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Terra hatte sich losgelöst von ihren archaischen Wurzeln, aber auch distanziert von dem Prozess, der sie selbst ausgelöst hatte. Sie kümmerte sich gut um die verbliebenen Menschen - so gut es eben ging. Die Menschen stritten sich immer noch sehr viel und differenzierten auch ihre Sprachen, Gebräuche und Anschauungen immer weiter aus. Der größte Staat, den den Namen verdiente, war nun die Schweiz, deren Gebiet umfasste die alten Regionen der Eidgenossenschaft, den gesamten Bodensee, Österreich, Italien bis Rom, sowie die gesamten Alpen und ihre vorgelagerten Täler. Es lebten hier rund 11 Millionen Menschen, die restlichen 77 Millionen Menschen der Erde verteilten sich auf 149 weitere Regionen, von denen nur 3 knapp 1 Mio. Menschen organisatorisch umfasste. Die ehemals dicht besiedelten Küsten waren überschwemmt worden und sogar dort, wo sie vom Wasser wieder befreit waren, menschenleer. Eine kleine Eiszeit ließ die Gletscher wieder einmal wachsen und sowohl der Norden der Nordhalbkugel als auch der Süden der Südhalbkugel waren entvölkert. Die Schweiz hatte sich ein System aus orbitalen Spiegeln geschaffen, das genug Wärme transportierte, dass ihre Gletscher stabil blieben und die Landwirtschaft in den Ebenen florierte: drei üppige Ernten im Jahr waren üblich. Sie hatten auch von Robotern bewachte Grenzanlagen gebaut und kontrollierten so voll umfänglich, wer in die Schweiz einreisen konnte. Sie ließen nur Menschen hinein, die eine der Sprachen fließen sprechen konnten: deutsch, französisch, italienisch, spanisch, englisch oder russisch. Doch jeder konnte in Camps an der Grenze seine Sprachkenntnisse verbessern, um schließlich doch einreisen zu können. Die Schweiz war nun das einzige Land der Erde, das noch technische Weiterentwicklung betrieb. Im Chaos der Singularität war ihr zugute gekommen, dasss ihr System auch dezentral funktioniert und alle Männer eine Armeefunktion neben ihre zivilen haben. Die erzielten Landgewinne waren notwendig geworden, damit sie überleben konnte und waren von den verängstigten Menschen dieser chaotischen Regionen sogar begrüßt worden. Wer aber das Schweizer System nicht akzeptierte, wurde ausgesiedelt in eines der gut bewachten Camps auf der anderen Seite der Grenzanlagen. Terra setzte alle ihre Möglichkeiten ein, um die Schweiz zu schützen - sie sollte einmal die einzige echte Weltmacht sein, mit ihren wehrhaft-friedlichen Mitteln. Es dauerte einige Zeit, aber schließlich lebten 65 Mio. Menschen in der nun deutlich vergrößerten Schweiz, 15 Mio. in den Camps und ca. 25 Mio. Menschen auf den ganzen Rest der Welt verteilt - aber wirklich gezählt hat sie keiner. Den Menschen außerhalb der Schweiz gingen immer mehr technische Errungenschaften verloren und so hatten sie große Mühe, sich den stark vermehrenden Raubtieren zu erwehren. Ein Teil der versprengten menschlichen Gruppen entwickelte sich so zu Indianerartigen, die im Einklang mit der Natur lebten. Es gab auch Kannibalen und andere aus heutiger Sicht degenerierte Formen des Menschen, die aber bald ausstarben. Die Schweizer befestigten schon aus Effizienzgründen ihre Grenzen immer besser und schützten auch die vorgelagerten Camps. Nahrung erhielt dort jedoch nur, wer zugleich fruchtbarkeitshemmende Mittel einnahm, denn nur Schweizer durften sich unbegrenzt fortpflanzen. Da niemand für ewig in den Camps blieb, sondern irgendwann einreisen durfte oder ausgewiesen wurde, starben schließlich bis auf die Indianer und die Schweizer alle Völker aus. Da wir die Sprachen der Indianer nicht verstehen, können wir heute nicht sagen, ob ihnen ihre Rolle in der Welt bewusst ist, oder ob sie sich damit begnügen, geboren zu werden, mühselig zu leben, um schließlich zu sterben.