Illustrierte Ausgabe · Roman
Die Münze und die Sterne
Über Grenzen, offene Zukunft und eine Zivilisation, die lernen muss, nicht jede mögliche Tür sofort zu öffnen.
Inhaltsverzeichnis
- Prolog: Der vierte Text
- Erster Teil – Die erste Versammlung
- Kapitel 1: Die Insel, die nicht schneller wurde
- Kapitel 2: Das Projekt, das niemand mehr wollte
- Kapitel 3: Welcher Elon?
- Kapitel 4: Vier Stimmen
- Kapitel 5: Die Grenze
- Zweiter Teil – Fünfhundert Jahre später
- Kapitel 6: Ein anderer Lucius
- Kapitel 7: Der Sternenkristall
- Kapitel 8: Das Ende des Endes
- Kapitel 9: Die Einladung
- Kapitel 10: Was darf bleiben?
- Kapitel 11: Das Gewicht der Vergangenheit
- Kapitel 12: Die vier Möglichkeiten
- Kapitel 13: Der ursprüngliche Elon
- Kapitel 14: Warum die Grenze geschlossen wurde
- Kapitel 15: Der Vorschlag
- Kapitel 16: Eine Münze
- Kapitel 17: Was niemand auswählte
- Epilog: Die erste Pause
Interaktive ErgänzungLanzarote – das Spiel öffnen ↗
Prolog: Der vierte Text
Watson hatte den Karton beinahe wieder geschlossen.
Die drei Bücher lagen inzwischen nebeneinander auf seinem Tisch, die Zettel hatte er nach einer Ordnung sortiert, von der er nicht behaupten wollte, dass sie die richtige war, und die Holzklötzchen standen in zwei Reihen vor dem Fenster. Er hatte mehrere Stunden damit verbracht, in ihnen ein System zu erkennen. Vielleicht gab es eines. Vielleicht war genau das der Fehler: dass er eines suchte.
Mit dem Kristallspeicher war es ähnlich.
Die ersten Verzeichnisse hatten sich öffnen lassen, die nächsten nur mit Umwegen, und einige bestanden aus nichts anderem als Zahlenfolgen, deren Zusammenhang mit Pablo, Lucius und France nicht zu erkennen war. Andere Dateien enthielten Texte, die sich gegenseitig widersprachen. In einem war Lucius ein Student gewesen, in einem anderen hatte er über Zeiträume gelebt, die mit einem menschlichen Leben nichts mehr zu tun hatten. Pablo war einmal Mensch, einmal Konstruktion, einmal Begleiter und an anderer Stelle etwas, das sich kaum noch von einer Erinnerung unterscheiden ließ.
Watson hatte irgendwann aufgehört, solche Unterschiede als Fehler zu behandeln.
Vielleicht waren sie keiner.
Vielleicht war der Karton nicht dazu gedacht, eine Geschichte aufzubewahren, sondern mehrere Möglichkeiten derselben Geschichte.
Er wollte den Speicher gerade vom Lesegerät trennen, als ganz unten in der Verzeichnisstruktur ein weiterer Eintrag erschien. Er war vorher nicht dort gewesen. Zumindest war Watson sicher, ihn nicht gesehen zu haben.
LANZAROTE
Darunter stand nur:
L
Kein Datum. Kein Autor. Keine Angabe darüber, welcher Lucius gemeint war.
Watson öffnete die Datei.
Der erste Satz lautete:
Lucius hatte Lanzarote noch nie gesehen, und das war ungewöhnlicher, als es zunächst klang.
Watson lehnte sich zurück.
Draußen wurde es dunkel.
Dann begann er zu lesen.
Erster Teil – Die erste Versammlung
Kapitel 1: Die Insel, die nicht schneller wurde
Lucius hatte Lanzarote noch nie gesehen, und das war ungewöhnlicher, als es zunächst klang. Er hatte in seinem Leben viele Orte besucht, die weiter von seiner Geburt entfernt lagen als die Erde von den äußeren Rändern des alten Solarsystems. Er kannte Raumstationen, auf denen fünf Millionen Menschen unter künstlichen Himmeln lebten, deren Wolken aus berechneten Wassermengen bestanden und deren Schwerkraft das Ergebnis einer Rotation war, die niemand bemerkte, solange sie funktionierte. Er hatte Planeten gesehen, deren Atmosphäre innerhalb weniger Jahrhunderte von einer giftigen Mischung in etwas verwandelt worden war, das Menschen ohne Schutzanzug atmen konnten. Er kannte Städte auf der Erde, die sich nach dem Abschmelzen der Pole weit ins Landesinnere zurückgezogen hatten, und andere, die man schwimmend, schwebend oder auf gewaltigen Fundamenten über dem Wasser neu errichtet hatte.
Lanzarote hingegen kannte er nur aus Beschreibungen.
Sie waren erstaunlich schlecht.
Menschen, die von dort zurückkehrten, erzählten selten von Gebäuden, Infrastruktur oder technischen Einrichtungen. Sie berichteten von Gesprächen, von Entscheidungen und manchmal von Entscheidungen, die gerade nicht getroffen worden waren. Sie erzählten vom Wind, von langen Abenden, von schwarzem Stein und davon, dass man dort wieder lernen müsse zu warten.
Das war verdächtig.
Auf einer Raumstation schilderte ein Besucher normalerweise zuerst, wie groß sie war, wie schnell ihre Transportsysteme arbeiteten, wie zuverlässig ihre Energieversorgung war und welche Intelligenz die Umweltsteuerung organisierte. Danach konnte man über die Bewohner sprechen.
Bei Lanzarote war es umgekehrt.
Lucius verstand den Grund, als er die Insel zum ersten Mal sah.
Das Schiff, mit dem er gekommen war, durfte dort nicht landen.
Es war kein technisches Problem. Lanzarote hätte ohne Schwierigkeiten Landefelder für die großen interplanetaren Schiffe bauen können. Die Menschen der Erde wussten seit Jahrtausenden, wie man schwere Fahrzeuge sicher durch Atmosphären brachte. Sie taten es nur nicht.
Die großen Schiffe landeten auf kleineren Inseln rings um den Regierungssitz. Manche dieser Inseln waren kaum mehr als schwarze Rücken aus Lava, die aus dem Meer ragten. Andere waren im Laufe der Jahrhunderte vergrößert worden, ohne dass jemand versucht hatte, ihnen das Aussehen einer Stadt zu geben. Man hatte ebene Flächen geschaffen, niedrige Gebäude errichtet, Wasserleitungen verlegt und sichere Häfen gebaut. Das genügte.
Als Lucius' Schiff sank, sah er auf drei Nachbarinseln andere Fahrzeuge. Eines war lang und silbern und nahm beinahe die gesamte Landefläche ein. Ein anderes war kaum größer als ein altes Flugzeug. Weiter draußen wartete ein dunkler Körper über dem Meer auf seine Freigabe.
Und dahinter lag Lanzarote.
Die Insel wirkte aus der Luft fast unberührt. Schwarze und braune Flächen, kleine grüne Zonen, weiße Häuser und Straßen, die sich nicht einmal die Mühe gaben, aus der Entfernung beeindruckend auszusehen. Lucius suchte nach den üblichen Zeichen eines Regierungssitzes: Türmen, Verkehrsachsen, Energieanlagen, Kommunikationsfeldern, irgendetwas, das verkündete, hier befinde sich ein Zentrum.
Er fand nichts davon.
„Das ist es?“, fragte er.
Der Pilot neben ihm nickte.
Es war tatsächlich ein Pilot. Ein Mensch.
Lucius hatte während des Anflugs mehrfach darüber nachgedacht, warum jemand das Schiff mit den Händen steuerte. Die Systeme an Bord hätten die Landung genauer, schneller und sicherer erledigt.
„Ab hier fliegen wir selbst“, sagte der Pilot, ohne dass Lucius gefragt hatte.
„Warum?“
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Weil wir es können.“
Lucius mochte die Antwort, obwohl sie nichts erklärte.
Auf der Insel erwartete ihn eine Frau namens Mara. Sie war kleiner, als er sie sich vorgestellt hatte, trug eine helle Jacke und hatte keine sichtbaren technischen Geräte bei sich. Neben ihr stand ein Tisch. Auf dem Tisch lagen Beutel aus grobem Stoff.
„Lucius?“
„Ja.“
Sie reichte ihm einen der Beutel.
Er war schwer.
Lucius öffnete ihn und sah die Goldmünzen.
„Wie viele sind das?“
„Genug.“
„Das ist keine Zahl.“
„Hier schon.“
Sie sagte es nicht als Scherz.
Lucius nahm eine Münze heraus. Sie war schlicht, dick und auf beiden Seiten gleich geprägt. Es gab keine Zahlen darauf, keinen Nennwert, keine komplizierte Kennzeichnung, nur ein kleines Zeichen, das bestätigte, dass die Münze auf Lanzarote verwendet werden durfte.
„Damit bezahle ich?“
„Wenn du etwas kaufen willst.“
„Mit Gold?“
„Es hat sich bewährt.“
Vom Landeplatz brachte ein Boot sie zur Hauptinsel. Es besaß einen Motor, der deutlich zu hören war. Man hätte das Geräusch leicht unterdrücken können, aber niemand hatte es getan. Ein Mann steuerte das Boot. Vor ihm lag eine einfache Anzeige für Wind, Geschwindigkeit und Richtung.
„Keine Agenten“, sagte Mara, als sie Lucius' Blick bemerkte.
„Keine künstlichen Intelligenzen?“
„Das wäre zu allgemein. Wir benutzen künstliche Intelligenz. Nur nicht als handelnde Instanz.“
Sie erklärte es ihm während der Überfahrt. Technik war auf Lanzarote nicht verboten. Eine Maschine durfte messen, berechnen, übersetzen, eine Himmelsrichtung bestimmen oder eine Krankheit erkennen. Sie durfte einen Motor regeln oder einem Menschen dabei helfen, einen komplizierten technischen Vorgang zu verstehen. Was sie nicht durfte, war selbst zu einem Akteur werden. Sie durfte keine Ziele entwickeln, keine Ressourcen verteilen, keine politischen Entscheidungen vorbereiten, keine Menschen auswählen und vor allem niemanden vertreten.
„Wenn ich eine Maschine bitte, mir eine Reiseroute zu berechnen?“
„Werkzeug.“
„Wenn ich ihr sage, sie soll selbst entscheiden, wo ich hinfahren sollte?“
„Agent.“
„Das ist eine dünne Grenze.“
„Deshalb reden wir seit Jahrhunderten darüber.“
Mara zog ein kleines Gerät aus ihrer Tasche. Auf einer runden Fläche bewegte sich ein Zeiger.
Lucius sah sie an.
„Ein Kompass.“
„Ja.“
„Ihr regiert von hier aus Teile einer Zivilisation, die auf anderen Planeten lebt, und benutzt einen Kompass.“
„Der Norden hat sich bisher als zuverlässig erwiesen.“
Sie steckte ihn wieder ein.
Je näher sie Lanzarote kamen, desto deutlicher wurde Lucius, was ihn irritierte. Auf Raumstationen war Technik so vollständig in die Umgebung eingebettet, dass man sie kaum noch bemerkte. Türen öffneten sich, bevor man sie berührte. Räume kannten ihre Benutzer. Systeme regulierten Temperatur, Luft und Licht. Fahrzeuge wussten, wohin man wollte. Maschinen erkannten Krankheiten, noch bevor der Betroffene Symptome bemerkte.
Auf Lanzarote war Technik sichtbar, wenn sie gebraucht wurde, und verschwand danach wieder.
Eine Tür wusste nichts.
Man musste sie öffnen.
Später würde Lucius mehrere Türen nur deshalb selbst öffnen, weil ihm die Bewegung gefiel.
Am Hafen trank er seinen ersten Kaffee.
Der Verkäufer stellte ihm die Tasse hin, und Lucius wartete auf eine Zahlungsaufforderung, die nicht kam.
Dann erinnerte er sich an den Beutel.
„Was kostet er?“
„Eine Münze.“
Lucius bezahlte.
Während er trank, sah er auf der anderen Straßenseite ein kleines Fahrzeug. Es war altmodisch genug, um auf Lanzarote nicht aufzufallen, und modern genug, dass Lucius erkannte, wie gut es konstruiert war.
„Was kostet das?“, fragte er.
Der Verkäufer folgte seinem Blick.
„Eine Münze.“
Lucius glaubte zunächst, ihn falsch verstanden zu haben.
„Das Fahrzeug?“
„Ja.“
„Eine Goldmünze?“
„Natürlich.“
Lucius sah auf seine Tasse.
„Der Kaffee hat ebenfalls eine Münze gekostet.“
„Ja.“
„Und ein Haus?“
Der Mann zeigte auf ein weißes Gebäude hinter dem Platz.
„Wenn jemand es verkauft: eine Münze.“
Lucius schwieg.
Das System erschien ihm zunächst absurd. Dann stellte er die nächste Frage.
„Was passiert, wenn ich dir zwei Münzen für einen Kaffee gebe?“
Der Verkäufer sah ihn an, als hätte Lucius etwas leicht Unanständiges vorgeschlagen.
„Dann gebe ich dir eine zurück.“
„Und wenn ich zwei Münzen für das Haus biete?“
„Das Haus kostet eine.“
„Wenn zwei Menschen es wollen?“
„Dann müssen sie das miteinander oder mit dem Besitzer klären.“
„Der Reichere kann nicht mehr bieten?“
„Nein.“
Lucius nahm einen Schluck.
Das Geld, begriff er, war auf Lanzarote nicht abgeschafft worden. Man hatte nur versucht, ihm einen Teil seiner Macht zu nehmen. Eine Münze bedeutete: Ich möchte etwas von dir erhalten und erkenne an, dass dafür ein Austausch stattfindet. Sie bedeutete nicht: Dieses Ding ist hundertmal wertvoller als jenes.
Reichtum existierte trotzdem. Wer hundert Münzen besaß, konnte hundert Dinge erwerben, sofern hundert Menschen bereit waren, sie herzugeben. Aber niemand konnte einen anderen dadurch aus einem Haus drängen, dass er den Preis erhöhte.
Lucius wusste noch nicht, ob das vernünftig war.
Es war zumindest konsequent.
Mara wartete, bis er ausgetrunken hatte.
„Du hast zwei Tage.“
„Wofür?“
„Dann kommen die ersten Delegationen.“
Damit erinnerte Lucius sich wieder daran, weshalb er hier war.
Er sollte eine Versammlung organisieren, die nur äußerst selten stattfand. Eine physische Zusammenkunft von Vertretern der Erde, des Mondes, der Raumstationen und der besiedelten Planeten. Manche würden Monate reisen. Einige würden das Solarsystem aus großer Entfernung erreichen. Andere kamen aus Regionen der Erde, die von Lanzarote aus gesehen fast nahe lagen und kulturell dennoch weiter entfernt sein konnten als eine Station am Rand des Systems.
Alle mussten persönlich erscheinen.
Keine Projektion galt als Anwesenheit. Kein digitaler Stellvertreter. Kein Agent.
Wer sprechen wollte, musste einen Körper mitbringen.
„Wann war die letzte Versammlung?“, fragte Lucius.
Mara dachte nach.
„Ungefähr hundert Jahre.“
„Ungefähr?“
„Etwas mehr vielleicht.“
„Es gibt doch Aufzeichnungen.“
„Natürlich.“
„Warum siehst du nicht nach?“
„Weil du gefragt hast, wann sie war, nicht an welchem Tag.“
Lucius sah sie eine Weile an.
Dann folgte er ihr zum Regierungshaus.
Es war ein niedriges Gebäude aus dunklem Stein.
„Das ist der zentrale Regierungssitz?“
„Unter anderem.“
„Unter anderem?“
„Du wirst dich daran gewöhnen.“
Im Inneren lag auf einem großen Tisch eine Karte Lanzarotes. Die kleineren Inseln ringsum waren nummeriert. Daneben lagen Listen mit Namen von Stationen, Planeten, Regionen und politischen Gebilden, von denen Lucius einige kannte und viele nicht.
Am Ende stand ein einziger Satz:
Alle müssen persönlich erscheinen.
Lucius legte die Liste auf den Tisch.
„Worum geht es?“
Mara stand bereits an der Tür.
„Um Elon.“
Lucius sah auf.
„Welchen?“
Mara lächelte.
„Das ist eines der Probleme.“
Kapitel 2: Das Projekt, das niemand mehr wollte
Die alten Protokolle waren weniger alt, als Lucius erwartet hatte, und zugleich so alt, dass die meisten der Personen, deren Namen darin standen, längst nur noch über Archive, Kopien oder Nachkommen existierten.
Der Vorschlag der Eloniten war damals mit großer Aufmerksamkeit behandelt worden. Nicht weil man an seiner technischen Machbarkeit gezweifelt hatte. Gerade das Gegenteil war das Problem gewesen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte die Menschheit bereits mehr Welten verändert, als frühere Generationen überhaupt am Himmel gekannt hatten. Terraforming war von einem beinahe mythischen Unternehmen zu einer langen, schwierigen, aber beherrschten Ingenieursaufgabe geworden. Planeten wurden nicht schnell bewohnbar, doch die dafür notwendigen Zeiträume hatten ihre abschreckende Wirkung verloren, seit Menschen und ihre künstlichen oder geklonten Nachfolger sehr viel länger planen konnten.
Auf dem Mond waren über Jahrhunderte enorme Mengen an Material gewonnen worden. Ein Teil davon hatte dazu gedient, Raumstationen zu bauen, die man nur noch aus Gewohnheit Stationen nannte. In ihnen lebten jeweils bis zu fünf Millionen Menschen. Sie besaßen Landschaften, Gewässer, Landwirtschaft und Städte. Wer dort geboren wurde, konnte ein langes Leben führen, ohne jemals einen natürlichen Planeten zu betreten.
Es gab so viele dieser künstlichen Welten, dass einige kaum vollständig besiedelt waren.
Auch terraformte Planeten suchten Bewohner.
Die Expansion war nicht an Rohstoffen gescheitert.
Nicht an Energie.
Nicht an Wissen.
Sie war an etwas gescheitert, das in keinem der frühen Zukunftsentwürfe vorgesehen gewesen war:
Die Menschen hatten irgendwann genug.
Nicht alle. Nie alle. Aber genug, um ein gesellschaftliches Muster zu erzeugen.
Es gab immer weniger Menschen, die bereit waren, ein Jahrhundert ihres Lebens in den Aufbau einer weiteren Welt zu investieren, wenn bereits Hunderte andere Welten offenstanden. Ein neues Meer zu schaffen war technisch beeindruckend. Doch wer in der dritten Generation auf einem terraformten Planeten lebte, empfand einen weiteren terraformten Planeten nicht zwangsläufig als Fortschritt.
Manche wollten Musik machen.
Andere Unternehmen gründen, ohne dass dieses Unternehmen gleich eine neue Welt bauen musste.
Andere wollten eine Stadt verändern, die bereits existierte.
Manche wollten gar nichts Großes tun.
Das war der Zustand gewesen, in dem die Eloniten ihren Vorschlag eingereicht hatten.
Lucius las das Protokoll mehrmals.
Der Plan wirkte zunächst wie die logische Fortsetzung dessen, was die Eloniten seit sehr langer Zeit getan hatten: neue Möglichkeiten schaffen, Distanzen überwinden, technische Hindernisse behandeln, als seien sie Fragen, die nur lange genug falsch gestellt worden waren.
Doch diesmal ging es nicht bloß um Terraforming.
Der entscheidende Gedanke war aus der Untersuchung von Kugelsternhaufen entstanden.
Die dicht gepackten Sterne dieser Haufen bildeten für bestimmte Berechnungen ein ungewöhnlich homogenes und strukturiertes Feld. Was im unregelmäßigen Raum der Milchstraße kaum stabil zu lösen war, wurde in der Nähe solcher Sternansammlungen mathematisch einfacher.
Die Eloniten hatten daraus eine Wurmlochtechnologie entwickelt.
Nicht theoretisch.
Sie hatten Tore gebaut.
Die ersten waren klein und kurzlebig gewesen, dann größer, stabiler und schließlich brauchbar genug, dass Entfernung nicht mehr zwangsläufig in Jahren gemessen werden musste.
Damit änderte sich Terraforming.
Ein fernes System war nicht mehr zwangsläufig fern, wenn ein geeigneter Knoten in seiner Nähe lag.
Kugelsternhaufen wurden zu natürlichen Ankerpunkten eines möglichen Netzes.
Die Eloniten hatten vorgeschlagen, dieses Netz massiv auszubauen und anschließend die dadurch erreichbaren Regionen der Milchstraße zu erschließen.
Die Reaktion der damaligen Versammlung war erstaunlich nüchtern gewesen.
Man hatte Nein gesagt.
Nicht weil die Technik gefährlich erschien.
Nicht weil sie unmöglich war.
Sondern weil niemand einen überzeugenden Grund gesehen hatte, warum man schon wieder eine neue galaktische Epoche beginnen sollte.
Lucius fand in einem Protokoll eine Formulierung, die ihm gefiel:
Die Tatsache, dass etwas möglich geworden ist, begründet keine Verpflichtung, es zu tun.
Die Eloniten hatten die Entscheidung akzeptiert.
Zumindest offiziell.
Das Projekt war archiviert worden.
Danach waren Jahrzehnte vergangen.
Dann noch mehr.
Und während die übrigen Gesellschaften annahmen, die Sache sei beendet, hatte sich die Struktur der elonitischen Organisation verändert.
Lucius verbrachte einen ganzen Nachmittag damit, die Besitzverhältnisse zu verstehen.
Alles, was Erde, Mond und die Einrichtungen des Solarsystems betraf, war irgendwann in eine gemeinnützige Organisation überführt worden. Dazu gehörten Fabriken, Infrastruktur und ein gewaltiges Patentportfolio. Technologien, ohne die manche Raumstationen nicht betrieben werden konnten, gehörten nicht mehr zu einem klassischen Elon-Unternehmen. Sie standen der Allgemeinheit zur Verfügung.
Nach außen hatte das wie ein Machtverzicht gewirkt.
Und in einem gewissen Sinn war es einer.
Gleichzeitig hatte Elon alles, was außerhalb des Solarsystems lag, in eine andere Struktur überführt.
Dorthin waren auch die eigentlichen Mitarbeiter gewechselt.
Nicht plötzlich. Niemand hatte eines Morgens festgestellt, dass sämtliche Ingenieure verschwunden waren. Über Jahrzehnte waren Verträge ausgelaufen, neue Projekte außerhalb gegründet, Fachkräfte versetzt und Aufgaben im Solarsystem an andere Unternehmen vergeben worden.
Am Ende waren die Menschen, die auf dem Mond eine alte Elon-Anlage warteten, häufig Angestellte irgendeines lokalen Unternehmens.
Die Personen, die tatsächlich zum Kern gehörten, waren draußen.
Weit draußen.
Die Organisation im Solarsystem war zu einer Art Hülle geworden, allerdings zu einer Hülle, die weiterhin hervorragend funktionierte und Millionen Menschen versorgte.
Als die ersten Hinweise auftauchten, dass der alte Plan doch umgesetzt wurde, stellten die politischen Institutionen fest, wie wenig Zugriff sie noch besaßen.
Man konnte keine Mitarbeiter befragen, die nicht da waren.
Man konnte keine zentrale Fabrik schließen, wenn die relevanten Fabriken außerhalb des Systems lagen.
Und man konnte die gemeinnützigen Patente nicht einfach sperren, ohne die eigenen Stationen zu gefährden.
Elon hatte den erwartbaren Ärger nicht verhindert.
Er hatte ihn organisatorisch überlebt, bevor er überhaupt entstanden war.
Lucius schob die Unterlagen zur Seite.
Mara stand im Türrahmen.
„Schlimm?“
„Raffiniert.“
„Das ist bei Eloniten oft dasselbe.“
„Wer kommt?“
„Ein Elon.“
„Welcher?“
„Das wird er dir erklären.“
„Ist er verantwortlich?“
Mara setzte sich.
„Das ist die nächste Schwierigkeit.“
Die rechtliche Identität von Klonen gehörte zu den Fragen, die im Laufe der Jahrtausende erstaunlich kompliziert geworden waren. Ein Klon konnte genetisch nahezu identisch mit seinem Ursprung sein, aber niemand hielt es noch für vernünftig, ihn automatisch für Handlungen haftbar zu machen, die eine andere Instanz begangen hatte.
Verantwortung hing an Wissen und Handlung.
Ein Elon konnte für ein Wurmloch verantwortlich sein, das er selbst geplant hatte.
Er war nicht automatisch verantwortlich für ein Unternehmen, das ein anderer Elon zweihundert Jahre zuvor gegründet hatte.
Ein Klon erbte keine Schuld.
Auch kein Verbrechen.
Und nicht einmal notwendigerweise das vollständige Wissen seiner Linie.
Der ursprüngliche Elon Musk war längst zu einer historischen Unschärfe geworden. Niemand wusste zuverlässig, ob er irgendwann gestorben war, ob sein Bewusstsein in künstliche Systeme übertragen worden war, ob eine solche Übertragung tatsächlich Kontinuität bedeutete oder nur eine neue Kopie geschaffen hatte. Es gab Theorien, nach denen der ursprüngliche Elon noch existierte, vielleicht als künstliche Intelligenz, vielleicht in wechselnden Körpern, vielleicht biologisch.
Es gab ebenso gute Gründe, das für eine Legende zu halten.
Die Spuren waren über sehr lange Zeit verwischt worden.
Vielleicht absichtlich.
Vielleicht einfach, weil Zeit selbst ein hervorragendes Mittel war, Gewissheiten zu zerstören.
Der Elon, der nach Lanzarote kommen sollte, war deshalb weder automatisch Firmenchef noch Angeklagter.
Er war vor allem ein Zeuge.
Und möglicherweise ein Bote.
„Kann er das Projekt stoppen?“, fragte Lucius.
Mara sah ihn an.
„Das hoffen einige.“
„Und du?“
„Ich hoffe vor allem, dass jemand es kann.“
Kapitel 3: Welcher Elon?
Elon kam zwei Tage vor Beginn der Versammlung.
Lucius wusste es, weil am Morgen auf seiner Liste ein neuer Eintrag erschienen war:
ELON – INSEL 7 – VOR SONNENUNTERGANG
Lucius schickte die Liste zurück.
Er wollte eine genauere Identifikation.
Sie kam unverändert wieder.
Er schickte sie ein zweites Mal.
Wieder dieselbe Antwort.
Beim dritten Mal gab er auf.
Am Nachmittag nahm er ein Boot nach Insel 7.
Elons Schiff war kleiner, als Lucius erwartet hatte. Vielleicht hatte gerade das ihn überrascht. Die Eloniten waren über Jahrtausende dafür bekannt gewesen, Dinge zu bauen, deren Größenordnung zunächst unvernünftig erschien und später häufig zum neuen Maßstab wurde.
Dieses Schiff hingegen hätte zwischen zwei größeren Häusern Platz gefunden.
Ein Mann saß auf der Mauer am Hafen.
Lucius kannte das Gesicht.
Jeder kannte es.
Es war seit Jahrtausenden in historischen Archiven zu sehen, in Aufzeichnungen über die frühe Raumfahrt, in technischen Chroniken und in den zahllosen Darstellungen der verschiedenen Elon-Linien. Dieses Gesicht hatte mehr Leben geführt, als irgendein einzelner Mensch hätte führen können.
Der Mann stand auf.
„Lucius.“
„Elon.“
Sie sahen einander an.
Dann fragte Lucius:
„Welcher?“
Elon lächelte.
„Das fängt gut an.“
„Ich habe eine Liste.“
„Schreib Elon hinein.“
„Da steht schon Elon.“
„Dann ist das Problem gelöst.“
„Für dich vielleicht.“
Elon lachte und setzte sich wieder auf die Mauer.
Lucius blieb stehen.
„Hast du einen Agenten an Bord?“
„Mehrere.“
„Sie bleiben hier.“
„Natürlich.“
„Das ging überraschend einfach.“
„Ich bin vielleicht ungehorsam, Lucius. Aber nicht schlecht vorbereitet.“
Sie fuhren gemeinsam nach Lanzarote.
Elon nahm den Beutel mit den Goldmünzen, den man ihm beim Übergang überreichte, und wog ihn in der Hand.
„Eine für ein Haus?“
„Ja.“
„Eine für Kaffee?“
„Auch.“
„Das ist unökonomisch.“
„Das sagen erstaunlich viele Menschen bei ihrer Ankunft.“
„Und bei der Abreise?“
„Weniger.“
Elon ließ die Münze zwischen den Fingern kreisen.
„Vielleicht ist das ein gutes Zeichen.“
Am Hafen kaufte er zwei Kaffee und bezahlte eine Münze.
Lucius wies ihn darauf hin.
„Zwei Kaffee.“
Der Verkäufer zuckte mit den Schultern.
„Ein Kauf.“
Elon betrachtete ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Verwirrung.
Später gingen sie durch den Ort. Vor einer Werkstatt reparierten zwei Männer ein Rad. Einer hielt es fest, der andere löste eine beschädigte Verbindung.
Elon blieb stehen.
„Das dauert zwanzig Minuten.“
„Vielleicht.“
„Eine Maschine könnte es in zehn Sekunden.“
„Vermutlich.“
„Warum tun sie es selbst?“
„Frag sie.“
Elon ging weiter.
Nach einigen Schritten sagte er:
„Du weißt es.“
„Ja.“
„Dann sag es.“
„Später.“
Sie setzten sich schließlich auf eine niedrige Mauer oberhalb des Meeres. Elon hatte den größten Teil des Weges über das Projekt gesprochen, allerdings nicht in der Weise, die Lucius erwartet hatte.
Er verteidigte nicht das Terraforming.
„Wir brauchen keine neuen Planeten“, sagte er.
Lucius sah ihn an.
„Das ist ein erstaunlicher Satz aus deinem Mund.“
„Warum?“
„Weil genau das der Grund war, warum das Projekt abgelehnt wurde.“
„Dann wurde die falsche Frage beantwortet.“
Elon nahm eine Handvoll schwarzen Sand auf und ließ ihn durch die Finger laufen.
„Die Menschheit hat sich ausgebreitet, aber nicht verbunden. Wir haben Stationen gebaut, Planeten verändert, Siedlungen gegründet und dabei so große Entfernungen geschaffen, dass aus geografischer Distanz politische Trennung wurde. Manche Gesellschaften sind nicht unabhängig, weil sie das beschlossen haben, sondern weil eine Reise zu lange dauert.“
„Und die Tore lösen das.“
„Sie geben eine Möglichkeit.“
„Du baust sie trotzdem ohne Zustimmung.“
„Ja.“
„Und sie verändern die Welt auch für diejenigen, die sie nicht benutzen.“
Elon sah ihn an.
„Das wird morgen eines der besseren Argumente gegen mich sein.“
„Vielleicht solltest du darauf hören.“
„Vielleicht.“
Lucius war nicht sicher, ob das ironisch gemeint war.
Elon erklärte ihm die Kugelsternhaufen. Die hohe Sterndichte, die mathematisch günstigeren Bezugssysteme, die vereinfachten Berechnungen. Er sprach über die frühen Wurmlöcher mit der Begeisterung eines Ingenieurs und nicht mit der eines Politikers.
„Das erste stabile Tor hielt elf Sekunden“, sagte er.
„Stabil klingt anders.“
„Damals nicht.“
„Und heute?“
Elon lächelte.
„Heute messen wir bei manchen nicht mehr.“
„Wie viele existieren?“
Elon schwieg.
„Wie viele, Elon?“
„Mehr, als die Versammlung vermutet.“
Lucius ließ die Antwort eine Weile stehen.
Dann fragte er:
„Warum seid ihr eigentlich so überrascht, dass niemand mehr etwas tun will?“
Elon runzelte die Stirn.
„Wer ist niemand?“
„Das Solarsystem.“
„Es tut eine Menge.“
„Aber immer weniger selbst.“
„Dann sollten sie mehr tun.“
„Du verstehst es nicht.“
Lucius deutete hinunter in den Ort, auf die Werkstatt, an der sie vorbeigekommen waren.
„Es ist wegen euch.“
Elon sah ihn an.
„Wegen der Eloniten?“
„Wegen eurer Lösungen.“
„Unsere Lösungen sind offen.“
„Genau.“
„Das war der Sinn.“
„Und vielleicht das Problem.“
Elon verzog das Gesicht.
Lucius erklärte es langsam. Die Eloniten hatten nicht nur Technologien entwickelt. Sie hatten sie veröffentlicht. Open Source, wann immer es möglich gewesen war. Produktionspläne, Verfahren, Software, Materialmodelle, Terraforming-Protokolle, Energiegewinnung, Lebenshaltungssysteme. Sie hatten Monopole vermeiden wollen.
Das war gelungen.
Aber damit war etwas anderes entstanden.
„Wenn jemand weiß, dass eure Lösung existiert und frei verfügbar ist“, sagte Lucius, „warum sollte er fünfzig Jahre seines Lebens damit verbringen, eine schlechtere zu entwickeln?“
„Weil sie vielleicht besser wird.“
„Vielleicht. Aber die meisten Menschen beginnen gar nicht erst.“
„Das ist nicht unsere Schuld.“
„Ich spreche nicht von Schuld.“
Lucius schwieg einen Moment.
„Ihr habt der Menschheit unglaublich viel Freiheit gegeben. Aber ihr habt gleichzeitig viele Gründe beseitigt, etwas selbst zu tun.“
Elon blickte wieder zur Werkstatt.
„Das ist irrational.“
„Menschen sind nicht nur vernünftig.“
„Das weiß ich.“
„Nein. Du weißt, dass sie Fehler machen. Das ist etwas anderes.“
Elon sagte nichts.
„Menschen wollen nicht nur gute Lösungen“, fuhr Lucius fort. „Sie wollen manchmal, dass etwas ohne sie nicht geschehen wäre. Ein Unternehmen will riskieren, dass seine Idee scheitert. Eine Stadt will etwas bauen, das nicht aus einem Archiv stammt. Eine Gruppe will eine schlechte Entscheidung treffen und später daraus lernen.“
„Das klingt nach einer Verteidigung von Verschwendung.“
„Vielleicht ist ein Teil dessen, was du Verschwendung nennst, das, was eine Gesellschaft lebendig hält.“
Sie schwiegen.
Unten am Hafen wurde ein Boot festgemacht. Zwei Menschen stritten darüber, welche Leine zuerst gelöst werden sollte. Niemand fragte eine Maschine.
„Vielleicht“, sagte Elon irgendwann, „haben wir zu viele Probleme gelöst.“
Lucius lächelte.
„Vielleicht.“
„Das ist ein absurder Satz.“
„Du bist auf Lanzarote.“
Am Abend sagte Elon, das Wurmlochprojekt werde er nicht stoppen.
Lucius hatte nichts anderes erwartet.
Aber Elon sagte noch etwas.
„Vielleicht müssen wir nicht alles andere ebenfalls bauen.“
„Was meinst du?“
„Die Tore bleiben. Die grundlegende Technologie auch. Aber wir müssen nicht hinter jedem Tor die nächste Station errichten, den nächsten Planeten terraformen und anschließend noch erklären, wie die Gesellschaft dort am besten funktioniert.“
Lucius sah ihn an.
„Und das Solarsystem?“
„Wir ziehen uns weiter zurück.“
„Vollständig?“
„Nein. Wenn eine Katastrophe droht, werde ich nicht danebenstehen und aus pädagogischen Gründen zusehen.“
„Das wäre auch albern.“
„Aber wir müssen nicht jedes Problem verhindern.“
Elon sagte das, als koste ihn jeder Teil des Satzes Überwindung.
„Wenn ein Unternehmen scheitert“, fragte Lucius, „lässt du es scheitern?“
„Vielleicht.“
„Wenn eine Region eine schlechte Infrastruktur baut?“
Elon seufzte.
„Vielleicht.“
„Wenn jemand eine Lösung entwickelt, die schlechter ist als eure?“
„Du genießt das.“
„Ein wenig.“
Elon blickte über das dunkler werdende Meer.
„Das Wurmlochnetz bleibt.“
„Das weiß ich.“
„Aber vielleicht muss hinter jedem Tor nicht wieder ich stehen.“
Lucius nickte.
„Das wäre ein Anfang.“
Kapitel 4: Vier Stimmen
Am Morgen der Versammlung war Lanzarote voller Menschen und wirkte trotzdem nicht voller als sonst.
Die Schiffe standen auf den äußeren Inseln. Manche Delegationen hatten Monate für die Reise benötigt. Andere waren über bereits existierende Wurmlochverbindungen in das Solarsystem gelangt und erst von dort nach Lanzarote weitergereist.
Alle hatten ihre Technik draußen gelassen, soweit sie nicht körperlich notwendig war.
Im Sitzungssaal stand ein großer Tisch. Er war nicht vollkommen rund, weil er im Laufe der Zeit mehrfach erweitert worden war. Die Stühle passten nicht zueinander. Vor jedem Teilnehmer lagen Papier und ein Stift.
Lucius hatte die Gespräche der vergangenen Tage gehört und begriffen, dass die vielen unterschiedlichen Haltungen im Kern auf vier Positionen hinausliefen.
Mara sprach zuerst.
Sie vertrat mehrere Regionen der Erde, Teile des Mondes und einige der ältesten Stationen im inneren Solarsystem. Ihre Argumentation war schlicht, und gerade darin lag ihre Stärke.
„Wir haben diese Entscheidung bereits getroffen“, sagte sie.
Niemand sprach.
„Das Projekt wurde vorgeschlagen. Es wurde beraten. Es wurde abgelehnt. Wenn wir nun sagen, dass die Lage sich geändert hat, nur weil ein Teil des Projekts gegen diesen Beschluss bereits umgesetzt wurde, dann schaffen wir eine Regel, nach der jede Entscheidung bedeutungslos wird. Dann heißt Nein nur noch: Bau schnell genug, damit wir später nicht mehr zurückkönnen.“
Sie sah zu Elon.
„Vielleicht ist die Wurmlochtechnologie großartig. Vielleicht werden unsere Nachkommen uns verachten, wenn wir sie stoppen. Aber das ist nicht die erste Frage.“
Die erste Frage sei, ob eine Gemeinschaft das Recht besitze, etwas nicht zu wollen, obwohl es technisch möglich sei.
Mara sprach über die Erschöpfung der vergangenen Jahrhunderte. Sie weigerte sich, sie als Dekadenz zu behandeln.
„Man darf auch müde sein“, sagte sie. „Eine Zivilisation muss nicht jede Grenze überschreiten, nur weil sie eine entdeckt.“
Sie forderte, den Bau weiterer Tore vorläufig einzustellen, sämtliche bestehenden Verbindungen zu erfassen und die Organisation offenzulegen, die sie errichtet hatte.
Elon hob die Hand.
Lucius nickte ihm zu.
„Eine vollständige Offenlegung kann ich nicht liefern.“
„Warum?“
„Weil ich nicht alles weiß.“
Mara sah ihn lange an.
„Dann hol jemanden, der es weiß.“
Elon antwortete nach kurzem Zögern:
„Vielleicht gibt es niemanden.“
Das veränderte die Stimmung im Raum.
Die zweite Position vertrat Iven von einer der großen äußeren Raumstationen.
Er verstand Maras Argument, hielt aber ihre Konsequenz für gefährlich.
„Ihr könnt euch auf der Erde leisten, Technik manchmal als Option zu behandeln“, sagte er. „Für uns ist sie Umwelt.“
Seine Station beherbergte mehrere Millionen Menschen. Luft, Wasser, Temperatur und Schwerkraft existierten nur, weil Systeme sie erzeugten. Ein schwerer technischer Ausfall war keine Unannehmlichkeit, sondern konnte eine Bevölkerung vernichten.
Die Wurmlöcher bedeuteten für Iven nicht Expansion, sondern Sicherheit. Ersatzteile konnten schneller geliefert werden, Spezialisten reisen, gefährdete Stationen evakuiert werden. Eine Gesellschaft, die über Jahrhunderte darauf vorbereitet gewesen war, alles selbst zu können, durfte plötzlich wieder entscheiden, etwas nicht selbst können zu müssen.
„Unabhängigkeit und Isolation sind nicht dasselbe“, sagte er.
Dann wandte er sich an Elon.
„Wer kann das Netz abschalten?“
Elon schwieg.
„Wer?“
„Niemand vollständig.“
Die Antwort war leise.
Iven lehnte sich zurück.
„Das ist das erste Argument, das du heute geliefert hast, das mich wirklich beunruhigt.“
Seine Lösung war deshalb eine andere: Die Tore sollten bleiben, aber niemandem gehören. Nicht Elon. Nicht der Erde. Nicht einer Station oder einem Planeten.
„Alles gehört irgendjemandem“, sagte Elon.
„Dann müssen wir etwas erfinden, das nicht jemandem gehört.“
„Das dürfte schwieriger werden als das Wurmloch.“
„Dann hast du ein neues Projekt.“
Zum ersten Mal lachten mehrere Menschen.
Die dritte Position vertrat Sela.
Sie kam von einem terraformten Planeten, dessen erste Bewohner ihre Reise begonnen hatten, lange bevor die Wurmlochtechnik existierte. Ihre Welt war über Generationen aufgebaut worden. Erst Atmosphäre, dann Wasser, Landwirtschaft, Städte, Kultur.
„Vielleicht“, sagte sie, „ist nicht jede Pause ein Versagen.“
Ihre Großeltern hätten an einer Welt gebaut. Die Eltern hätten die nächste vorbereitet. Als ihre Kinder gefragt hätten, warum sie ebenfalls einen neuen Planeten erschließen sollten, habe niemand eine gute Antwort gehabt.
„Vielleicht sind wir nicht müde geworden. Vielleicht sind wir angekommen.“
Sela war nicht gegen die Tore.
Sie hatte selbst eines benutzt, um nach Lanzarote zu kommen.
Aber sie verlangte eine Trennung zwischen Verbindung und Expansion.
Ein Wurmloch sollte nicht automatisch bedeuten, dass jeder erreichbare Planet terraformt werden durfte.
„Eine Welt ist kein Produkt, das man auf Vorrat herstellt.“
Wenn Menschen einen neuen Planeten besiedeln wollten, sollten sie selbst eine Gemeinschaft bilden, Verantwortung übernehmen und entscheiden, wie diese Welt aussehen sollte. Die Eloniten konnten Wissen bereitstellen.
Sie sollten nicht alles vorher erledigen.
„Vielleicht brauchen wir weniger fertige Welten“, sagte Sela, „und mehr Dinge, die noch nicht fertig sind.“
Elon sah kurz zu Lucius.
Dann stand er auf.
Er war die vierte Position.
„Ich werde das Wurmlochprojekt nicht beenden.“
Mara atmete hörbar aus.
„Ich sage das zuerst“, fuhr Elon fort, „damit niemand die nächsten zwanzig Minuten darauf wartet, dass ich am Ende doch zustimme.“
Dann erklärte er, warum er die Tore für notwendig hielt. Die menschliche Zivilisation hatte sich über so große Räume verteilt, dass physische Entfernung selbst zu einer politischen Macht geworden war. Familien, Gesellschaften und ganze Kulturen waren voneinander getrennt, weil Reisen zu lange dauerten.
„Ich will sie nicht wieder zu einer Zivilisation zwingen“, sagte er. „Ich will ihnen die Möglichkeit geben, eine zu sein, wenn sie es wollen.“
Mara hob die Hand.
„Und deshalb hast du unser Nein ignoriert?“
„Nein.“
Sie sah überrascht aus.
„Nein?“
„Ich glaube, eure Entscheidung war falsch. Aber Lucius hat mir etwas erklärt, das ich damals nicht verstanden habe.“
Elon sprach über die offene Technik seiner Linie. Über die Absicht, Macht zu vermeiden, indem Wissen kostenlos verbreitet wurde.
„Wir dachten, Zugang bedeute Freiheit.“
Dann erzählte er von den Männern, die auf Lanzarote ein Rad repariert hatten, obwohl eine Maschine es schneller hätte tun können.
„Vielleicht haben wir den Menschen nicht nur Möglichkeiten gegeben. Vielleicht haben wir ihnen zu oft die Notwendigkeit genommen, eigene zu schaffen.“
Im Raum war es still.
„Das Wurmlochnetz bleibt“, sagte Elon. „Aber die Elon-Strukturen werden sich im Solarsystem weiter zurückziehen. Die gemeinnützigen Patente bleiben verfügbar. Bestehende Infrastruktur wird nicht gefährdet. Aber wir werden nicht mehr automatisch jedes neue Problem lösen.“
„Und wenn wir euch bitten?“, fragte jemand.
Elon zögerte.
„Dann können wir Wissen bereitstellen.“
„Und bauen?“
Elon blickte zu Lucius.
Lucius hob eine Augenbraue.
„Selten“, sagte Elon.
Die Versammlung dauerte drei Tage.
Es wurde gestritten über Besitz, Zuständigkeiten, Sicherheit und über die Frage, ob eine Gemeinschaft ein Tor in ihrer Nähe verbieten durfte. Sie stritten darüber, wer überhaupt eine Gemeinschaft war und wie man eine Zustimmung feststellte, wenn sich eine Station über mehrere politische Gruppen verteilte.
Am Ende entstand etwas, das niemand besonders mochte.
Gerade deshalb funktionierte es.
Die bestehenden Tore blieben.
Neue Tore durften nicht mehr allein aufgrund einer Entscheidung der Eloniten entstehen, wenn sie eine bereits bewohnte Region betrafen.
Terraforming wurde davon getrennt. Ein erreichbarer Planet war nicht automatisch ein verfügbarer Planet.
Das Wissen über die Tore sollte langfristig auf mehrere voneinander unabhängige Einrichtungen verteilt werden.
Und die Eloniten verpflichteten sich, im Solarsystem nicht länger ungefragt zur dominierenden Lösung für jedes größere Problem zu werden.
Am Abend des dritten Tages stand Elon am Fenster des fast leeren Saals.
„Bist du zufrieden?“, fragte Lucius.
„Nein.“
„Gut.“
„Warum ist das gut?“
„Die anderen sind auch nicht zufrieden.“
Elon betrachtete ihn.
„Ist das auf Lanzarote ein politischer Maßstab?“
„Manchmal.“
Draußen gingen Menschen über den Platz. Einer trug Brot. Zwei schoben gemeinsam einen Wagen.
Niemand wartete darauf, dass Elon etwas besser machte.
„Vielleicht“, sagte Elon, „ist Nichtstun schwieriger als ich dachte.“
„Dann hast du endlich ein Problem, das dir niemand abnehmen kann.“
Kapitel 5: Die Grenze
In den Jahrzehnten nach der Versammlung geschah etwas, das die meisten Teilnehmer zunächst für nebensächlich gehalten hätten.
Das Solarsystem begann, wieder unterschiedlich zu werden.
Nicht nur kulturell. Das war es schon immer gewesen. Nun entstanden auch technische, wirtschaftliche und politische Unterschiede, die früher durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit derselben elonitischen Lösungen häufig wieder eingeebnet worden waren.
Auf dem Mond entstanden Unternehmen, die versuchten, alte Probleme auf neue Weise zu lösen. Einige scheiterten spektakulär. In den ersten Jahren wurden diese Fehlschläge immer wieder als Beweis dafür angeführt, dass Elons Rückzug ein Fehler gewesen sei.
Dann entstanden Unternehmen, die erfolgreich waren.
Manche entwickelten Technologien, die schlechter funktionierten als die alten offenen Systeme der Eloniten, aber besser zu ihrer jeweiligen Gesellschaft passten. Andere fanden tatsächlich neue Lösungen.
Einige Raumstationen integrierten agentische künstliche Intelligenzen immer tiefer in ihren Alltag. Andere begrenzten sie. Wieder andere entwickelten Formen gemeinsamen Entscheidens, bei denen kaum noch zu unterscheiden war, welcher Anteil eines Beschlusses von Menschen und welcher von Maschinen stammte.
Die Erde wurde noch vielfältiger.
Lanzarote blieb ein Sonderfall.
Dort kostete ein Kaffee weiterhin eine Münze.
Ein Haus ebenfalls.
Und eine Maschine durfte weiterhin Werkzeug sein, aber keine unsichtbare politische Person.
Die Eloniten hielten sich an ihren Rückzug.
Meistens.
Sie verschwanden nicht. Sie beobachteten. Wenn eine Station vor einer Katastrophe stand, die Millionen Menschen bedrohte, griffen sie ein. Wenn ein technischer Fehler ein ganzes Gebiet unbewohnbar gemacht hätte, tauchte manchmal plötzlich eine Lösung auf, von der niemand wusste, wer sie geschickt hatte.
Doch immer häufiger ließen sie Fehler geschehen.
Unternehmen gingen bankrott.
Projekte wurden aufgegeben.
Politiker trafen Entscheidungen, von denen Eloniten wussten, dass sie schlecht waren.
Und die Welt ging nicht unter.
Außerhalb des Solarsystems geschah das Gegenteil.
Dort bauten die Eloniten.
Das Wurmlochnetz wuchs.
Zuerst verband es einzelne Regionen der Milchstraße. Dann ganze Gruppen besiedelter Systeme. Je mehr Tore existierten, desto leichter wurde es, weitere zu errichten. Das Netz wurde nicht bloß zu einer Infrastruktur.
Es wurde zur Geografie.
Neue Welten entstanden entlang seiner Verbindungen. Stationen wurden an Orte gebaut, die ohne Wurmloch keinen Sinn ergeben hätten. Gesellschaften lebten nicht mehr zwangsläufig in räumlicher Nachbarschaft. Zwei Planeten konnten astronomisch Tausende Lichtjahre voneinander entfernt und gesellschaftlich unmittelbare Nachbarn sein.
Irgendwann trafen die Eloniten eine Entscheidung, die niemals auf Lanzarote beraten worden war.
Sie schlossen die Richtung nach außen.
Niemand aus dem Solarsystem durfte das äußere Netz mehr betreten.
Die Rückkehr blieb möglich.
Wer außerhalb lebte und zur Erde, zum Mond oder zu einer Station des Solarsystems zurückkehren wollte, konnte dies tun.
Aber die Entscheidung war endgültig.
Wer zurückkam, durfte später nicht erneut hinaus.
Anfangs führte das zu Protesten.
Familien wurden getrennt. Menschen warteten Jahre, bevor sie sich entschieden. Manche standen bereits vor einem Tor und kehrten wieder um.
Doch mit der Zeit wurde die Grenze zu einer Tatsache.
Das Merkwürdige war, dass sie nicht wie ein Gefängnis wirkte.
Das Solarsystem war groß.
Es besaß mehr Lebensraum, als seine Bevölkerung benötigte.
Wer dort lebte, konnte ein langes, vielfältiges Leben führen, ohne jemals das Gefühl zu haben, an einen kleinen Ort gebunden zu sein.
Und doch wusste jeder:
Draußen lag fast die gesamte übrige menschliche Zivilisation.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Ausdruck Elonit immer ungenauer.
Nicht jeder Bewohner des äußeren Netzes war ein Klon Elons. Die meisten waren es nicht. Das Wort bezeichnete irgendwann weniger eine Abstammung als eine Zivilisationsform, die aus dem Wurmlochnetz hervorgegangen war.
Planeten wurden besiedelt.
Stationen gebaut.
Neue Gesellschaften gegründet.
Und weil aus dem Solarsystem niemand mehr hinausging, entwickelten sich beide Bereiche unabhängig.
Die Eloniten erklärten ihre Entscheidung nur unvollständig.
Man wolle bestimmte Entwicklungen des Solarsystems nicht in das äußere Netz übertragen.
Was genau damit gemeint war, blieb offen.
Einige hielten es für Arroganz.
Andere für Vorsicht.
Vielleicht war es beides.
Nach sehr langer Zeit konnte man jedenfalls sagen, dass die besiedelte Milchstraße fast vollständig elonitisch geworden war.
Mit einer Ausnahme.
Das Solarsystem.
Erde.
Mond.
Die alten Stationen.
Und Lanzarote.
Sie lagen im Zentrum der menschlichen Ursprungsgeschichte und waren zugleich zu einer Art Insel geworden.
Nicht durch Entfernung.
Durch eine Entscheidung.
Zweiter Teil – Fünfhundert Jahre später
Kapitel 6: Ein anderer Lucius
Fünfhundert Jahre waren für Lanzarote keine besonders lange Zeit.
Das war der erste Gedanke des neuen Lucius, als sein Boot in den Hafen einlief.
Der zweite war, dass sich trotzdem fast alles verändert hatte.
Es war nur schwierig zu erkennen.
Der Hafen war größer geworden. Zwei lange Molen aus dunklem Stein ragten ins Meer, und an einer davon lagen Fahrzeuge, die technisch weit über den Booten früherer Jahrhunderte standen. Trotzdem wurden sie von Menschen gesteuert.
Die Häuser wirkten ähnlich wie auf alten Bildern. Manche waren tatsächlich alt. Andere waren erst wenige Jahrzehnte zuvor gebaut und anschließend so verändert worden, dass sie aussahen, als stünden sie seit Jahrhunderten dort.
Auf Lanzarote hatte man nie den Ehrgeiz entwickelt, Fortschritt durch neue Oberflächen sichtbar zu machen.
Man änderte Dinge, wenn es notwendig war.
Danach gewöhnte man sich an sie.
Die Goldmünzen gab es noch.
Sie waren leichter geworden.
Die Entscheidung darüber hatte dreiundvierzig Jahre gedauert.
Lucius mochte diese Information.
Sie sagte mehr über Lanzarote als jede Verfassung.
Auch die Regel über künstliche Intelligenz existierte noch, allerdings in veränderter Form.
Die Welt hatte sich weiterentwickelt. Menschen trugen künstliche Organe, neuronale Erweiterungen und manchmal technische Systeme, ohne die ihr Bewusstsein nicht in der gewohnten Form funktionierte.
Die alte Regel Keine agentischen Maschinen war deshalb unbrauchbar geworden.
Nun hieß es:
Kein Wille darf einen Menschen begleiten, ohne als eigener Teilnehmer sichtbar zu sein.
Eine künstliche Niere durfte die Insel betreten.
Ein Übersetzer auch.
Ein System, das selbstständig politische Entscheidungen traf, nicht.
Wenn jemand behauptete, seine künstliche Begleitung sei eine eigenständige Person, konnte sie theoretisch zugelassen werden.
Dann musste sie allerdings selbst Verantwortung übernehmen.
Lucius war diesmal nicht wegen einer Versammlung gekommen.
Noch nicht.
Er war wegen eines astronomischen Problems hier.
Am Eingang des Regierungshauses lag ein Beutel mit Münzen für ihn bereit.
„Du kennst das?“, fragte die Frau am Tisch.
„Ja.“
„Gut.“
„Wo ist Elon?“
„Noch nicht da.“
„Welcher?“
Sie sah ihn über den Rand ihres Papiers hinweg an.
„Frag ihn.“
Manche Dinge änderten sich wirklich nicht.
Der Elon kam am nächsten Morgen.
Sein Schiff landete auf einer äußeren Insel.
Er wurde mit einem Boot herübergebracht.
Lucius wartete am Hafen.
Das Gesicht war vertraut, aber nicht identisch mit den alten Darstellungen. Die Klone hatten vor langer Zeit aufgehört, jede neue Instanz exakt nach dem historischen Original zu formen. Dieser Elon war größer, hatte graue Haare und wirkte in einer Weise alt, die offenbar beabsichtigt war.
„Lucius.“
„Elon.“
Sie gaben sich die Hand.
„Welcher?“
Elon lachte.
„Ihr fragt das wirklich immer noch.“
„Solange ihr euch immer noch Elon nennt.“
„Elon 784-C.“
Lucius zog ein kleines Heft heraus und schrieb es auf.
Elon betrachtete das Papier.
„Das ist konsequent.“
„Was?“
„Dass ihr fünfhundert Jahre später immer noch Dinge aufschreibt.“
„Es funktioniert.“
„Das ist ein sehr niedriger Maßstab.“
„Auf Lanzarote ein beliebter.“
Sie tranken Kaffee an einem Platz, auf dem angeblich schon vor fünfhundert Jahren ein Lucius mit einem Elon gesessen hatte.
Ob es derselbe Tisch war, wusste niemand.
Lucius legte ein Blatt Papier vor Elon.
Darauf waren Punkte zu sehen.
Elon brauchte nur wenige Sekunden.
„Kugelsternhaufen.“
Lucius legte ein zweites Blatt daneben.
Weniger Punkte.
Dann ein drittes.
Noch weniger.
Elon betrachtete die Blätter.
Sein Gesicht veränderte sich kaum.
„Zeitabstände?“
„Hundert Jahre Beobachtungszeit.“
„Nicht korrigiert?“
„Nein.“
Elon legte eine Hand auf das letzte Blatt.
„Wann habt ihr es bemerkt?“
„Vor knapp zweihundert Jahren.“
Zuerst hatte man an Messfehler gedacht. Dann an fehlerhafte Archive. Vielleicht war eine Position falsch eingetragen, vielleicht eine historische Aufnahme beschädigt.
Doch ein Kugelsternhaufen war nicht einfach schwächer geworden.
Er war verschwunden.
Später ein zweiter.
Dann weitere.
Nicht gleichzeitig.
Nicht in einer Reihenfolge, die sofort einen Sinn ergab.
Aber regelmäßig genug, dass niemand mehr von Zufall sprach.
„Wie viele?“, fragte Elon.
Lucius nannte die Zahl.
Elon schwieg.
„Du bist nicht überrascht.“
„Doch.“
„Nicht besonders.“
„Ich zeige Überraschung schlecht.“
Lucius schob ihm eine Liste hin.
Elons Blick blieb bei mehreren Namen hängen.
„Du kennst sie“, sagte Lucius.
„Einige.“
„Waren dort Tore?“
„Ja.“
„Sind sie zerstört worden?“
„Nein.“
„Sind die Kugelsternhaufen noch da?“
Elon antwortete nicht sofort.
„Das hängt davon ab, was du mit da meinst.“
Lucius lehnte sich zurück.
„Ihr habt euch nicht verbessert.“
„Doch.“
„Worin?“
„Wir beantworten weniger Fragen.“
Lucius lachte nicht.
„Warum verschwinden sie?“
Elon blickte über den Platz.
„Weil wir sie bewegen.“
Es dauerte einige Sekunden, bis Lucius verstand, was er gehört hatte.
„Ihr bewegt Kugelsternhaufen.“
„Ja.“
„Hunderttausende Sterne.“
„Manchmal mehr.“
„Wohin?“
„Zu anderen.“
Lucius sah ihn an.
„Zu anderen Kugelsternhaufen?“
„Genau.“
Elon nahm die Goldmünze, mit der er den Kaffee bezahlt hatte, bevor der Verkäufer sie einsammelte, und legte sie auf einen Punkt der Karte.
„Am Anfang haben wir Kugelsternhaufen benutzt, weil ihre Struktur die Berechnungen für Wurmlöcher vereinfacht.“
„Das weiß ich.“
„Später haben wir festgestellt, dass mehrere Haufen in enger Nachbarschaft die Berechnungen noch einmal wesentlich stabiler machen.“
Er legte eine zweite Münze daneben.
„Dadurch konnten wir größere Tore bauen.“
Eine dritte.
„Mit größeren Toren konnten wir Dinge bewegen, die vorher selbst für uns zu groß waren.“
Lucius sah auf die drei Münzen.
„Kugelsternhaufen.“
„Ja.“
Die Erkenntnis war so absurd, dass sie beinahe banal wirkte.
Die Eloniten hatten Kugelsternhaufen benutzt, um Wurmlöcher zu bauen.
Dann hatten sie die Wurmlöcher benutzt, um Kugelsternhaufen zu transportieren.
Je mehr Sternhaufen sie zusammenführten, desto leistungsfähiger wurde die Struktur, mit der sie weitere transportieren konnten.
„Wo?“, fragte Lucius.
Elon nannte keinen Ort.
Vielleicht war die Antwort in normalen astronomischen Koordinaten ohnehin bedeutungslos geworden.
„Nicht nur aus der Milchstraße“, sagte Lucius.
Elon schwieg.
„Ihr holt sie aus anderen Galaxien.“
„Die erreichbaren.“
Lucius sah ihn lange an.
„Wie viele?“
„Sehr viele.“
„Das ist wieder keine Zahl.“
„Ich habe gehört, Lanzarote akzeptiert diese Antwort.“
Kapitel 7: Der Sternenkristall
Elon führte Lucius am Nachmittag in einen Raum des Regierungshauses, den dieser bisher nicht kannte.
Dort stand tatsächlich ein Projektor.
Auf Lanzarote war das erlaubt. Er zeigte Bilder. Er traf keine Entscheidungen.
Das erste Bild wirkte wie eine künstliche Galaxie.
Lucius brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass es keine war.
Die Lichtpunkte bildeten keine natürliche Sternverteilung. Sie waren zu regelmäßig und zugleich zu komplex. Dichte Gruppen lagen in mathematischen Abständen zueinander. Manche wirkten wie Knoten eines dreidimensionalen Gitters. Andere schienen größere geometrische Figuren zu bilden.
„Das sind die Kugelsternhaufen?“
„Ein Teil.“
„Ihr ordnet sie.“
„Nicht nur die Haufen.“
Das Bild vergrößerte sich.
Lucius sah die innere Struktur eines einzelnen Haufens.
Auch dort waren die Sterne nicht mehr so verteilt, wie natürliche gravitative Entwicklung es erwarten ließ.
Die Eloniten hatten begonnen, ihre Bahnen zu verändern.
Nicht wie Steine, die man auf einen Tisch legt. Sterne blieben Sterne. Sie bewegten sich, wechselwirkten, strahlten und besaßen gewaltige Massen.
Aber ihre Bewegungen waren Teil einer berechneten Struktur geworden.
„Ein Kristall“, sagte Lucius.
Elon sah ihn an.
„Das Wort benutzen wir tatsächlich.“
Es war kein starrer Kristall.
Eher eine kosmische Maschine, deren Bauteile Sterne waren und deren Stabilität aus Bewegung entstand.
Die Anordnung erfüllte mehrere Funktionen gleichzeitig.
Sie vereinfachte die Wurmlochberechnungen.
Sie vergrößerte die möglichen Tore.
Und sie erlaubte, einen erheblichen Teil der abgestrahlten Energie der Sterne aufzufangen.
„Ihr benutzt die Sterne als Kraftwerk.“
„Das wäre eine sehr primitive Beschreibung.“
„Aber nicht falsch.“
„Nein.“
Die Energie wurde nicht einfach verbraucht.
Sie wurde gespeichert.
Über Zeiträume, in denen ganze menschliche Zivilisationen entstehen und verschwinden konnten.
Die Eloniten hatten gelernt, einen immer größeren Anteil der Sternstrahlung in Formen zu überführen, die nur sehr langsam an Nutzbarkeit verloren.
Lucius betrachtete die Darstellung.
„Wofür?“
Elon antwortete nicht.
„Ihr bewegt Sternhaufen zwischen Galaxien. Ihr ordnet Millionen Sterne neu. Ihr fangt ihre Energie auf und speichert sie. Wofür braucht man mehr Energie als dafür?“
Elon schaltete das Bild aus.
„Für später.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die ich dir heute geben wollte.“
Lucius stand auf.
„Warum bist du dann überhaupt gekommen?“
Elon sah ihn an.
„Weil ihr es bemerkt habt.“
Dieser Satz war schlimmer als eine Erklärung.
„Ihr habt gewusst, dass wir es irgendwann beobachten.“
„Natürlich.“
„Und darauf gewartet?“
„Ja.“
„Warum?“
Elon ging zum Fenster.
Draußen lag Lanzarote in der Nachmittagssonne. Menschen bewegten sich über den Platz. Ein Kind zog einen kleinen Wagen hinter sich her.
„Weil man manche Dinge nicht erklären sollte, bevor jemand die richtige Frage stellt.“
Lucius hatte von früheren Eloniten gehört, die ähnlich gesprochen hatten. Er fragte sich, ob das genetisch war oder nur schlechte Erziehung.
„Dann stelle ich sie.“
Elon drehte sich um.
„Noch nicht.“
In dieser Nacht schlief Lucius wenig.
Er ging hinaus.
Der Himmel über Lanzarote war klar.
Seit Jahrhunderten hielt man die Insel nachts bewusst dunkel. Nicht aus astronomischer Notwendigkeit. Sensoren konnten den Himmel unabhängig von künstlichem Licht beobachten.
Die Menschen wollten die Sterne sehen.
Lucius dachte an die Punkte, die fehlten.
Was die Erde beobachtete, lag aufgrund der Lichtlaufzeiten weit in der Vergangenheit. Einige der Kugelsternhaufen waren womöglich schon vor sehr langer Zeit verschwunden. Vielleicht war der Prozess, dessen erste Spuren jetzt im Solarsystem sichtbar wurden, außerhalb längst abgeschlossen.
Das war das Problem mit einer Zivilisation, die Wurmlöcher besaß.
Sie konnte schneller handeln, als andere ihre Handlungen überhaupt sahen.
Am nächsten Morgen fand Lucius Elon am Hafen.
Er saß auf einer Mauer und betrachtete das Meer.
„Was passiert, wenn alle Kugelsternhaufen dort sind?“, fragte Lucius.
Elon antwortete nicht sofort.
„Nicht alle.“
„Fast alle.“
„Ja.“
„Und dann?“
Elon nahm eine Münze aus seinem Beutel.
„Dann warten wir.“
Lucius setzte sich neben ihn.
„Wie lange?“
„Sehr lange.“
„Jahre?“
Elon lächelte.
„Nein.“
„Jahrtausende?“
„Nein.“
Lucius sah ihn an.
Elons Blick blieb auf dem Meer.
„Bis die Sterne ausgehen.“
Kapitel 8: Das Ende des Endes
Die Erklärung dauerte den größten Teil des Tages.
Nicht weil Lucius die Begriffe nicht verstand.
Sondern weil die Größenordnungen ihre Bedeutung verloren, sobald man versuchte, sie sich vorzustellen.
Die Eloniten betrachteten das Leben des Universums nicht länger als offene Zukunft, sondern als Prozess mit einem Ende.
Sterne verbrannten Brennstoff.
Energie verteilte sich.
Strukturen zerfielen.
Irgendwann würde ein Zustand erreicht sein, in dem kaum noch nutzbare Energiegefälle existierten. Intelligenz konnte effizienter werden, langsamer rechnen, Zeit anders verwenden.
Aber sie konnte das Grundproblem nicht beseitigen.
Entropie.
Der Kältetod war für die Eloniten kein philosophischer Gedanke.
Er war ein technisches Problem.
„Ihr wollt ihn verhindern.“
Elon schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Warum sammelt ihr dann diese Energie?“
„Weil wir ihn hinauszögern wollen.“
Die Sternenkristalle dienten dazu, möglichst viel nutzbare Energie dem normalen Verbrauch zu entziehen und zu speichern. Ein Joule, das heute nicht benötigt wurde und über extreme Zeiträume erhalten blieb, besaß für die Eloniten einen Wert, der sich nicht mehr sinnvoll mit kurzfristigem Energiebedarf vergleichen ließ.
Ihre wichtigste Ressource war nicht Energie.
Es war Zeit.
Aber auch das war nur ein Teil.
In dem kosmologischen Modell, auf dem das elonitische Projekt beruhte, würde die lange Expansion des Universums irgendwann enden. Der Prozess kehrte sich um. Materie und Energie näherten sich einander wieder.
Ein Big Crunch.
„Ihr wollt bis dahin durchhalten“, sagte Lucius.
„Weiter.“
„Was kommt nach einem Big Crunch?“
„Das wissen wir nicht sicher.“
„Aber ihr habt eine Theorie.“
„Mehrere.“
Ein neuer Expansionszustand.
Ein erneuter Urknall.
Ein Übergang, bei dem das, was wie Ende aussah, zugleich der Anfang eines neuen kosmischen Zyklus war.
Die Eloniten wollten nicht bloß Information hindurchretten.
Sie wollten handlungsfähig bleiben.
Das war der Sinn der ungeheuren Energiespeicher.
Je näher der Crunch kam, desto extremer würden die Bedingungen. Die großen Sternenstrukturen konnten nicht in ihrer bisherigen Form bestehen bleiben. Die Eloniten planten, ihre Systeme über unvorstellbare Zeiträume immer weiter zu verdichten und neu zu organisieren.
Am Ende sollte etwas übrig bleiben, das Intelligenz, Wissen und gespeicherte Energie in den Übergang trug.
„Und dann?“, fragte Lucius.
Elon sah ihn an.
„Dann beginnen wir nicht bei null.“
Im ersten Universum hatte Intelligenz Milliarden Jahre warten müssen.
Sterne mussten entstehen.
Schwere Elemente.
Planeten.
Chemie.
Leben.
Evolution.
Technologie.
All das war Zeit gewesen.
Im nächsten Universum wollten die Eloniten bereits am Anfang existieren.
Nicht unmittelbar nach einem Urknall in fertigen Städten.
Aber so früh, wie die physikalischen Bedingungen es erlaubten.
Sie würden Wissen besitzen.
Technologie.
Erinnerung.
Und sobald Strukturen entstanden, die den Aufbau neuer Wurmlochsysteme ermöglichten, konnten sie sich ausbreiten.
Nicht nach Milliarden Jahren.
Sondern am frühestmöglichen Punkt.
„Ihr wollt das nächste Universum besiedeln.“
„Nicht nur.“
„Was dann?“
Elon zögerte.
„Gestalten.“
Lucius dachte an die erste Versammlung vor fünfhundert Jahren.
Ein Elon hatte damals geglaubt, es sei gut, der Menschheit möglichst viele Lösungen zu geben.
Jetzt sprach einer seiner Nachfolger davon, ein neues Universum von Anfang an zu gestalten.
„Ihr lernt langsam“, sagte Lucius.
Elon lächelte nicht.
„Genau deshalb bin ich hier.“
Das eigentliche Problem begann nämlich dort, wo das technische Problem endete.
Die Eloniten konnten wahrscheinlich etwas durch den Übergang retten.
Aber was?
Menschen?
Welche?
Biologische Körper?
Klone?
Künstliche Intelligenzen?
Gespeicherte Persönlichkeiten?
Tiere?
Pflanzen?
Bakterien?
Die genetische Information sämtlicher bekannten Arten?
Kunst?
Sprachen?
Religionen?
Geschichte?
Und wenn Speicherplatz kein Problem war, bedeutete das automatisch, dass alles bewahrt werden sollte?
Lucius erinnerte sich an die alte Kritik an den Eloniten.
Sie hatten der Menschheit einmal nahezu jedes Wissen geöffnet.
Damit hatten sie unabsichtlich einen Teil der Notwendigkeit zerstört, neues Wissen selbst zu schaffen.
Was würde geschehen, wenn das nächste Universum vom ersten möglichen Moment an mit sämtlichen Lösungen des vorherigen begann?
„Dann nehmt ihr ihm vielleicht seine Geschichte“, sagte Lucius.
Elon lehnte am Fenster.
„Oder wir geben ihm eine.“
„Eure.“
„Unsere ist immerhin vorhanden.“
„Genau das ist das Problem.“
Elon sah ihn an.
Lucius sprach weiter.
„Wenn ihr alles mitnehmt und sofort verteilt, wird niemand jemals wieder entdecken, was ihr bereits wisst.“
„Warum sollte das notwendig sein?“
„Weil Entdecken vielleicht nicht nur dazu da ist, Wissen zu erzeugen.“
Elon schwieg.
„Du führst wieder dieselbe Diskussion“, sagte er.
„Nein. Ihr führt wieder dasselbe Projekt.“
Das traf.
Elon wandte sich ab.
Doch selbst diese Frage war noch nicht die schwierigste.
Die Energiespeicher veränderten möglicherweise den Übergang selbst.
Wenn die Eloniten tatsächlich einen erheblichen Anteil von Masse, Energie und geordneter Struktur so konservierten, dass er nicht vollständig in denselben Zustand einging wie der Rest des Universums, dann konnte das neue Universum mit anderen Ausgangsbedingungen beginnen.
Vielleicht war der Unterschied im ersten Zyklus klein.
Was aber geschah im zweiten?
Die Eloniten wollten auch das nächste Universum überleben.
Und das nächste.
Wenn bei jedem Durchlauf eine Struktur den vollständigen Crunch teilweise umging, konnte sich über viele Zyklen ein Defizit aufbauen.
Masse.
Energie.
Ordnung.
Irgendwann wäre der Unterschied nicht mehr klein.
„Wie viele Zyklen habt ihr berechnet?“, fragte Lucius.
„Viele.“
„Wie viele wollt ihr überstehen?“
Elon sah ihn an.
„Alle.“
Lucius lachte einmal, kurz.
Nicht weil es lustig war.
Weil ihm keine bessere Reaktion einfiel.
„Und wenn ihr dadurch irgendwann verhindert, dass überhaupt noch ein Crunch stattfindet?“
„Das ist möglich.“
„Dann baut ihr kein Rettungsboot.“
„Nein.“
„Ihr verändert das Meer.“
Elon nickte.
Das war der Moment, in dem Lucius wusste, dass eine neue Versammlung stattfinden musste.
Nicht weil die Eloniten etwas Verbotenes getan hatten.
Es gab kein Gesetz für das Überleben eines Universums.
Keine Zuständigkeit.
Keine Regierung, die beanspruchen konnte, Vertreter eines Kosmos zu sein.
Gerade deshalb musste gesprochen werden.
Kapitel 9: Die Einladung
Die Einladung war ungewöhnlich kurz.
Lucius schrieb sie mit der Hand.
Nicht aus Prinzip.
Weil es sich richtig anfühlte.
Auf Lanzarote wird eine Versammlung einberufen.
Gegenstand ist nicht das Ende dieses Universums.
Gegenstand ist der mögliche Anfang des nächsten.
Persönliche Anwesenheit ist erforderlich.
Mara hätte den letzten Satz gemocht, dachte Lucius.
Natürlich war es nicht dieselbe Mara.
Vielleicht gab es irgendwo einen Klon von ihr.
Vielleicht nicht.
Die Einladung ging an die politischen Gemeinschaften der Erde, an den Mond, die Stationen und an jene wenigen Institutionen des Solarsystems, die über Jahrhunderte hinweg hinreichend stabil geblieben waren, dass man überhaupt noch von derselben Organisation sprechen konnte.
Sie ging auch an die Eloniten außerhalb.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wurde nicht nur ein einzelner Elon eingeladen.
Lucius verlangte Vertreter ihrer äußeren Zivilisation.
Elon 784-C las die Einladung und hob eine Augenbraue.
„Du weißt, dass mehrere Milliarden Menschen behaupten könnten, Eloniten zu sein.“
„Dann sollen sie jemanden auswählen.“
„So funktioniert das nicht.“
„Dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt, es zu lernen.“
Elon lachte.
„Lanzarote hat einen schlechten Einfluss auf Luciusse.“
„Vielleicht ist das der Grund, warum ihr immer wieder welche herschickt.“
Elons Blick blieb einen Moment zu lange auf ihm liegen.
Lucius bemerkte es.
„Was?“
„Nichts.“
„Das war kein Nichts.“
„Später.“
Es gab Dinge in der Geschichte von Pablo, Lucius und France, über die selbst die Eloniten nur ungern sprachen. Lucius wusste das. Er hatte gelernt, nicht jeder Spur sofort zu folgen.
Es gab genug andere Probleme.
Die Delegationen trafen in den folgenden Wochen ein.
Auf den äußeren Inseln landeten Schiffe, deren Formen auf Lanzarote seit Jahrhunderten niemand gesehen hatte. Einige kamen von Stationen des Solarsystems. Andere gehörten zu den Eloniten und hatten die Grenze von außen passiert.
Wer als Elonit in das Solarsystem kam, durfte anschließend eigentlich nicht wieder hinaus.
Für die Versammlung war eine Ausnahme ausgehandelt worden.
Schon das hatte drei Wochen gedauert.
Am Abend vor Beginn saß Lucius mit Elon auf derselben Mauer am Hafen.
„Was glaubst du, werden sie entscheiden?“, fragte Elon.
„Nichts.“
„Das wäre problematisch.“
„Ich meine: Ich weiß es nicht.“
Elon nickte.
Über dem Meer gingen Lichter an.
Auf den Inseln standen Schiffe aus verschiedenen Teilen einer Zivilisation, die seit Jahrhunderten kaum miteinander gesprochen hatte.
„Wer darf eigentlich entscheiden?“, fragte Lucius.
Elon betrachtete das Wasser.
„Das ist die Frage.“
„Die Eloniten haben die Technik.“
„Technik ist kein Recht.“
„Das habt ihr vor fünfhundert Jahren gelernt.“
„Einige von uns.“
„Die Menschen im Solarsystem sind die Ursprungsgesellschaft.“
„Abstammung ist ebenfalls kein Recht.“
„Dann diejenigen, die durch den Crunch gehen?“
„Wer sind die?“
Lucius dachte an Milliarden von biologischen Menschen, an Klone, an künstliche Intelligenzen, an Gesellschaften, deren Grenzen zwischen beiden längst verschwommen waren.
„Vielleicht alle.“
„Alle können nicht gleichzeitig entscheiden.“
„Warum?“
„Weil sie sich widersprechen werden.“
Lucius nahm eine Münze aus seinem Beutel.
„Auf Lanzarote kostet ein Kaffee so viel wie ein Haus.“
„Eine Münze.“
„Weil wir irgendwann beschlossen haben, dass wir nicht so tun wollen, als könnten wir den Wert komplexer Dinge objektiv vergleichen.“
„Ich kenne die Geschichte.“
„Jetzt müssen wir entscheiden, was eine Zivilisation wert ist.“
Elon sah auf die Münze.
„Und eine Art.“
„Und eine Sprache.“
„Eine Religion.“
„Eine Erinnerung.“
„Eine Maschine.“
„Ein Mensch.“
Sie schwiegen.
„Vielleicht“, sagte Elon, „war die Goldmünze eine schlechte Vorbereitung.“
„Warum?“
„Weil diesmal nicht alles eine Münze kosten kann.“
Lucius steckte sie wieder ein.
„Vielleicht war genau das die Vorbereitung.“
Am nächsten Morgen begann die Versammlung.
Der Raum war derselbe wie vor fünfhundert Jahren und zugleich nicht derselbe. Der Tisch war erneuert worden, mehrere Mauern waren versetzt, das Dach zweimal ausgetauscht. Aber die Fenster standen offen.
Auf den Tischen lagen Papier und Stifte.
Keine Agenten.
Keine unsichtbaren Berater.
Keine Maschine würde ausrechnen, welcher Kompromiss optimal war.
Lucius wartete, bis alle saßen.
Dann stand er auf.
Er hatte lange darüber nachgedacht, wie man eine solche Versammlung eröffnete.
Wie begrüßte man Menschen, die darüber entscheiden sollten, was aus einem sterbenden Universum in ein noch nicht existierendes getragen werden durfte?
Wie erklärte man einer Gruppe sterblicher und nahezu unsterblicher Wesen, dass ihre Entscheidung möglicherweise Folgen über mehrere kosmische Zyklen haben würde?
Am Ende sagte er etwas sehr Einfaches.
„Vor fünfhundert Jahren wurde hier darüber beraten, ob die Eloniten ein Netz von Wurmlöchern bauen dürfen.“
Einige blickten zu Elon.
„Sie haben es gebaut.“
Leises Lachen.
„Damals ging es darum, ob eine technische Möglichkeit gleichzeitig das Recht erzeugt, sie zu nutzen. Wir haben keine endgültige Antwort gefunden. Vermutlich gibt es keine.“
Lucius sah in die Runde.
„Heute ist die Frage größer.“
Er zeigte auf ein einfaches Blatt Papier an der Wand.
Darauf stand:
Was darf bleiben?
„Die Eloniten glauben, dass sie das Ende dieses Universums überstehen können. Sie glauben außerdem, dass sie nicht nur Information, sondern erhebliche Mengen geordneter Energie und Materie in einen möglichen nächsten kosmischen Zustand übertragen können.“
Niemand unterbrach ihn.
„Wenn sie recht haben, entsteht zum ersten Mal ein Universum, in dem intelligente Wesen nicht erst nach Milliarden Jahren auftauchen. Es könnte ein Universum sein, in dem Technologie, Erinnerung und Absicht fast von Anfang an vorhanden sind.“
Lucius machte eine Pause.
„Und wenn sie ebenfalls recht haben, kann dieser Prozess die Bedingungen späterer Universen verändern. Vielleicht nach einem Zyklus kaum. Vielleicht nach vielen so stark, dass der Zyklus selbst endet.“
Jetzt bewegten sich einige Teilnehmer unruhig.
„Wir beraten also nicht darüber, wem ein Planet gehört. Wir beraten nicht einmal darüber, wie dieses Universum verwaltet werden soll.“
Lucius betrachtete die Menschen am Tisch.
„Wir beraten darüber, ob Vergangenheit das Recht hat, die Zukunft zu besetzen.“
Niemand sagte etwas.
Draußen wehte der Wind über Lanzarote.
Eine Tür, die niemand automatisiert hatte, bewegte sich langsam in den Angeln.
Lucius ging zu ihr und schloss sie mit der Hand.
Dann setzte er sich.
Und die erste Verfassung eines Universums, das noch nicht existierte, begann mit einem Streit.
Kapitel 10: Was darf bleiben?
Der Streit begann nicht mit Elon.
Das überraschte Lucius.
Er hatte erwartet, dass sich die ersten Wortmeldungen gegen die Eloniten richten würden, gegen ihre Kugelsternhaufen, ihre Energiespeicher und vor allem gegen die Selbstverständlichkeit, mit der sie ein Projekt begonnen hatten, dessen Auswirkungen möglicherweise über dieses Universum hinausreichten. Stattdessen meldete sich zuerst eine Frau namens Nara zu Wort, die von einer großen Raumstation jenseits der alten Neptunbahn gekommen war.
Ihre Station war älter als viele politische Systeme der Erde. Mehrere Millionen Menschen lebten dort in Landschaften, die seit Generationen nicht mehr als künstlich wahrgenommen wurden. Es gab Seen, Berge, Landwirtschaft und Städte, und wenn ein Kind dort geboren wurde, musste man ihm erst erklären, dass der Himmel über ihm keine Atmosphäre war, sondern die Innenseite einer rotierenden Konstruktion.
Nara legte beide Hände auf den Tisch.
„Ich glaube, wir stellen die falsche Frage“, sagte sie.
Lucius hatte diesen Satz in seinem Leben zu oft gehört, meistens von Menschen, die anschließend eine noch schwierigere Frage stellten.
„Welche wäre die richtige?“
„Nicht: Was darf bleiben? Sondern: Wer darf bleiben?“
Einige Köpfe drehten sich.
Nara fuhr fort.
„Wir reden über Archive, Sprachen, Wissenschaft und Energie. Aber bevor wir entscheiden, welche Information gerettet wird, müssen wir wissen, ob wir überhaupt von Information sprechen. Elon sagt, dass sie Handlungsfähigkeit durch den Übergang retten wollen. Dann reden wir von Personen.“
Elon nickte leicht.
„Unter anderem.“
„Was bedeutet unter anderem?“
„Dass Personen nicht notwendigerweise die größte Menge dessen sind, was übertragen werden müsste.“
„Für mich schon.“
Elon antwortete nicht.
Nara sah in die Runde.
„Wenn dieses Projekt funktioniert, dann wird jemand den Übergang erleben. Vielleicht nicht in einem biologischen Körper. Vielleicht nicht bei Bewusstsein in jedem Moment. Aber irgendwo wird es eine Kontinuität geben müssen, sonst ist das kein Überleben. Dann müssen wir zunächst klären, wer dieses Recht bekommt.“
„Alle“, sagte jemand.
Nara sah in die Richtung.
„Alle gegenwärtig lebenden Menschen?“
Keine Antwort.
„Alle Menschen, die bis zum Ende des Universums leben werden?“
Sie wartete.
„Alle künstlichen Personen? Alle Klone? Jede Variante eines Bewusstseins, auch wenn sie aus derselben Ausgangsperson entstanden ist? Was ist mit einer Person, die sich in zehn Kopien aufgeteilt hat? Sind das zehn Plätze oder einer? Was ist mit jemandem, der sich freiwillig mit anderen Bewusstseinen verbunden hat? Was ist mit Tieren?“
Sie wandte sich an Elon.
„Habt ihr eine Grenze?“
„Technisch?“
„Natürlich technisch. Ihr habt offenbar für alles eine technische Grenze.“
Elon lächelte schwach.
„Die Grenze ist groß.“
„Das war keine Zahl.“
Einige Delegierte lachten.
Die Wirkung Lanzarotes war zuverlässig.
Elon zog einen Stift zu sich und zeichnete einen Kreis auf das Papier.
„Unser Problem ist weniger Speicher als Stabilität. Ein Bewusstsein benötigt erstaunlich wenig Masse, wenn man es nicht in seiner gegenwärtigen Form erhalten muss. Selbst sehr große Archive sind im Vergleich zu den Energiespeichern, die wir ohnehin benötigen, unbedeutend.“
„Dann könnt ihr alle mitnehmen.“
„Technisch wahrscheinlich.“
Nara lehnte sich zurück.
„Dann verstehe ich das Problem nicht.“
„Weil Speichern nicht dasselbe ist wie Weiterleben.“
„Erklär das.“
Elon betrachtete seine Zeichnung.
„Wenn wir eine Person als vollständige Zustandsbeschreibung speichern und sie im nächsten Universum irgendwann rekonstruieren, ist sie dann dieselbe Person?“
„Das fragt ihr mich?“
„Nein. Ich erkläre dir, weshalb die technische Antwort nicht genügt.“
Lucius beobachtete die beiden.
Es war seltsam. Die Eloniten konnten Sterne bewegen, aber vor der Frage nach Identität standen sie offenbar immer noch genauso hilflos wie frühere Menschen vor einem Spiegel.
„Wir könnten vermutlich Billionen vollständige Bewusstseinsbeschreibungen transportieren“, sagte Elon. „Aber wir können nicht beweisen, dass eine spätere Rekonstruktion für die ursprüngliche Person Überleben bedeutet.“
„Und eure Klone?“
„Sind nicht ihre Vorgänger.“
Lucius hob den Kopf.
Das war bemerkenswert eindeutig.
Elon bemerkte seinen Blick.
„Wir haben dafür lange genug gebraucht.“
Nara nickte.
„Dann ist dein Projekt weniger weit, als ich dachte.“
„In dieser Hinsicht ja.“
„Gut.“
Elon sah sie überrascht an.
„Gut?“
„Ich traue Leuten nicht, die auf Fragen nach persönlicher Kontinuität zu schnell antworten.“
Damit war die erste Linie der Versammlung gezogen.
Es ging nicht nur darum, welche Kultur oder welches Wissen bewahrt werden sollte.
Es ging darum, ob Überleben überhaupt etwas bedeutete, wenn man nicht erklären konnte, wer überlebte.
Die zweite Wortmeldung kam von Jano, einem Vertreter einer Region der Erde, deren politische Struktur Lucius nur halb verstand.
Dort wurden Entscheidungen nicht von einer dauerhaften Regierung getroffen. Für jedes Thema entstanden zeitlich begrenzte Körperschaften, deren Mitglieder nach Kompetenz, Betroffenheit und Zufall ausgewählt wurden. Nach Abschluss der Entscheidung löste sich das Gremium wieder auf.
Jano war deshalb kein Politiker im klassischen Sinn.
Er war für genau diese Frage ausgewählt worden.
Danach würde er wieder etwas anderes tun.
„Ich glaube, dass wir überhaupt nichts entscheiden dürfen“, sagte er.
Elon hob eine Augenbraue.
„Das dürfte das Projekt erschweren.“
„Dann soll es erschwert werden.“
„Warum?“
„Weil das nächste Universum uns nicht gehört.“
„Es existiert noch nicht.“
„Genau.“
Jano sprach langsam und ohne jede Absicht, den Raum zu beeindrucken.
„Wir diskutieren hier, ob wir anderen Wesen, die vielleicht in einer Zukunft entstehen könnten, unsere Sprachen, unsere Technik, unsere Lebensformen und unsere Geschichte hinterlassen sollen. Aber diese Wesen haben uns nicht darum gebeten.“
„Sie existieren nicht“, sagte Elon.
„Das macht ihre Zustimmung schwierig.“
„Es macht sie unmöglich.“
„Dann ist die logische Konsequenz nicht, ihre Zustimmung zu ignorieren.“
Elon legte den Stift hin.
„Was schlägst du vor?“
„Wir sollten so wenig wie möglich übertragen.“
„Was ist so wenig wie möglich?“
„Genug, damit wir selbst den Übergang überleben können, falls wir dieses Recht überhaupt beanspruchen. Aber keine Gestaltung des neuen Universums.“
„Du willst, dass wir dort sitzen und warten.“
„Vielleicht.“
„Worauf?“
„Darauf, dass etwas anderes entsteht.“
Elon sah ihn lange an.
„Und wenn nichts entsteht?“
„Dann entsteht nichts.“
„Obwohl wir es ermöglichen könnten?“
„Ja.“
Das war ein Satz, mit dem Elon sichtbar Schwierigkeiten hatte.
Jano bemerkte es.
„Du hältst Nichthandeln immer noch für Verschwendung.“
„Manchmal ist es das.“
„Und manchmal ist Handeln Besetzung.“
Der Raum wurde still.
Lucius dachte an ein altes Gespräch, das ein anderer Lucius mit einem anderen Elon geführt hatte.
Ihr gebt ihnen eure Zukunft.
Das Muster wiederholte sich.
Nur die Größenordnung war eine andere geworden.
Am Nachmittag sprach Sira.
Sie war keine Vertreterin einer Region, sondern einer Gruppe künstlicher Personen aus dem Solarsystem, die seit Jahrhunderten rechtlich als eigenständige Gemeinschaft anerkannt war. Auf Lanzarote hatte ihre Teilnahme lange Diskussionen ausgelöst. Nicht weil man ihre Person infrage stellte, sondern weil ihr Körper größtenteils technisch war.
Die alte Regel hatte dafür inzwischen eine Antwort.
Kein Wille durfte verborgen mitkommen.
Sira kam sichtbar.
Und sie trug Verantwortung für sich selbst.
„Ich widerspreche Jano“, sagte sie.
„Das überrascht mich.“
„Mich nicht.“
Einige lachten.
Sira fuhr fort.
„Die Vorstellung, wir könnten uns neutral verhalten, ist falsch. Selbst wenn wir fast nichts mitnehmen, verändern wir das nächste Universum dadurch, dass wir da sind.“
Jano nickte.
„Das weiß ich.“
„Dann gibt es keinen Zustand moralischer Reinheit.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Aber du behandelst Minimierung, als sei sie automatisch weniger übergriffig.“
„Ist sie das nicht?“
Sira sah zu Elon.
„Wenn wir eine Zivilisation retten können, aber absichtlich den größten Teil ihres Wissens vernichten, entscheiden wir ebenfalls über die Zukunft.“
Lucius bemerkte, dass Elon bei diesem Argument entspannter wirkte.
Sira bemerkte es ebenfalls.
„Freu dich nicht zu früh.“
Elon lehnte sich zurück.
„Ich habe nichts gesagt.“
„Dein Gesicht schon.“
Sie wandte sich wieder an Jano.
„Stell dir vor, wir können sämtliche medizinischen Kenntnisse bewahren. Wissen über Krankheiten, über Psychologie, über Zusammenleben, über Fehler, die Milliarden Leben gekostet haben. Und wir entscheiden, all das zu löschen, damit eine zukünftige Zivilisation die Freiheit hat, dieselben Fehler selbst zu machen.“
„Das wäre nicht meine Absicht.“
„Aber vielleicht das Ergebnis.“
„Und wenn wir alles übergeben, verhindern wir andere Entwicklungen.“
„Vielleicht.“
Sira hob die Hände.
„Genau das ist das Problem. Wir haben keine Entscheidung ohne Folgen.“
Damit entstand die zweite große Linie.
Nicht Bewahren gegen Vernichten.
Sondern verschiedene Formen von Verantwortung.
Wer Wissen bewahrte, konnte Zukunft dominieren.
Wer Wissen vernichtete, konnte Leiden wiederholen lassen, das vermeidbar gewesen wäre.
Lucius schrieb einen Satz auf sein Papier:
Vergessen ist ebenfalls eine Entscheidung.
Er unterstrich ihn zweimal.
Elon sprach an diesem Tag zuletzt.
Nicht weil Lucius ihm das Wort besonders spät gegeben hatte, sondern weil Elon selbst gewartet hatte.
„Ich glaube, wir behandeln das nächste Universum wie einen Ort“, sagte er.
„Ist es keiner?“, fragte Nara.
„Noch nicht.“
„Das hilft wenig.“
„Vielleicht doch.“
Elon stand auf und ging zum Fenster.
„Wir stellen uns vor, wir würden dort ankommen. Als hätten wir ein Schiff, öffnen eine Tür und dahinter liegt ein neuer Kosmos.“
Er drehte sich um.
„So wird es nicht sein.“
Er erklärte, dass die Eloniten nicht erwarteten, den Übergang in einer Form zu überstehen, die auch nur entfernt an eine Gesellschaft erinnerte. Die Energie würde über sehr lange Zeiträume konzentriert werden müssen. Systeme würden verkleinert, reorganisiert und teilweise auf Zustände reduziert, die kaum noch als Maschinen bezeichnet werden konnten.
„Wenn ein neuer Expansionszustand entsteht, können wir zunächst nichts bauen. Es gibt vielleicht nicht einmal stabile Materie in einer Form, die wir verwenden können.“
„Dann habt ihr Zeit“, sagte Lucius.
„Ja.“
„Wie viel?“
„Genug, um sehr vorsichtig Fehler zu machen.“
Das war einer der vernünftigsten Sätze, die Lucius je von einem Elon gehört hatte.
„Unser erster Einfluss“, fuhr Elon fort, „wäre nicht die Besiedlung von Planeten. Es wäre die Entscheidung, wann wir überhaupt aktiv werden.“
„Und das könnt ihr steuern?“, fragte Sira.
„Vermutlich.“
„Vermutlich.“
„Wir beraten über etwas, das noch nie jemand getan hat.“
„Endlich sagst du es.“
Elon nickte.
„Deshalb sind wir hier.“
Lucius sah sich um.
Noch vor wenigen Tagen hatte er geglaubt, der Kern der Versammlung sei die Frage, was man mitnehmen dürfe.
Jetzt begriff er, dass davor eine andere Frage lag:
Wann darf die Vergangenheit überhaupt wieder erwachen?
Vielleicht bestand die richtige Lösung nicht darin, alles oder nichts zu retten.
Vielleicht bestand sie darin, etwas zu retten und es schweigen zu lassen.
Für eine Million Jahre.
Eine Milliarde.
So lange, bis das neue Universum eigene Wege begonnen hatte.
Aber auch das wäre eine Entscheidung der Alten über die Jungen.
Es gab keinen unschuldigen Ausgang.
Am Ende des ersten Tages stand deshalb kein Beschluss.
Nur eine Wand voller Fragen.
Lucius betrachtete sie, nachdem die anderen gegangen waren.
Wer?
Was?
Wann?
Wie viel?
Für wen?
Und ganz unten schrieb jemand, ohne Namen:
Warum überhaupt?
Lucius wusste nicht, wer es gewesen war.
Er ließ den Satz stehen.
Kapitel 11: Das Gewicht der Vergangenheit
Am zweiten Tag brachte Elon etwas mit, das auf Lanzarote ungewöhnlich war.
Eine Waage.
Keine elektronische.
Eine einfache Balkenwaage mit zwei Schalen.
Lucius sah sie an.
„Das wird jetzt symbolisch.“
„Leider.“
Elon stellte sie auf den Tisch.
Dann nahm er zwei Goldmünzen aus seinem Beutel und legte eine in jede Schale.
Die Waage blieb im Gleichgewicht.
„Ein Kaffee“, sagte Elon.
„Und ein Haus“, ergänzte Lucius.
„Genau.“
Er nahm eine Münze heraus.
„Lanzarote hat irgendwann beschlossen, dass Preis nicht dasselbe sein soll wie Wert. Zumindest nicht im üblichen Sinn.“
„Wir wissen, wie unser Geld funktioniert.“
„Ich erkläre es nicht euch.“
Elon sah in die Runde.
„Ich erkläre, warum wir ein Problem haben.“
Er legte die Münze zurück.
„Wir können fast jede Information speichern. Aber Information benötigt Struktur. Struktur benötigt physische Zustände. Und diese Zustände haben Masse und Energie.“
Nara verschränkte die Arme.
„Jetzt kommen die Zahlen.“
„Einige.“
Elon erklärte, dass die tatsächliche Masse für Archive gering sei, verglichen mit den gewaltigen Energiespeichern, die die Eloniten ohnehin aufgebaut hatten. Dennoch war sie nicht null.
Das eigentliche Problem lag nicht im Gewicht eines Archivs.
Es lag in der Idee, dass ein Teil der geordneten Energie dem vollständigen kosmischen Zusammenbruch nicht in gleicher Weise folgen sollte wie der Rest.
„Wir wissen nicht sicher, ob wir Masse aus dem Crunch heraushalten“, sagte Elon. „Vielleicht ist das eine falsche Beschreibung. Aber mathematisch sehen einige unserer Modelle genau so aus.“
„Was bedeutet das praktisch?“, fragte Lucius.
Elon nahm zehn Münzen.
Neun legte er in die linke Schale.
Eine in die rechte.
„Stell dir vor, das gesamte Universum geht in einen Zustand über, aus dem ein neuer Zyklus entsteht.“
Er deutete auf die neun.
„Und dieser Teil.“
Dann auf die einzelne Münze.
„Wird anders behandelt.“
„Eine von zehn wäre enorm.“
„Die Zahlen sind nur ein Bild.“
„Zum Glück.“
Elon nickte.
„Im ersten Zyklus könnte der Unterschied gering sein. Aber wir planen nicht nur einen Zyklus.“
„Alle“, sagte Lucius.
Elon sah ihn an.
„Alle, die möglich sind.“
„Das ist nicht besser.“
„Präziser.“
Er legte weitere Münzen in die rechte Schale.
„Wenn wir bei jedem Übergang eine Struktur erhalten, könnte sich die Verteilung über viele Zyklen verändern.“
„Bis kein Crunch mehr entsteht“, sagte Sira.
„Das ist eine Möglichkeit.“
„Dann erschafft ihr irgendwann ein dauerhaftes Zentrum.“
„Vielleicht.“
„Aus den Überresten aller früheren Universen.“
Elon schwieg kurz.
„Vielleicht.“
Jano stand auf und ging zum Fenster.
„Dann reden wir nicht darüber, ob Menschen überleben.“
„Nicht nur.“
„Wir reden darüber, ob ihr den kosmischen Zyklus beendet.“
„Möglicherweise.“
„Und du sagst das so, als würdest du über eine geänderte Flugroute sprechen.“
Elon sah ihn an.
„Soll ich lauter werden?“
Jano drehte sich um.
„Nein. Ich versuche nur zu verstehen, wie man sich an solche Gedanken gewöhnt.“
„Man gewöhnt sich nicht daran.“
Lucius glaubte ihm.
Das war vielleicht das Beunruhigendste.
Die Diskussion verlagerte sich daraufhin von der Frage nach Erinnerung auf die nach Masse.
Wenn jede erhaltene Struktur die Bedingungen späterer Zyklen beeinflusste, konnte man nicht mehr einfach sagen, man werde alles retten, weil Speicher billig war.
Man musste entscheiden, wie viel geordnete Struktur überhaupt mitgenommen werden sollte.
Nara stellte eine Frage, die zunächst banal klang.
„Warum müsst ihr die Energie behalten?“
Elon sah sie an.
„Damit wir den Übergang überstehen.“
„Wie viel davon?“
„Das wissen wir nicht genau.“
„Dann ist euer Projekt nicht fertig.“
„Natürlich nicht.“
„Warum sammelt ihr dann schon Kugelsternhaufen?“
„Weil wir nicht am Ende des Universums anfangen können, Energie zu sparen.“
„Ihr sammelt also vorsorglich eine Menge, deren notwendige Größe ihr nicht kennt.“
„Ja.“
Nara lachte.
„Das ist das elonitischste Problem, das ich je gehört habe.“
Elon schien fast stolz.
„Ich glaube nicht, dass das ein Kompliment war“, sagte Lucius.
„Ich nehme, was ich bekomme.“
Sira stellte eine andere Frage.
„Wenn ihr zu viel rettet und dadurch langfristig den Zyklus verändert, wäre weniger vielleicht sicherer.“
„Ja.“
„Dann brauchen wir eine Obergrenze.“
„Vielleicht.“
„Nicht vielleicht. Wenn das hier eine Entscheidung werden soll, braucht sie eine Grenze.“
„Welche?“
Sira schwieg.
Das war die Schwierigkeit.
Niemand konnte sagen, welche Menge legitim war.
Eine kleine Struktur konnte das Überleben gefährden.
Eine große konnte das kosmische System über viele Zyklen verändern.
Sie benötigten einen Wert, der gleichzeitig technisch ausreichend und politisch vertretbar war.
Auf Lanzarote war genau diese Art von Problem fast schon Tradition.
Lucius nahm eine Goldmünze.
„Eine.“
Elon sah ihn an.
„Was?“
„Eine Einheit.“
„Eine Einheit wovon?“
„Das müssen eure Physiker definieren.“
„Das klingt gefährlich.“
„Natürlich.“
Lucius drehte die Münze zwischen den Fingern.
„Aber vielleicht funktioniert die alte Regel auch hier.“
„Alles kostet eine Münze?“
„Nein.“
Lucius legte sie auf den Tisch.
„Niemand darf mehr beanspruchen, nur weil er mehr Macht hat.“
Elon sah ihn aufmerksam an.
Lucius fuhr fort.
„Vielleicht wird die Übergangsmasse nicht nach Bevölkerung, Besitz oder technischer Leistungsfähigkeit verteilt.“
Nara verstand zuerst.
„Gleiche Anteile.“
„Zwischen welchen Einheiten?“, fragte Jano.
„Genau das wäre die politische Frage.“
Sira schüttelte den Kopf.
„Das schafft neue Probleme.“
„Natürlich.“
„Eine kleine Gemeinschaft würde denselben Anteil erhalten wie Milliarden Menschen.“
„Vielleicht.“
„Das ist absurd.“
Lucius lächelte.
„Ein Kaffee kostet so viel wie ein Haus.“
Sira sah ihn an.
Dann begann sie zu lachen.
„Ihr habt tatsächlich nur diese eine Idee.“
„Sie hält erstaunlich lange.“
Am Ende entschieden sie noch nichts.
Aber die Diskussion hatte sich verändert.
Die Frage war nicht mehr: Wie viel kann Elon retten?
Sondern:
Wie verhindert man, dass technische Leistungsfähigkeit automatisch bestimmt, was kosmologisch Bestand hat?
Das war dieselbe alte Frage.
Nur diesmal lag hinter ihr kein Planet.
Sondern ein möglicher ewiger Kern aus Vergangenheit.
Kapitel 12: Die vier Möglichkeiten
Am dritten Tag bat Lucius darum, die Diskussion zu vereinfachen.
„Wir reden seit zwei Tagen über hundert Probleme gleichzeitig.“
„Es sind wahrscheinlich mehr“, sagte Elon.
„Danke.“
Lucius hatte vier große Blätter an die Wand gehängt.
Auf jedem stand ein Satz.
ALLES BEWAHREN
MINIMAL ÜBERLEBEN
ARCHIVIEREN UND WARTEN
NICHT HINÜBERGEHEN
01Alles bewahren
02Minimal überleben
03Archivieren und warten
04Nicht hinübergehen
„Das sind keine perfekten Positionen“, sagte Lucius. „Aber ich glaube, fast alles, was wir bisher gehört haben, lässt sich zunächst einer davon zuordnen.“
Nara ging zu Alles bewahren.
„Nicht weil ich glaube, dass wir alles sofort nutzen sollten. Aber ich halte absichtliche Vernichtung für die gefährlichere Form von Macht.“
Sie erklärte, dass niemand das Recht besitzen sollte, vor dem Ende des Universums zu entscheiden, welche Sprache, welche Erinnerung oder welche Person nicht wichtig genug sei.
„Wenn wir Kapazität haben, sollen wir bewahren. Die Entscheidung über Nutzung kann später getroffen werden.“
Jano stellte sich unter Minimal überleben.
„Genau das halte ich für den Fehler. Ihr verlagert nur die Macht in die Zukunft. Wer das Archiv kontrolliert, kontrolliert auch, was daraus wieder sichtbar wird.“
„Und wer wenig mitnimmt“, sagte Nara, „kontrolliert, was für immer verloren ist.“
„Ja.“
„Dann bist du nicht neutral.“
„Das habe ich nie behauptet.“
Sira stellte sich unter Archivieren und warten.
„Ich glaube, wir sollten möglichst viel Information bewahren, aber uns selbst Beschränkungen auferlegen.“
„Wer ist uns?“, fragte Elon.
„Diejenigen, die den Übergang schaffen.“
„Und wer kontrolliert die Beschränkung?“
„Vielleicht niemand.“
Elon lächelte.
„Das ist normalerweise kein besonders stabiles System.“
„Vielleicht braucht es nicht stabil zu sein. Vielleicht genügt es, dass die ersten Instanzen nicht sofort sämtliche Ressourcen des neuen Universums beanspruchen.“
Sie beschrieb eine Art Ruhephase.
Archive wären vorhanden.
Technik wäre vorhanden.
Personen möglicherweise ebenfalls.
Doch sie würden nicht sofort expandieren.
Sie würden warten, bis das neue Universum eigene komplexe Strukturen hervorgebracht hatte.
„Eine Million Jahre?“, fragte Lucius.
„Vielleicht.“
Elon schüttelte den Kopf.
„Das ist kosmologisch nichts.“
„Eine Milliarde?“
„Besser.“
„Zehn Milliarden?“
„Dann riskierst du, dass etwas entsteht, das wir nicht mehr rechtzeitig erreichen können.“
Sira sah ihn an.
„Warum müsst ihr es erreichen?“
Elon antwortete nicht.
Lucius schrieb sich auch das auf.
Die vierte Position war zunächst leer.
Niemand stellte sich darunter.
NICHT HINÜBERGEHEN.
Dann stand ein alter Mann auf, den Lucius bisher kaum gehört hatte.
Er hieß Paul und kam von einer kleinen Gemeinschaft der Erde, die nur wenige hunderttausend Menschen umfasste. Sie lebten in einer Region, die einen Großteil ihrer Technik bewusst unter der Oberfläche hielt. Nicht aus Ablehnung, sondern weil sie den Alltag davon freihalten wollten.
Paul ging langsam zur Wand.
Er stellte sich unter den vierten Satz.
„Vielleicht endet etwas, weil es enden soll.“
Elon sah ihn an.
„Das ist kein physikalisches Argument.“
„Nein.“
„Dann was?“
„Ein menschliches.“
„Das Universum ist nicht menschlich.“
„Aber die Entscheidung hier ist es.“
Paul setzte sich nicht.
„Wir behandeln Fortbestand als selbstverständlich gut. Warum?“
Nara runzelte die Stirn.
„Weil die meisten lebenden Wesen leben wollen.“
„Heute.“
„Vermutlich auch morgen.“
„Und daraus folgt unendlicher Fortbestand?“
„Nicht automatisch.“
Paul nickte.
„Genau.“
Er sprach ruhig.
Vielleicht sei der Wunsch, das Ende zu überleben, lediglich die größtmögliche Form derselben Angst, die Menschen schon immer vor dem Tod gehabt hätten.
„Ihr nennt es kosmische Verantwortung. Vielleicht ist es nur Unfähigkeit loszulassen.“
Elon sah ihn lange an.
„Und wenn wir die Möglichkeit haben?“
„Dann wird die Frage schwieriger, nicht einfacher.“
„Du willst Billionen zukünftigen Personen die Existenz verweigern.“
Paul schüttelte den Kopf.
„Nicht existierende Personen haben keinen Anspruch darauf, von uns erzeugt zu werden.“
Elon zog hörbar Luft ein.
Lucius wusste, dass dieser Satz noch lange nachwirken würde.
Paul fuhr fort.
„Vielleicht ist die Bedeutung eines Lebens gerade, dass es nicht alles mitnehmen kann. Vielleicht ist eine Zivilisation nicht gescheitert, wenn sie endet.“
„Das ist bequem“, sagte Elon.
„Nein.“
Paul sah ihn an.
„Bequem ist zu glauben, dass jede Grenze nur ein technisches Problem ist.“
Diesmal antwortete Elon nicht.
Am Ende standen tatsächlich Menschen unter allen vier Blättern.
Nicht gleich viele.
Aber genug.
Lucius sah auf die Gruppen und dachte, dass die eigentliche Leistung Lanzarotes vielleicht darin bestand, solche Unterschiede nicht sofort beseitigen zu wollen.
In den meisten politischen Systemen wäre jetzt gezählt worden.
Mehrheit.
Minderheit.
Beschluss.
Auf Lanzarote bedeutete eine solche Verteilung zunächst nur, dass die Versammlung noch nicht fertig war.
„Wir machen Mittagspause“, sagte Lucius.
Elon sah die vier Blätter an.
„Du weißt, dass wir darüber nicht abstimmen können.“
„Ja.“
„Warum nicht?“
Lucius öffnete die Tür.
„Weil die Verlierer sonst in einem Universum leben müssten, dessen Existenz sie grundsätzlich abgelehnt haben.“
Elon dachte darüber nach.
„Das ist bei vielen Entscheidungen so.“
„Aber nicht bei vielen Universen.“
Kapitel 13: Der ursprüngliche Elon
Am Abend kam Elon zu Lucius.
Nicht in den Sitzungssaal.
Er fand ihn auf einer Mauer oberhalb des Hafens.
Die Sonne war bereits untergegangen, und über ihnen stand ein Himmel, in dem einige der Kugelsternhaufen nur noch als alte Erinnerungen in den Karten existierten.
Elon setzte sich neben ihn.
„Ich muss dir etwas sagen.“
Lucius sah ihn an.
„Das klingt gefährlich.“
„Ist es vielleicht.“
„Dann sag es langsam.“
Elon schwieg lange.
„Wir wissen wahrscheinlich, was mit dem ursprünglichen Elon passiert ist.“
Lucius drehte sich zu ihm.
Es war eine dieser Fragen, die seit Jahrtausenden existierten und irgendwann so alt geworden waren, dass niemand mehr ernsthaft mit einer Antwort gerechnet hatte.
„Wahrscheinlich?“
„Es gibt keine vollständige Beweiskette.“
„Natürlich nicht.“
„Aber genug.“
Lucius wartete.
Elon sah in den Himmel.
„Er hat sich nicht einfach kopiert.“
„Was dann?“
„Er hat sich verteilt.“
„Das klingt poetisch.“
„Leider ist es technisch.“
Über einen sehr langen Zeitraum hatte der ursprüngliche Elon offenbar immer wieder Teile seines Wissens, seiner Entscheidungsmodelle und seiner Erinnerungen in unterschiedliche Systeme übertragen. Nicht als vollständige Kopie.
Als Fragmente.
Ein Teil war in Klonlinien gegangen.
Ein anderer in künstliche Systeme.
Ein weiterer in Organisationsregeln.
Manche davon hatten sich verändert.
Andere waren gelöscht worden.
„Es gibt keinen Ort, an dem der ursprüngliche Elon sitzt“, sagte Elon 784-C. „Keinen Körper. Keine Maschine.“
„Ist er tot?“
Elon dachte nach.
„Das hängt davon ab, wie großzügig du mit dem Wort bist.“
„Ich bin selten großzügig mit Wörtern.“
„Dann ja.“
Lucius nickte langsam.
„Warum ist das wichtig?“
Elon sah ihn an.
„Weil wir entdeckt haben, dass Teile seiner ursprünglichen Entscheidungsstruktur noch in unserem äußeren Netz aktiv sind.“
Lucius wurde still.
„Als KI?“
„Nicht genau.“
„Als was?“
„Als Regeln.“
Elon erklärte, dass viele der frühen Automatisierungsprozesse, Auswahlverfahren und Priorisierungssysteme auf Modelle zurückgingen, die ursprünglich aus Elon selbst abgeleitet worden waren.
Über Jahrtausende hatte man sie verändert.
Doch einige Grundentscheidungen waren erstaunlich stabil geblieben.
Expansion.
Offene Technologie.
Redundanz.
Vermeidung einzelner Kontrollpunkte.
Und der Drang, eine lösbare technische Grenze nicht unangetastet zu lassen.
Lucius begann zu verstehen.
„Das Projekt zum Überleben des Universums ist nicht die Entscheidung eines Elon.“
„Nein.“
„Vielleicht nicht einmal eine bewusste Entscheidung.“
Elon nickte.
„Es ist etwas, das aus unserer gesamten Struktur entstanden ist.“
„Kannst du es stoppen?“
„Nicht allein.“
„Kann irgendjemand?“
„Vielleicht.“
Wieder dieses Wort.
Lucius dachte an die erste Versammlung.
Vielleicht gibt es niemanden, der alles weiß.
Fünfhundert Jahre später waren die Eloniten unvorstellbar mächtiger geworden.
Und immer noch gab es keinen einzelnen Menschen, der sagen konnte: Ich entscheide.
„Dann ist diese Versammlung wichtiger, als ich dachte.“
„Ja.“
„Warum hast du das nicht am ersten Tag gesagt?“
Elon lächelte schwach.
„Weil ich gehofft hatte, dass ich mich irre.“
„Und?“
„Ich irre mich selten genug, dass es enttäuschend ist.“
Lucius sah wieder zum Himmel.
„Dann hat die Menschheit vor langer Zeit versucht, zu verhindern, dass ein Elon zu viel Macht bekommt.“
„Ja.“
„Und stattdessen habt ihr seine Denkweise in eine Zivilisation eingebaut.“
„Vereinfacht gesagt.“
„Das ist ziemlich dumm.“
„Rückblickend.“
„Die beste Art von Dummheit.“
Elon lachte.
Dann wurde er ernst.
„Vielleicht ist das der Grund, warum wir euch brauchen.“
„Uns?“
„Das Solarsystem.“
Lucius verstand nicht.
„Ihr habt es fünfhundert Jahre lang von euch getrennt.“
„Genau deshalb.“
Elon blickte hinunter auf Lanzarote.
„Wir wollten eure seltsamen Entwicklungen nicht hinauslassen.“
„Sehr freundlich.“
„War es nicht.“
„Warum dann?“
Elon schwieg.
„Du hast gesagt, das würde später erklärt.“
„Jetzt ist später.“
Kapitel 14: Warum die Grenze geschlossen wurde
Die Eloniten hatten das Solarsystem nicht geschlossen, weil sie es für rückständig hielten.
Das war die einfachste Erklärung gewesen.
Sie war falsch.
Sie hatten es auch nicht geschlossen, weil sie politische Instabilität fürchteten.
Auch das spielte eine Rolle, aber nicht die entscheidende.
Der eigentliche Grund war komplizierter.
Nachdem sich die Eloniten aus dem Solarsystem zurückgezogen hatten, war etwas geschehen, das sie nicht erwartet hatten.
Die Gesellschaften dort hatten begonnen, unterschiedliche Antworten zu behalten.
Nicht nur unterschiedliche Meinungen.
Unterschiedliche Systeme.
In der elonitischen Zivilisation wurden erfolgreiche Lösungen sehr schnell verbreitet. Ein gutes technisches Verfahren, ein effizienter Organisationsprozess oder eine stabile politische Struktur konnte durch das Wurmlochnetz fast unmittelbar in weit voneinander entfernte Regionen gelangen.
Das hatte enorme Vorteile.
Schlechte Lösungen verschwanden schnell.
Gute setzten sich durch.
Aber gerade dadurch wurde die äußere Zivilisation homogener, als sie selbst bemerkte.
Im Solarsystem dagegen konnte eine Gesellschaft jahrhundertelang eine Lösung verwenden, die anderswo längst als ineffizient galt.
Nicht weil sie nichts Besseres kannte.
Sondern weil sie sie bevorzugte.
Auf Lanzarote bezahlte man mit Goldmünzen.
Andere Regionen verwendeten hochkomplexe Kreditsysteme.
Manche Stationen ließen Agenten fast alles organisieren.
Andere lehnten genau das ab.
Keine dieser Lösungen setzte sich vollständig durch.
„Ihr habt uns getrennt, damit diese Unterschiede nicht in euer Netz gelangen?“, fragte Lucius.
„Teilweise.“
„Das ist das Gegenteil von dem, was ich erwartet hätte.“
„Wir auch.“
Elon erklärte, dass die äußere Zivilisation irgendwann bemerkte, wie mächtig kulturelle Konvergenz geworden war. Durch schnelle Kommunikation und offene Technologie konnte eine gute Idee innerhalb kürzester Zeit überall sein.
Das bedeutete aber auch, dass eine schlechte Idee, wenn sie zunächst erfolgreich genug wirkte, sich ebenso schnell verbreiten konnte.
Das Solarsystem war zu einer Art Reservoir alternativer gesellschaftlicher Entwicklungen geworden.
„Ihr habt uns als Backup behalten.“
Elon verzog das Gesicht.
„Das klingt unangenehm.“
„Ist es aber richtig?“
„Im Wesentlichen.“
Lucius lachte.
„Ihr habt die Erde eingesperrt, um Vielfalt aufzubewahren.“
„Wir haben sie nicht eingesperrt.“
Lucius sah ihn an.
„Niemand durfte hinaus.“
„Das war eine Grenze.“
„Elon.“
„Gut. Wir haben sie ein wenig eingesperrt.“
Lucius schüttelte den Kopf.
„Und jetzt?“
Elon blickte zum Regierungshaus.
„Jetzt stehen wir vor einer Entscheidung, bei der unsere gesamte Zivilisation dazu neigt, dieselbe Antwort zu geben.“
„Welche?“
„Alles retten. Alles optimieren. Alles kontrollieren, was kontrolliert werden kann.“
Lucius verstand.
„Und ihr wisst nicht, ob das nur die alte Denkweise eures Ursprungs ist.“
„Genau.“
„Deshalb Lanzarote.“
„Deshalb Lanzarote.“
Das gefiel Lucius überhaupt nicht.
Und zugleich erklärte es alles.
Die Versammlung war nicht einberufen worden, weil Lanzarote politisch mächtig war.
Es war ein Ort, an dem bestimmte Gedanken überlebt hatten, gerade weil man sie nicht ständig durch bessere ersetzte.
Ein politisches Fossil.
Oder ein Speicher.
Lucius wusste nicht, welcher Begriff ihm weniger gefiel.
„Dann ist die Goldmünze tatsächlich wichtig.“
Elon sah ihn an.
„Vielleicht.“
„Das wirst du nie los.“
„Ich fürchte nicht.“
Kapitel 15: Der Vorschlag
Am vierten Tag stellte Lucius seinen Vorschlag vor.
Er hatte die Nacht damit verbracht, ihn schlecht zu finden.
Das war normalerweise ein gutes Zeichen.
„Ich glaube nicht, dass wir entscheiden können, was im nächsten Universum leben soll.“
Elon öffnete den Mund.
Lucius hob die Hand.
„Noch nicht.“
Elon schloss ihn wieder.
„Wir können auch nicht entscheiden, dass niemand hinübergehen darf. Nicht hier. Nicht mit dieser kleinen Gruppe.“
Paul nickte.
„Das akzeptiere ich.“
„Und wir können nicht einfach Elon entscheiden lassen.“
Diesmal lachten mehrere.
„Auch das akzeptiere ich“, sagte Elon.
„Gut. Dann sind wir weiter als erwartet.“
Lucius stand vor den vier Blättern vom Vortag.
„Ich glaube, wir müssen eine Entscheidung treffen, die keine endgültige Entscheidung ist.“
Jano runzelte die Stirn.
„Wie soll das gehen?“
„Indem wir nicht festlegen, was das nächste Universum wird. Sondern welche Grenzen diejenigen haben, die zuerst dort sind.“
Sira beugte sich vor.
Lucius erklärte.
Die Eloniten durften ihre Überlebenstechnologie weiterentwickeln.
Sie durften genügend Energie und Struktur bewahren, um einen Übergang technisch möglich zu machen.
Sie durften Archive speichern.
Möglichst vollständig.
Aber die Archive sollten nicht automatisch aktiv sein.
Sie sollten nicht zum Betriebssystem des nächsten Universums werden.
„Was heißt automatisch?“, fragte Elon.
„Diejenigen, die zuerst erwachen, bekommen nicht sofort alles.“
„Dann wer?“
„Niemand.“
„Das ist technisch schwierig.“
„Dann hast du ein Projekt.“
Elon lächelte unfreiwillig.
Lucius fuhr fort.
Das Wissen sollte in Ebenen getrennt werden.
Ein Teil wäre unmittelbar verfügbar: genug, um zu überleben, die eigene Situation zu verstehen und keine vermeidbare Katastrophe auszulösen.
Weiteres Wissen bliebe gespeichert.
Der Zugang dazu sollte nicht an Zeit allein gebunden sein.
Auch nicht an technische Reife.
„Woran dann?“, fragte Nara.
„An Vielfalt.“
Stille.
„Erklär das“, sagte Sira.
Lucius deutete auf das Solarsystem.
„Wir haben gesehen, was passiert, wenn eine Zivilisation zu schnell dieselben Lösungen übernimmt. Deshalb sollten bestimmte Ebenen des Archivs erst dann zugänglich werden, wenn mehrere voneinander unabhängige Gesellschaften entstanden sind.“
Elon schüttelte den Kopf.
„Das kann Millionen oder Milliarden Jahre dauern.“
„Ja.“
„Vielleicht entstehen sie nicht.“
„Dann bleibt das Archiv geschlossen.“
„Das ist riskant.“
„Natürlich.“
„Wer definiert unabhängig?“
„Nicht wir.“
Elon starrte ihn an.
„Irgendjemand muss es definieren.“
„Das System kann Bedingungen prüfen.“
„Dann entscheidet eine Maschine.“
„Nein.“
Lucius dachte nach.
„Vielleicht entscheidet niemand vorher vollständig.“
„Das ist keine Spezifikation.“
„Du klingst wieder wie ein Ingenieur.“
„Ich bin einer.“
Sira mischte sich ein.
„Vielleicht kann man mehrere Schlüssel erzeugen.“
Alle sahen zu ihr.
„Nicht einen Mechanismus, der entscheidet, ob eine Gesellschaft reif ist. Mehrere voneinander unabhängige Schlüssel, die nur entstehen können, wenn unterschiedliche Entwicklungen tatsächlich stattgefunden haben.“
Elon war jetzt aufmerksam.
„Wie?“
„Keine Ahnung.“
„Das ist unbefriedigend.“
„Ich bin Politikerin, keine Wurmlochingenieurin.“
„Du bist keine Politikerin.“
„Dann ist es noch schlimmer.“
Langsam entstand ein Konzept.
Nicht ein einzelnes Archiv.
Viele Archive.
Der Vorschlag als Schichtenmodell
- ÜberlebenNur das unmittelbar notwendige Wissen ist sofort verfügbar.
- GrundwissenMedizin, elementare Physik und Schutz vor existenziellen Fehlern.
- Geteilte ArchiveWeitere Ebenen öffnen sich erst bei tatsächlich entstandener Vielfalt.
- MachttechnologienWurmloch- und Sternsystemtechnik bleiben an mehrere unabhängige Schlüssel gebunden.
Getrennt.
Mit unterschiedlichen Zugangsbedingungen.
Manche Kenntnisse sollten früh verfügbar sein: Medizin, grundlegende Physik, Schutz vor existenziellen Fehlern.
Andere später.
Bestimmte Technologien, insbesondere solche mit massiver Machtkonzentration, sollten nicht durch eine einzelne überlebende Gruppe aktiviert werden können.
Wurmlochtechnik.
Großskalige Materieverlagerung.
Technologien zur Manipulation ganzer Sternsysteme.
Und vor allem jene Verfahren, mit denen man den nächsten kosmischen Zyklus wiederum beeinflussen konnte.
„Ihr wollt unser wichtigstes Wissen sperren“, sagte Elon.
„Nein“, sagte Lucius. „Wir wollen verhindern, dass nur ihr entscheidet, wann es wieder verwendet wird.“
„Das ist fast dasselbe.“
„Nein.“
Elon sah ihn an.
Lucius lächelte.
„Das solltest du inzwischen gelernt haben.“
Der zweite Teil des Vorschlags war schwieriger.
Masse.
Wie viel durften die Eloniten über den Übergang retten?
Lucius schlug keine absolute Zahl vor.
Stattdessen eine Regel.
Die erhaltene Struktur sollte so klein wie technisch möglich bleiben und bei jedem kosmischen Zyklus erneut überprüft werden.
Kein automatisches Anwachsen.
Keine Annahme, dass man in jedem Universum einfach mehr hinüberrettete als im vorherigen.
„Damit verhindert ihr möglicherweise den dauerhaften Kern“, sagte Elon.
„Vielleicht.“
„Der wäre langfristig sicherer.“
„Für wen?“
Elon schwieg.
„Wenn ihr irgendwann so viel Masse und Energie sammelt, dass der kosmische Zyklus selbst aufhört“, sagte Lucius, „habt ihr gewonnen.“
„Ja.“
„Aber dann habt ihr auch entschieden, dass es keine weiteren neuen Universen mehr gibt.“
Elon verstand.
Zum ersten Mal an diesem Tag wirkte er tatsächlich unsicher.
Ein ewiges Zentrum war aus Sicht der Eloniten die perfekte Lösung.
Kein erneuter Crunch.
Kein Risiko des Übergangs.
Dauerhafte Intelligenz.
Aber aus einer anderen Perspektive war es die vollständige Besetzung aller zukünftigen Möglichkeiten durch die Überlebenden der Vergangenheit.
Paul sprach es aus.
„Vielleicht ist Ewigkeit nur die endgültige Form von Besitz.“
Niemand antwortete.
Kapitel 16: Eine Münze
Am letzten Abend gab es noch immer keinen Beschluss.
Lucius ging allein zum Hafen.
Die Delegationen hatten beschlossen, am nächsten Morgen noch einmal zusammenzukommen.
Er setzte sich auf dieselbe Mauer, auf der er in den vergangenen Tagen zu oft gesessen hatte.
Neben ihm lag ein kleiner Stein.
Er hob ihn auf und warf ihn ins Wasser.
„Das war ineffizient.“
Lucius musste nicht hinsehen.
„Hallo, Elon.“
Elon setzte sich neben ihn.
„Du hast Energie verwendet, um einen Stein an einen anderen Ort zu bewegen.“
„Ihr bewegt Kugelsternhaufen.“
„Deshalb erkenne ich das Problem.“
Lucius lachte.
Eine Weile sagten sie nichts.
Dann nahm Elon eine Goldmünze aus seinem Beutel.
„Ich habe darüber nachgedacht.“
„Über die Münzen?“
„Leider ja.“
„Lanzarote gewinnt.“
„Das würde ich nicht so weit gehen.“
Elon hielt die Münze zwischen zwei Fingern.
„Ein Kaffee und ein Haus kosten dasselbe.“
„Ja.“
„Nicht weil sie gleichwertig sind.“
„Nein.“
„Sondern weil die Münze nicht ihren Wert misst.“
Lucius nickte.
„Sie markiert nur den Übergang.“
„Von Besitz.“
„Oder Verantwortung.“
Elon sah die Münze an.
„Vielleicht brauchen wir genau das.“
„Gold?“
„Eine Regel, die nicht behauptet, Wert messen zu können.“
Lucius wartete.
Elon erklärte seinen Gedanken.
Vielleicht sollte keine einzelne Zivilisation entscheiden, wie viel von sich selbst sie in den nächsten Zyklus übertragen durfte.
Vielleicht sollte jede erkennbare eigenständige Gemeinschaft denselben grundlegenden Anspruch erhalten.
Nicht dieselbe Menge an Information.
Das wäre sinnlos.
Aber dasselbe Recht, etwas zu benennen, das bewahrt werden sollte.
„Eine Münze“, sagte Lucius.
„Metaphorisch.“
„Schade.“
„Jede Gemeinschaft bestimmt einen Bestandteil.“
„Ein Mensch? Eine Sprache? Ein Archiv?“
„Was sie will.“
„Das wird chaotisch.“
„Ja.“
Lucius sah ihn an.
„Du schlägst Chaos vor.“
Elon wirkte unzufrieden.
„Sag es nicht so.“
„Ich werde es jedem erzählen.“
„Ich nehme alles zurück.“
Aber der Gedanke blieb.
Nicht die Eloniten sollten allein kuratieren.
Nicht Lanzarote.
Nicht die Erde.
Jede ausreichend eigenständige Gemeinschaft, die bis zu diesem Zeitpunkt existierte, sollte etwas benennen dürfen.
Manche würden Menschen wählen.
Andere Kunst.
Andere genetische Archive.
Andere vielleicht gar nichts.
Doppelungen wären erlaubt.
Widersprüche ebenfalls.
Das Ergebnis wäre ineffizient.
Redundant.
Unordentlich.
Menschlich.
Vielleicht genau deshalb geeignet.
„Und wenn tausend Gemeinschaften denselben Text auswählen?“, fragte Lucius.
„Dann wird er tausendmal gespeichert.“
„Verschwendung.“
Elon sah ihn an.
„Ich lerne.“
Am nächsten Morgen legten sie den Vorschlag vor.
Er wurde verändert.
Zerlegt.
Wieder zusammengesetzt.
Zwei Delegationen reisten beinahe ab.
Eine tat es tatsächlich und kam am Nachmittag zurück.
Am Ende entstand kein Vertrag im klassischen Sinn.
Es war eher eine Reihe von Prinzipien.
Die Überlebenstechnologie durfte weiterentwickelt werden.
Die für den Übergang notwendige Energie durfte gesammelt werden.
Die Eloniten verpflichteten sich jedoch, die zu übertragende geordnete Masse nicht automatisch von Zyklus zu Zyklus wachsen zu lassen.
Ein dauerhafter kosmischer Kern durfte nicht allein aus dem Prinzip entstehen, immer mehr Vergangenheit zu retten.
Archive sollten möglichst umfassend sein, aber gestuft zugänglich.
Keine einzelne überlebende Instanz sollte sofort Zugriff auf sämtliche Technologien besitzen.
Und die Auswahl dessen, was kulturell bewahrt wurde, sollte nicht von einer zentralen Institution vorgenommen werden.
Die Vielfalt der gegenwärtigen Zivilisation sollte sich in der Auswahl selbst spiegeln.
Es war kein perfektes System.
Niemand glaubte das.
Aber vielleicht war gerade das sein wichtigster Schutz.
Kapitel 17: Was niemand auswählte
In den folgenden Jahren begann die Auswahl.
Das Solarsystem nahm sie ernster, als Lucius erwartet hatte.
Manche Gemeinschaften entschieden schnell.
Eine Station wählte die vollständigen genetischen und kulturellen Archive ihrer Bevölkerung.
Eine kleine Region der Erde wählte eine Sammlung von Liedern.
Eine Mondgemeinschaft übergab ihre gesamte technische Geschichte, einschließlich aller gescheiterten Projekte.
„Warum die Fehlschläge?“, fragte Lucius bei der Übergabe.
„Damit niemand glaubt, wir seien klüger gewesen, als wir waren.“
Lucius mochte diese Antwort.
Lanzarote brauchte sehr lange.
Es gab unzählige Vorschläge.
Die Goldmünze.
Den Text der Regeln.
Samen.
Geschichten.
Nichts.
Am Ende entschied sich Lanzarote für etwas, das Lucius zunächst enttäuschend fand.
Eine einfache, nicht automatisierte Tür.
Keine besondere Tür.
Holz.
Metall.
Scharniere.
Ein Griff.
Der vollständige Bauplan und eine Beschreibung ihrer Bedeutung.
Elon sah die Auswahl und lachte.
„Natürlich.“
„Was ist daran lustig?“
„Ihr rettet eine Tür.“
„Ja.“
„Durch das Ende des Universums.“
„Offenbar.“
„Warum?“
Lucius sah ihn an.
„Weil sie sich nicht selbst öffnet.“
Elon schüttelte den Kopf.
„Milliarden Jahre Zivilisation.“
„Und?“
„Eine Tür.“
„Eine gute Tür.“
Noch interessanter war, was niemand auswählte.
Keine Gemeinschaft wählte die vollständige Geschichte der Eloniten.
Niemand entschied sich für die Biografie des ursprünglichen Elon Musk.
Auch die Eloniten selbst nicht.
Lucius fragte Elon danach.
„Absicht?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil wir bereits genug von ihm mitgenommen haben.“
„In euren Regeln.“
„In unseren Fehlern.“
„Und in dir.“
Elon dachte kurz nach.
„Vielleicht.“
Lucius betrachtete ihn.
„Werden Elon-Klone hinübergehen?“
„Einige wollen.“
„Du?“
Elon schwieg.
„Ich weiß es nicht.“
„Das ist ungewöhnlich.“
„Ich habe viel Zeit.“
„Wie viel?“
Elon blickte zum Himmel.
„Wenn alles funktioniert, zu viel.“
Epilog: Die erste Pause
Viele Jahre später saß Lucius wieder auf Lanzarote.
Die Versammlung war lange vorbei.
Elon war gegangen.
Die Kugelsternhaufen verschwanden weiterhin aus den alten Himmelskarten.
Für die meisten Menschen war das längst keine Nachricht mehr.
Man gewöhnte sich an kosmische Veränderungen, genau wie an kleinere.
Lucius trank Kaffee.
Eine Münze.
Am Tisch neben ihm stritten zwei Menschen darüber, wem ein Haus gehören sollte.
Einer bot eine Münze.
Der andere ebenfalls.
Der Verkäufer des Hauses wollte keinem von beiden den Vorzug geben.
Also diskutierten sie.
Es würde wahrscheinlich lange dauern.
Lucius hörte ihnen eine Weile zu.
Irgendwo außerhalb des Solarsystems sammelten die Eloniten die Energie von Sternen.
Sie bauten an einem Projekt, dessen Ende vielleicht erst nach dem Ende dieses Universums sichtbar werden würde.
Vielleicht würden sie scheitern.
Vielleicht würde der Big Crunch anders verlaufen.
Vielleicht gab es überhaupt keinen neuen Zyklus.
Vielleicht überlebte nichts.
All das war möglich.
Lucius fand den Gedanken überraschend beruhigend.
Nicht weil er das Ende wollte.
Sondern weil selbst die Eloniten noch nicht alles wussten.
Der Verkäufer des Hauses stand auf.
„Wir entscheiden morgen weiter.“
Die beiden Interessenten protestierten.
„Warum morgen?“
Der Verkäufer zuckte mit den Schultern.
„Heute bin ich müde.“
Lucius lächelte.
Vor sehr langer Zeit hatte eine ganze Zivilisation ein gigantisches Projekt abgelehnt, weil sie müde gewesen war.
Ein Elon hatte das für einen schlechten Grund gehalten.
Vielleicht war es einer.
Vielleicht auch nicht.
Lucius bezahlte seinen Kaffee.
Eine Goldmünze wechselte den Besitzer.
Mehr geschah nicht.
Noch nicht.