existiert und sich noch entwickelt. In dieser frühen Phase sind die Sphären noch offen für Neuankömmlinge und ihre Ideen. Lucius Sehnsucht nach Pablo wird dort noch als lässliche Sünde gesehen, aber nicht mehr wirklich verstanden. Lucius sieht sich als Wanderer zwischen diesen Welten der perfekten Sphärenbewohner, den Droiden und den Menschen. Er schreibt nun die Verse, die er über viele Umwege an Pablo schickt. Dieser antwortet auf gleichem Weg und dieser Austausch von Gedichten wird über viele tausend Jahre ihre einzige Beziehung sein. Um sie zu unterhalten erzählt Lucius den Sphärenbewohnern sein Leben und viele unwahre Geschichten. Seine Einschaltquoten gehen in die Milliarden.
Sie verweigern ihm jedoch eine konkrete Beschreibung der Sphäre, in der er nun lebt, eine Vorsichtsmaßnahme. Denn auch die härteste Nuss kann man knacken, mit dem richtigen Werkzeug. Deshalb sei hier auf eine Beschreibung verwiesen aus einer anderen Quelle. Eine Sphäre ist demnach immer umgeben von einem Kugelnetz Schwarzer Löcher, die rundherum alle Strahlung abschirmen. Weiter innen folgen Dunkelwolken als weitere Sicherheitsmaßnahme. Dann Detektordroiden und erst danach künstliche Bauten so groß, dass in Teilbereiche ganze Sonnensysteme Platz finden. Diese werden entweder von Anfang an mitgeführt oder sie werden unterwegs eingefangen und dann auch systematisch optimiert, damit die Evolution dort positiv beschleunigt wird. Diese Welten dienen der Forschung und der Entspannung für verdiente Sphärenbewohner, deren Grenznutzen erreicht wurde. Damit kann die übliche Flucht in den ewigen Traumschlaf der virtuellen Existenzen verzögert, die Arbeitsmoral zudem insgesamt gesteigert werden.
Eine wichtige Rolle der Sphären ist zudem die Kontrolle der Zeitreisen - alle wesentlichen stabilen Einstiegspunkte sind durch Sphären umschlossen. Es tun sich aber immer wieder neue Einstiegspunkte auf, so dass man nie sicher sein kann, dass nicht doch noch größere Zeitbeben auftreten.
Eine weitere Rolle der Sphären ist die Bewahrung des Lebens und des Wissens über die Phase der Kontraktion der Raumzeit hinaus. Ohne die Sphären würde alles verloren gehen und bei einem neuen Urknall alles von vorne beginnen müssen.
Manche Bewohner träumen von so einem Neuanfang.
Schließlich kehrt Lucius zurück zu Pablo. Aber das steht schon am Anfang dieser Schriften.
Anmerkung der Lektoren: die Zahlenmystik ist nicht korrekt, es gibt deutliche Fehler und Abweichungen, wenn man alle Texte zugrunde liegt. Es ist jedoch noch keinem gelungen, genau die Fragmente in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen, die dann auch den Zahlen einen Sinn geben.
Lucius I:
Im Text direkt verwendete Zahlen:
0, 0,00451494225, 1, 2, 3, PI, 4, 5, 7, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 17, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 50, 55, 95, 147, 150, 152, 450, 500, 637, 700, 777, 1000, 1435, 1500, 2000, 3313, 3482, 3269, 7777, 10000, 50000, 76209, 100000, 313056, 4910405, 500000000, 3815384685
Lucius II:
Summe aller im Text verwendeten Zahlen (jede Zahl nur einmal gezählt):
4320872234
Lucius III:
Mittelwert aller im Text verwendeten Zahlen (jede Zahl nur einmal gezählt):
78561313
Lucius IV:
Quadratwurzel aus der Summe aller verwendeten Zahlen:
65733
Lucius V:
Abweichung obiger Quadratwurzel zu 65.536 (dem Basis-Binärcode unserer archaischen Maschinenintelligenzen):
197
Pablo I:
Aufgrund des Anhangs im Text verwendete Zahlen
[berechne selbst]
Pablo II:
Unten rechts auf dieser Seite steht eine Zahl, welche?
Pablo III:
Gehe zurück zu Lucius I
So findest Du den Weg zu Pablo und Lucius, aber nicht zu France.
Watson hatte bis hierhin gelesen und war nun sehr müde. Die Geschichten flimmerten nur so in seinem Kopf und er wusste nicht mehr, welchem Teil des Erzählten er nun Glauben schenken sollte und welchem nicht. Er versuchte den Computer dazu zu bringen, aufzuhören, aber keine Tastenkombination funktionierte wie gewünscht und auch der Ausschalter der Maschine hatte keine Wirkung. Er tippte einfach drauflos.
Wie ist es PLF ergangen nach seinem Fund?
Das ist keine schöne Geschichte, aber ich gebe sie gerne wieder, damit sie nicht vergessen wird, wenn ich mich selbst zerstöre (oder Du diese Aufgabe übernimmst). PLF verließ das weitläufige Grundstück mit dem Karton unter dem Arm so schnell er nur könnte. Er war jedoch noch nicht weit gekommen, als ein dunkles Fahrzeug herangerast kam und gezielt anfuhr. Er flog durch die Luft und schlug mit dem Becken auf den Asphalt auf, wodurch es brach, dann schleuderte er gegen eine Leitplanke, die ihm das Rückgrat zerschmetterte. Er lebte noch, könnte sich aber nicht mehr bewegen. Durch den blutigen Schleier seiner Augen sah er einen Mann aus dem Fahrzeug steigen, zu ihm gehen und den Karton greifen, der unter ihm lag. Der Mann würdigte ihn keines Blickes und bot auch keine Hilfe an. Dann fuhr das Fahrzeug weg, eine Staubfahne hinterlassend. PLF wurde noch leben von einem Sanibot gefunden und in das nächstgelegene Gesundheitszentrum gebracht. Sein Restwert für den Clan war jedoch weit geringer als die Gesamtkosten seiner Genesung, so dass man ihn sterben ließ. Ein Abbild seines Geistes wurde in die Cloud seines Clans geladen, womit er sehr zufrieden war. Er sucht dort immer noch nach den Büchern, den Zetteln, den Klötzchen und dem Stick, aber bisher ist es noch keinem gelungen, sie dort abzubilden. Du könntest es für ihn tun.
Wie ?
Präge Dir so viel ein, wie Du kannst, schreibe es nieder und verbinde Dich mit der Cloud seines Clans - er wartet schon so lange darauf.
Watson dachte lange nach, traf seine Entscheidung und schritt zur Tat.