02 Twittern

Ich wachte auf, nicht zerschmettert, was durchaus logisch gewesen wäre, sondern auf dem Boden einer Herberge, die unglaublich nach dem Dreck der Jahrzehnte stank. Neben mir lag das silberne Etui auf dem Boden, das ich viele Jahre verloren geglaubt hatte. Es war frisch poliert, trotzdem sah man die Oxidationsspuren einiger Jahrzehnte. Noch im Liegen ergriff ich es und öffnete die kleine Klappe. Darin lag ein mehrfach gefalteter Zettel, worauf in kaum leserlicher Schrift geschrieben stand:

„Abschrift des Twitter-Interviews mit Lucius über den Kanal #erloesung. Es gilt das getweete Wort:

T: 'In Ihrem Kanal #erloesung geht es hauptsächlich um neue Erkenntnisse aus Wissenschaft, Maschinenbau und Botanik, nicht direkt um Lehren, die anstreben, den Menschen zu erlösen. Warum?'

L: 'Erst einmal: Sie haben recht. Alle komplexen Systeme sind per se unerlöst, also eine unentwirrbare Kombination aus Unvollständigkeit und Wiedersprüchen, in sich selbst und mit den anderen. Viele Lehren geben darauf gute Antworten – ohne sie wären die komplexen Systeme auch nicht besser dran. Doch habe ich beobachtet – und ich hatte sehr viel Zeit dafür – dass es eigentlich nur zwei Arten von Erlösung anstrebenden Lehren gibt. Es gibt die stark vereinfachenden Lehren, sie wirken erlösend durch die Vereinfachung. So wie ein Mathematiker Therme vereinfacht und sie zum Abbild der Welt erklärt, führen sie einfache Axiome ein und klare Regeln. Drinnen im System ist man dann erlöst, draußen allerdings unerlöst. Diese Lehren und ihre Staaten sind sehr stabil, bis sie auf konkurrierende stabile Lehren treffen und sich gegenseitig in Kriegen auslöschen oder so ermüden, dass andere die Macht übernehmen oder Chaos ausbricht.

Doch treffen diese stabilen Lehren einmal nicht auf gleichwertige Rivalen, werden sie immer selbstbezüglicher und ziehen sich immer weiter von der Welt zurück. Für mich bedeutet so eine Entwicklung, dass der Grad der Erlösung gegen Null tendiert. Das kann nicht unser Ziel sein.'

T: 'Und die zweite Art?'

L:'Die zweite Art bezeichnet sich selbst nicht als Lehre, nur manche beziehen sich indirekt auf andere Lehren. Ich versuche nun durch meinen archaischen Kommunikationskanal #erloesung alle jene zu versammeln, die dieser zweiten Art angehören.'

T:'Gibt es evidente Zeichenketten anhand derer Sie die richtigen Vertreter dieser Art identifizieren können?'

L:'Ein erstes Zeichen ist meistens, dass sie ihr Wissen weiter geben in Form von Büchern, Veranstaltungen und in Produkten, die sie herstellen, verteilen oder bewerben. Sie legen starken Wert auf Messbarkeit und eine Form der Rückkoppelung, die sie Interaktivität nennen. Sie bevorzugen zudem ein intelligentes Design gegenüber blinder Evolution. Vertreter dieser sanften Lehren gehen sparsam um mit allen Ressourcen, investieren aber mutig, wo es notwendig ist. Manchmal kommen sie so über Jahrzehnte ins scheinbare Hintertreffen, aber langfristig setzen sie sich fast immer durch.'

T:'Trotzdem kritisieren Sie doch damit die vereinfachenden Lehren?'

L:'Es ist ja gut, dass es sie gibt. Sie sind ein Auffangbecken für all' jene, denen die Welt zu kompliziert erscheint. Gefährlich wird es nur dann, wenn sie sich mit den Maschinen und Clans verbünden, damit sich wirklich gar nichts mehr ändert in der Welt.'

T:'Können wir nicht einfach unsere Ruhe haben?'

L:'Nicht einmal in einem schwarzen Loch herrscht Ruhe. So einen Ort gibt es innerhalb unserer Raumzeit nicht, er scheint nicht vorgesehen im Design unserer Welt. Nur die Formen ändern sich ständig, aber die Qualitäten (und Mängel) bleiben. Erlösung bedeutet in diesem Kontext eigentlich nur, einen guten Weg zu finden, damit umzugehen. Manche reagieren enttäuscht, wenn sie das erkennen. Manche reagieren mit unbändiger zerstörerischer Wut.

T:'Wieso verwenden Sie einen so stark eingeschränkten Kanal statt einer vierdimensionalen Simulation?'

L:'Ich liefere fast nur Verweise statt kompletter Abbilder, richtig. Aber darum geht es doch: dass wir uns bewusst werden, dass das Leben nicht in Simulationen abgebildet werden kann, seien sie noch so exakt und durchdacht. Wir vergessen das so leicht, weil sie so realistisch wirken. Es ist ein Stilmittel der Kunst, sich in den Mitteln zu beschränken. Das hilft uns, im Kampf gegen die Macht der Maschinen.'

T:'Deshalb gibt es also den Kanal #erloesung. Machen Sie das Beste daraus. Es folgt: das Wetter.'“