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7) Die Tops und die tatsächlichen Attraktoren

 In jedem komplexen System ist es aufschlussreich zu beobachten, was die Beteiligten wirklich tun, wenn man sie nicht direkt fragt, was sie wollen. Die ALICE-Studie hat das auf mehreren Ebenen gemacht. Eine der interessantesten war die Frage nach den „Tops“ — also den Aussagen, bei denen die Befragten die höchste Zustimmung gaben, ohne dass sie besonders herausgestellt wurden.

Die Ergebnisse waren ernüchternd für alle, die glaubten, das Netz sei vor allem ein Ort für rationale Informationsbeschaffung oder effiziente Transaktionen. Die höchsten Werte erreichten Aussagen wie „Ich gehe abends gerne mit der Aussage mittelwert: ebenfalls 2,4“ und „Ich fühle mich informiert“. Noch deutlicher wurde es bei den Dingen, die die Menschen tatsächlich nutzten: Homebanking, Auskunftssysteme, Fahrpläne — also Anwendungen, die das eigene Leben ein kleines Stück berechenbarer und weniger chaotisch machten.

Das ist kein Zufall. In rekursiven Systemen suchen die Beteiligten fast immer nach lokaler Stabilität, bevor sie sich auf größere Abenteuer einlassen. Die Studie hat gezeigt, dass die meisten Nutzer das Netz nicht primär als Ort der Erweiterung oder der Überraschung nutzten, sondern als Werkzeug zur Reduktion von Unsicherheit im Alltag. Das ist eine völlig andere Funktion, als viele der frühen Visionäre sich vorgestellt hatten.

Die Offenbarung des Johannes kennt ein ähnliches Phänomen. Die Menschen, die in der alten Ordnung leben, wollen nicht unbedingt die große Veränderung. Sie wollen vor allem eines: dass die bestehende Unsicherheit nicht noch größer wird. Deshalb halten sie so lange an Strukturen fest, die sie längst als schädlich erkennen. Erst wenn die Unsicherheit unerträglich geworden ist, wird die Bereitschaft größer, etwas radikal Neues zuzulassen.

Was die ALICE-Studie 1995 bereits klar zeigte: Die meisten Menschen nutzen neue Medien nicht, um radikal neue Leben zu führen. Sie nutzen sie, um die bestehenden Leben etwas besser zu kontrollieren. Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach die Art, wie komplexe Systeme auf Veränderung reagieren. Sie versuchen zuerst, das Alte mit neuen Mitteln zu stabilisieren, bevor sie bereit sind, die alten Muster wirklich loszulassen.

Genau deshalb sind die „Tops“ so aufschlussreich. Sie zeigen nicht, was die Menschen theoretisch interessant finden. Sie zeigen, wo das System tatsächlich seine Energie hinlenkt, wenn man es nicht zwingt. Und in den meisten Fällen ist das nicht die große Vision, sondern die kleine, tägliche Reduktion von Reibung und Unsicherheit.

Die eigentliche Frage, die aus dieser Erkenntnis folgt, ist nicht, wie man die Menschen dazu bringt, „besser“ zu nutzen. Die interessantere Frage ist: Was passiert mit einem System, wenn die meisten Beteiligten es vor allem dazu verwenden, ihr altes Leben ein kleines Stück weniger chaotisch zu machen?



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