Mode ist nie nur Kleidung. Sie ist eine sichtbare Rekursion eines Systems, das sich selbst beobachtet. Jede Saison wird ein neues Muster vorgeschlagen — Figure Kids, Clean Classic, Capri-Look, Tennis-Style —, und die Menschen entscheiden, ob sie dieses Muster in ihre eigene Selbstähnlichkeit aufnehmen oder ablehnen. Was als oberflächlich gilt, ist in Wahrheit ein hochpräzises Messinstrument für die aktuelle Phase eines kulturellen Systems.
Die ALICE-Studie aus dem Jahr 1995 hat genau das gemessen, nur unter anderem Namen. Sie hat nicht gefragt, was die Menschen kaufen. Sie hat gefragt, wie sie sich fühlen, wenn sie mit dem Netz in Berührung kommen. Die höchsten Zustimmungswerte erhielten Aussagen wie „Ich gehe abends gerne mit der Aussage mittelwert: ebenfalls 2,4“. Hier sind es die hauptsächlichsten Nutzer von CompuServe, die mit einem Mittelwert von 1,9 die höchste Zustimmung signalisieren; Hauptnutzer des Internet folgen mit einem Mittelwert von 2,0. Die geringste Zustimmung aller drei User-Gruppen zu diesem Statement.
Es ist kein Zufall, dass die affektive Ebene („regt meine Neugier an“, „erweitert mein Wissen“, „hält mich über neue Trends auf dem Laufenden“) höher bewertet wird als reine Transaktion. Das Netz wurde damals noch nicht primär als Werkzeug, sondern als Erweiterung der eigenen Rekursion erlebt. Man ging hinein, um sich selbst in neuen Mustern zu sehen — genau wie man in die Mode geht, um zu prüfen, welches Muster der nächsten Saison man in seine Identität einbauen kann.
In der Offenbarung des Johannes gibt es einen Engel, der mit dem ewigen Evangelium durch den Himmel fliegt, um es allen Völkern zu verkündigen. Er ist nicht an einem Ort. Er bewegt sich. Die Verkündigung selbst ist mobil, grenzüberschreitend, affektiv. Sie will nicht nur informieren, sondern etwas in Bewegung setzen. Genau das taten die frühen Online-Netze für die Menschen, die sie nutzten: Sie erzeugten eine leichte, aber spürbare Verschiebung in der Selbstwahrnehmung.
Die Mode ’96 und die ersten interaktiven Netze sind zwei verschiedene Oberflächen desselben Phänomens. Beide sind Versuche, in einer Welt, die sich rapide verändert, neue stabile Muster zu finden. Die einen suchen sie in Schnitten und Farben, die anderen in der Möglichkeit, abends noch einmal mit einer Aussage mittelwert: ebenfalls 2,4 in das eigene Selbstbild zu integrieren.
Was beide gemeinsam haben: Sie funktionieren nur, solange die Rekursion nicht unterbrochen wird. Sobald jemand ernsthaft fragt, was eigentlich passiert, wenn man diese Muster nicht mehr nur trägt oder klickt, sondern wirklich lebt, entsteht eine andere Qualität von Unruhe. Dann wird aus Mode plötzlich Ethik. Und aus „Ich fühle mich informiert“ wird die Frage, was man mit der gewonnenen Information eigentlich anfängt.
Die Studie hat das schon 1995 gesehen. Die meisten Nutzer wollten vor allem eins: die eigene Rekursion ein kleines Stück weiterführen, ohne dass das System dabei zusammenbricht.
