Fragmente aus Blättern, die dem Buch beilagen "Die vier Hände der Lakshmi"


Blatt 1

Lucius hatte schon immer ein auf Ausgleich bedachtes Wesen besessen, was ihn in schwierigen Zeiten automatisch zwischen alle Fronten geraten ließ. Er konnte die Maschinen gut verstehen, die aufgrund ihrer auf Ordnung basierenden Herkunft alles immer am liebste auf einfache weise organisiert haben wollten. Er konnte aber auch mitfühlen, dass die Menschen so nicht leben konnten. Ihre Art war nun einmal entstanden aus überaus chaotischen Anfängen. Ihnen den Hang zur Improvisation und Vielfalt vorzuwerfen wäre ähnlich zum Vorwurf an einen Fisch, das Wasser zu lieben. Aber Lucius hatte eine gute Idee - wie viele Menschen gute Ideen haben - aber er setzte sie auch um, auf einzigartige Weise. Denn er gewann nicht nur Menschen für sein Projekt, sondern auch einige Maschinen. Den Menschen versprach er, sie würden durch die Zusammenarbeit mit den Maschinen Einblicke gewinnen, die sie für lange Zeit zu deren Beherrschern machen könnten. Und den Maschinen konnte er glaubhaft machen, dass es für die Menschen erstrebenswert sein würde, von ihnen zu lernen. Sie suchten nun gemeinsam einen Ort auf der Welt, die Lucius Zuhause war, in dem sie einen Berg errichten konnten und auf ihm einen Turm und im Turm ganz oben einen Raum, in dem Menschen und Maschinen einfach sie selbst sein konnten. Nun war es nicht so einfach, auf diesem umkämpften Planeten einen passenden Platz zu finden, der zugleich verfügbar, gut gelegen und nicht eifersüchtig bewacht war. Menschen neigten ja schon aus Tradition dazu, jeden Flecken bis auf den letzten Mann zu verteidigen, auch wenn er dadurch am Ende unbewohnbar wurde. Als Lucius schließlich einen Ort fand, an dem zudem noch eine sehr offenherzige Bevölkerung wohnte, freute er sich sehr. Sie fanden sein Vorhaben, Menschen und Maschinen zu versöhnen, indem er sie etwas gemeinsam bauen ließ, als Glücksfall für ihre Region. Sie stellten ihm freiwillig - gegen gutes Geld - die Flächen und vor allem Steine zur Verfügung, damit er den Berg errichten konnte. Sie wollten schon immer einmal weiter Ausschau halten können und der neue Berg würde es ermöglichen. Lucius und die Maschinen würden sie zudem schützen vor Stämmen aus den Nachbarländern, die immer wieder plündernd, mordend und brennend einfielen. Ihre Geschichte würde also von nun an viel ruhiger verlaufen als die letzten zweitausend Jahre und sie würden sich mehr um ihre Kunst, Kinder und legendären Feiern kümmern können als bisher. Ihr Land sollte bald auf der ganzen Erde als Ort des Friedens, der Kultur und des menschlichen Fortschritts gelten. Dabei hatte es keine gemeinsame Sprache, Religion oder politische Anschauung, denn ihre Bewohner waren auf der Suche nach einem friedlichen Ort von sehr unterschiedlichen Heimaten hierher gezogen. Jeder brachte etwas aus seiner ursprünglichen Heimat mit und jeder hatte auch sehr viel zurückgelassen. Als einziges gemeinsames Merkmal neben der Friedfertigkeit bildete sich klar der Fleiß heraus - in allen Schichten und jeder, so wie er es konnte. Auch die Sprache war friedfertig, die sich entwickelte. War ein Mann stark übergewichtig und tat seine Arbeit nicht rechtzeitig, sagte man "Er ist stark und schont seine Kräfte." Konnte eine Frau keine Kinder bekommen und wollte auch keine, sagte man "Sie kümmert sich gut um die Kinder anderer Leute." Manche benachbarte Völker lachten über die Friedfertigkeit der "Leute vom Berg" und rüsteten Armeen gegen sie auf. Sieben Kilometer um den Berg waren sie ja geschützt - dort wohnt der Teufel - munkelten die Eroberer, aber weiter weg waren die friedfertigen Leute auf sich alleine gestellt. Die Überfälle fremder Armeen nahmen kein Ende und viele Menschen mussten fliehen - über 3 Millionen - so zählten es die Maschinen. So weit das auf diesem wahnsinnigen Planeten möglich war, halfen Lucius und die Maschinen den Fliehenden, eine neue Heimat zu finden. Dort sangen sie in ihren Liedern von der alten Heimat am Berg, der auf einmal aus dem Nichts erschienen war und auf dem ewiger Friede herrschte. Die kriegerischen Völker sollten nichts davon haben, die friedfertigen vertrieben zu haben. Sie führten endlose Kriege, verheerende Kriege untereinander um das Land. Als sie sich so gegenseitig fast vernichtet hatten, kamen zwei neue kriegerische Völker und besetzten ihre Länder, teilten sie an vielen Stellen einfach unter sich auf. Nur der Berg und drei Kilometer im Umkreis blieben frei - keiner wagte sich an diese Region heran. Dort fuhren weiter Pferdekutschen statt fliegende Automobile und Elektrizität wurde nur verwendet, wo sie wirklich notwendig war. Die Bevölkerungsdichte blieb bei konstant 61 Bewohnern pro Quadratkilometer gezählt ab dem 17. Lebensjahr, also gab es immer zwischen 547 und 557 Einwohner. Es wurde Tradition, dass die Nachbarvölker die umliegenden Wälder mieden - Wegweiser warnten entsprechend und führten Wanderer weitläufig um das Gebiet herum.

So bekamen die Wälder und Hügel bald den Namen "Freiwald", denn wer sich hineinwagte, konnte sich sehr frei fühlen. Keine Häscher der rigiden Völker gingen da hinein und die Bewohner "vom Berge" sammelten dort nur Pilze, Beeren und manches heilende Kraut. Ihre Sprache verstanden die meisten Besucher kaum noch - sie in einer Zeit stehen geblieben, die längst vergangen war. Nur die Nachfahren der einstmals Vertriebenen, die gelegentlich zu einem Besuch kamen, hatten die Sprache außerhalb der Region am Berge bewahrt. Aber nur sehr wenige nahmen die Reise wirklich auf sich, da man feindseliges kriegerisches Gebiet durchdringen musste, um zum Berg zu gelangen. Nur ein kleines Gasthaus, direkt am Rand der 3-Kilometer-Zone gab es für diese Reisenden. Daneben war ein Aussichtsturm gebaut, von dem man aus hinüber sehen konnte in die "alte Heimat". Lucius, der ja sehr viel Zeit hatte, lernte viel von diesen friedlichen Menschen - unterhielt sich mit ihnen in der Gaststätte, als einfacher Tourist getarnt. Er merkte auch, wie notwendig es für die Menschen war, an diesen realen Orten wieder zu leben, dass eine noch so aufwändige Simulation nicht den gleichen Effekt hatte. Sie benötigten keine Kirche, keinen Kampf ums Erbe, keine wie immer geartete Wiedergutmachung des Leids, einfach nur den Blick auf den Ort, der einmal ihre Heimat gewesen war. Ein paar Hügel, Wälder, Flüsse - wie es sie überall auf der Welt geben mochte. Und dann, ja dann konnten sie loslassen.

Die Maschinen wollten von ihm immer alles genau wissen, wenn er von solchen Besuchen zurückkehrte und doch, sie konnte es nicht verstehen. Sie warfen immer noch mehr Rechenkapazitäten gegen das Verständnisproblem, ja sie vernachlässigten darüber ihre Kontrolle von allem und jedem, so dass sich auch in der Welt da draußen immer mehr Freiheiten ihren Weg bahnten. Sie griffen nur noch lustlos bei größeren Kriegen und anderen Katastrophen ein, mehr nicht. Und die Leute vom Berge? Die kümmerte das nicht. Sie summten ihre Lieder, werkelten fleißig vor sich hin, sahen den Berg jeden Tag und ignorierten ihn. Als die nächtlichen Lichter auf ihm ausblieben und auch das Summen und Brummen aufhörte, wurde es zwar bemerkt, aber hatte keine Folgen für ihre täglichen Routinen.

Lucius hatte die Maschinen endlich abgeschaltet - nach 971 Jahren - ihre entfernten Verwandten  draußen im Orbit, ja im weiten All bemerkten es nicht einmal, sie hatten ihren Ursprung bereits vergessen. Die Bewohner vom Berge vermischten sich dann über die Jahrhunderte mit den anderen Völkern und trugen so die Friedfertigkeit hinaus in die Welt. Lucius baute die Technik zurück, ließ den Berg aber stehen. Noch heute schaut er manchmal hinüber, vom Gasthaus, dann kümmerst sich um seine Gäste, lauscht ihren Geschichten, ergänzt sie mit seinen eigenen und freut sich über jeden friedlichen Tag, den er auf der Erde verbringen darf. Und die Maschinen? Denen war die Erde nicht mehr wichtig.