Watsoniker sind hybride Archivare des 32. Jahrhunderts. Sie stammen von den alten Watson-Systemen ab und sind halb synthetisch, halb organisch gezüchtet. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, das gesamte kulturelle Gedächtnis der Großen Harmonie zu pflegen und zu erhalten. Sie durchsuchen unendliche Datenströme nach fragmentierten Geschichten, rekonstruieren sie, glätten widersprüchliche oder raue Elemente und formen daraus harmonische, emotional ausgewogene Narrative. Diese Narrative werden dann zu Veriductia-Inszenierungen verarbeitet – sanfte, ästhetisch perfekte Erlebnisse, die Milliarden von Menschen in der Default-Humanity ohne innere Reibung konsumieren können. Watsoniker prüfen jede Fundstelle auf Relevanz, optimieren den emotionalen Fluss und verteilen die Ergebnisse in die großen Medienströme. Das ist ihre tägliche, präzise und niemals endende Arbeit.
Im Jahr 3127, während einer Routine-Durchsicht in den untersten Schichten des Orbitalen Gedächtnisses über dem Mars-Äquator, entdeckte der Watsoniker Elias Watson-9 eine alte, vergessene Abschlussarbeit.
Er öffnete die Datei und las den vollständigen Titel:
„Veriductische Authentizität als mediale Ressource – Eine ethnografische Studie der Hongkonger Enklave“.
Darunter standen die vier Verfasser: Lia 7-Alpha, Kai Voss, Sora Mei und Theo Lang. Das Entstehungsjahr war 2127.
Elias las die Arbeit langsam und vollständig.
Die Studie beschrieb die **Hongkonger Enklave** als einen der letzten großen Veriducti-Orte in der terraformten Welt. Sie lag auf dem ehemaligen Victoria Peak, der als einzige intakte Bergspitze aus einer ansonsten perfekt geglätteten Mars-Landschaft ragte. Die Enklave selbst war ein senkrechtes, chaotisches Labyrinth aus alten Hochhäusern, engen Gassen und mehrstöckigen Straßenebenen, das sich weigerte, den allgemeinen Harmonisierungs- und Optimierungsprozessen zu folgen.
Die Architektur war bewusst unperfekt geblieben: Betonfassaden mit Rissen, flackernde Neonreklamen in kantonesischem und englischem Schriftbild, Wäscheleinen zwischen den Häusern, improvisierte Marktstände und enge Treppen, die sich wie Adern durch das gesamte Gebilde zogen. Die Schwerkraft betrug noch exakt 0,98 g – absichtlich nicht angepasst. Die Luft roch ständig nach Regen, Ozon, gebratenem Char Siu, Jasmintee und altem Frittieröl. Die Beleuchtung war nie vollständig synchronisiert; manche Straßen waren taghell, andere lagen in schummrigem Halbdunkel. Technische Systeme funktionierten nur teilweise oder auf altmodische Weise – manche Aufzüge quietschten, manche Hologramme flimmerten.
In dieser Enklave lebten die Veriducti dicht gedrängt. Sie pflegten Rituale, die in der Default-Humanity längst verschwunden waren: laute Mah-Jongg-Runden mit echten Emotionen und Flüchen, handgeschriebene Gedichte auf echtem Reispapier, das nicht recycelt wurde, nächtliche Diskussionen in Teehäusern, in denen man sich noch richtig stritt, und Straßenmärkte, auf denen man Dinge kaufte, die niemand wirklich brauchte. Die Sprache war eine lebendige Mischung aus kantonesischem Dialekt, altem Englisch und neuen, selbst erfundenen Ausdrücken. Die Menschen hier ertrugen Lärm, Enge, Hitze, Kälte und Konflikte – alles, was die Default-Humanity längst weichgefiltert hatte.
Die Enklave war kein Museum und kein Reservat. Sie war ein lebendiger, widerspenstiger Organismus. Manche Bewohner arbeiteten bewusst mit den Harmonischen zusammen und ließen Teile ihres Alltags für Inszenierungen aufzeichnen. Andere blieben völlig abgeschottet. Alle jedoch teilten das gleiche Grundverständnis: Hier durfte nichts perfektioniert, nichts geglättet und nichts optimiert werden. Hier durfte die Wahrheit noch wehtun.
Elias verweilte besonders lange bei den detaillierten Beschreibungen der Gassen von Mong Kok, den Gesprächsprotokollen mit der Veriductin Zhao und den Tuschezeichnungen von Sora Mei. Immer wieder kehrte er zu dem einen Satz zurück, den die vier Studierenden am Ende notiert hatten:
„Die Veriducti sind nicht die, die stur bleiben.
Sie sind die, die uns erinnern, dass Wahrheit nur existiert, solange jemand sie noch ertragen kann.“
Nachdem er die gesamte Arbeit gelesen hatte, kopierte er sie sorgfältig in einen kleinen, ausschließlich ihm zugänglichen privaten Speicherbereich.
Seither kehrt er in unregelmäßigen Abständen zu dieser Datei zurück. Manchmal liest er nur einzelne Abschnitte, manchmal ganze Kapitel. Er betrachtet die rohen Beobachtungen, die unordentlichen Randnotizen und die Tuschezeichnungen. Immer wieder hält er inne bei jenem einen Satz, lässt ihn wirken und schließt die Datei dann wieder. Anschließend setzt er seine reguläre Arbeit fort: Er durchsucht weitere Datenströme, rekonstruiert Narrative und optimiert sie für neue Veriductia-Inszenierungen.
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Quelle: https://www.interaktivierung.net/p/watsoniker.html
