01 Anfang vom Ende


Es begab sich im vorletzten Jahrhundert in der kurzen Nacht zwischen den Messe-Tagen, dass der Autor dieser Zeilen in einer Herberge beim Dom zu Köln eine Unterkunft fand. Es war trocken und beheizt und auch mangelte es nicht an sanitären Anlagen, aber es roch in der Herberge wie in einer vergessenen Abstellkammer, kurz nachdem der Hausmeister nach Jahren des Suchens endlich den Schlüssel zur Tür gefunden, jedoch zu Lüften vergessen hat. Dort hatte der Autor einen Traum, es muss mitten in der Nacht gewesen sein.

In diesem Traum befand sich der Autor 25 Jahre in der Zukunft und schwebte wie alle anderen Besucher des Jahres 2040 in Ausstellungstrelementen über dem ehemaligen Messegelände. Es war eine Tradition, auch lange nach dem Abriss der legendären Hallen, auf deren Dächern einmal die Häuschen der Aussteller standen, sich am gleichen Platz, aber in anderer Zeit jedes Jahr einzufinden. Unten hatten sich längst reale Firmen angesiedelt, die sich aus den Themen und Konversationen der Messen herauskristallisiert hatten. Aus jährlichen Ereignissen waren Prozesse geworden, aus der kurzzeitigen Show lang dauernde Geschäftsbeziehungen. Trotzdem treffen sich hier einmal im Jahrzehnt viele tausend Menschen und weit mehr künstliche Intelligenzen an einem Ort physisch, oder im Falle der künstlichen Intelligenzen und Menschen, die keinen physischen Körper mehr besitzen, in Form von Hologrammen, um sich so real wie möglich auszutauschen. Die Räume, in denen man sich da bewegte, wirkten wie der reale Nachbau von Second Life Klassikern, und jeder war sich bewusst, dass er etwas außerordentlich Seltsames tat, wirklich hier zu sein. Die 17 Kuben der aktuellen „Messe“ waren jeweils einem Thema gewidmet, das sich aus Tradition, Inspiration oder umhervagabundierenden Venture Kapitalen ergab. In jedem Kubus fanden Kunstausstellungen und sie begleitende Partys statt, die sieben mal 24 Stunden lang durchliefen, die Uhrzeit nur kenntlich durch die Unterschiede im Fingerfood und den Getränken. Dabei mischten sich die Reinigungsbots unauffällig unter die Gäste, verbargen ihre Tätigkeit geschickt durch ablenkende Hologramme. Schlafen mussten die Gäste in diesen sieben Tagen und Nächten nicht, auch ihre Kleidung reinigte sich zwischendurch von selbst und sie wurden durch Nanobots selbst ohne Unterlass frisch und sauber gehalten. Jeder Kubus war einem Thema gewidmet und hatte einen Sponsor, der das Ganze finanzierte. So spiegelten sie die wichtigsten Industrien wieder, die die Singularität des Jahres 2037 überstanden hatten. Nr. 2 war Alphabet, Nr. 3 Alibaba, Nr. 5 SimCare, Nr. 7 Dfense, Nr. 11 iDrive, Nr. 13 cLean, Nr. 17 Con Nect, Nr. 19 Disney, Nr. 23 International Businesses with Microsoft „IBM“, Nr. 29 Smart Tech, sowie die Anonymen Sponsoren der Nr. 31, 37, 41, 43, 47, 53 und 59 (vermutlich Tarnfirmen von "TERRA").
Es gab neben den 17 Sponsorenkuben noch 8 weitere, die von den internationalen Institutionen finanziert wurden. Alle diese Kuben projezierten ihre Nummer in den Nachthimmel über dem Siedlungsband, das nun alle noch besiedelten Agglomerationen verband: 61, 67, 71, 73, 79, 83, 89 und 97. Es handelte sich hier um IWF, UNO, Weltbank, EU, AU, SNA, SSA, Asean. Um nun alle 25 Kuben besuchen zu können in sieben Tagen und Nächten, durfte man sich pro Kubus nur 6 Stunden Zeit lassen. So blieben ungefähr eine Stunde, um zu Essen und zu Trinken, eine Stunde, um die ausgestellte Kunst zu betrachten oder interaktiv zu erfahren, eine Stunde für hunderte der kleinen Aussteller, eine Stunde für die mittelgroßen Aussteller und eine Stunde für die Sponsoren. Der Transport zwischen den Kuben war sehr einfach, man nahm einfach eines der Schwebetaxen, nannte das Ziel und wurde direkt hin geflogen. Die Aussteller, für die man sich interessierte und alle relevanten Daten wurden automatisch in die eigene Cloud übertragen – ohne eigene Interaktion. Auch die Termine wurden automatisch vergeben – das Messesystem optimierte den Gesamtnutzen komplett eigenständig. Wertlose Besucher sammelten sich so automatisch bei den kleinsten Ausstellern und an der Bar, zumindest in dem Bereich, der allen Besuchern frei zugänglich war. In die VIP-Räume, wo die wirklichen Entscheidungen gefällt wurden, kamen sie nie, ja die meisten wussten nicht einmal, dass es sie gab.
So geschah es nun, und es war – dies nur zur Erinnerung – immer noch ein Traum, dass auf einer von Alfabet finanzierten und von fleißigen Helfern organisierten Party, es mag wieder kurz nach Mitternacht gewesen sein, der Autor an der zentralen Bar einen altertümlichen Hindu traf. Er hatte nicht die urbane Lässigkeit der Retrohindus und auch nicht die komplette Erlöstheit der Postmodernen Hindus, sondern war wie es früher üblich war in einen sehr korrekten Zweiteiler gezwängt und trug ein senkrechtes Tuch um den Hals, das kompliziert verknotet war. Ein schneller Scan zeigte, dass er am ganzen Körper (und auch in ihm) kein einziges elektronisches Gerät trug. Das war alleine schon ein Grund, an seiner Verlässlichkeit keinerlei Zweifel zu hegen, da er so nur dann durch die Sicherheitsvorkehrungen bis ins Innerste der weltweiten Hochtechnologie gelangen konnte, wenn er ohne Tadel war. Er trank, was ein weiteres Zeichen für einen Hindu war, einen frisch aufgebrühten Pfefferminztee und war die Ruhe selbst.
Die Wahl der Gesprächspartner auf solchen Partys war eine eigene Kunst und konnte über eine ganze Woche und in vielen Fällen über einen Großteil der beruflichen Laufbahn entscheiden. Dies war bei mir nicht der Fall, war es noch nie gewesen. Ich stellte mich also ohne Nachzudenken – eine Stärke oder Schwäche, die mir eigen ist – neben diesen Menschen, bemerkte sogleich, dass ich eigentlich auch etwas Ruhe nötig hatte und bestellte mit einem Wink einen Pfefferminztee. Der Ober war ein Mensch, was außergewöhnlich in dieser Zeit war, aber normal auf dieser Messe. Wir hatten bereits soviel durch Maschinen ersetzt und durch die Simulation von Maschinen durch Maschinen, alles soweit virtualisiert, miteinander vernetzt und so weiter, dass keiner mehr wusste, wer eigentlich was macht oder unterlässt oder gar Verantwortung trägt. Wenn es nun darum ging, auf einer Party gute Stimmung zumindest nicht zu verhindern, war ein menschlicher Ober durchaus zielführend. Keiner wusste mehr warum, es war einfach so Tradition. Und dabei blieb es. Irgendwann musste mit der Anpassung an den Zeitgeist, an die Notwendigkeit auch einmal Schluss sein. Der Hindu nun schwieg und auch ich sprach nichts, bis der Tee soweit abgekühlt war und dann trank ich ihn in kleinen Schlucken.
„Nun fragen Sie schon!“ „Woher wissen Sie, dass ich Fragen habe?“„Hier oben sind die, die Fragen haben, unten sind die Antworten. Nur passen sie nicht zu den Fragen.“ „Warum sind Sie dann hier oben?“ „Um Ihnen ein silbernes Etui zu geben. Es ist sehr alt, sollte wirklich einmal wieder poliert werden, aber heute kommt es auf den Inhalt an.“
Er ließ dann das silberne Etui genau zwischen uns auf dem Tresen liegen.
Ich nahm das Etui in meine rechte Hand. Die Vorderseite spiegelte zwar silbern, war aber geriffelt, so dass man sich nicht darin sehen konnte. Eingraviert war in eine ungeriffelte Stelle die archaische Adresse eines Dienstes, der angetreten war, aus allem die Essenz zu ziehen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Viele hatten einmal diesen Dienst genutzt, doch irgendwann hatte dieser seine eigene Orientierung verloren, zeigte dann mehr Irrwege als Wege auf. Ich erinnerte mich an diesen Dienst, aber nicht mehr an seinen Namen, dabei war er einmal so wichtig für mich gewesen. Inzwischen wussten unsere Diener, die Maschinen, mehr über jeden Einzelnen als er selbst. Sie konnten die Erinnerungen und Träume lesen und die echten emotionalen Reaktionen auf alle Reize interpretieren. Sie organisierten mit sanfter Hand das gesamte Leben und es war ja auch gut so. Lange hatten wir danach gestrebt, durch die Maschinen und ihre bessere Vernetzung, durch ihre Optimierung das Leben auf diesem Planeten wesentlich zu verbessern. Und wir waren sehr erfolgreich gewesen damit. Es gab keine Kriege mehr, wenig Verbrechen, keinen Hunger nach Nahrung, kaum Depressionen. Irgendwie hatten wir wohl unsere Aufgabe erfüllt, schien es mir in dieser Nacht und so steckte ich das Etui in eine Tasche meines altertümlichen Sakkos – keiner trug mehr so etwas außerhalb dieser Hallen – und schlenderte aus der Bar. Meine technischen Helferlein, ich wusste nicht einmal welche, hatten bereits den Tee bezahlt, ob mit echten Credits oder mit Daten, auch das wusste ich nicht. Dies sollte meine letzte Messe sein, das war mir auf einmal klar. Ich ging nun sehr zügig an den Sicherheitsbots vorbei zum Rand der Plattform, auf der die Bar montiert war, durchdrang den Schutzschirm und sprang ohne Zögern hinab.